Einzelbild herunterladen
 

BERLIN

Donnerstag 15. Auguft 1929

Der Abend

Erfdetat tåglich außer Sonntags. Bugleich Abendausgabe des Vorwärts. Bezugspreis beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche, 3,60 M. pro Monat.

Redaktion und Erpedition; Berlin SW68, Lindenstr. 3

Spalausgabe des Vorwärts"

10 Pf.

Nr. 380

B 189 46. Jahrgang.

anzeigenpreis: Die einspaltige Nonpareillezeile 80 Pf., Reklamezeile 5 M. Ermäßigungen nach Tarif. Bosschecktonto: Vorwärts- Verlag G. m. b. H., Berlin Nr. 37536. Fernsprecher: Donboff 292 bis 297

Gewerkschaftliche Einheitsfront

Für die Arbeitslosenversicherung./ Die Parteiführerbesprechung.

Ueber die heutige Besprechung der Fraktionsführer der Regierungsparteien wird folgende offizielle Mitteilung herausgegeben:

In der heutigen Fraktionsführerbesprechung der Regierungsparteien wurde das Problem der Arbeitslosenversicherungsreform nach einem Vortrage des Herrn Reichsarbeitsministers erörtert.

Nach eingehender Aussprache bestand allseitiges Ein­verständnis darüber, in den nächsten Tagen zu einer Ver. einbaru ig zu gelangen. Die Reichsregierung wird be. müht sein, einen Gesekentwurf vorzulegen, der dem Sozialpolitischen Ausschuß Beratungsunterlage dienen soll.

als

Man verständigte sich außerdem über die morgen be. ginnende Aufnahme weiterer interfraktioneller Be fprechungen.

Bie zu erwarten war, und wie die vorstehende offizielle Meldung bestätigt, sind die großen materiellen Gegensäge in der Arbeitslofenfrage in der Besprechung der Bateiführer nicht geflärt worden. Es ist nur der Weg der interfraktionellen Besprechungen vereinbart worden, um den Versuch zu machen, diese Gegensäge zu tlären.

Gewerkschaftliche Kampfgemeinschaft.

Die Berhandlungen im Sozialpolitischen Ausschuß des Reichs­tags über die Sanierung der Reichsanstalt werden langwierig und sehr schwierig sein. Die Meinungen, auf welchem Wege man die Reichsanstalt fanieren fönne, gehen ziemlich weit auseinander. Die Unternehmer verlangen, daß unter dem Vorwande der Sanie­rung der Reichsanstalt ein Abbau der Leistungen vor­genommen werde, und zwar derart, daß alle sozialen Grundsätze dabei in ihr Gegenteil verkehrt werden.

Unter den Mittelparteien des Reichstags sieht man das Problem vor allem unter dem Gesichtswinkel der Reichsfinanzen. Es fönne auf feinen Fall zugelassen werden, daß die Reichsanstalt zur Softgängerin der Reichsfinanzen werde. Man geht in diesen poli­tischen Kreisen von der Arbeitslosenziffer von 1,1 millionen im Jahresdurchschnitt aus, die errechnet wurde durch Ausschaltung der ersten günstigeren Jahre und Einbeziehung des katastrophalen Winters 1928/29. Angesichts dieser Gegenfäße gibt es faum einen anderen Ausmeg wenn man nicht den Weg der politischen Krise mählen will als die Borschläge zu berücksichtigen, die von den Gewerkschaften, und zwar von allen brei Gemertschafts richtungen, zur Sanierung der Reichsanstalt gemacht worden find.

Alle drei Gewerkschaftsrichtungen, das heißt die Freien, die Christlichen und die Hirsch- Dunderschen Gewerkschaften, lehnen einstimmig eine Berminderung der sozialen Leistungen der Arbeitslosenversicherung ab.

Den Chriftlichen und den Hirsch- Dunckerschen Gewerkschaften erscheint ein solcher allgemeiner Leistungsabbau ebenso unerträglich mie den Freien Gewerkschaften. Alle drei Gewerkschaftsrichtungen find bereit, zur Sanierung der Reichsanstalt einer vorüber gehenden Beitragserhöhung zuzustimmen. Alle Gewerk schaften lehnen die Borschläge der Sachverständigen ab, sofern diese Borschläge hinausgehen über die Beseitigung nachgewiesener Mißbräuche. Die Freien und die Hirsch- Dunderschen Gewerkschaften find bereit, in der Saisonarbeiterfrage einer erträglichen Neu regelung zuzustimmen. Alle Gewerkschaften sind der Mei­mung, daß

das Reich verpflichtet ist, bei einer Naturkatastrophe wie die des letzten Winters helfend einzugreifen,

daß also das Reichsfinanzministerium zu einer entsprechenden Stügungsmaßnahme verpflichtet set.

Mit dieser einheitlichen Stellungnahme ist eine Gewerkschafts front gebildet, die gegenüber dem fortgefeßten Ansturm der Sozial reaktion einen festen Damm darstellt.

Die

Messehallen im Bau

Das Geheimnis des Falke".

Invasionsforps von Danzig nach Südamerika transportiert.

New York , 15. Auguft.

Nach Meldungen der Associated Preß " aus Trinidad ist der Dampfer Falte" in Port of Spain gelandet. Die Schiffsoffiziere, die mit der Rolle des Kapitäns sehr unzufrieden sind, erzählen fol­gendes:" Falte" fuhr von Hamburg nach einem polnischen Hafen

-

Gdingen, wo 125 venezolanische Aufständische( offenbar in Europa geworbene ehemalige Offiziere usw.) an Bord genommen wurden. Von dort fuhr der Dampfer an die venezolanische Küste, wo weitere 200 Aufständische einfrafen. Die Offiziere und Mann­schaffen des Falte" wurden mit vorgehaltenem Revolver gezwun­gen, die Aufständischen bei Cumana an Land zu sehen, wobei diefe von Regierungstruppen angegriffen wurden. Offizier des Falte" wurde in dem Gefecht getötet.

*

Mit dieser Meldung ist das Geheimnis um den Dampfer Falte" gelüftet, der nach der ,, Roten Fahne" vom 23. Juli eine Riesenladung Munition nach China hatte bringen sollen. Damals hatte das Kom­munistenblatt dreifpaltig behauptet: Deutschland bewaffnet Tschangkaischet" und gemeint, der Dampfer bringe eine ungeheure Ladung Gewehr- und Maschinengewehrmunition nach Schanghai ". Jetzt stellt sich heraus, daß die aufständische Partei in Benezuela sich den Dampfer für ihre dunklen Zwede geschartert habe. Um einen einen deutschen Dampfer tann es fich dabei nach dem ,, Handbuch für die deutsche Handelsmarine" nicht handeln. Offenbar ist der Vorgang so gewesen, daß dieser, vielleicht ehemals deutsche Dampfer in Gdingen mehr oder minder heimlich geladen und dann, möglicherweise ohne regelrechte oder mit gefälschten Schiffspapieren diesen polnischen Hafen verlassen hat. Daß Leute, die die jeßige Regierung in Benezuela stürzen wollen, sich in östlichen Europa dazu einen Dampfer taufen oder mieten und dort auch Munition faufen können, deutet darauf hin, daß sie gute internatio­nale Beziehungen besigen müssen. Es wird sich also feineswegs um eine einheimische Aufstandsbewegung gehandelt haben, sondern die Hintermänner der Aktion dürften in jenen ausländischen Kapi talistenfreifen zu suchen sein, die an einem Unifturz in Benezuela Interesse haben, um von einer neuen Regierung Ron zeffionen und Betriebsrechte zu erhalten. Jedenfalls stellt die ganze Attion um den Falken" eine moderne Piratengeschichte dar, die auf zuhellen eine lohnende Aufgabe moderner Journalistik sein muß.

Der Mord in den Bergen.

Das Rätsel um Rechnungsrat Bendt.

Nach den letzten polizeilichen Feststellungen ist jetzt mit Sicherheit anzunehmen, daß der 70jährige Rechnungsrat Bendt aus Neukölln, der im Arlberggebiet, fot aufgefunden wurde, einem Berbrechen zum Opfer ge­fallen ist.

Bendt hatte zusammen mit dem ihm befreundeten Baumeister Friz Beder aus Berlin mehrere Gebirgstouren gemacht. Hier nach hatten sich die beiden Männer getrennt. Bei einem Ausflug, den Bendt dann allein unternommen hatte, ist er von einem noch un­bekannten jugendlichen Begleiter getötet und beraubt worden.

Bendt und Becker sind Mitglieder des Alpenvereins. Am 31. Juli fuhr Becker mit dem 70jährigen Bendt, der ein passio­nierter Bergsteiger war, nach München . Von hier aus ging die Reise weiter nach Mittenwald und St. Anton, wo beide im Touristenheim Klattenbach Wohnung nahmen. Von hier aus machten sie gemeinsam einige fleinere Klettertouren und auch eine Hochtour. Als am 8. August schlechtes Wetter im Gebirge einsetzte, machte Becker seinem Freunde den Vorschlag, den Aufent­halt abzubrechen. Man beschloß jedoch zu bleiben, und am Sonntag, dem 11. August, wollte Bendt zur Darmstädter Hütte aufsteigen. Beder lehnte die Beteiligung an der Klettertour wegen des ungünstigen Wetters jedoch ab. Nachmittags verabschiedete sich Becker von Vendt und fuhr von St. Anton nach Innsbruc zurück. Nach kurzem Aufenthalt setzte er von hier die Reise über München fort, bis er gestern wieder in Berlin eintraf. Nach seinen Befundungen war Bendt sehr schwerhörig und gegen­über neuen Bekanntschaften sehr zurückhaltend. Er gehörte auch zu den Bergsteigern, die stets ihre Touren ohne Führer unter­nahmen. Nach den Beobachtungen Beckers muß Bendt noch über eine Barschaft von etwa 150 Mart verfügt haben. Bei der Leiche wurden aber weder die Brieftasche noch die goldene Taschenuhr, noch andere Wertgegenstände, die er bei sich führte, vorgefunden. Es ist deshalb mit Bestimmtheit anzunehmen, daß der unbekannte Täter sein Opfer beraubt hat. Auf ein Ber­brechen weist auch eine Stichverlegung am Halse, sowie mehrere Ropfverlegungen hin.

Die Tat muß am Sonntag zwischen 17 und 19 Uhr verübt worden sein. Verdächtig erscheint ein etwa 20jähriger Wanderburse