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Beilage

Freitag, 6. September 1929

Der Abend

Spalausgabe des Vorwärts

Carpatho Russland ein Stielkino ser Kultur

tommer

Abseits vom großen Weltverkehr, in den gewaltigen Bogen der östlichen Baldkarpathen eingespannt, liegt Podkarpatjtá Rus ( Karpathorußland), die östlichste Provinz der Tschechoslowakei mit faum 800 000 Einwohnern. Zum größten Teil von Ruthenen bewohnt, die vor tausend Jahren aus Südrußland einwanderten, aber bald in Abhängigkeit von den Herren des Landes, den Madjaren, gerieten und jahrhundertelong ein armseliges, gedrücktes Dasein fristeten. Die Stunde, der Befreiung schlug erft 1918; damals beschlossen die in Amerika lebenden Karpathorussen den Anschluß an die tschechoslowakische Republit als autonomes Glied dieses neuen Staates. Seit zehn Jahren haben sie also erst ihre nationale Selbständigkeit; aber fulturell steht das Volk noch durchaus auf mittelalterlicher Stufe.

In ihren elenden Holzhütten teilen fie den Raum mit dem Vieh; verschmutzte und mit Ausschlägen behaftete Kinder drücken sich zahl= reich zwischen Schweinen und Misthausen herum. Erschreckend hoch ist die Zahl der Kretins und der Geschlechtskranken. Die Zahl der Analphabeten erreicht in einigen Landesteilen 70 Prozent. Zur Zeit der ungarischen Herrschaft wanderte ein großer Teil der Männer alljährlich als Erntearbeiter in die ungarische Tiefebene. Dort fanden sie Verdienst bis zum Herbst. Aber durch die neue Grenzziehung ist das unmöglich gemacht. So gehen sie wieder als Holzfäller in die ausgedehnten Buchen- und Nadelwälder, den einzigen Reichtum des Landes. Ihre Bedürfnislosigkeit stellt wohl in Mitteleuropa einen Reford" auf. Kleidung und Wäsche wird mit eigener Hand hergestellt. Die tägliche Nahrung ein Bohnen­( gericht mit Saferbrot. Fast sämtliche Haus- und landwirt schaftlichen Geräte aus Holz. Einzige Abwechselung der sonntägliche Gottesdienst in der griechisch- katholischen Holzkirche, deren wunder barer, pagodenartiger Aufbau an das große Mütterchen- Rußland" erinnert. Abgesprengt vom großen, russischen Stamm haben diese unter fremder Herrschaft degenerierten Karpathorussen doch nicht jeden Zusammenhang mit dem Muttervolk verloren. Als die Russen unter Brussilow im Winter 1914 über Galizien und die Kar­pathenpässe in Ungarn eindrangen, haben viele hunderte Ruthenen ihre Hinneigung zum Russentum am habsburgischen Galgen be­zahlen müssen. Monatelang gingen

die Kämpfe um die Karpathenpäffe.

Wenn man aber heute die Kampfplätze aufsucht, ist man von dem Fehlen jedweder ,, Schlachtfeldindustrie", wie sie so schön im Westen blüht, angenehm enttäuscht. Von den 40 000 Russen, Reichs­deutschen und Desterreichern, die hier oben um den Uzjoterpaß gefallen sind, ist nichts geblieben als einige schlechterhal tene, moosüberzogene Holzfreuze ohne irgend welche Inschrift. Biele liegen in den Wäldern oder in den taum tenntlichen Schüßengräben, die längst von Gras und Farn fraut überwuchert sind. Nur in Uzsok selbst starrt einen die Ruine des zerschossenen Badehauses an; die Bronze­statue eines Herkules, dem eine Granate die Brust zerrissen hat, steht triumphierend über dem zerstörten Bassin. Unter den hohen Parkbäumen aber liegen trotz aller Zerstörung bequem auf Liegestühlen die Kurgäste: galizische Juden, die über die nahe Grenze herübergekommen sind, um sich an den noch immer fließenden Heilquellen zu laben. An zahlreichen Stellen der Kar­pathenhänge sprudeln eisen und jodhaltige Mineralquellen, aber alle Badeeinrichtungen wurden während des Krieges zerstört. Nun setzt man neue Hoffnungen auf die Petroleumbohrun gen, die die Standard Oil Company" in diesem Gebiet fich gesichert hat. Nördlich der Karpathen liegt das galizische Petroleum dorado von Drohobycz- Boryslaw, und verschiedene, schon lange vor dem Kriege gemachte Untersuchungen sprechen für eine ergiebige Ausbeute auch in Karpathorußland. Bei dem kulturellen Tiefstand der Bevölkerung ist es nicht verwunderlich, daß die meisten In­dustrieunternehmungen( die sich in sehr bescheidener Bahl auf Holz­bearbeitung, chemische Holzverwertung und Ziegeleien beschränken) in den Händen der Juden sind. Die Juden kamen vor 150 Jahren ins Land, auf der Flucht vor den damaligen Judenverfolgungen in Rußland . Rasch gelang es ihnen, das wirtschaftliche Leben zu be. herrschen; heute geht der Handel in den Städten durch ihre Hand, aber auch als handwerker find fie tätig und die städtische In telligenz ist zum größten Teil jüdisch. Auf den Dörfern haben sie Kramläden und Wirtshäuser. Sie bilden ein Achtel der Gesamt­bevölkerung und zählen als Nation". Kaftan und Schläfenloden, am Sabbath auch die Fuchspelzmüze( der Straml") find hier typisch. In den Städten unterhalten sie eigene Bibelschulen. Un­entgeltlich werden hier 5-12jährige Judenknaben im Talmud unterrichtet. In engen, schlechtgelüfteten Räumen ſizen 30-40 Kinder zusammengepfercht täglich von 8-12 und von 2-5 Uhr. Biele von ihnen durchziehen später als Bocher"( theologische Studenten) oder als Schnorrer"( Bettler) das Land. Andere wieder studieren auf eigene Fauft weiter und bringen es bis zum Arzt oder Rechtsanwalt. So ist es nicht verwunderlich, wenn man auch in dieser entlegenen Ecke auf den Straßen der Städte und in den Geschäften viel Deutsch hört, wenn es auch meistens der jüdische Dialekt ist, dessen Hauptbestandteil mittelhochdeutsch mit hebräischen und slawischen Worten gemischt ist. Es gibt auch deutsche Dörfer, von deutschen Kolonisten angelegt und durch ihre Sauber­teit auffallend von der ruthenischen Umgebung abftechend. Haupt­

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sächlich auf den riesigen Gütern der ehemaligen Grafen Schön­born, die von den Habsburgern für ihre Dienste gegen den ungarischen Rebellenführer Rákoczy mit dessen Besitzungen belohnt wurden. Die tschechische

Bodenreform hat einen großen Teil dieser Riefengüter zu­gunsten der Kleinbauern aufgeteilt.

Je mehr man sich dem Süden des Landes nähert, desto frucht­barer wird der Boden. Das Gebirge tritt zurück und zahlreiche Flüsse, die zum Quellgebiet der Theiß gehören, durchströmen die Ebene. lschhorod( madj. Ungvár) mit 30 000 Einwohnern die Hauptstadt des Landes, liegt schon an dem breit dahinfließenden Ung. Hier prallen die zahlreichen politischen und tonfessionellen

Pro

Ruthenische Kleinbauernfamilie vor ihrer Elendhütte.

Gegenjäge aufeinander. Hier hat die fozialdemokratische Bartei des Landes, die etwa 10 000 Mitglieder hauptsächlich unter Madjaren und Tschechen zählt, ihren Siz. Wöchentlich einmal er­scheint ihr Parteiblatt. Eine gedeihliche Arbeit ist bei der Rück­ständigkeit der Ruthenen außerordentlich schwer. Leichter machen es sich die Kommunisten, die über einen starten Anhang verfügen: Sie schicken ihre Agitatoren zu den darbenden Bauern und

laffen ihnen Anzüge und Schuhe anmeffen oder laden fie ein, sich schon jetzt die besten Grundstücke aus dem Schönbornschen Besitz auszusuchen gegen die Verpflichtung, kommunistisch zu wählen.

Am Rande der Stadt prunkt das neue Verwaltungsviertel, das die Tschechen in turzer Zeit in modernem Stil geschaffen haben. Der Anblick dieser wohldurchdachten Bauten erinnert an die vina( dem Hochland), an die zwischen ihrem Vieh dumpf dahin elenden strohgedeckten, licht- und luftlosen Hütten in der Vrcho­lebenden ruthenischen Bauern, denen die ganze Kultur" nichts weiter bedeutet als eine neue Art Schikane.

Bezeichnend für gewiffe foloniale Methoden, die von der tschechischen Polizei in Karpathorußland angewendet werden, ist ein polizeiliches Verhör, das mit einem rumänischen Hochstapler ſtatt­fand. Der hatte angeblich einen Einbrudy in eine Kaffe verübt, war gefaßt worden und wurde alsbald von dem Kommiffär verhört, Hinter dem Stuhl des Rumänen wurde

unauffällig ein Detettiv postiert, der mit zwei Pendreks" ausgerüstet ist

( unter Pendret", einer Berballhornung von Bärendred, versteht man den Gummifnüppel der staatlichen Polizei). Zunächst wird mit dem Delinquenten das Nationale aufgenommen. Da er sich als Ingenieur bezeichnet, ersucht ihn der Kommissär, den pythagoräischen Lehrsaz aufzuzeichnen und zu erläutern. Der angebliche Ingenieur gerät ins Stottern, worauf der Kommissar nur drei Borte spricht: Daj mu jedno!( Gib ihm eins). Sofort fauft der Pendret mit voller Bucht auf die rechte Schulter des Rumänen. Der verliert die Fassung, sucht sich zu beschweren, wird aber mit ruhiger Höflichkeit wieder auf seinen Platz gebeten. Der Kommissär bohrt weiter. Es stellt sich heraus, daß auch die ersten Angaben falsch waren." Daj mu dye!"( Gib ihm zwei). Nun sausen beide Pendreks auf die Schultern des Sigenden. Und so geht das Verhör weiter, bis der Kommissär alles heraus hat, was er wissen wollte. Warum aber garade die Schulterpartie als Brügelstelle dient? Nach fachmännischem Urteil hinterläßt der Bendret gerade an dieser Stelle die geringsten Spuren, mas bei etwaigen Konflikten mit dem Arzt immerhin von Wert fein tann,

Noch einen raschen Gang durch die Stadt Uschhorod ! In den engen Straßen Geschäft an Geschäft. Moderne Fassaden werden eingebaut. Neubauten drängen sich zwischen niedrigen, altersgrauen Häusern ans Licht, Banken prangen mit stolzen Aufschriften, die in drei Sprachen( russisch , madjarisch, tschechisch) wenigstens dem Gros der Bevölkerung gerecht werden wollen. In dem weitläufigen, weißgestrichenen Theater spielt gerade Emil Jannings als Othello". aber nur im Film. Nicht weit von der im maurischen Stil er. bauten, stattlichen Synagoge funkeln die vergoldeten Türme der russischen Basilika.

Auf einer Anhöhe zerbrödeln die uralten Feftungsmauern, die zu Rákoczys Zeiten ein wichtiger Stützpunkt der ungarischen Rebellen waren. Heute liegt inmitten dieser Mauern ein griechisch- katholisches Kloster.

Man hört fast nur madjarisch sprechen, und je weiter man die Reise nach dem Süden fortsetzt, um so mehr verstärkt sich der Eindruck, in rein madjarischem Gebiet zu weilen. Auch die Landschaft weist ungarische Züge auf: einsame 3iehbrunnen, um die sich präch tige Ochsenherden versammeln, endlich, um Beregias herum, Weinberge, deren Trauben ausgezeichneten Wein liefern. In den Kaffeehäusern spielen Zigeunerbanden die traditionellen ungaria schen Lieder, ab und zu versuchen sie auch einen Tanz. Außerhalb der Stadt haben die Zigeuner

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ihre Siedlung. Elende, weißgetünchte Lehmhütten, meist ohne Türen, überall Schwärme Kinder mit Ausschlägen auf Geficht und Händen. Die mit soviel Hoffnungen in uschhorod gegründete Zi geunerschule ist nach kurzem Bestehen wieder eingegangen. Immerhin trifft man Zigeuner auch arbeitend an. In Ziegeleien, als Bauarbeiter verdienen sie sich einen schmalen Tagelohn, der für ihre geringen Bedürfnisse ausreicht. Im östlichen Teil des Landes sitzen die u zulen, befannt durch ihre malerischen Trachten und ihre primitiv- funstgewerbliche Handfertigkeit. Hier, wo das Land an Rumänien stößt, steigen die Karpathenberge über 2000 Meter hoch. Die Hirten, die den Sommer mit ihrem Vieh auf den Berg­meiden verbringen, sind nicht selten von Bären und Wölfen bedroht, gegen die sie sich nachts durch Anzünden von Feuer und durch Geschrei zu schützen suchen.

In Urwäldern haust noch Cuchs und Dachs, Füchse und Wild­eber, die off in die kümmerlichen Felder der Huzulen einbrechen. Man irrt, wenn man diese Gebirgsbewohner in ihrer waldreichen Umgebung für gesund hält. Tuberkulose ist hier weitver­breitet; die elenden Unterkünfte, ungenügende Ernährung, Alkohol­mißbrauch leisten der Schwindsucht Vorschub. Der Krieg hat natürlich nur verschlimmernd gewirkt. Bei jeglichem Mangel an Berständnis für hygienische Forderungen sucht der Gebirgsbewohner nur ungern den Arzt auf. Infektiöse Erkrankungen werden lieber geheimgehalten, um nicht in das verhaßte Krankenhaus transportiert zu werden. Brunnen, die noch die ungarische Re­gierung nach der Choleraepidemie in den Jahren 1912/13 bauen ließ, wurden so selten benutzt, daß das Wasser zu faulen begann.

Kro

Jüdischer Beter, mit Stirnriemen und Gebetmantel gegen Osten gewendet, in der Eisenbahn, unbekümmert um die Außenwelt.

Heute sucht man auf dem Gebiete der Hygiene all das gutzumachen, was die fgl. ungarische Regierung versäumt hat.

Wasserleitungen werden gebaut, Kanalisationen durchgeführt, Aufklärungsfurfe abgehalten, die Krankenhäuser renoviert.

Eine schwere Arbeit steht der tschechoslowakischen Republik in dieser östlichen Provinz bevor; doppelt schwer, weil bei dem Haupt­teil der Bevölkerung jegliches Berständnis für zeitgemäße Reformen fehlt. Es wird schon viel erreicht sein, wenn wenigstens die Hälfte der jungen Generation in den Schulen Lesen und Schreiben erlernt haben wird, Helmut Krommer,