Die Not des Ostens.
Berarmung und Entvölkerung.
Auf Einladung der Provinzialverwaltungen von Niederfchlesien, Grenzmart, Brandenburg und Pommern bereiften einige Bertreter der deutschen Nachrichtenbureaus die Grenzmatt von Schlefien bis zum äußerflen Nordosten Pommerns , Ueber die Eindrücke dieser Reise wird uns geschrieben: Diese Fahrt, die über eine Grenzstrede von mehr als 1000 Kilo meter führte, zeigte den Teilnehmern die trostlose Lage, in der sich heute, zehn Jahre nach der neuen Grenzziehung, noch der gejamte deutsche Often befindet. Die neue Grenze im Osten hat die wichtigsten Lebensabern der agrarischen und industriellen Wirtschaft durchschnitten. Die überwiegend westöstlich gerich teten Verkehrswege, Eisenbahnen und Straßen sind zerrissen, alte Absatzgebiete find non thren natürlichen Produktionszentren getrennt, so daß trog vieler erfreulicher Beichen eines Wiederaufbaues der Gesamteinbrud in den vier Oftprovinzen westlich des polnischen Korridors äußerst bedrückend ist.
Die Umstellung der jeßigen Grenzgebiete wird durch die fata. strophalen Berkehrsverhältnisse äußerst erschwert. Die einzelnen Grenzfreise und Provinzen sind nicht in der Lage, aus eigenen Mitteln den Ausbau eines neuen Verkehrsnezes durch. zuführen. In einer Tiefenzone bis zu 40 Kilometern ist in Duzen den von kleinen und mittleren Städten eine früher blühende Industrie fast restlos zusammengebrochen. Drückende Arbeitslosigkeit und Entoölkerung der Grenzgebiete waren die Folgen. Die Landwirtschaft ist infolge fehlender Bahnanschlüsse und miserabler Wegeverhältnisse mit Fracht fosten derart belastet, daß Groß- und Kleinbetriebe in weiten Landstrichen für eine rentable Wirtschaft überhaupt nicht mehr in Frage kommen. Bei Zwangsversteigerungen, besonders in der Grenzmart und in Hinterpommern, finden sich in vielen Gegenden überhaupt keine deutschen Käufer mehr, da auch der tüchtigste Landwirt durch die verhängnisvolle Abschnürung von den großen Verkehrswegen aus seinem Gut nichts herausholen tann. In solchen Gegenden faßt die polnische Siedlung auf deutschem Boden Fuß. Auch fulturpolitisch liegen die Dinge in der Grenzmart fehr im argen. Im Kreise Flatom nördlich Schneidemühl mußten Schulen durch die Baupolizei megen Gefährdung der Kinder geschlossen werden; der Unterricht mußte vorübergehend im Freien fortgesetzt werden. In vereinzelten Fällen mußten Ställe als Rotschulen dienen. Die Wohnräume der Lehrerfamilien befinden sich teilweise in unglaublichen Zuständen. Berschiedentlich konnte man Schlafzimmer und Küche ohne Fenster feststellen. Diese Zustände wirten um so verhängnisvoller als die vom polnischen Staate unterstützten Minderheitsschulen sich sehr start von den deutschen Schulen in diesem Kreise abheben.
Die verantwortlichen Führer der Grenzprovinzen sind sich über die Auspirtungen der drohenden wirtschaftlichen und bevölkerungs-. politischen Gefahren, die aus den geschilderten Zuständen erwachsen, völlig im Blares. Sie weisen mit Recht auf die Anstrengungen des polnischen Staates hin, seine Weftmarf burch Siedlung, Ausbau des Berkehrsnezes, Borzugstarife ufm. zu stärken. Dr. Caspari, usw. der sozialdemokratische Landeshauptmann der Provinz GrenzmartWestpreußen- Bosen faßte die Forderungen. die bereits jeder einzelne Bandrat in den Grenzfreifen der Breffe vorgetragen hatte, bahin zufammen, daß die Selbsthilfe der Ostprovinzen auch der Durch führung der allerbringendsten Aufgabe nicht gewesen sei. Wenn jegt ein Hilfs programm für den Besten aufgestellt werde, so sei dies für den gesamteu deutschen Osten ein Schlag ins Gesicht
Ohne die Note und die Leiden der Rheinlandbefegung verfennen 3 wollen, müffe man doch sagen, daß der Besten Deutschlands im großen und ganzen seine volle wirtschaftliche Einheit habe erhalten fönnen, während der zerrissene Often langfam aber ficher bahinjieche. Der preußische Staat, dessen Unterstützung von Dr. Caspari durchaus anerkannt wurde, folle endlich seinen Wider. stand gegen die Besiedlung der großen ftaatlichen Domänen in der Proving Grenzmart aufgeben. Es müsse klar und deutlich auf die Gefahren hingewiesen werden, die durch die Entoölterung der ostdeutschen Grenzgebiete und das Nachstoßen des Polen tums für den ganzen deutschen Staat erwachsen mürden. Man müsse daher vom Reich und von dem preußischen Staat fordern, daß sie fünftig bei allen politischen Entscheidungen die Ostfrage unter dem Gesichtspuntt ansehen, daß finanzielle wirtschafts- und verkehrspolitiflche Unterstügung der Ostprovinzen zu den dringendfien Auf gaben der deutschen Politik gehören müssen.
Karlsruhe , 16. November.( Eigenbericht.) Die Berhandlungen über die Regierungsbiibung in Baden sind auf einem toten Buntt angelangt, nachdem das Zentrum den anfänglich von ihm gehegten Plan der Bildung einer 3weiparteien Regierung mit der Sozialdemokratie neuerdings wieder aufgegeben hat. Andererseits hat sich die liberale Arbeitsgemeinschaft ( Bolkspartei und Demokraten) inzwischen zur Wiederaufnahme der Berhandlungen bereit erflärt. Am Dienstag wird weiter verhandelt. Man will bis zum Wiederzusammentritt des Landtags, am tom menden Donnerstag unter allen Umständen eine Regierung gebildet haben.
Schobers optimistische Ankündigung.
Wien , 16. November.( Eigenbericht.) Breffevertretern erklärte Bundeskanzler Schober, daß die bis Berfassungsvorlage voraussichtlich in 10 12 Tagen unter Dach sein werde. In sehr vielen wichtigen Punkten sei ein Einvernehmen bereits erzielt worden. Die volle Klärung der noch ungelösten Fragen sei für tommende Woche zu erwarten. Infolgedessen sei anzunehmen, daß das Ver foffungswert ohne Zwischenfall verabschiedet und sich dann die wirtschaftslage schnell heben werde. Sollte dennoch jemand so verrückt sein und Unruhe stiften wollen, so werde die Regierung alles tun, um derartige Gedanken als muglose Störung auszuschalten. Die Grundlagen der Einigung.
Ueber den gegenwärtigen Stand und die Aussichten des Verfaffungsreformwertes verlautet gegenüber verschiedenen anderweitigen Nachrichten von unterrichteter Seite, daß eine Anzahl wichtiger Bunfte der Vorlage auch von der Opposition angenommen worden ist, so daß hierfür im Nationalrat die not wendige 3 weidrittelmehrheit gesichert erscheint. Dies betrifft besonders die
für die im wesentlichen die deutsche Verfassung vorbildlich ist. Das für die im wesentlichen die deutsche Verfassung vorbildlich ist. Das dem Bundespräsidenten zuzugestehende Notverordnungsrecht soll allerdings dadurch eingeschränkt werden, daß der Nationalrat bei seiner Anwendung binnen 30 Tagen davon zu verständigen wäre, die Verordnungen zu genehmigen hätte, fie aber auch aufheben tönnte. Angenommen sind bisher auch die grundsäglichen Bestim mungen über die Wahl des Bundespräsidenten durch das Bolt, ferner über die Führung der Bahllisten überhaupt durch
die Polizei, und schließlich wesentliche Puntie der Bors lage, die die Stadt Wien betreffen.
Ueber andere Punkte, über die zwischen der Mehrheit und der Opposition bisher eine Einigung erzielt werden fonnte, hat der Bundeskanzler in den letzten Tagen mit Bertretern der Mehrheit einzeln und zusammen sowie mit Bertretern der Sozialdemokratischen Bartel eingehend verhandelt.
Diese Besprechungen dauern noch an, doch ist für nächsten Mitts woch der Verfassungsausschuß einberufen worden, der die bisher fertig redigierten Bestimmungen der Borlage, über die ein Einver ständnis erzielt worden ist, sowie die Formulierungen der Parteien über die strittigen Punkte entgegennehmen und das Material dann Man hofft, daß nochmals dem Unterausschuß zuweisen wird. dieser in wenigen Sizungen bis Ende der Woche seine endgültigen Beratungen beendet haben wird, so daß die Berfassungsvorlage in ihrer zum Teil abgeänderten Form bereits übernächste Woche Dom Verfassungsausschuß an den Nationalrat weitergegeben und bort, wie erwähnt, mit 3weidrittelmehrheit angenommen werden dürfte. Niemand erwartete, wie von der maßgebenden Stelle besonders betont wurde, eine en- bloc- Annahme der ursprünglichen Berfassungsreformvorlage, doch dürfte das, was die Regierung fich feit sieben Wochen als Ziel gefeßt hat, also ein hoher Prozentfaz des ursprünglichen Inhalts verwirklicht werden.
Die Regierung fieht,( fo meldet BIB. weiter, offenbar Schober- offiziös) der Entwicklung der Dinge mit Ruhe entgegen. Sie glaubt auch nicht, daß alles das eintrifft, was vielfach im Inund Auslande als Begleitmusik zum Verfassungswerk mit viel Phantasie verkündet wurde. Sie hofft vielmehr zuversichtlich, daß trop manchen Geschreis niemand die Durchbringung der Berfaffungsvorlage hindern oder nach ihrer Annahme im Nationalrat versuchen wird, Unruhe zu stiften. Jedenfalls werde die Regierung alles daran setzen, um von vornherein jede Störung des inneren Friedens zu verhindern.
Die Regierungsbildung in Prag . Deutsche Sozialdemokratie v'elle cht beteiligt. Prag , 16. November.( Eigenbericht.)
In einer Besprechung Dr. Ludwig Czech s. des Führers der judetendeutschen Sozialdemokratie, mit dem Ministerpräsidenten, der auch die neue Regierung bilden soll, erklärte Dr. Czech, daß seine Bartei eine Beteiligung cm Kabinett von deffen Zusammen fegung und Brogramm abhängig machen würde. Ubrzal bat, ihm in den nächsten Tagen die programmatischen Forderungen der deutschen Sozialdemokraten zu übermitteln.
Das Warschauer Bezirksgericht verurteilte zwei Rebakteure der rechtsstehenden Gazeta Warszawska" wegen Verächtlich machung der Regierung zu je drei Monaten Gefängnis. Acht Monate Ge fanguis erhielt der verantwortliche Rebatteur der „ Chlopita Prawda"( Bauern- Wahrheit), der beschuldigt wurde, in Form(?) einer Abgeordneteninter. Jm Reichstage treten am Montag der Strafrechtsaus bellation zum Klassenhaß gegen die Großgrundbeschuß und der Geschäftsordnungsqus iuß zufammen. siter aufgereizt zu haben. Endlich erkannte das Gericht Nachmittags hält die deutschnationale Fraktion eine gegen den Redakteur der„ Gazeta Chlopsta " wegen eines Sigung ab. Abends tagt ferner der 2elteftentat, um den Artikels, der den Abg. Dombfti zum Verfasser hat, Beitpunkt der nächsten Blenarsizung zu bestimmen. auf drei Monate Gefängnis.
Rationalisten gegen Liquidationsvertrag.
Warichau, 16. November.( Eigenbericht.)
Beleidigungsprozeß in Sachen, Candvoll Bor dem Jhehoer Amtsgericht murden gestern, zwei Beleidigungsprozesse in Sachen Randvoll verhandelt. Der Rebatteur Bramor von der Zeitung Das Bandoolf" wurde wegen Beleidigung eines Lantjägers zu 60 Mart Geldbuße verurteilt. Dr. Stabler megen Berächtlichmachung ter Republit zu 300 Mart Geldstrafe.
Strafverfahren gegen Münchener Kommunisten. Gegen zwan. Münchener Kommunisten ist ein Strafverfahren wegen Geheimbünelei eingeleitet worden. Die Angeschuldigten sollen tros des Verbotes des Roten Frontfämpferbundes die Organisation diefer Bereinigung unter einer harmlosen Aufmachung weitergeführt und Bersammlungen abgehalten haben. Die Verhandlung gegen bie Kommunisten wird in der nächsten Zeit vor dem Schwurgericht stattfinden.
Die Agitation der polnischen Nationalisten gegen den deutschpolnischen Liquidationsvertrag wächst mit jedem Tag: ihre Presse veröffentlicht täglich Artifel, in denen fle die Regierung wegen besig Bertrages auf das heftigste angreift und zu beweisen versucht, daß diefer Bertrag für Bolen unter feinen Umständen annehmbar fei, da Polen nie und nimmer auf das Liquidations- und Wiederkaufsrecht verzichten dürfe. Gleichzeitig organisieren die Nationaldemotraten, vor allem der chauvinistische Westmartenverein, in Warschau und in der Provinz, besonders in Bosen und Bommerellen, Massenversammlungen gegen die Ratifizierung des Bertrages. Geplante Straßendemonstrationen hat ihnen die Polizei MAG
verboten.
Die Unterfuchung des Falles Campel. Zum Untersuchungsrichter in der Sache Lampel und Genossen ist Landgerichtsrat Dr. Trzentszichtte ernannt worden. Er hat bereits heute in Backenau einen Lotaltermin abgehalten.
Eine Ausschußfihung der Länderfonferenz. Am Montag um 9 Uhr vormittags findet im Reichsinnenministerium unter dem Borfih des Reichsinnenministers eine Sigung des Unterausschusses des
An der hiesigen Universität spielen sich seit Tagen anti- Ausschusses der Länderkonferenz statt. semitische Kramalle ab. Die Auseinandersetzungen begannen mit einer Schlägerei zwischen einer polnischen und einer jüdischen Studentenverbindung auf offener Straße. Seit dieser Zeit werden die jüdischen Studenten und Studentinnen von ihren nationalistischen Kollegen ständig überfallen, verprügelt und zu den Borlesungen nicht zugelassen. Gleichzeitig halten die natio nalistischen Studenten tagtäglich Bersammlungen ab, in denen der Ausschluß der Juden aus allen Studentenorganisationen gefordert wird. Die fozialistischen und demokratischen Studenten menden sich in Aufrufen gegen die Nationalisten.
Flottenkonferenzbeginn am 21. Januar. Amerita hat dem 21. Jamuar 1930 als Datum für den Beginn der Flottenfonferenz zugestimmt.
Ein Teil der Polizei und der Profefforen fympathifiert offen mit den Krawallern.
In der holländischen fommunistischen Partei offizieller Rich tung ist eine Krise ausgebrochen. Die Opposition fordert, daß die pertappten Bourgeois aus dem Parteivorstand entfernt werden. Eine neue Spaltung der Partei ist wahrscheinlich. Holland würde dann glücklich vier P.- Grüppchen befizen.
Der Ministerpräsident des Jraf hat seinen Selbstmord in einem Brief an feinen Sohn mit ter starren Ablehnung der mefopotami Ichen Freiheitsforderungen durch die britische Mandatsverwaltung" begründet.
Ursache und Wirkung.
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Furchtbare Korrup tion!
Furchtbare
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