Morgenausgabe
Nr. 204
A 103
46.Jahrgang
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Freitag
3. maí 1929
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Die Kommunisten haben erreicht, was sie wollten: Am 1. Mai, am Weltfeiertag der sozialistischen Arbeiter, haben in stundenlangen Kämpfen zwischen Kommunisten und Polizei viele Derlegte und eine Reihe Toter mit ihrem Blute das Pflaster Berlins gerätet.
Täglich hat die„ Rote Fahne por dem 1. Mai zum Widerstand gegen die Geseze der Republik aufgefordert. Die Bezirksleitung der KPD. für die Wasserkante hat mehrere Tage vor dem 1. Mai in einem Rundschreiben erklärt, daß es am 1. Mai Tote geben werde. Aehnliche Aeußerungen fielen auch in einer Sigung der kommunist.schen Bezirksleitung von Berlin- Brandenburg, was die Kommunisten vergeblich zu leugnen versuchten. Ju öffentlichen Dersammlungen wurde erklärt, der 1. Mai müsse zeigen, ob die Polizei oder die Kommunistische Partei die Straßen Berlins beherrsche.
Die Kommunisten behaupten, sie hätten gegen das Derbot öffentlicher Umzüge demonstriert, um das Recht auf die Straße zu erkämpfen. Das ist eine Lüge. In Deutschland hat, sehr im Gegensah zu Rußland , je de Partei das Recht, auch im Freien zu demonstrieren. Diese Demonstrationsfreiheit bedingt aber, daß die Rundgebungen die Freiheit Andersgesinnter nicht bedrohen. Kommunisten und Nationalsozialisten, von
derselben Neigung zum robesten Terror erfüllt, kämpfen mit Fäuften und Schlagringen, mit Knüppeln und Messern, mit Steinen
und Schußwaffen gegen politische Gegner.
Um die Dersammlungsfreiheit für alle zu schützen, hat Berlins Polizeipräsident, 3 örgiebei, ein Mann aus der Arbeiterklasse, ind seit Jahrzehnten in der Arbeiterbewegung tätig, öffentliche Umzüge in Berlin am 1. Mai untersagt. Die freien Gewerkschaften und die Sozialdemokratische Partei haben sich dieser Anordnung gefügt. Anders die Kommunisten. Sie, die burch ihr schamloses Treiben das Derbot erzwungen hatten,
spielten sich nun plöhlich als Derteidiger der Freiheit auf.
Seit Jahren fallen Kommunisten und Nationalsozialisten, Stahlhelmer und politische Banditen aller Art über sozialistische Arbeiter, über Reichsbannerkameraden her.
In drei Monaten sind allein in Berlin rund 120 Zusammenstöße zwischen politischen Fanatike: n gezählt worden.
Jmmer wieder Schüsse, Schläge und Messerstechereien. Und wie in Berlin , so überall im Lande:
Am 18. mai 1928 erschießen in Barmbed- hamburg Kommunisten den Reichsbannerkameraden und Genoßen Tiedemann. An demselben Tage wird in Eimsbüttel bei Hamburg der Reichsbannermann, Genosse Geidorn, von Nationalsozialisten niedergeschossen.
Am 19. Mai 1928 wird der sozialdemokratische Stadtverordnete
paris in Glauchan, ein in Jahrzehnten bewährter Parteigenosse, Don einem 23jährigen Kommunisten durch einen Dolchstoß getötet.
Am Dorabend des Gewerkschaftskongresses in Hamburg wird die freigewerkschaftliche Jugend von kommunistischen Kolonnen mit Gummiknüppeln und Messern angefallen. 30 Sozialdemokraten werden verlegt. Stichwunden im Kopf, in der Brust und im Rüden.
Am 24. August 1928 in Spandan Schlägerei zwischen Rotfront und Nationalsozialisten. Ein Rotfrontmann stirbt an den Derlegungen.
Am 13. September 1928 überfallen Kommunisten eine Gruppe Don Arbeitersamaritern in der Friedrichstraße zu Berlin . Die Arbeiterfamariter, von Frauen und Kindern begleitet, werden mit Schlagringen und Gummiknüppeln niedergehauen.
Am 21. Oktober 1928 überfallen Nationalsozialisten ein Arbeiterlokal in Welzom bei Kottbus . Der Arbeitersportler Alfred Scholz wird erschossen.
Am 9. Dezember 1928 wird der Student Günther Schaffer von dem 20jährigen Kommunisten Herbert mener in Karlshorft bei Berlin durch einen Messerstich getötet.
Am 14. Dezember 1928 kommt es in einer nationalsozialistischen Versammlung in Hannover zu einer regelrechten Schlacht mit Tischen, Stühlen und Messern. Sahlreiche Messer
stiche. Drei Schwerverlette.
Am 22. Februar 1929 wird der 18jährige Schüler Herbert Kleier von dem 20jährigen Kommunisten Karl Schult in Pankow bei Berlin erschossen.
Am 7. März 1929 liefern sich Nationalsozialisten und Kommunisten in Wöhrden in Schleswig- Holstein eine regelrechte Schlacht. Drei Tote und sieben Schwerverlette.
in
Am 10. März 1929 überfallen Stahlhelm er eine Wirtschaft
Ceinburg bei Nürnberg . 3wölf personen werden verlegt, einem Kriegsinvaliden wird der Bauch aufgeschlitt.
Em 19. März 1929 schlagen Rechtsradikale zwei Reichsbannerkameraden in Elberfeld nieder
Am 27. April 1929 wird ein Reichsbannermann in Frankfurt a. M. von Nationalsozialisten erstochen. Auch die Kommunisten unter sich bearbeiten sich mit waffen und Werkzeugen. Das Organ der kommunistischen Opposition,„ Gegen den Strom", schreibt am 23. März 1929 über die Die häufung organisierter Ueberfälle auf die Opposition und auf deren Zusammenkünfte ist auf zentrale Berlin , den 2. Mai 1929.
Anweisung zurückzuführen. Die traurigen politischex Bankrotteure, die heute an der Spige der KPD . und des Ratfrontkämpfer- Bundes stehen, greifen
zum Schlagring, zum Gummiknüppel, zum Messer und zu anderen Waffen. Mit diesen Waffen statten sie besonders zusammengestellte Rollkommandos aus."
So beurteilen Kommunisten ihre eigenen Gesinnungsgenossen. An eine Ucbertreibung ist kaum zu glauben, wenn man einen„ Dorwärts"-Redakteur durch ein Räuberstückchen an seiner sich erinnert: der kommunistische Führer Scherliuskn, der Rundfunkrede verhinderte, ist secqsmal wegen gemeiner Der brechen mit Gefängnis und 3uchthaus vorbestraft, zuleht mit zwei Jahren drei Monaten Suchthaus und drei Jahren Ehr verlust.
Die Kommunisten, organisatorisch bankrott, von häßlichen Stänkereien durchwühlt, in leidenschaftlichen Kämpfen untereinander verwickelt, brauchten Tote. Sie brauchten fie in Berlin , wo ein Sozialdemokrat polizeipräsident ist. Die Sozialdemokraten mußten wieder einmal zu Bluthunden gestempelt. werden. Dazu brauchte man Leichen und darum mußte bas Sumpenproletariat mobil gemacht werden, das den Hauptanteil der Kämpfe gegen die Polizei geleistet hat. Die Totens und Derlegten Berlins sind für die Kommunisten Agitationsmate rial und nichts anderes.
Diese Opfer sind auf Befehl der kommunistischen Sentrale gefallen! Das ist die Wahrheit!
Das in den freien Gewerkschaften und in der So 3ialdemokratischen Partei organisierte Proletariat hat
in Berlin und im ganzen Reich den 1. Mai würdig gefeiert. Die
kommunistischen Parolen des Weitertreibens der Aktion" durch Putsch und Generalstreik lehnt es entschieden ab.
Arbeiter, laßt euch von der bankrotten Kommunistischen Partel und ihren Moskauer Drahtziehern nicht zu handlungen mißbrauchen, die legten Endes nur den geschworenen Feinden der Republik und des proletariats 3ngute kommen!
Nieder mit den kommunistischen Schädlingen der Arbeiterbewegung! Dorwärts und aufwärts mit und in der Sozialdemokratie!
Der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands . Der Dorstand der Sozialdemokratischen Reichstagsfraktion.
Die Maiversammlungen der freien Gewerk. schaften waren durchweg überfüllt. Alle Versammlungen nahmen einen glänzenden Verlauf und sind ohne Störungen beendet worden.
Dafür gebührt der organisierten Arbeitnehmerschaft Berlins Dank, die damit wieder ihre alte Disziplin und gewerkschaftliche Schulung bekundet hat.
Der Verlauf der gewerkschaftlichen Maiversamm lungen und der gänzliche Mißerfolg der angekündigten kommunistischen Demonstrationen hat gewissen verantwortungslosen Stellen nicht gefallen. Ihre Hoffnungen haben sich nicht erfüllt.
und eine Anzahl Toter und Verwundeter hatten. Dafür ist die Kommunistische Partei Deutsch lands verantwortlich zu machen, die durch ihre wochenlange Hetze in der Roten Fahne den
Boden dafür vorbereitete.
Die Gewerkschaften haben vor der Teilnahme an solchen Rundgebungen gewarnt. Sie bedauern da her außerordentlich, daß der 1. Mai nicht ohne Blut vergießen verlaufen ist und beklagen die unschuldigen Opfer.
Wir warnen schon heute davor, den zu er wartenden Parolen von unverantwort. Am Abend des 1. Mai wurden daher an einigen licher Seite Folge zu leisten. Folgt deshalb nur Stellen Berlins Zusammenstöße mit der den Anweisungen der freien Arbeiter, Angestellten Polizei provoziert, die einen blutigen Ausgang und Beamtengewerkschaften!
Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund , Ortsausschuß Berlin Allgemeiner freier Angestelltenbund, Orisfartell Berlin Allgemeiner Deutscher Beamtenbund, Bezirksausschuß Berlin
Die Methoden des Anarchosyndikalismus.
Die Kommunistische Partei hat eine ich were Nieders Iage erlitten. Sie hat in Berlin versucht, die ,, revolutionär Unorganisierten" gegen den festen Bloc der organisierten Arbeiterschaft zu führen. Sie hat bei den Betriebsrätewahlen das Spiel der Unorganisierten gespielt. Sie hat sich der Hoffnung hingegeben, mit den unorganisierten Mitläufern revolutionäre Gymnastit treiben zu können. Sie wollten am 1. Mai in Berlin die Probe aufs Erempel liefern. Dieser Bersuch ist jämmerlich gescheitert. Die organisierte Arbeiterschaft Berlins hat in würdigen und disziplinierten Riesenfundgebungen den 1. Mai gefelert. Die Demonftrationen der Kommuniften find lägliche Versuche geblieben. Weder die organisierte Arbeiterschaft, noch die Massen der Unorganisierten, auf die sie hofften, find ihrem Rufe gefolgt. Lediglich fleine Büge von wenigen Parteifommunisten, Halbwüchsigen und undefinierbaren Gestalten find auf die Straße gegangen. Nicht, um trotz des Polizeiverbots in würdiger Form zu demonstrieren, sondern von pornherein in der Abficht, zu provozieren. Die Tattit der revolutionären Gymnastit mit den revolutionär Un organisierten" hat die jolierung der Kommu nistischen Partei von der Arbeiterschaft
offenbart
Statt beffen haben die Rommunisten andere Bun desgenossen gefunden, die am 1. Mai nach Eintritt der Dunkelheit aus der Tiefe der Großstadt emporgestiegen sind. Mit diesen Bundesgenossen sind die Metho den des Anarchosyndikalismus in die Tat umgelegt worden. Gewalt um der Gewalt willen! Gewaltsame Angriffe gegen die Polizei, Barrikadenkampf in einigen