<4S»<s> Iahrga», Jreifog. 29. BWrj 1929
Die Wohnung im&lugmeug.
An der Scharnweberstraße in R e i N i cke N d o r f hat sich ein ArW ein Flugzeug als Wohnung«in- gerichtet: auch während der strengen Kälte logierte er hier, mit seiner Frau, mit seinem Taubenstall, ohne zu frieren, denn ein kleiner, eiserner Ofen gab genug Wärme her. Riga Riccardo, mit dem bürgerlichen Namen Willi Gerlach, plant, natür- lich, wie alle Leute, die wenig zu tun haben, mit seinem Flugzeug, das auf einem Autountergestell aufmontiert ist, eine Europareise an- zutreten. Ein richtiger Gaul soll das Vehikel von Ort zu Ort ziehen. Hat man sich einer Ortschaft genähert, in der ein« Vorstellung gegeben werden soll, so wird der Gaul ausgespannt, die mitgeführten Tragflächen mit wenigen Handgriffen eingehakt,«in echter Propeller eingesetzt und mit einer Kurbel von drinnen aus zum Drehen gebracht, um die Illusion einer.Notlandung' zu erzeugen. Wenn sich dann genug Neugierig« eingefunden haben, beginnen die beiden Riccardos mit ihren Kunststücken: er mit indischen Fcckiratten als.lebender Vulkan', der brennendes Petroleum aus dem Mund bläst, als«lebendes Karussell' auf einem Nagelbrett liegend, auf der Brust ein zwei- sitziges Karussell, sie al» Schlangenmensch, der mit Ringen spielt und durch Reifen schlüpft, beide zusammen als vollendet technische
Künstler. Aber vorläufig sitzt Riccardo noch in Reinickendorf fest, da das nötige Reisegeld fehlt und arbeitet als Notständsärbeiter. Gern möchte er die Seitenflächen seines Flugzeugs an große Firmen zu Reklamezwecken vermieten, um seinen Traum, die Europareis« und später vielleicht die Anschaffung eines kleinen Zirkus zu verwirklichen.
„Vorverhandlung" gegen Langkopp. Sine Neuheit im deutsch «« Strafverfahren. Als Einleitung zu dem am MtttlSoch nach Ostern beginnenden Prozeß gegen den Farmer Heinrich L a n g t o p p fand gestern nachmittag in einem Sitzungssaal in Moabit eine Vorverhandlung, allerdings in Abwesenheit der Angeklagten und der Richter statt, in der der Anklagevertreter und der Verteidiger sich gegenübertraten, um ihre Stellungnahme zu der Anklage der Presse gegenüber zu vertreten. Der Leiter der amtlichen Iustizpressestclle, Landgerichtsrat Dr. Becher, der zu der Borbesprechung die Anregung gegeben hatte, verwies darauf, daß bei dem Krantz-Prozeh und anderen Eensätionsprozessen mehrfach Beschwerden, auch im Preußischen Landtag über die Dorbenchterstattung erhoben worden fei. Die Schuld an den Mängeln woge nicht die Presse, sondern es liege daratt. daß sie kein« Kenntnis von dem Aktenmaterial haben könne, so daß es an einer authentischen Information über die Borge- schichte des Prozesses bisher gefehlt habe. Erster Staatsanwalt Köhler, der die Anklage gegen Looss erhoben hat, erklärt«, daß die Staatoanwaltfchaft der Einladung gern gesolgt sei. Der Staats- onwalt gab dann einen Grundriß der Anklage und deren Borge- schichte. Nach Schluß der Voruntersuchung hat die Staatsanwalt- schaft die Anklage wegen versuchten Verbrechens gegen das Spreng- stossgesetz und versuchten Mordes fallen gelassen, weil die Tat- bestandsmerkmale dafür nicht gegeben waren. Dagegen ist Lang- kapp setzt angeklagt wegen räuberischer Erpressung, wegen Derbrechens nach ß 7 des Sprengstoffgesetzes, worauf Zuchthausstrafe bis zu zehn Jahren steht, wenn nicht mildernde Um- stände eintreten, Nötigung und Bedrohung mit dem Ver-
Romah tiner Revolulion. Von CetUntri Heer mann Hos/ar
Gerda entzifferte im trübschwankenden Licht mühsam die ungelenken, blassen Züge: „Lieber Junge! Fräulein Dellendahl wird Dich diesen Brief geben den Du kein andern zeigen falls. Du falls Dich auch nichts drauß machen und keine Sorge davon haben es ist bloß das Du nichts falsches von deinen alten Dater denkst. Es ist bloß weil es Calm ja doch alleine machen thäte wenn ich ihn nicht dabei helfe und wenn ich ihn nicht helfe denn erwischen sie ihn sicher und darum muß ich ihn helfen ich kann doch nicht anders. Ich zeige ihn und Zieglern ja auch bloß wie sie es machen müssen und passe auf das keiner kommt und um Trofegk ist es ja auch nicht schade Aber wenn es doch rauskommen sollde denn solls Du nich denken das Dein Vater ein Brandstifter ist sondern ich thue es bloß aus Freundschaft und weil es doch 19� März Ist und weil Ich doch das an Calm wieder gut machen muß. Du folls nicht herkommen es ist doch zu spät wenn du den Brief hast und solls keine Unruh« davon haben und auf den Seminar brauch es keiner zu wissen das du keinen Schaden hast. Du solls bloß nichts schlechtes denken über deinen alten Dater der Dich herzlich grüßt als Dein treuer Later Gustav Kniephacke.' Alexander Carl hielt sich noch immer mit der Linken an der Laterne und fuhr sich mit der verbundenen Rechten fort- gesetzt über die schwitzende Stirn:„Was soll ich tun... was soll ich bloß tun.. Gerda suchte zu beruhigen.„Ihr Vater war angetrunken, als er das schrieb. Sie hatten Altohol auf dem Weinberg.' Aber dann sah sie wieder das merkwürdig gespannte Gepcht Castus mü den rrr flackernden Lugen, das Feuer.
brechen des Totschlages und unerlaubten Waffenbesitze«. L v 0 f f ist angeklagt wegen Beihilfe. Die Verhandlung im Langkopp-Projeß beginnt am Mittwoch um Uhr in öffentlicher Sitzung des Großen SchSffengerIchts Schöneberg . Sie findet im Schwurgerichtssaal de« Neuen Kriminal- gerichtsgebäudes statt. Der Zutritt für Zuhörer und Presse ist nur mit Sonderkarten gestattet._
Flammentod eines Kindes. Das Opfer eines Wohnlaubenbrandes. 2« de« Kolonie Ken- Westend an der Spandau er Chaussee in Charlotlenburg ereignete sich gestern nach- mittag ein schweres Vrandnnglück, dem ein kleine» Kind zum Opfer siel. Der Mechaniker E. bewohnt dort mit seiner Frau und seinem vier Monat« alten Kind« die au» mehreren Räumen bestehend« Laube Nk. SS. Gestern nachmittag hatte Frau E. ein« längere Be- sorgung zu madun und ließ das Kind unbeaufsichtigt zurück. Währeno der Zeit brach in der Laube aus noch ungeklärter Ursache Feuer aus. Nachbarn sahen, wie aus den Fenstern plötzlich meterlange Flammen herausschlugen. Al» die alarmierte Feuerwehr anrückte, brannte die ganz« Laube und die angrenzenden Tier- verschtäge schon lichterloh, so daß es nichts mehr zu retten gab. Bei den Aufräumungsarbeiten fanden die Beamten die völlig verkohlte Leiche des kleinen Kinde». Frau E., dl« nach einiger Zeit heimkehrt«, fand von Ihrem Hab und Gut nur noch einen rauchenden Schutthaufen o0r. Als sie van dem furchtbaren Ende ihres Kindes erfuhr, brachfievölligzu- f a m m e n und mußte in ein Krankenhaus gebracht werden.
das Licht im Schloß, das scheue Stammeln Kniephackes, der nicht betrunken geschienen hatte. Sie faltete den Brief zusammen.„Wir müssen nach Bernburg . Sofort." „Es fährt kein Zug mehr.' „Wir nehmen unseren Wagen. Kommen Sie.' Beide rannten dem Ausspann zu. Als sie ihn so neben sich herlaufen sah, immer noch die verbundene Hand an der Stirn, tat er ihr sehr leid. Sie strich ihm im Laufen über das nasse Haar:„Es sind alte Leute, etwas wunderlich. Sie reden viel, weit sie nicht mehr handeln können." Er nickte dankbar. Aber sie rannten weiter. Auf dem Hofe des Ausspanns trafen sie den Kutscher. „Das ist mein Cousin, Pleiser!' schwindelte Gerda ihn an und wies auf Alexander.„Wir wollen noch heute abend eine Spazierfahrt machen. Spannen Sie anl" „Schonn jut, Fräulein!" sagte der Kutscher arglos, an Gerdas plötzliche Launen gewöhnt, und ging in den Stall. Der Junge hatte sich gefaßt.„Was tun wir. wenn— wenn wirklich was passiert ist?' Sie sann eine Weile, mit gerunzelter Stirn. Dann warf sie entschlossen den Kopf hoch.„Dann nehme ich eben die drel Alten mit nach Leipzig .' Die Pferde waren angeschirrt— schlanke, schöne Kutsch- pferde. Pleiser wollte auf den Bock klettern. Gerda hielt ihn zurück. „Sie können hierbleiben, Pleiser. Ich fahre selbst. Trinken Sie inzwischen ein paar Glas. Soviel Sie wollen!' Sie saß schon auf dem Bock.„Setz dich neben mich!' forderte sie Alexander auf. Sie schnalzte und zog auffordernd an den Leinen. Lang- sam, auf fast gerlluschlofen Rädern, glitt der Wagen auf die Straße. Am Seminargebäude vorüber, das aus hundert gelben Augen argwöhnisch auf das Gefährt blickte. Alexander duckte sich unwillkürlich. Diese Fahrt konnte ihm die Zukunft kosten. Aber sie mußte sein. Von der nächsten Ecke ab li«ß Gerda die Tiere laufen. Sie taten es gern, schnaubten vor Freude, wann zu werden in der eisigen Kälte, die herangeklirrt war. Die Landstraße tat sich hinter den letzten Häusern auf, «in grauer Pfad zwischen schwarzem Baumzaun und weiß- blühendem Schnee auf den Aeckern. Die Nacht wachte breit- brüstig über dem Land, in kalter Sternenrüstung, mit der Milchstraße drohend gegürtet. Ihr scharfes, krummes Mond- ichwert zuckte gegen Westen: nach Bernburg .
Wiens Enttäuschung über Zeppelin. Oer beraubte postsack. Dien, 28. März.(Eigenbericht.) Di« Wiener Blätter bringen alle ihre Enttäuschung darüber zum Ausdruck, baß der„Zeppelin' so spät bei Nacht über Wien geflogen ist. Die ganze Nacht waren Leute auf der Straße, die aus den Zeppelin warteten, jedoch wurde er gerade von der Innenstadt aus, wo die meisten Leute warteten, überhaupt nicht gesehen. Aus dem Flugfeld war er nur einige Augenblicke sichtbar. Ein Postsack, der vom Zeppelin abgeworfen wurde, wurde an der Stelle, wo der Brief an die„Arbeiter-Zeitung " aufgefunden wurde, aufgerissen und leer aufgefunden. Zwei Arbeiter des Wiener Elektrizitätswerkes hatten um 7!� ilbr sriih einen fsrigeworfenen Postsack aufgesunden, der in den Blättern so beschrieben wird, daß er aus wasserdichtem Leinen war, 4S Zentimeter lang und 28 Zentimeter breit. Er war auf der einen Seite ausge- chnitten und war vollkommen leer: die Briessendungen waren ver- ch wunden. Der Sack trug«ine 2 Meter lang« und lß Zentimeter breite Schleif« in den Farben Rot-Weiß-Rot. An den Enden hatte diese Schleife zwei schwarzrotgoldene Fähnchen. In S i n> m e r i n g bei Wien fand eine Gärtnersfrau in ihrem Garten ein P 0 st p a k e t, in dem sich ein Schreiben des deutschen Reichstags- präsidentenLöbeandenBürgermeisterSeitzbef md. Es wird zur, zeit Uniersucht, ob das Postpaket aus jenem Postsack des Luftschiffs„Graf Zeppelin' stammt, der aufgeschnitten und leer auf. gefunden wurde._
Schwere Bluttat im Kreise Teltow . Frau und Tochter erschlagen— Selbstmord des Täters. Trebbtn. ZS. März.(Eigenbericht.) In Lüdersdorf bei Trebbin im kreise Teltow ocr. übte ein Landwirt eine schwere Llnitat, der drei Mensche«� leben zum Opfer sielen. ver vüdnrr Doos hatte die Dacht von Mittwoch zu Donners- tag durchgezecht. Am Mittwochmorgen erschlug er iNi Rausch- zustand au« unbekannlen Gründen Frau und 1 0 ch l e r mit einer Rodehacke und erhängte sich dann selb st. Die Frauen waren dem Wüstiliuj hilflos ausgeliefert, da sie allein im hause anwesend waren. Al» der Schwiegersohn mit dem Fuhrwerk vom Feld« zurückkehrte, fand er alle Türen verschlossen. Cr schöpfke sofort Verdacht und lieh die Türen öffnen. Den Eintretenden bot sich ein furchtbarer Anblick. Im Hausflur lagen in einer große» Dlulioche die beiden Frauen. In der Scheune fand man den Täter erhängt aus. Dte Frauen wurden, da sie noch schwache Lebenszeichen von sich gaben, aus Anordnung des sofort herbeigerufenen Arzte» ln» Krankenhaus eingeliefert. An ihrem Auskommen wird gezweifelt. Die Untersuchung de» verbrechen» ist eingeleitet.
Lebhafter Oflerverkehr. Nach den Beobachtungen in den Bertiner Reiseburecruz dürste in diesem Jahre der Ostervertehr ungefähr den gleichen Um- sang erreichen wie im Vorjahre. Auf den Berti'--'» Bahnhöfen setzte bereit» am Mittwoch ein lebhafter Verkehr ein. so daß die Züge«ine gut« Besetzung auswiesen. Am Gründonners- tag war der Verkehr schon am Bormittag noch lebhafter al» am Vortag. Es mußten Vor- bzw. Nachzllge eingelegt werden, und die Züge waren im allgemeinen b i» z u 100 P r 0 z. besetzt. Der Nachmittag des Gründonnerstag brachte den stärksten Andrang, da mit dem Bureauschluß für viele das viertägige Wochenende be- ginnt.
Die Ordner der Vroletarischen Feierstunden treffen st cd zur Hilfe! für die Weih« im Großen Schauspielhaus, heut«, pünktlich 9 Uhr, Eingang Schiffbauerdamin.
Die beiden saßen scheu nebeneinander. Sie sahen sich nicht an. Ihre Blicke stießen über die schaukelnden, matt- glänzenden Pferderücken voraus, ob sie nicht auf einen rote« Schein am Himmel trafen, der nicht von den Sternen kam... 22. D i e H e r z 0 g i n. Friederiks hatte gegen Abend wieder einen Brief ihtev königlichen Verwandten aus Dänemark erhalten. Mit der Post war er gekommen, vom selben Briefträger abgegeben worden, der auch dem Kreisdirektor Trofegk und der Kammerfrau und dem Pförtner und dem nächsten Bauern die Briefe brachte— Friederiks hatte verächtlich die schmal- gewordenen Achseln gezuckt im Gedenken an die reitenden Boten, die man früher für sie aufgewendet hatte. Sie ließ sich gern an alles erinnern, was sie verloren hatte. Den Brief las sie erst nach ihrem späten und spärlichen Abendbrot— er enthielt wiederum die oft ausgesprochene Einladung, doch zu einem längeren Besuch nach Dänemark zu kommen. Frie- derite ließ das Papier achtlos zur Erde gleiten. Sie wird wieder nicht fahren. Sie wird diese sinnlose, abscheuliche Per- einsamung hier im Schloß, das ihr nicht mehr gehört, weiter ertragen. Weshalb? Dänemark lockte— Meer und Wiesen- weite und Pomp des königlichen Hofes... Sie bückte sich, um den Brief wieder aufzuheben. Dabei fiel ihr Blick durch das Fenster auf«in helles Viereck hoch oben im gegenüberliegenden Renaissanceflügel, der jetzt die Kreisverwaltung barg. Hinter diesem Fenster arbeitete Trofegk— er arbeitete in letzter Zeit immer bis spät in die Nacht. Für Dessau . Friederike richtete sich wieder auf. ohne den Brief vom Boden genommen zu haben. Nein— sie wird bestimmt nicht fahren. Der Haß braucht die Nähe wie die Liebe. — Sie begann, nach ihrer Gewohnheit, auf den Stock ge- stützt, in den fünf Gemächern hin und her zu gehen, die man ihr gelassen hatte. Zwei dieser Zimmer blickten auf den Innenhof, zwei weitere auf die Stadt, das letzte auf zwei Turmerker, die fast senkrecht über dem Fluß hingen, weit in» Saaletal hinein. DI« Wege über das Parkett dauerten lange--- zehnmal länger als früher, ihre Schritte waren mühselig und klein geworden wie Ihr ganzer Körper. Man sollte nicht glauben, dachte sie. wenn sie sich im Mitteliaal in den Spiegeln sah, daß auch Knochen kleiner werden können wie Fleisch. Aber man tonnte ja auch Herzogtümer ver- lieren. (Fortsetzung folgt.)