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Rr. 361 46. Jahrgang

1. Beilage des Vorwärts

Die Blumenfrau erzahlt

Ankunft der Blumenkörbe am frühen Morgen

So lange wir yurtdoenten fönnen, gehören fie zu Berlin , zu dem Berlin , das uns sein feiertägliches Geficht zeigt: Die Blumenfrau am Potsdamer Plat und Leip. 31get plaz Und nun mit einemmal hören wir, daß fie zum Aussterben verurteilt fein follen! Aber darüber lassen wir die Blumenfran felbst erzählen:

Schönste lange Rosen, alle frisch und ohne Draht, Rosen für Zehn! Na, was foll's denn sein, meine Dame? Rote, gelbe, alles ein Preis! Zehn gelbe gleich zusammenbinden? Grünes tostet zehn Pfennige der Stiel, meine Dame, zugeben tömmen wir bei den Breisen nichts! Wie meinen Sie? Poetischer Handel? Also nu hören Sie auf! Stell'n Sie sich mal' n janzen Tach hintern Korb, denn reben Sie anders! Erzählen? Na, mit dem Jeschäft is heute doch nicht los, die Leute müssen ihr Jelb erft in die Inventur tragen Marja, nimm du mal die Rosen ab! Komm'n Se hinter, meine Dame der Schemel is sauber, Sie fönn'n sich ruhig hin­[ egen!

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Gigen verboten.

Ja, die Schemel find auch man noch nicht zu lange. Früher, so born Krieg, da mußten wir immer stehen und dabei noch, die Körbe umhaben, die fchmeren Körbe mit die naffen Blumen, un menn mir denn uns mal' ne Meine Stüße machten und' n Stod runterstellten, benn durften wir uns bloß nicht von' n Schuhmann oder' n Jreifer friejen lassen, sonst gab's gleich' ne Strafe! So weit is es jetzt ja besser. Aber nu woll'n se uns jang abschaffen. Wir stehen alle hier fchon lange, unsre Aelteste is vierundsiebzig, und steht hier nu schon zwanzig Jahre auf'n Potsdamer, vierzig Jahre handelt fie im ganzen. Seh'n sie da die olle Frau mit den Widen ? -Aufstehen fann fie nicht mehr, fie hat zu schlimme Füße, und halb taub is fie auch, aber sie verdient sich hier doch noch immer mas zu ihre Altersrente zu. Einkaufen tut aber ihre Tochter für sie, die hat hier auch' n Stand. Wir sind hier überhaupt viel Verwandtschaft, ' it Fremder tam hier jarnich rein, außer menn mal einer ohne Rinder starb, aber nu soll es ganz aus sein mit uns. Neue Stände merden nicht mehr bewilligt. Und als letztens eine von den alten starb, da wollte der Sohn gerne den Stand übernehmen, denn er mar auch arbeitslos und so hätte er doch eine Eristenz gehabt. Aber die Polizei hat's thm nicht gestattet, er mußte fein Wandergewerbe mieder abgeben und fonnte nu wieder stempeln gehen.' n jewöhn licher Menschenverstand sieht ja nich ein, daß das für ihn und für'n Staat besser is, aber die Herren meinen's ja moll. Und sehen Sie mal da der Mann da mit' n Strohhut, das is' n Kriegs­beschädigter mit' n Bruststedschuß, der fann von seine vierzigprozentige Rente auch seine vier Kinder nich ernähren un andre Arbeit fann er nich machen, denn die Wunde heilt nich zu un eitert immer wenn der nu nich den Platz hier noch so furz nach'n Krieg gefricht hätte? Die hübsche Kleine is seine Aelteste

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bas bier jar nich aushalten: Schnee und Refen und Wind! Bochin, mie das Jewitter losging, mar ich in fünf Minuten naß bis auf'n Pudel, und denn wird man von Wind und Sonne wieder troden und den friegt man den Rheumatismus und Blasentrantheiten und unterleibstrant sind wir Weltesten fast alle, von das Stehen früher mit die schweren Rörbe.

Die Einnahmen?

Na, das is man nich so schlimm. Seh'n Sie mal, die Holländer Rosen, die schönen, langftieligen, die Sie getauft haben, toften im Bund eine Mart und siebzig heute, da foll'n zwanzig Stüd drin sein und ich verkaufe Stüd mit'n Groschen, gar kein Geld für die

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Sonntag, 4. August 1929

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Treibrose, die tost noch heute im Blumengeschäft vierzig Pfennig, das is eben' n Gelegenheitsfauf. Nu brauche ich' ne Wart zwanzig für Eis, ne Mart zahl ich miete für den Keller, wo mein Korb steht, alle Tage, ich kann den nich so weit tragen und hier in der Nähe is jeder Kellerplat sehr teuer: In die Linkstraße tost'' n janzer Keller bloß dreizehn Mart. Mit' n Auto her von der Linden­halle fost sechzig Pfennig und fünfzehn Pfennje für den Schoffeur, fimfzich, wenn's der Handwagen mitbringt, mit der Elektrischen kann man nich fahren, da stört der große Korb zu sehr. Papier braucht man auch für' ne Marf und mehr und Trinkgeld für die Straßen­feger, die hier sauber machen und für den Arbeitslosen, der uns die Körbe aufbaut und Wasser holt also da bleiben uns am Bund Rofen zwanzig Pfennige und an einer Rose ein Pfennig! Wenn ich Glück habe und ausverkaufe, bin ich heute abend meine dreißig Bund los aber denn bin ich mit meine sechs Mart froh! Und dafür muß ich schon um sechse alle Tage in der Halle sein, denn tommt die Flugpoft mit den holländischen Blumen, um achte tommen die Holsteiner Freilandrofen, die tommen mit der Bahn, und man muß hinterher sein wie der Deibci hinter der armen Seele, damit man mal' ne Gelegenheit erwischt. Die Holsteiner haben heute das Duhend vierzig geloftet, aber bei die braucht man Binsen, Farn und Draht und muß den ganzen Tag Sträuße binden mehr verdient man da auch nich. Und die Widen in der Halle tosten vier Bund' ne Mart, bei uns foſtet das Bund dreißig Pfennig mehr wie zehn bis zwanzig Pfennig an der Mart tönnen wir nie verdienen. Nebenperdienste? Nee, das gibt's nich! Ach so, fie meinen wegen die Schirme! Da sind mir froh, daß uns das Reichsmilchamt jezt sone schönen ftabilen geliefert hat, da machen wir gratis Retlame, Geld gibt's nich zu. So'n Schirm fost' sechzig bis achtzig Mark, den fönnen wir uns nich faufen! Wissen Sie noch, wie wir früher so' ne Musfprize hier ranknüpperten? Da waren wir doch froh über die Schirme von der Schirmfirma und denn über die Kaffee­

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schirme. Aber die vom Reichsmilchamt sind die feinsten!

Die Kundschaft.

jebe Stunde am Tage, und is janz, wie's Better is. Morgens vor Bon der Kundschaft woll'n Sie was wiffen? Ja, die ändert sich halb elfe aufzubauen hat jar nich viel Zweck, da gehen die Leute auf Arbeit, da denkt feiner an Blumen. Und die Hausfrauen, die fo mittags wieder mit der Tasche nach Hause fahren, haben meistens alle Hände voll und denken nich dran, daß sie auch mal' ne Blume auf' n Tisch stellen fönnten. Die sind zu müde, so und so. Denn flappert das Geschäft so hin bis nachmittags um viere, da seßt unsere Geschäftszeit ein. Wer unsere Blumen tauft? Ja, meistens die Frauen! Die Männer find richtige Stoffels geworden, da denten faum' n Duhend den Tag dran, hr" mal Blumen mit zubringen. Mal son fleine: Gymnasiast, oder mal' n kleiner Angestellter, dem man ansieht, daß er so nobel bloß noch drei Tage nach' m Ersten sein kann. Die Herren mit' n wohlhabenden Bauch fchenten der Frau Jemahlin eher' n Persianer als' n Bund Rose:. Und passen Sie mal auf: Wenn hier' ne Frau mit ihrem Mann oder ein Mädel mit ihrem Herrn vorbeigeht, denn traut sie sich nich mal auf unsern Korb zu fucken, damit er nich denkt, sie möchte etwa Blumen haben, und wenn er welche kaufen will, denn redt fie ihm noch ab, seh'n Sie, damit er merkt, wie bescheiden sie is. Menn von einem Paar mal der Herr Blumen fauft, dann sind beide meistens nicht mehr jung, und er ist ganz sicher noch aus der guten, alten Zeit. Manchmal tommt ja noch ein richtiger Freier, der, ein, zwei oder drei Bunde auf einmal fauft: Aber das is auch das höchste der Gefühle! So was gibt's nicht mehr, wie damals, mo mir ein Herr den ganzen Korb voll Veilchen, echte französische, wos Bund fünfundsiebzig loftete, gleich auf einmal abgekauft hat! Da hatte: ch auf einen Schlag fünfzehn Mart verdient, es war eben, wie ich aus der Halle tam und ich holte mir gleich frische Ware. Jezt fucken bloß noch die Frauen nach unsern Blumen, wenn sie alleine gehen, und denn müssen sie sie sich auch selber faufen. Und dann gibt's noch eine Kundschaft, die bloß nie was tauft. Die armen Mädels, denen man ansieht, was die drei Rosen für sie für' n Ilück find. Die Damen aber, die sich bloß eine als Ansteckblume kaufen, die möchten am liebsten drei Bunde aufgemacht haben, um sich daraus die schönste rauszusuchen. Es is manchmal jar mich so einfach, immer höflich bleiben! Aber man jibt sich doch Mühe bloß eine is noch hier, die immer jleich losschimpft. Aber das is auch feine richtije Jeschäftsfrau sehen Sie sich bloß mal den Stand an was die für Jemüse aus den Blumen macht!

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Die Polizei fönnte uns das Leben auch manchmal' n bißchen leichter machen. Seh'n Sie mal, das Warenhaus und der Kauf­mann fönnen ,, ausbedienen", und das Gemüsegeschäft hat sogar Sonntags auf, im Sommer, bei dem leichtverderblichen Sommerobit. Bei uns aber gibt es manchmal eine Strafanzeige, weil einer von uns drei Minuten nach sieben noch ein Paar Rosen verkauft hat. Wir wollen ja tein Ausnahmegeses, bloß eine' n bißchen mildere Be­handlung. In den zehn Minuten nach sieben, daweile die Menschen aus dem Warenhaus fommen, fönnte mancher von uns seine letzten

na, Anjeſtellte tönnen wir uns nich halten. Und' n Angestellter würde Blumenhandel am Leipziger Platz( Wertheimecke) paar Bunde verkaufen- so muß er sie auf Eis legen, davon gehen

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