Dienstag
10. September 1929
Die Pickelhaube.
Kaum verläßt man den Hauptbahnhof, springen einem die Bickelhauben der Münchener Schuhleute in die Augen. Die Hauptstadt Bayerns bewahrt die altpreußische Tradition. Welch ein Rampf spielte fich hier früher ab, als die bayerischer Helmraupen den Bickelhauben weichen mußten. Jetzt, Ironie der Geschichte, tragen sie hier als Protest gegen die Saupreußen blinkende Blitz
ableiter.
Doch nur manche Schuhleute versuchen anfangs ein wenig zu schnarren, es gelingt ihnen nicht, und sie verfallen glücklicherweise bald in die banerische Tonart, eine Mischung von Gutmütigkeit und Grobheit.
Nur einer der Verkehrsschußleute war überpreußisch im wilhelminischen Sinne. Statt auf meine Frage nach einer Straße mir wenigstens die Richtung zu zeigen, schnarrte er mich an, daß das gegen seine Instruktion ginge. Der hatte den Pickelhauben Complex, doch bei den anderen wirften sie wie eine Maskerade in dieser barock- und renaissancefrohen Stadt.
Immer wieder wirken die schönen Straßen und Pläte wie ein Wunder, die der baubesessene König Ludwig I. trog seiner murrenden Münchener aus dem Boden erstehen ließ. Er tricb Städtebaupolitik auf lange Sicht, sein herrlicher Königsplatz stand lange inmitten unbebauter Fläche zum Gelächter der Pfahlbürger da. Erstaunlich, wie wundervoll immer wieder Durchblicke nach der Frauenkirche oder anderen Monumentalbauten bei der Anlage geschaffen wurden. Ludwig I. mar Baufpetulant und verstand es auch vortrefflich, das Parlament zu hintergehen, um nur ja bauen zu fönnen. Die bewilligten Mittel für Montierung und Armierung ter bayerischen Armee wurden zu Siegestoren und Triumphstraßen, tie bis heute feine Motten angefressen haben, was man von den Monturen von Anno Toback nicht sagen tann.
So lebt die Fremdenindustrie dieser Stadt von den in schöne Mäge und Bauten verwandelten Monturen und Waffen und die Bidelhauben wirten wie ein Wih in der Beschwingtheit ihrer Straßen.
Sonntag im Englischen Garten.
München ist eine fromme Stadt, doch der bayerische Catholizismus weiß die volle Maß( ein Liter!), den Radi, Leberfäs und Weißwürste gleich gut zu schäzen. Die Menschen hier haben einen bäuerischen Lebensappetit, fie sind bei aller reaktionären Ge sinnung, die sie sich gern einreden möchten, gut demokratisch im menschlichen Sinne. Die Klaffenunterschiede verwischen sich nicht nur an den Biertischen, sondern auch auf der Straße, der Straßenbahn, wo ich mehr als einen Pfarrer sich fröhlich mit den Mitführenden über Essen und Trinken unterhaiten hörte. Einer fhimpfte fräftig auf die riesigen Gehälter von Schacht und den Cijenbahndirettoren. Kein Wunder, daß das Bahnfahren so immer fourer würde. Er fand allgemeinen Beifall, auch meinen. Weihrauch in der Kirche, Zigarren- und Pfeifenqualm und Bierdunst in ten großen Bierhollen, wo sich jeder ungeniert sein Trumm Fleisch mitbringen darf.
Doch die schönen Sonntage find Volksfeste im Freien, wenn man die Biergärten mit dazu rechnet. In der frischen Schönheit des Englischen Gartens ergehen sich die Münchener und landen dann zumeist am chinesischen Turm, wo sie mit großer Beharrlich feit Natur, Sonne, Bier und Wurst genießen. Die landschaftliche Schönheit wird nicht mit auf die Preise aufgeschlagen, der Berliner Nepp ist nur in einigen Lokalen zu Hause, wohin es die zieht, die unbedingt geneppt werden wollen.
Schmetternde Blasmufit einer lärmfrohen Menge, die Geigen und Klarinetten draußen verschmäht, bringt das Blut ein wenig in Ballung, doch bleibt der Münchener auf seinen vier Buchstaben fzen, denn das hegende Getue der Berliner ist ihm ein Greuel.
Auf den Parkwegen gingen sonntagsfrohe Menschen auf und cb, die den Feiertag heiligten. Doch auch Ochsen gingen darauf, die hier in der Höhenluft ein ganz anderes Tempo einlegen als in ten Niederungen des Nordens. Doch die Ochsen heiligten nicht den Feiertag, so gern sie vielleicht gewollt hätten, denn sie zogen Wagen Heus, nicht Bieres, das am heiligen Sonntag eingefahren wurde. Die weiten Partwiesen waren voll von fleißigen Männlein und Weiblein, die hoffentlich zum Sonntagstarif Heu machten und auf
luden.
Bos sagt Kardinal Faulhaber dazu, was fagen die Heuer und Heuerinnen und vor allem die Ochsen?!
es steht zwar etwas geschrieben von einem Dchsen im Neuen Testament , den man auch am Sabbat aus dem Brunnen ziehen dürfe, doch daß die Ochsen am Sonntag ziehen sollen, nicht?!
München ist eine fromme Stadt. Doch ihr lebendiger bäuerischer Sinn, den fie fich trog der fast siebenhunderttausend Einwohner erhalten hat, feiert und nüßt die liebe Sonne auch, wenst sie gerade scheint, denn der liebe Gott reißt ihr ja schließlich
nicht aus.
Die Spieluhr.
Punkt elf Uhr ist der Platz vor dem Rathaus schwarz von Menschen, freilich zumeist von Eroten und Fremdlingen wie Berlinern und Sachsen und amerikanischen Misses Very Nice und
Wonderful.
Was für wundersame Gestalten sind dabei mit Eispideln und genagelten Bergschuhen und frachledernen Lederbügen. Eine Ausüftung zur Befteigung der Jungfrau und anderer Bergdamen, boch wozu fie damit den Münchener Asphalt unsicher machen, mag der Himmel wissen.
Die Glocke schlägt elf Uhr. Alles starrt gespannt hinauf. Die Gratisvorstellung beginnt. Herolde erscheinen mit Musitgeschmetter. 3wei Ritter machen die erste Runde. Bei der zweiten bricht einer auf seiner Rosinante zusammen, vom Speer getroffen. Mit diesem Knockout ist das Turnier zu Ende. Dann tanzen eine Etage tiefer unten die Scheffler oder Böttcher ihren Schefflertanz. Die Böttcher hatten gut tanzen, denn in dieser bierfrohen Stadt waren sie das stärkste Handwert.
Die Erwachsenen schauen wie große Kinder hinauf und können sich nicht satt sehen und zu ihrer großen Freude dauert das verfehrsstörende Freitheater an eine Viertelstunde.
Wer gerne schadenfroh lacht, tommt am besten erst um 12 Uhr. Dann ist zwar nichts los, aber unzählige Fremde schauen hinauf und marten auf das Verhallen des zwölften Glodenschlags. Doch vergebens guden sie sich die holden Gudäuglein aus, die Herren
Ritter und Scheffler rippeln und rühren sich nicht. Die Münchener lassen fie ruhig stehen und starren und sagen ihnen höchstens beim weggehen, daß sich das Wunder nur um elf Uhr abspielt.
Die geschändete Weißwurst.
Der Frühschoppen gehört noch für manche Münchener zur Morgenandacht des Leibes. Handfeste Kellnerinnen, hochachtbare und unsentimentale Bierheben, bringen Maße schäumenden Bieres. Ich saß mit einem waschechten Münchener zusammen und der erzählte mir Biergeschichten.
Von ein paar Sachsen , die im Hofbräuhaus ihre Kaffeemaschine aufgestellt hätten und hochfant rausgeflogen wären. Doch da war ein heimlicher Stich gegen mich dabei, aber eine andere
Geschichte wurde mir hinterher verbürgt, die ich zur Warnung
weiter erzählen möchte.
suchte mit seiner Frau und einem nicht unbekannten Münchener Ein führender Genosse aus einer messererzeugenden Stadt beGenossen das Matthäferbräu. Die Frau bestellte sich Weißwürste. Das war gut. Doch sie bestellte sich auch Sauerkraut dazu. Das war nicht gut. Die Kellnerin überhörte es zartfühlend, denn Weißwürste mit Sauerkraut waren ihr eine undenkbare Vorſtell und ungefähr wie Salat mit Petroleum angemacht. Doch Frauenwille ist zäh. Nach zehnmaliger Aufforderung und Ausrufen:„ Ich will aber mein Sauerkraut!" brachte die Kellnerin verächtlich den Sauerkohl.
Das war schließlich noch eine Willensprobe und sie stellte ein gutes Zeugnis für preußische Beharrlichkeit.
Aber was nun geschah, München , verhülle dein Haupt, ist grauenhaft! Sie nahm den Sauerfohl und wickelte ihn um die armen unschuldigen Weißwürfte.
Der Münchener Genosse wurde blaß und blässer, doch als sie die Würstchen gar zum Munde führte, hielt er die Schändung nicht länger aus. Er stand schroff auf und ging davon mit den klassischen Worten: Pfui Deifi, mit euch muß ma fich ja schama!"
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Das deutsche Museum.
Herrlich sind die Münchener Museen und Galerien, überreich an Kunstschätzen seine barocken und gotischen Kirchen. Museen aber gibt es schließlich überall, doch das deutsche Museum mit seinen reichen technischen Wundern nur einmal in der Welt. Es ist ein hohes Lied der Arbeit und der Technik, man möchte mochenlang in München weilen, um nur halbwegs alles von feinen technischen Wundern in sich aufzunehmen.
Die Geschichte der Menschheit in allen Zweigen ihrer technischen Entwicklung ist hier lebendiges Geschehen geworden.
Redewendungen, wie Im Tretrad gehen", werden hier blutvolle Wirklichkeit, bekommen wieder ihren ursprünglichen Sinn. Man geht in der nachgebildeten alten Bergwerfsanlage selber mit im Tretrad und wird so zur mechanischen Kraft für das Schöpfen von Wasser.
Wie schauerlich, denkt man, war es damals, ununterbrochen das Tretrad zu drehen, immer wieder und immer wieder.
Doch da fällt einem das laufende Band ein, die ständig gleichen Handgriffe von Millionen und abermals Millionen von Arbeitern und Arbeiterinnen, und man ist erschüttert, wie wenig sich im Grunde geändert hat trotz des Sieges der Technik, wie sehr der Mensch noch sich selber befreien muß. Und in diese Industrialisierung wird auch München immer mehr hineingetrieben, denn das Walchenseewerk mit seiner schier unerschöpflichen elektrischen Kraft reiht diese Stadt immer mehr ein in den Rhythmus der Neuzeit, und wird auch ihre Arbeitskämpfe mit der wachsenden Arbeiterarmee immer mehr verschärfen.
Gefährliche Sinnestäuschung Weshalb Slieger aus den Wolken abstürzen Bor einigen Tagen stürzte bei Fulda ein Passagierflugzeug im Nebel ab und zwar unter ganz ähnlichen Umständen, wie vor zwei Monaten das tschechische Passagierflugzeug bei Eitershagen: Der Pilot hatte im Nebel die Orientierung verloren. Diese Un glücksfälle lenten das Interesse notwendig auf eine Erscheinung, die heute infolge der verbesserten Apparate gottlob sehr selten geworden im hohen Grade merkwürdig ist: daß nämlich gelegentlich Flieger in Wolfen und dichtem Nebel das Gleichgewicht verlieren fönnen.
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Diese Ursache vieler Flugunglüce ist in Fliegerfreifen wohl befannt und gefürchtet. Gerät eine Maschine in dichten Nebel und kann der Flieger sich nicht an einem Instrument, wie sie bisher nur in die großen Verkehrsmaschinen eingebaut werden, jeder zeit über seine Gleichgewichtslage orientieren, so tann es ihm leicht passieren, daß er mit auf den Kopf gestelltem Apparat buchstäb lich aus den Wolken fällt. Es ist sogar schon vorgekommen, daß Flieger auf dem Rücken fliegend, mit dem Kopf nach unten einen Wolkenflug beendeten, so sehr geht unter Umständen in dichtem Nebel Richtungssinn und Gleichgewichtsgefühl verloren. Diefe mertwürdige Erscheinung, deren Ursache lange unerkannt blieb, hat besonders in früheren Jahren vielen Fliegern das Leben gekostet und selbst heute, wo durch Verwendung geeigneter Apparate, welche die Eigenschaften der Kreiselachse, immer dieselbe Richtung beizubehalten, ausnutzen, der Wolkenflug gefahrlofer geworden ist, vermeiden ihn vor allem die Verkehrsflieger nach Möglichkeit. Das sonderbare Phänomen ist jetzt von der Bissenschaft aufgefärt worden, es liegt in gewiffen Lebensgewohnheiten begründet. Das Orientierungsvermögen ist nämlich nur dann ficher, wenn die Das Orientierungsvermögen ist nämlich nur dann ficher, wenn die verschiedenen Sinnesorgane eine bestimmte Lage zueinander haben. So hängt das Vermögen, eine bestimmte Richtung einzuhalten, und das Gleichgewichtsgefühl von der Normallage des Kopfes ab. Solange dieser zu der Schulterlinie eine bestimmte, durch die Normalſtellung des täglichen Lebens beim Stehen und Gehen vorgezeichnete Lage einnimmt, fönnen wir uns über die Grundrichtungen auch bei geschlossenen Augen zuverlässig orientieren. Die geringste Aenderung der Kopfhaltung aber, etwa durch Drehen oder Neigen, hat schon Richtungs- und Gleichgewichtsschwierigkeiten zur Folge, die bei stärkerer Beränderung der Kopflage so weit gehen tönnen, daß man sich schließlich sogar über die Lage seiner gehen tönnen, daß man sich schließlich sogar über die Lage seiner eigenen Gliedmaßen täuscht. Ein einfaches Experiment zeigt das: man versuche mit geschlossenen Augen und seitmärts gedrehtem Kopf auf einem ebenen Wege geradeaus zu gehen; es ist das un
Beilage
des Vorwärts
möglich, man wird immer seitwärts von der Geraden abweichen. Oder man strecke bei geschlossenen Augen den linken Arm wagerecht seitwärts aus und neige auch den Kopf seitwärts, man hat dann deutlich das Gefühl, als ob auch der Arm sich ein wenig nach fahrung machen, daß man sich bei Seitwendung des Kopfes über unten bewegt habe. Auch jeder Schwimmer kann an sich die Erdie Schwimmrichtung täuscht. Wenn sich der Schwimmer seinen Empfindungen überläßt, so fann er nicht anders als in der Kopfrichtung schwimmen. Erst wenn er sich der falschen Richtung bewußt wird, kann er die Bewegungen so einrichten, daß er doch das beabsichtigte Ziel erreicht.
Tiere reagieren noch überraschender auf solche Kopfdrehungen als der Mensch, d. h. sie verfallen denselben Täuschungen, nur noch viel frasser. Verbindet man z. B. einem Hunde die Augen, nachdem man seinen Kopf in einem Gerüst seitlich gedreht eingespannt hat, so weicht er beim Laufen in der Kopfrichtung von der Geraden ab. Selbst wenn man ihm die Augen offen läßt, fann er nicht in gerader Richtung laufen, sondern bewegt sich ständig im Kreise herum. Dabei versucht er wohl die Augen seitwärts zu drehen um sie wieder in Mittellage zum Körper zu bringen, er ist jedoch trotzdem nicht imstande, geradeaus zu laufen. leberläßt man ihn sich selbst, so dreht er sich in immer enger werdenden Spiralen 3 bis 4mal, bis er schließlich umfällt. Für Gleichge= wichtsgefühl und Richtungssinn des Tieres spielen also die Augen offenbar nicht die gleiche Rolle wie beim Menschen, der sehr wohl bei offenen Augen auch mit seitwärtsgedrehtem Kopf in gerader Richtung laufen kann.
Wie die gefürchteten Sinnestäuschungen der Flieger beim Wolkenflug zustande kommen, läßt sich aus dem Gesagten leicht erkennen. In dichtem Wolkennebel, der oft kaum mehr als einen halben Meter rechts und links von den Tragflächen erkennen läßt, hat der Flieger feine Möglichkeit, sich nach der Erde über die Lage seiner Maschine zu orientieren. Jede Kopfdrehung, ja, jede Neigung und jeder Versuch einer Kurve fann zur Folge haben, daß er Orien tierung und Gleichgewichtsgefühl verliert. Er weiß nicht mehr, wo oben und unten ist. Wenn aber erst einmal die Maschine aus ihrer normalen Lage geraten ist, dann können falsche Steuerausschläge, wie sie infolge der Täuschung des Führers über seine Lage im Raum leicht erklärlich sind, den Absturz noch beschleunigen. Ein eratt arbeitender Gleichgewichtsanzeiger ist also eines der notwendigsten und wichtigsten Hilfsinstrumente für jeden Flugzeugführer. Dr. H. Schütte.
Hans Bauer:
Wie wir doch schnell vergessen!
Ich bin, nebenher bemerkt, eben darüber, einen Roman der Inflation zu schreiben und sammle allerorten Material. Vor allem interessieren mich die Inflationserlebnisse meiner Bekannten: aber da ist nun festzustellen, daß das Phänomen der Geldentwertung eine Lappalie war gegenüber dem Phänomen des Vergessens, das sich darüber gebreitet hat. Eine Zeit, die die materiellen und seelischen Werte aus allen Fugen riß, die alle erdenklichen Besigverhältnisse umstülpte und mehr noch als fast der Krieg in das persönliche Leben eines jeden einzelnen eingriff, eine Beit, die, völlig einmalig, die Hausfrau vor ungeahnte Probleme stellte und den Mann in neuen, ungewohnten Berufen heimisch werden ließ, hat feinen sonderlichen Nachhall in den Gemütern zu hinterlassen vermocht.
,, Können Sie sich die Inflationsjahre vergegenwärtigen?" frage ich meine Bekannten. Aber natürlich," sagen sie,„ ach, das ist das mals eine schreckliche Zeit gewesen. Alle Tage murde alles teurer warten Sie mal, das muß doch 1920/21 fo rum gewesen sein. Na, und dann die Markengeschichte...
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„ Nein, nein," antwortete ich aus der überlegenen Position meiner Einarbeitung in das Material heraus, die tollsten Jahre maren nicht 20/21, sondern 22/23 und mit der Markengeschichte" hatte die Inflation so gut wie nichts mehr zu tun. Das war früher. Sie verwechseln hier zwei Dinge miteinander."
,, Kann schon sein," sagen die Interviewten, ach ja, richtig, 1923
wohnten wir in Darmstadt , ich weiß noch, wie meine Frau zu ihren Eltern nach Leipzig reiste... Ich hatte ihr 600 Mart mitgegeben, em Betrag, der völlig ausreichend schhen, aber da kam dann so' n Marksturz und ich mußte ihr noch 800 Mark nachschicken."
,, Unmöglich," wende ich ein, 1923 maren 800 Mart überhaupt tein Geld mehr, nur Bruchteile von Pfennigen."
„ Aber bitte sehr, ich weiß es doch noch wie heute. Sie können mr doch nicht ausreden, daß ich 1923 in Darmstadt wohnte."
,, Nein, nein, das rede ich Ihnen nicht aus, aber ich kann Ihnen nachweisen, daß Anfang 23 der Dollar bereits auf etwa 10 000 stand. mit 800 Mark war da absolut nichts anzufangen. Im übrigen interessieren mich auch die Preisverhältnisse, die ich längst an hand
von Dollarfurstabellen völlig einwandfrei ermittelt habe, viel weniger als die nicht ohne weiteres ermittelbaren Gefühle und Schicksale, die die Menschen damals hatten. Ist Ihnen da noch etwas Mar
fantes in Erinnerung?"
immer alles teurer ,, Ja, natürlich warten Sie mal.. also es wurde eben haben wir uns den Spaß gemacht, auf den Spieß im Lotus altes ach so, ja, das war originell, im Geschäft Geld zu stecken..."
Man recherchiere auf eigene Faust, rege zu Gesellschaftsabenden das neckische Unterhaltungsspiel an: Erinnerungen an die Inflation. Es ist erstaunlich, wie über gelegentliche kleine humoristische ist: die täglichen, stündlichen zermarternden Proben, auf die die Einschläge der große dramatische Grundcharakter vergessen worden Nerven gestellt wurden, die Aengste um das Zerrinnen des Geldes in der Tasche, die Ungewißheit des Morgen, der feeletötende Stumpffinn der ewigen Preisevergleicherei, die demütigende Rolle, die ehrliche Arbeit und die geistige noch mehr als die körperliche- gegenüber den Börsenhaussen spielte. Der Zorn gegen die Bilder der Nullensintflut ist längst verrauscht. Havenstein, Cuno, Stinnes find vergessen... die Saboteure der verschiedentlichen Martstügungsaktionen sind es auch Martstügungsaktionen sind es auch... Alles war Episode.
Die Menschen haben ein furchtbar schlechtes Gedächtnis,.der Teufel kann sich darauf verlassen. Die Qualen einer Inflation entfliehen nicht weniger rasch der Reichweite threr täglichen Gedanken als die höllischen Marterungen eines Krieges. Unausrottbar sind die ewigen Stehaufmännchen des Unglücks, die dem Uebel nichts nachtragen, die ihm verzeihen und Absolution erteilen. Das Elend der Welt: das ist nicht zuletzt auf den Konstruktionsfehler unseres Gehirns zurückzuführen, das wohl den luftigen Anblid behält, den die im Lotus aufgespießte Geldmatulatur bietet, dem aber die Tränen und Mühen entfallen, die vorher der Kampf um diese Scheine getostet hatte.