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BERLIN Donnerstag 21. Februar

1929

Der Abend

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Nr. 88

B 44

46. Jahrgang.

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Arbeitsschutz vor dem Landtag.

Sozialistische Kritik am preußischen Handelsministerium.

Der Breußische Landtag überwies heute vormittag zunächst einen Antrag des Zentrums über die ausländischen Saifon arbeiter in der Landwirtschaft ohne Besprechung dem Landwirt schaftsausschuß. Dann murde die zweite Beratung des Haushalts der Handels- und Gewerbeverwaltung fortgesetzt. Als erste erhielt das Wort

Abg. Frau Hanna( Soz.):

Die Wirtschaftspartei als Bertreterin des sogenannten Mittel­standes glaubt offenbar, daß sich im Staate alles nur um diese Bevölkerungsgruppe dreht. Dabei ist man uns bisher eine Erklä rung darüber schuldig geblieben, was man unter Mittelstand versteht. ( Sehr gut! bei den Soz.) Bei ihrem Borgehen denten die Herren der Wirtschaftspartei meniger daran, den gewerblichen Mittelstand vor der Konkurrenz des Großtapitals zu schüßen. Sie bemühen sich nielmehr, dem Mittelstand eine Ausnahmestellung zu geben. Die Sozialdemokraten baben durch Annahme einer ganzen Reihe von Anträgen den Rachmeis gebracht, daß fie die Moflage Der gewerblichen Kleinbetriebe fennen und beheben mollert. Aber der Kampf der Birtschaftspartei im. Sntereile des sogenannten Mittelstandes erinnert start on die utopischen Rämpfe der Arbeiterschaft vor humbert Jahren gegen die Maschinen, in denen sie die Ursachen ihrer brüdenden. Naflage fahen. Deshalb wird auch heute der Kampf der Wirtschaftspartei gegen Waren häuser und gegen die Konsumgenossenschaft erfolglos bleiben,( Sehr wahr! bei den Soz.)

Ein Teil der Forderungen der Wirtschaftspartei wird erfüllt werden, wenn die Kauftraft der Bevölkerung steigt. Das ist aber nur durch

zielbewußte Bekämpfung der Erwerbslosigkeif oder durch ausreichende Unterstützung der Arbeitslosen zu erreichen, Nach dieser Richtung hin aber haben die Bertreter des Mittel­standes völlig versagt. Die Rüdtehr zu jener Wirtschaftsepoche, in der das Handmerk die Produktion beherrschte, ist unmöglich, weil es rüdschrittlich ist. Die Herren müssen sich eben damit abfinden, daß auch das Handmert sich den Erfordernissen der modernen Pro­duftion anpassen muß. Dazu gehört auch die moderne Regelung der Arbeitszeit im Handwert. Auch beim Handmert lassen sich lange Arbeitszeiten ebensowenig rechtfertigen wie in der Industrie. Die Arbeiterschaft muß wiffen, daß die Bertreter des Mittelstandes fich hier sowohl gegen die Arbeitsgerichte als auch gegen das Schlich­fungswefen ausgesprochen haben. Leider ist im Hauptausschuß gegen Sozialdemokraten und Kommunisten ein Antrag angenommen wor den, der die Arbeitszeit in handwerklichen Betrieben ganz allgemein verlängern will. Ich sage schon jezt voraus, daß damit das Gegen teil erreicht wird von dem, was die Herren damit bezwecken.( Sehr wahr! bei ben E03.)

Dieselbe Rückständigkeit zeigt fich bei der geplanten

gefehlichen Neuregelung des Arbeiterschuhes, Bedauerlicherweise besteht sie in bezug auf Arbeitszeit fast nur aus Ausnahmen. Das Verhalten der preußischen Reichsrats­mitglieder bei der Abstimmung über diese Materie im Reichsrat verdient jedenfalls die fchärfste kritit. So sieht in Wirklichkeit zehn Jahre nach dem Inkrafttreten der Reichsnerfassung der ver­fassungsmäßig gewährleistete Schutz der Arbeitskraft aus!( Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Auch andere Erscheinungen zeigen, daß die Interessen der Ar­beiter im Handelsministerium zu furz kommen. Die vom Ministerium peröffentlichten Berichte der Industrie- und Handelskammern fordern infolge ihrer durchaus einseitigen Stellungnahme in Lohn- und Arbeiterfragen ebenfalls zur Kritik heraus. Es hat den Anschein, als mache ich das Minifterium die Stellung dieser Körperschaften offiziell zu eigen. Gemessen an dem Warenpreis, haben die Arbeiter. föhne nachweislich doch noch lange nicht den Vorfriegsstand erreicht. Schuld daran trägt in erster Linie die Rartellpolitif, die eben die Preise nach ben schlechtesten Unternehmungen bestimmt.( Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.)

Wie in jedem Jahr, fordern wir auch diesmal den Ausban der Gewerbeaufsicht. Erfreulicherweise find fegt gemiffe Fortschritte in dieser Richtung gemacht. Anlaß mar das traurige Brandunglüd in der Schönleinstraße zu Berlin im Dezember norigen Jahres. Ich stelle fest, daß hier alle Parteien, mit Ausnahme der Wirtschafts partei( Sort! hört! fints) unserem Antrag auf Ausbau des Ar beiterfuges zugestimmt haben. Wir hoffen ebenso, daß unser Antrag auf Berbot ber heimarbeit bei feuergefähr licher Arbeit angenommen wird. Die Rücksicht auf Leben und Gefundheit der Allgemeinheit fteht uns hier höher als scheinbare Ber Bienstmöglichkeit bes einzelnen. Aber gerade deshalb muß die Ber­mehrung der Gewerbeaufsichtsbeamten so schnell wie möglich erfolgen.

Hierbei stelle ich fest, daß in der Gewerbeaufsicht ganz allgemein das atádemische Element überwiegt. Deshalb hat auch Breußen die teuerste Gewerbeaufsicht. Dagegen märe an fich pichts einzumenden, menn es auch die beste hätte. Aber ihre Su Gortlegung auf ber 2. Geite.)

Aus der Gefahrenzone.

3u Frühjahr wird Hochwasser erwartet." Macht nischt, da sind wir längst in Italien ."

Wer ist schuld am Kohlenmangel?

Die Kleinhändler wehren sich.

Die folgenden Informationen stammen von einem Kleinhändler, der seit Jahren in der Landsberger Allee fein Geschäft betreibt.

Mit großer Verwunderung haben die Kleinkohlenhändler die Nachricht aufgenommen, daß noch Stapelware in und um Berlin liegen soll. Die Kleinfohlenhändler beschweren sich schon feit Mitte November sowohl beim Kohlensyndikat wie auch bei der Arbeitsgemeinschaft der Berliner Kohlenhändler, daß ihre Bestellungen nicht ausgeführt werden. Bestellungen, die Anfang November aufgegeben wurden, sind glücklich kurz nach Weihnachten erledigt worden. Bei allen Reklamationen wurde immer wieder behauptet, die Gruben können nicht liefern. Als die Rübenernte abgeschlossen war, wurde die Schuld der verspäteten Lieferung der Reichsbahn zugefchaben, die angeblich die Loren für den Bersand der Rüben bereitstelle und die Kohlenzufuhr in nicht ausreichendem Maße bediene. Den Kleinfohlenhändlern wird durch die Engroshändler und auch durch die Behördenstellen immer wieder der Borwurf gemacht, daß sie im Sommer zu wenig Kohle ein­fahren. Die Kohlenhändler würden sich recht gern sehr viel Kohlen hinlagern, aber durchschnittlich müssen sie für ihren Keller, in dem höchstens drei bis fünf Loren eingelagert werden können, monatlich 60 M. Miete bezahlen. Bei diesem Mietpreis fann der Kleinhändler unmöglich, wenn er im Winter die Waren nicht im Defizit abfeßen soll, genügend Kohlen einlagern. Die Klein händler beschweren sich darüber, daß seit Bestehen des Synditats die Bestellungen redyt unpüntilich ausgeführt werden. Früher fonnte der Kleinhändler innerhalb von drei bis vier Tagen auf seine Be ftellungen Kohlen erhalten, heute ist der Lieferungstermin pier bis fünf Wochen, weil ein Teil der Engroshändler und auch das Syndikat so schwerfällig arbeiten. Lebhafte

Eisenbahnunglück bel Magdeburg . Die Koalitionsverhandlungen.

Berichte 2 Seite.

Klage wird auch von den Kleinhändlern darüber geführt, daß ein großer Teil der Bevölkerung in den letzten Wochen und Tagen Hamsterjagd auf Kohle gemacht habe. Obwohl nachweislich ein Teil der Kunden noch Kohlen haben, fann der Kohlenhändler nichts dagegen tun, wenn tagsaus tagein meist sogar mehrere Familienmitglieder Kohlen kaufen. In den Fällen, wo der Verkauf verweigert wurde, ist sogar die Polizei zum Einschreiten veranlaßt worden. Recht auffällig ist es auch, daß die Kohlenhändler vor. schieden beliefert werden. So berichtet unser Gewährsmann, daß in einem Zeitraum, wo er nicht einmal eine Lore erhielt, größeren Geschäften drei bis vier Loren zugewiesen wurden. Es scheint ein bedenklicher Organisationsfehler im Syndikat vorzuliegen. Einzelne Engroshändler werden bevorzugt behandelt, wodurch die Kohlen­fnappheit in anderen Bezirken um so größer wird.

Sind die Arbeitslosen schuld? Das Reichsarbeitsministerium gibt Antwort. Aus dem Reichsarbeitsministerium wird geschrieben: ,, Durch einen Teil der Preffe ging fürzlich ohne nähere Angabe die Meldung, daß das Berladen von Brifefts in die Eisenbahnwagen ins Sfoden gefommen sei, meil es unmöglich sei, aus dem Riefenheer von Arbeitslosen die nötigen Arbeitswilligen zu bekommen, die sich zum Berladen der Brifettftapel bereitfänden. Daran waren zum Teil recht abfällige Kritiken der Arbeitslojenunterſtühung geknüpft.

Das Reichsarbeitsministerium hat veranlaßt, daß alle Einzel­fälle, die ihm bekannt geworden find, fofort nachgeprüft werden. Dabei ift fe ft geftellt worden, daß der Bedarf der Gruben an Arbeitsträften fofort und ohne Stodung gededt worden ist.

Einige Gruben haben sogar eine größere 3ahl Abroumarbeiter enflaffen, die jederzeit für Arbeit zur Verfügung ständen.

Damit erübrigt es fich, auf die Angriffe gegen die Arbeitslosen­unferftühung einzugehen, die mit den Meldungen verbunden worden find.