Einzelbild herunterladen
 
  

Morgenausgabe stowing olde

Nr. 339

A 171

46.Jahrgang

Böchentlich 8531, monatlich) 3,60 m. im voraus zahlbar, Boftbezug 4,32 m. einschließlich 60 Pfg. Boftzeitungs- und 72 Bfg. Bostbestellgebühren. Auslands abonnement 6,- M. pro Monat.

Der Bormarts" erscheint mochentag lich zweimal, Sonntags und Montags einmal, die Abendausgaben für Berlin und im Handel mit dem Titel Der Abend", Illustrierte Beilagen Boll und Zeit" und Kinderfreund". Ferner Unterhaltung und Wissen"," Frauen timme". Technit"," Blid in die Bücherwelt" und Jugend- Borwärts*

Vorwärts

Berliner Bolksblatt

Dienstag

23. Juli 1929 Groß- Berlin 10 Pf. Auswärts 15 Pf.

Die etnipattige Ronpareillezetle 80 Pfennig. Reflamezeile 5.- Reichs mart. ,, Kleine Anzeigen" das fettge druckte Mort 25 Pfennig( zulässig get fettgedruckte Worte), jedes meitere Wort 12 Pfennig. Stellengesuche das erste Wort 15 Pfennig, jedes meitere Bort 10 Pfennig. Borte über 15 Buchstaben Arbeitsmarkt zählen für zwei Borte. Beile 60 Pfennig. Familienanzeigen Zeile 40 Pfennig. Anzeigen annahme im Haupt geschäft Lindenstraße 3, wochentäglich von 8 bis 17 Uhr.

Bentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Redaktion und Berlag: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-297. Telegramm- Adr.: Sozialdemokrat Berlin

Vorwärts- Verlag G. m. b. H.

Boftschecktonto: Berlin 37 536. Bankkonto: Bant der Arbeiter, Angestellten und Beamten Wallstr. 65. Diskonto- Gesellschaft, Depositentasse Lindenstr. 8

Rußland lehnt ab.

Vermittlungsversuch der Mächte zurückgewiesen.

Kowno , 22. Juli.

Wie aus Moskau gemeldet wird, hat der stellver. tretende Außenkommissar Karachan die französische Vermittlung, die im amerikanischen Auftrag zur Beilegung des russisch- chinesischen Streitfalles erfolgte,

abgelehnt.

Chinas Antwort an Washington .

London , 22. Juli.

Die chinesische Regierung hat nach Washingtoner Mel­dungen auf die Anregung von Staatssekretär Stimson , daß der chinesisch- russische Streit schiedsgerichtlich ge­regelt werden solle, günstig geantwortet. Der chinesische Gesandte in Washington stattete am Montag mittag dem Staatssekretär Stimson einen Besuch ab und übergab ihm die Antwort der Nanking - Regierung.

China verhandlungsbereit.

Neues Angebot an Moskau .

Nanking , 22. Juli. ( Reuter.) Das Ministerium des Auswärtigen hat eine weitere Note an die Sowjetregierung abgesandt, in der von neuem dem Wunsch der chinesischen Regierung Ausdruck

verliehen wird, die Eisenbahnfrage in friedlichen Verhandlungen beizulegen. Das chinesische Außen­ministerium hat ferner gesonderte Noten an die Signatar mächte des Kellogg Paktes gerichtet, in denen dargelegt wird, daß China zwar seine Rechte verteidigen wolle, aber nicht die Absicht habe, einen Krieg mit Rußland zu beginnen. In den Noten an die Signatarmächte wird darauf hingewiesen, daß es die Sowjetregierung sei, die die Offensive an der chinesischen Grenze begonnen und dadurch den Geist des Kellogg - Paktes verletzt habe.

Japanische Warnung an China .

Tofio, 22. Juli.

Die japanische Presse bringt eine amtliche Mitteilung des Ministerpräsidenten über den russisch- chinesischen Streitfall. Die japanische Regierung werde alle Maßnahmen ergreifen, um einen militärischen Zusammenstoß zwischen China und der Sowjet­ union zu verhüten. Die Regierung wolle sich nicht in den Streit um die chinesische Ostbahn einmischen. Es sei nicht denkbar, daß die Nankingregierung dieselben Schritte gegenüber der süd mandschurischen Eisenbahn unternehmen würde, die in der Nordmandschurei unternommen wurden. Sollte die Nantingregie­rung dennoch einen solchen Schritt wagen, so werde die japanische Regierung die Bahn schüßen. Diese Erklärung wird in aus­ländischen diplomatischen Kreisen als eine Warmung an die chinesische Regierung aufgefaßt.

Das Befinden des Reichskanzlers

Normaler Verlauf.- Zustand dennoch ernst.

Heidelberg , 22. Juli. ( Eigenbericht.) Die Krankheit des Reichskanzlers verläuft vorläufig normal und zur Zufriedenheit der behandeln den Aerzte. Müller nimmt flüssige Nahrung zu sich, ist zuversichtlich und hofft auf eine glückliche Wieder genesung. Am Montag vormittag empfing der Reichs fanzler den Besuch seiner Frau und seiner Sekretärin. Andere Besuche wurden nicht zugelassen. Der Zustand des Patienten ist dennoch ernst, wenn auch das Fieber nach der Entfernung des Abzesses stark zurückgegangen ist. Ein endgültiges Urteil über den Ver. lauf der Krankheit können die Aerzte jedoch erst in zwei bis drei Tagen fällen.

Heidelberg , 22. Juli. ( Amtlich.)

Um 5 Uhr wurde von ärztlicher Seite erklärt, daß der Verlauf der Erkrankung des Reichskanzlers normal sei. Der Zustand des Patienten sei nach wie vor ernst.

Ueber das Wesen der Gallenblasenentzündung schreibt unser medizinischer Mitarbeiter Dr. Marg:

Lebhafte Anteilnahme.

Die schwere Erkrankung des Reichskanzlers hat in faft allen politischen Kreisen tiefste Anteilnahme hervorgerufen. Ein Beweis für die Sympathien, die Hermann Müller als sozial demokratischer Parteiführer und Politiker weit über die Kreise der deutschen Arbeiterbewegung hinaus besitzt.

Der Reichs präsident hat dem Reichskanzler in einem herz lich gehaltenen Telegramm seine besten Wünsche für eine baldige Genesung übermittelt.

Das Berliner Tageblatt" schreibt zu der Erkrankung Müllers: Die schwere Erkrankung des Reichskanzlers Hermann Müller wird überall lebhaftes Bedauern hervorrufen. Es ist bereits seit Monaten bekannt, daß der Kanzler leidend ist, und man hat in manchen Kreisen schon früher seine Krankheit ernster beurteilt, als sein eigener Optimismus fie aufzufassen schien. Hermann Müller hat durch die Vornehmhehit und Lauterkeit seines Charakters, durch die Schlichtheit seines Wesens, durch seine unbedingte 3uver läffigkeit sich Freunde auch in Kreisen erworben, die seine Politik und seine Partei ablehnen. Wir glauben dem Empfinden der ganzen deutschen Deffentlichkeit Ausdruck zu geben, wenn wir die Hoffnung aussprechen, daß dem vortrefflichen Manne, der der Republik ausgezeichnete Dienste geleistet hat, eine baldige völlige Wiederherstellung beschieden sein möge."

Die Deutsche Allgemeine 3eitung" sagt: In allen Berliner politischen Kreisen hat die jähe Erkrankung des Kanzlers, mit deren atutem schlimmen Ausbruch trotz der dauernden Gallen­leiden Hermann Müllers niemand gerechnet hatte, lebhafte Teil­nahme hervorgerufen."

Der Demokratische 3eitungsdienst" äußert sich da hin: ,, Die plögliche Nachricht über die schwere Krankheit und die Operation des Reichskanzlers Hermann Müller hat in allen politi.

Die Ursache der Gallenblasenentzündung sind meist Steine, die aus Ralt und Gallenfarbstoff bestehen und eine machsgelbe bis schwarzbraune Farbe haben. Wodurch es zur Steinbildung fomint, ist noch unbekannt, es dürfte aber auf einer bestimmten Disposition beruhen. Gallensteine fönnen ohne Beschwerden vorhanden sein, kommen sie aber aus der Gallenblase in den Gallenausführungs­gang, der in den Zwölffingerdarm mündet, jo fönnen sie diefen ver­stopfen. Die Folge ist eine Stauung der Gallenflüssigkeit in der Gallenblase. Da aber vom Darm aus ständig Bakterien in die Gallenblase kommen, ist der Inhalt nicht keimfrei und die Folge ist eine Gallenblaseneiterung. Jede Eiterung, die lebende Krankheits­feime enthält, macht Fieber und hat ferner die Neigung, sich zu ent leeren. Da die Gallenblase in der Bauchhöhle liegt, findet der Durch- schen Kreisen aufrichtiges Mitgefühl ausgelöst. Auch in bruch meistens dahin statt. Zum Glück bilden sich aber durch die vorhergehende Entzündung Berwachsungen, die den Eintritt des Eiters in die freie Bauchhöhle verhindern. Bei Hermann Müller bestanden diese Verwachsungen ebenfalls, so daß es sich nach den vorliegenden Berichten wohl nur um eine abgefapfelte Bauchfell­entzündung handeln kann. Die Gefahr der Bauchfellentzündung ist die Darmlähmung, die nur sehr ungünstig beurteilt werden fann. Da das Fieber des Batienten aber gesunken ist und sich der Reichs­fanzler sonst einer guten Ronstitution erfreut, dürfte, da die Ope­ration sehr schnell erfolgte, die Hoffnung bestehen, daß der Reichs­fanzler in furzer Zeit die drohende Lebensgefahr überwunden haben wird.

den Kreisen der demokratischen Reichstagsfraktion herrscht herz­fiches Bedauern, man hofft aber, daß es der kräftigen Kon stitution des Reichskanzlers gelingt, die Krankheit, über deren Ernst man sich feiner Täuschung hingibt, zu überwinden."

"

In der Germania " lesen wir schließlich: Wir wiederholen nochmals, daß wir den aufrichtigen Wunsch haben, Hermann Müller möge der schweren Erkrankung Herr werden und seine Gesundheit voll und ganz wiederfinden. Die Sozialdemokratie würde einen ihrer Best en verlieren und die deutsche Politik einen Mann von unbedingter Sauberfeit, reinem Bollen und politischer Noblesse."

Moskau in Indien .

Neuestes Objekt des revolutionären Imperialismus. Von Dr. Artasches Abeghian.

Die Sowjetpresse widmet neben den Konflikten im Fernen Osten in letzter Zeit ihre besondere Aufmerksamkeit nationale betätigt sich in derselben Richtung. den indischen Angelegenheiten. Die fommunistische Inter­Diese Aktivie rung sowjetrussischer Indienpolitik hat einen drei­fachen Grund. Einmal steht sie im engsten Zusammenhang mit der großen Streitbewegung in Bombay . Dann soll sie einen Gegenschlag gegen die Bildung der Arbeiterregierung in England darstellen und drittens ist Moskau eifrig bemüht, nach dem Zusammenbruch seiner China - und Afghanistan­politik in Indien ein neues Betätigungsfeld für seine weltrevolutionären" Pläne in Asien zu schaffen. Die Ziele Moskaus haben hierbei zugleich innenpolitischen Charakter. Die Sowjetregierung hofft, die Aufmerksamkeit hungernder und unzufriedener Bauern- und Arbeitermassen auf außen= politische Angelegenheiten abzulenken.

Der Generalstreit der Zeptilarbeiter von Bombay , der am 26. April ausgebrochen ist, hat immer noch fein Ende gefunden. 200 000 Arbeiter sind daran beteiligt. Er verfolgte zwar ursprünglich rein wirtschaftliche Ziele, hat aber im Laufe der Bewegung einen politischen Charakter an­genommen. Diese ist heute nicht nur gegen englische Unter­nehmer, sondern gegen die britische Macht in Indien über­haupt gerichtet. 1926 waren in Britisch- Indien 259 Tertil­fabrifen vorhanden, wovon 183 allein in Bombay . Bombay stellt das Zentrum der jungen indischen Industrie dar, die aber ist so gut wie gänzlich Eigentum der Engländer. Eng­länder haben in Indien etwa 20 Milliarden Mart Kapital in­vestiert und beziehen von dort jährlich 3,5 Milliarden Mart Einkommen, was nicht weniger als 25 Proz. des britisch­indischen Nationaleinkommens ausmacht. Von Moskau aus wird die indische Streitbewegung über Bombay und über den Rahmen der Textilindustrie hinausgetrieben. Die Mos­fauer Prawda" weiß zu berichten, daß die Bewegung sich allmählich auch auf die Eisenbahner Indiens ausdehnt; die landarme Bauernbevölkerung werde von ihr langsam er­griffen, da große Mengen streifender Arbeiter in ihre Heimat­dörfer zurückgegangen seien und der Revolutionierung indi­scher Landbevölkerung den Weg ebneten.

"

Die fommunistischen Agenten haben alles getan, um der Streitbewegung in Bombay politischen Charakter zu verleihen und sie zu radafalisieren. Die Leitung der ganzen Bewegung ist in die Hand der jungen, linksradikalen Gewerkschaftsorganisation Girni Kamgar"( d. h.: Rote Fahne) übergegangen. Die alte, gemäßigte Gewerkschaft Bombayer Tertilarbeiter hat heute nur noch geringe Gefolg­schaft. Die Sowjetblätter verlangen, daß die Bewegung der fommunistischen Partei Indiens unterstellt werde. Damit die Fehler der Chinapolitik" der Kommunisten nicht auch in Indien wiederholt werden, sprechen sie sich gegen jede Zu fammenarbeit mit den indischen Nationalisten aus. Sie ver­werfen die Pläne Gandhis , Nehrus und aller übrigen Führer indischer Bewegung und proklamieren die Losung: Föderative Republik Somjetindien". dritte Internationale hat auf ihrer lezten Tagung in Moskau den Beschluß gefaßt, sich in Indien sehr attiv zu betätigen. Nicht zuletzt auf die kommunistischen Machenschaften ist es ferner zurückzuführen, daß es zu Anfang der Bombayer Streitbewegung zwischen den Hinduarbeitern und den musel­manischen Bathans aus der indisch- afghanischen Grenze, die als Streitbrecher herangeholt waren, blutige Zusammenstöße stattfanden.

Die

Die Bildung der Arbeiterregierung in Eng­land gibt den Sowjetleuten neue Hoffnungen für Indien . während die Iswestija", das Regierungsorgan der Sowjets, den Kurswechsel in England maßvoll und korrekt zur Erörterung bringen, nimmt ihn im Gegenteil die Prawda", das Organ der 3. Internationale und der kommu­ nistischen Partei Rußlands , zum Anlaß, um unter der Ueber­englische Regierung und ihre Indienpolitik heftig anzugreifen. schrift: Macdonald und Indien "( 15. Juni 1929) die neue ,, Macdonald," schreibt das Blatt ,,, perteidigt die Interessen britischer Imperialisten nicht weniger folgerichtig und entschlossen, als Baldwin." In einem früheren Leit­artifel schrieb das gleiche Blatt: Macdonald wird die Sache der Bourgeois mit den Händen der Arbeiterpartei ausführen. Seine Regierung ist die Agentur der Bourgeoisie." Diese verschärfte Indienpolitit der Sowjets wird in England wohl beachtet. Die Sowjetleute sind nicht im Unrecht, wenn sie behaupten, alle Engländer ungeachtet ihrer Parteistellung betrachteten Indien als die ,, Berle an der britischen Krone". In dieser Hinsicht gab und gibt es aber auch zwischen den russischen Kommunisten und der Miljukow - Richtung keine Unterschiede, wenn es sich zum Beispiel um den Kaukasus Burcel, der linke" Gewerkschaftsführer, erklärt: Auch ein oder um Turkestan handelt. Schon vor Monaten hatte fozialistisches Indien verinag unschwer im Bri­ tischen Reich weiter zu leben."

Es ist aber völlig falsch, zu meinen, daß es zwischen Mac­