Nr. 265* 46. Jahrgang
1. Beilage des Vorwärts
Gonntag. 9. Luni 4929
Promenadenmischung.
Doh Deutschland nicht alz der klassisck)e Baden der l)undezucht und des Hundesports gelten kann, wie es etwa England ist, darüber gibt es kaum eine Debatte. Zum Beispiel ist der heute fast zum Ueberdruß gehaltene Schäferhund zum erstenmal im Jahre l882 aus einer Ausstellung in Hannover erschienen. Zu damaliger Zeit war der Typ des Schäferhundes dem heutigen ähnlich. Aber in der Farbe waren die Hunde von damals total oerschieden von den heutigen. Der dunkelfuchsrote, den man heute gor nicht mehr sieht, war sehr häufig und der vollständig verschwundene grauschwarz gefleckte mit weißem Halskragen oußcrordent« lich beliebt. Der Schäferhund zeigt den Ilrtyp des caniz familiaris matris optimai, sozusagen der Urform mit großer Deutlichkeit. Ob diese Form auch für den Wolf vorbildend war, läßt sich nicht feststellen. Aber heute. noch wird das Experiment gemacht, zum Beispiel in der Dressur- und Zuchtanstalt für preußische Polizei- ' Hunde in Grünheide , daß man Wolf mit Schäferhund kreuzt und Formen züchtet, die den Charakter des Schäferhundes mit der Scheu und Wildheit des Wolfs vereinigen. ffassetier und Bastard. An diesem für jedermann deut- lichen Beispiel läßt sich mit Leichtigkeit erkennen, daß die verschiedenen Rassen- formen der Hunde in fortwährender Umbildung begriffen sind. Während nun aber d'e Tiere der Wildnis, die einzeln bebenden ebenso wie die in Herden existierenden, mit konservativer Treue immer wieder speziell A r t g e- Nossen aussuchen, um sich mit ihnen zu verbinden, kommt diese Tatsache, sobald die Tiere Hausbar gemacht werden, regelmäßig in Fortfall. Es ist gor kein Zweifel, daß Dienstborkeit das Tier in seinen besten Eigenschaften lähmt und schädigt. Es verliert seine Wildheit, jawohl! Aber damit auch einen großen Teil seiner Kraft, seiner Behendigkeit und auch seines Intellekts. Wenn wir bestrebt sind, die domestizierten Tiere streng in Rassen zu züchten, so kommen dafür nicht nur die ästhetischen Gründe in Frage-, wir wollen nicht nur das schöne, abgenindet« in Form und Farbe, rassenhochste Bild vor uns sehen(in dieser Hinsicht wird, durch Modetorheit veranlaßt, ja viel gesündigt!), nein! Der Hauptzweck der Rasscnzüchlung besteht darin, daß wir dem Hausbar gemachten, teilweise entwerteten Geschöpf die Eigenschaften der Wildform, und das ist die Rasse, zurückgeben wollen. Freilich verbinden wir damit immer die Absicht, das Geschöpf dem Menschen
nutzbar zu machen. Und es ist vielleicht die schwerste Aufgabe des Züchters, die Eigenschaften des Wildtiers konstant zu erhalten und gleichzeitig die Wildform des Charakters so abzuschwächen, daß das Tier den Menschen als„Herrn" erkennt, ihn liebt und seine Wünsch« freudig erfüllt. Das muß gesagt werden, wenn von unverständigen Menschen immer wieder behauptet wird: die„Rassenfexerei" sei Unsinn, der Bastard oder'Blendling, also das, was man im Volks- Humor,„die Promenadenmischung" nennt, böte ebenso
Keiner kennt seinen Stammbaum.
kräftige, intelligent« und brauchbar« Geschöpf«— so zeugt solches Urteil nur von völliger Unkenntnis. Es ist gar kein Zweifel, daß es unter deu Bastarden sehr kluge und starke Hunde gibt. Die Schönheit der Tierspezies erleidet ober in jedem Fall eine Einbuße. Nicht nur für den, der di« Rassen- kennzeichen so im Blut« hat, daß er jeden Blendling verabscheut. Diese Merkmale find, wie gesagt, nur die Merkmale der Wildform, sie sind also das, was die unerreichte Künstlerin Natur in Jahrtausenden zweckmäßig formg«recht und zur absoluten Schönheit strebend geschaffen hat. In Varietes sieht man häufig Artisten, deren Hunde fast unglaubliche Kunst- stücke, wie zum Beispiel den doppelten Salto, das sich zweimal in der Luftüberfchlagen, das Tanzen auf den Hinter- oder sogar Vorderläusen, vieles and«r« machen. Die Tiere find, das muß jedem ausfallen, sehr intelligent und es sind selten einwandfreie Rossen- Hunde. Dahingegen fast immer Terriersormen. Worum?— Well der Terrier ein nicht zu großer, sehr wendiger Hund ist, der dabei lebhaft, intelligent, eine ausgezeichnete Sprunghand besitzt. Insonder- heit aber, weil er der am meisten gleichmäßig im Quadrat gebaute Hund ist. Das ist für all di« g«zeigten Kunststücke von großer Wichtigkeit. Und wenn«s sich auch oft um keineswegs reine Terriersormen handelt, so bleibt der Charakter der Rass« bei allen diesen Künstlern ausschlaggebend. Das zeigt uns aber, daß auch für den Blendling, wenn wir ihn benutzen wollen, die Eigenschaft, die der gewollte Zweck verlangt, unerläßlich bleibt. Bei einer Kreuzung zwischen verschiedenartigen Individuen kommt es immer zu einem Vorwiegen einzelner Eigenschaften des einen oder des anderen Teiles. Die Erbmasse, im Tier ebenso gut wie im Menschen, wird nicht allein durch die beiden eben gepaarten Individuen, sondern
auch durch deren Vorsahren bedingt, und so kann, um m«hr beispiei- Haft zu reden, ein gut gebauter edler Terrier durch Generationen von Bastorden sein Erbgut so tatkräftig und viril durchbringcn, daß die Blendlinge noch nach Jahrzehnten die vorzüglichen Eigenschaften des Stammvaters beinahe vollkommen reproduzieren. Die Charaktere der Blendlinge sind außerordentlich widerspruchsvoll und man darf ruhig sagen, unzuverlässig. Eine Hausangestellte, die die Gabe hat, ihre Tier« gut zu beobachten, schreibt mir von einem großen braunen Schäferhund, der nach seiner ganzen Erscheinung offenbar ein Blendling war:„Auch'an diesem Hunde konnte ich bald die große Hundetreu« feststellen. Aber sein Charakter war wieder ein ganz anderer. Ich brachte ihn auch zum lachen(wir hatten uns nämlich in unserer Korrespondenz über das Lachen der Tiere, speziell der Hunde unterhalten), aber dieses Lachen war anders. Ich hotte bei diesem Hund immer den Eindruck, er tut alles, weil ich gut zu ihm war. Aber er war auch ein Strolch. Er fiel Kinder an, die ihm gar nichts taten. Natürlich strafte ich ihn dafür, wie es sich gehörte. Und dann kam es mir manchmal vor, als wollte«r sagen: ich kann mir alles leisten! Er hieß „Askan" und ich muß von ihm noch eine Hühnergeschichte erzählen. Mein Askan ließ sich doch die gestohlenen Eier gut munden und die Nesteier vergrub er im Garten. Ich klagte darüber, jedoch die Frau glaubte mir nicht. Nun paßte ich auf, um Material gegen ihn zu sammeln. Di« Hühner waren besonder« Lieblinge von mir. Im ganzen fünfzehn Stück in allen Farben. Ich kannte sie auch an der Stimme und konnte zu jederzeit sagen, welches Huhn legte. Ich redet« richtig mit ihnen und verstand sie auf ihre Art. Leider wurden sie mir von ruchloser Hand eines Nachts abgeschlachtet. Aber «ins von ihnen, das„Goldene" verhalf mir, vorher noch unseren Eierdieb zu überführen. Ich traf ihn, wie er, in seiner Hütte liegend,
Das Promenadenereignis.
ein Ei ausjchleckte. Nahm ihn beim Halsband und führte ihn in den Hühnerstall. Dort sitzt meine„Goldene" aus dem Legencst und eine ander« Henne hält davor Wache. Die goldene Henne plusterte sich auf und als ich meinen Askan abführte, sprang sie vom Nest und folgte dem Hund laut gackernd in den Garten..." Hundebesitzer aus Laune. Dies« Geschichte zeigt, wie tierliebeni* Menschen, die sich fort- während mit ihren Pfleglingen beschästigen, Eigenschaften und speziell intellektuelle Fähigkeiten aus den Tieren herauszuholen vermögen, von deren Existenz-der Durchschnittsmensch keine Ahnung hat, ja,
(Dereditigte üebersetzung von Erwin Magnus ). So lebte er denn ausschließlich für sein Geschäft, aber die sitzende Arbeitsweise und das viele Trinken taten ihm nicht gut. Er wurde fett und weichlich, und feine Muskeln wurden schlaff. Und das schlimmste war, daß er jeden Glauben an die Menschheit verlor. Hin und wieder berichteten die Zeitungen von seinen Streichen, bei denen unter dem Einfluß des Alkohols etwas von dem alten Burning Daylight zum Durchbruch kam. Dann konnte er in seinem großen roten Auto meilenweit die Umgegend durchjagen mit einer Ge- schwindigkeit. die ihm manche Strafe eintrug. Er zahlte lachend und ließ die Leute über seinen neuen Wahnsinn reden. Eines Sonntags befand er sick spät am Nachmittag jenseits der Bucht in den Piedmont-Bergen, diesmal ober nicht in seinem eigenen Wagen. Er war der Gast Wasser- fall-Bills, eines Glücksritters, der nach dem Süden gekommen war, um das siebente Vermögen durchzudringen, das er dem gefrorenen Boden Alaskas entrissen hatte. Er war es ge- wsfen» der das Land mit einem Meer von Champagner—' zu fünfzig Dollar die Flasche— überschwemmte: der den Eiermarrc Pis hundertzehn das Dutzend in die Höhx getrieben hotte, nur um feine Liebste zu ärgern, die ihm den Laufpaß gegeben: der einen Cxtrazug genommen und jeden Rekord zwischen San Franziska und New York geschlagen hatte. Nun war er wieder hier—„das Glückskind der Hölle", wie Daylight ihn nannte— und im Begriff, fein letztes Ver- mögen zum Fenster hinauszuwerfen. Es war eine lustige Gesellschaft. Sie hatten sich gut amüsiert und waren jetzt von San Franziska um die Bucht h-wum über San Jost* nach Oakland unterwegs. Dreimal waren sie wegen zu schnellen Fahrens angehalten worden. das drittemal' waren sie jedoch ihrem Plagegeist entwischt. Da sie fürchteten, daß er telephonischen Bescheid gegeben Härte, sie anzuhalten, waren sie hinten um die Berge herum- gefahren und sausten nun aus Oakland zu.
In voller Fahrt schwangen sie um eine Wegbiegung und sahen vor sich einen abgeschlossenen Seitenweg. Jenseits des Gatters hielt auf einem kastanienbrauen Pferd eine junge Dame, die sich gerade niederbeugte, um das Gattertor zu schließen. Schon auf den ersten Blick kam sie Daylight sehr bekannt vor. Im nächsten Augenblick richtete sie sich mit einer Bewegung, die nicht zu verkennen war, im Sattel auf und ritt fort. Es war Dede Mafon— er erinnerte sich, von Morrison gehört zu haben, daß sie sich ein Reitpferd hielt, und freute sich, daß sie ihn nicht in der lauten Gesellschaft be- merkt hatte. Wasierfall-Bill stand auf, klammerte sich mit einer Hand an die Rückseite des Vordersitzes und winkt« mit der andern, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er spitzte die Lippen, um den durchdringenden Pfiffauszustoßen, für den er in alten Tagen berühmt gewesen war, als Day- light ihm das Knie auf die Schulter setzte und ihn auf seinen Sitz zurückdrängte. „Du k— k— kennst die Dame?" sprudelte Wasserfall-Bill hervor. „Jawohl," antwortete Daylight,„und darum sollst du den Mund halten." „Schön. Ich gratulier« dir zu deznem guten Geschmack, Daylight. Sie ist einfach Puppe, und reiten kann sie auch!" Jetzt kamen einige Bäume dazwischen, so daß sie nicht mehr zu sehen war. und Wasserfall-Bill stürzte sich in das Problem, wie sie den lauernden Schutzleuten entwischen sollten, während Daylight sich im Wagen zurücklehnte, nach- dem er noch gesehen hatte, wie Dede Mason den Landweg hinuntergoloppierte. Sie rittt im Herrensitz und saß aus- gezeichnet zu Pferde. Bravo, Dede! Daß sie den Mut hatte, auf die einzige natürliche Art zu reiten, sprach auch wieder für sie. Sie hatte den Kopf auf dem.rechten Fleck, das war sicher. Als sie am Montag zum Diktat hereinkam, betrachtete er sie mit erneutem Interesse, wenn er sich auch nichts merken ließ. Aber der nächste Sonntag fand ihn selbst zu Pferde jensents der Bucht zwischen den Piedmont-Bergen. Er ritt den ganzen Tag umher, sah aber nicht einen Schimmer von Dede Mason. obwohl er schließlich auf dem Seitenwege mit den zahlreichen Gattern nach Berkeley ritt, wo sie nach Morrisons Erzählung angeblich wohnte. Es war em verlorener Tag, denn Dede Mason hatte er nicht getroffen: und doch nicht ganz verloren, denn Day- light hatte die frische Luft und den Ausflug so genossen, daß er am nächsten Tage dem Pferdehändler den Auftrag gab,
ihm das beste kastanienbraune Pferd zu verschaffen. Im Laufe der Woche besah er eine ganze Herde kastanienbrauner Pferde, probierte verschiedene, war aber nicht zufrieden. Erst am Sonnabend fand er Bob, der ziemlich groß war für ein Reitpferd, aber nicht zu groß für einen so starken Mann wie Daylight. „Das ist der richtige," sagte Daylight: aber der Händler war nicht so zuversichtlich.„Er steckt voll von Launen und Einfällen, wenn er auch nicht eigentlich boshaft ist. Er kann Ihnen gelegentlich den Hals brechen, aus reinem Vergnügen, verstehen Sie, ohne sich«as dabei zu denken. Ich selbst möchte ihn nicht reiten. Aber er ist ein Prachttier! Nicht der geringste Fehler! Er hat nie harte Arbeit geleistet. Es ist aber noch niemand mit ihm fertig geworden. Er ist aus den Bergen und von früh auf schlechte Wege gewohnt. Er ist so sicher auf den Beinen wie eine Ziege, solange er sich nicht auf die Hinterhand setzt. Er schlägt nicht aus, steigt nur. Man muß ihn mit Sprungriemen reiten. Es kommt ganz auf feine Laune an. Einen Tag kann man ihn in aller Ge- mütsruhe mehr als zwanzig Meilen reiten, und am nächsten Tage ist er gar nicht zu regieren. Automobile kennt er so gut, daß er sich neben sie zum Schlafen legen oder Heu aus ihnen fressen würde. Er läßt neunzehn vorüberlaufen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, und über das zwanzigste setzt er vielleicht aus reinem Uebermut wie ein durchgegan- gener Mustang hinweg. Alles in allem: Er ist zu lebhaft und nicht zuverlässig genug. Der jetzige Besitzer hat ihm den Namen Judas Ischariot gegeben und will ihn nicht ver- kaufen, ohne daß der Käufer alles von ihm weiß. Mehr kann ich Ihnen nicht erzählen— aber schauen Sie sich mal die Mähne und den Scheif an! Haben Sie je so etwas gesehen? Haare, so fein wie die eines kleinen Kindes!" Der Händler hatte recht. Daylight untersuchte die Mähne und fand sie feiner als die irgendeines Pferdes, das er je gesehen. Auch di« Farbe war ungewöhnlich, fast kastanien- braun. Während Daylight seine Finger durch das Haar gleiten ließ, wandte Bob den Kopf und legte ihm scherzend das Maul auf die Schulter „Satteln Sie ihn. ich will ihn probieren," sagte er zum Händler.„Ich möchte wissen, ob er Sporen gewöhnt ist. Aber keinen englischen Sattel. Geben Sie mir einen guten mexikanischen und eine leichte Kandare, weil er zum Steigen neigt."(Fortsetzung folgt.)