Der Abend
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Nr. 402
B 200
46. Jahrgang.
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Spätausgabe des„ Vorwärts"
Schlußkämpfe im Haag.
Finanz- und Räumungseinigung stehen noch aus.
V. Sch. Haag, 28. August. ( Eigenbericht.) Die zweistündige neue Beratung der sechs Mächte dauerte von 11 bis 1 hr und hat die endgültige Eini gung über die Finanzfrage noch nicht gebracht. Offenbar gestalten sich die Verhandlungen über die 300 mil. lionen Ueberschuß aus dem Dawes- Plan insofern recht Tompliziert, als ja dje Frage der fünftigen Besakungskosten und der Besehungsschäden mit darin einbegriffen werden sollen. Zu diesem Zweck findet heute nachmittag eine Expertenbesprechung mit den deutschen Sachverständigen statt, um insbesondere die Besatzungs. kosten und namentlich die Höhe der vermutlichen Be. jehungsschäden festzustellen. Die sechs Mächte werden heute nachmittag um 5 Uhr nochmals zusammen treten, zuvor wird eine Beratung der Außenminister stattfinden, die der Einigung über die politischen Fragen( Rheinlandräumung und Vergleichskommission) Sienen soll.
Räumung gegen Zugeständnisse.
V. Sch. Haag, 28. August. ( Eigenbericht.) Die gestern nacht erzielte Einigung ist insofern nur als vorläufig zu betrachten, als die deutsche Dele gation ihr bisher noch nicht zugestimmt hat und ihr vor aussichtlich nur vorbehaltlich einer befriedigenden Rege lung des Räumungsproblems zustimmen wird. Am heutigen Vormittag um 11 Uhr findet eine neue Konferenz der Gläubiger- Staaten statt. Von deutscher Seite dürfte bis dahin eine offizielle Erklärung über die Stellungnahme zu den vorläufigen Vereinbarungen der Gläubiger vorliegen. Falls die Einigung gelingt, dürfte bereits am Donnerstag eine Vollkonferenz stattfinden. Bon unterrichteter Seite erfährt man über den Berlauf der Dinge am Dienstag, daß die gestrige Konferenz allgemein als Schlußfizung angesehen wurde. Indessen appellierten Briand, Jaspar und Stresemann an die Teilnehmer, so daß schließlich ein neuer Bersuch zur Befriedigung der englischen Forderungen unter nommen wurde. Stresemann erflärte in seiner Rede, nian habe cuch im Haag viel von der Heiligkeit der Verträge und der Wahrung des Prinzips geredet. Er müsse seinerseits jedoch darauf hinweisen, daß
auch Deutschland gewiffe Rechte zustehen und ihm bereits im September vorigen Jahres in Genf die endgültige Regelung der Reparationsfrage zugesichert
worden wäre.
Die Pariser Sachverständigen- Konferenz hätte die Notwendig. teit der Revision der deutschen Zahlungen bestätigt. Deutschland habe daher einen rechtlichen Anspruch auf die Anerkennung, daß es die Dameszahlungen nicht mehr leisten fönne. Abgesehen von diesem rechtlichen Gesichtspunkte hätten die Mächte nach allem Borgefallenen die moralische Pflicht, den Young- Blan anzunehmen. Jaspar erklärte auf Anfrage Snowdens und Hendersons, daß er bereit sei, einen neuen Bersuch zur Ermöglichung einer Berständi gung zu unternehmen. Die englischen Vertreter müßten jedoch zu. geben, daß es sich hier
nicht um ein Diffat, sondern um Verhandlungen handle. Snowden gab daraufhin eine entgegenkommende Er. flärung ab. Man trat daraufhin in die fachlichen Berhand. lungen ein. Die deutsche Delegation erflärte, daß sie sich an den Verhandlungen nicht länger beteiligen fönne, aber jederzeit zur Ver fügung stehen würde. Die deutschen Delegierten verließen dann das Konferenzgebäude. Um 21 Uhr nachts wurde die deutsche Dele. gation benachrichtigt, daß eine Einigung erzielt sei, die nur noch ihrer Zustimmung hinsichtlich einiger Punkte bedürfe. Hilferding, Curtius und Birth begaben sich dann wieder nach dem Haag, mo fie von dem Kompromiß der Gläubiger in Kenntnis gesetzt wurden. Die deutschen Minister erklärten jedoch, daß sie
ohne Einverständnis des Reichsaußenministers
eine bestimmte Erklärung zu dem Kompromiß nicht abgeben könnten. Dieser Standpunkt wurde von den Bertretern der anderen Mächte anerkannt. Man beschloß deshalb, heute vormittag eine neue Sigung abzuhalten.
Die deutsche Zustimmung ist für zwei Punkte bezüglich des Gläubigerfompromiffes notwendig:
1. hinsichtlich des Verzichts auf 300 millionen Ueberschuß aus den letzten fünf Monaten des Dawes- Plans,
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2. hinsichtlich der Erhöhung des ungedeckten Teils, die in den nächsten 20 Jahren 42 Millionen beträgt.
Es hieße, die deutsche Deffentlichkeit in Jllufionen wiegen, wenn man jetzt Zweifel daran äußerte, daß diefe grundfähliche Zustimmung erfolgen wird freilich
unter der Bedingung, daß eine Einigung in den Räumungsfragen erfolgt.
Gerade angesichts diefer in letzter Stunde von Deutschland verlangten Konzessionen hat Deutschland mehr denn je Anspruch auf annehm. bare franzöfifche Räumungstermine; es wird diesen Anspruch mit äußerster Energie zur Geltung bringen.
Es steht somit fest, daß Deutschland keine Erhöhung seiner jährlichen Reparationsleistung zugemutet wird. Seine Zustimmung wird lediglich dazu erbeten, daß in den nächsten zwanzig Jahren die Summe, für die Deutschland formell fein Moratorium beantragen kann, von 660 auf 702 Millionen Mart erhöht wird; zum Ausgleich wird diese Summe um den gleichen Betrag in den darauf folgenden Jahren ver mindert. Im übrigen sind das formale Erwägungen; politisch ist die Hauptsache, daß für die nächsten zehn Jahre die deutsche Belastung auf etwa 1700 Millionen jährlich gefenkt wird. Erweist sich das aber als nicht durchführbar, dann werden die Zahlungen Deutschlands unter dem Young- Blan, unabhängig davon, wie hoch der ungeschütte Teil ist, im ganzen revidiert.
Die Gesamt summe der deutschen Zahlungen wird nicht erhöht. Die 42 Millionen, die dem ungeschüßten Teil zugeschlagen werden, gehen vom geschüßten ab.
Was die 300 Millionen Mart anbetrifft, die da durch entstehen, daß Deutschland seit dem 1. April dieses Jahres Dawes - Zahlungen geleistet hat, aber nur Zahlungen nach dem Young- Plan zu leisten braucht, so ist zu bemerken, daß der Sachverständigenbericht hier lückenhaft und widerspruchsvoll ist. Der französische Wirtschaftsminister erklärte noch am Montag abend, daß Deutschland überhaupt feinen Anspruch auf diese Summe habe. Jedenfalls wird die deutsche
Straffer muß fitzen!
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| Delegation der Preisgabe dieser Summe nur zustimmen wenn damit zugleich die Besaßungskosten für die Zeit nach dem 1. September gedeckt werden.
Was Snowden durchgesetzt hat. Erhöhung der Annuitäten/ 3talien bezieht Kohlen. Haag, 27. August.
Das Uebereinkommen, das um Mitternacht zwischen den vier Gläubigerffaaten und England zur Bewilligung der englischen Wünsche zustande gekommen ist, enthält im wesentlichen folgende Punkte:
1. Der englische Anteil an den deutschen Zahlungen wird um 40 millionen Mark jährlich erhöht. Hiervon werden 36 Millionen von den vier Gläubigermächten garantiert. In diesen 40 Millionen find 18 Millionen aus dem nach dem Young- Plan noch unverfeilten Teil der ungeschütten deutschen Zahlungen enthalten, welche ursprünglich für die kleinen Staaten bestimmt waren.
2. Der englische Anteil an dem ungeich ühten Teil der deutschen Zahlungen wird auf 96 Millionen Mart jährlich erhöht. 42 Millionen hiervon sind aus dem für den Dienst der DawesAnleihe bestimmten Betrag entnommen. Hierzu ist eine besondere 3uftimmung Deutschlands erforderlich. Der für den Dienst der Dames- Anleihe erforderliche Betrag wird, um diese 42 Millionen freizumachen, auf einen bestimmten Jahresbetrag figiert.
3. Hinsichtlich der Sachlieferungen hat sich die italienische Regierung für die Dauer von drei Jahren verpflichtet, jährlic cine million Tonnen englischer Kohle für die italienischen Staatseisenbahnen zum jeweiligen Marktpreis abzunehmen.
Kommunisten und Hakenkreuzler.
Nächtliche Schießerei in der Wallstraße.
In den gestrigen späten Abendstunden ist es in der Wallstraße in der Nähe des Spittelmarktes zu einem schweren 3usammenstoß zwischen kommunisten und Nationalsozialisten gekommen. Mit Messern, Dolchen und Teffchlägern gingen die Gegner aufeinander los. 3m Verlaufe des Handgemenges, an dem sich 40 bis 60 Personen beteiligten, wurden auch Pistolenschüsse gewechselt. Bisher fonnte noch nicht einwandfrei ermittelt werden, welche der Parteien den Anlaß zu dem blutigen Zwischenfall gegeben Die Nationalsozialisten sollen in einem größeren Trupp laut fingend die Wallstraße durchzogen haben, als plötzlich eine Schar Kommunisten an der Roßstraßenbrücke auf der Bildfläche erschien. Im Augenblick war zwischen den Links- und Rechtsradikalen eine regelrechte Schlägerei, Mann gegen Mann, im Gange. Plötzlich fielen furz hintereinander mehrere Schüsse. Der 22jährige Hans Pfeiffer aus der Schmidtstraße wurde von einer Kugel in den Bauch getroffen; er brach blutüberströmt zusammen. Zwei weitere an der Schlägerei Beteiligte, der 34jährige Schornsteinfeger Otto Buehnfe aus der Alten Jakabftraße und der 28jährige Kaufmann Willi Berg aus der Friedrichsgracht, erlitten leichte Verlegungen durch Schläge mit Stahlruten.
Als das alarmierte Ueberfallfommando auf dem Kampfplatz erschien, suchte der größte Teil der Raufhelden sein Heil in der Flucht. Fast allen gelang es, zu entkommen, vier Personen fonnten festgenommen werden. Der schwerverletzte Arbeiter Pfeiffer wurde durch die Polizei in das Krankenhaus Am Friedrichshain gebracht. Glücklicherweise besteht für ihn feine Lebensgefahr.
Die vier Festgenommenen, die zunächst auf dem Revier über Nacht in Gewahrsam behalten wurden, wurden heute der Abteilung IA im Bolizeipräsidium vorgeführt. Sie bestreiten, einer politischen Partei anzugehören.
Aehnliche Szenen spielten sich gestern gegen 9 Uhr abends bei den Germaniasälen in Charlottenburg ab, wo die Rommunisten eine Versammlung abgehalten hatten. Hier kam es ebenfalls, und zwar im Vorraum und am Saaleingang, zu Schlägereien mit Nationalsozialisten, die von der Polizei aber schnell beendet werden konnten. Die Gegner murden getrennt und nach verschiedenen Richtungen zerstreut. Es sollen einige Personen verletzt worden sein, doch fonnten fie nicht ermittelt werden.