(10. Fortsetzung.) Nur ein Streik hat bei uns einen ausgesprochen politischen unö reoolutionären Charakter gehabt, insofern er eine? der großen Probleme der Arbeiterdemotmtie zum Gegenstand halte; das war der General st reikvonTurin vom April 1920, der die Kontrolle der Beiriebe durch die Arbeiter erobern sollte. Er dauerte zehn Tage, um nach ernsten und dramatischen Zwischenfällen mit einer Niederlage zu enden. Was aber auch der Anlas) der proletarischen Bewegungen ge« wesen sein mag, sicher haben sie alle dazu beigetragen, jene Geistes. Verfassung auszulösen, jene Erwartung entscheidender oder wunder- barer Ereignisse, die die trüben Epochen des Uebergangs von einem Regime zum anderen kennzeichnet. Die Krise des Staates war im Jahre 1920 vor ollem psychologischer Art. Der Staat war noch cherr der materiellen Gewalt, aber nicht mehr Herr über die lieber- Zeugungen. Was die beständige Erregung des Parlaments betrifft, so hatte sie zweierlei Ursachen: die Unfähigkeit der bürgerlichen Majorität, über ein konkretes Programm einig zu werden und die Heftigkeit der sozialistischen Angriffe. Die Existenz einer kampak-
Leonida. Bissolatl ten Gruppe von hundert katholischen Deputierten, die ein Element der Stetigkeit für das Ministerium und die Politik hätte fein können, wurde vielmehr zu einem Element der Zersetzung, wegen der Bot- Mäßigkeit dieser Fraktion gegenüber dem Aatikan. Ja Italien hatte man vielleicht in abschließender Weise den Beweis erbracht, daß die Religion alp Aeußerung des geistigen Lebens der Politik fern- zubleiben hat und daß angesichts der große» sozialen Problem« der katholische Glaube, den dar Arbeiter mit dem Adligen gemein haben kann, weder dem Geist der Kritik noch dem Klassenkampf standzuhalten vermag. Die aus den Wahle» von 1919 hervorgegangene Mehrheit erwies sich als unfählg, sich selbst zu disziplinieren. Sie hat sich selbst nicht einmal gesunden. Ob sie wohl je das Bewußtsein der Gefahr gehabt hat. die dem Staate drohte? Hot sie je in den Er- eigmssen etwas anderes gesehen als eine Gelegenheit sür ihre klein- lichen Korridormanöver? Sicherlich nicht. Sic sah nur das, was klein und nah war, zu einer Zeit, wo es galt, das Ferne und Große zu sehen. Für diese Abgeordneten der Mehrheit waren die Unruhen der Arbeiterfchast, der Tatendrang der Jugend, der Marsch auf Fiume, die wirtschastlichni Schwierigkeiten lauter Episoden von geringer Bedeutung. Der Sozialismus? Das war ein Polizeiproblem! Die Wiedergeburt des imperialistischen Geistes? Das war Literatur. Gegenüber dieser chaotischen Mehrheit, der jede allgemeine Auf- fassung des Zeitvroblems abging, führte die Fraktion der 15 0 s o z i a l j st I s d) e n Abgeordneten einen energischen Kamps. Obwohl auch diese Fraktion in arundlegenden Fragen tief gespalten war, bot sie wenigstens die Fassade der Einheit, was ihr Kraft und Prestige gab. Neben erfahrenen Parlamentariern brachten die neugewählten Arbeiter und Akademiker den unmittelbaren und oft naiven Ausdruck des ernsten Willens nach politischer und sozialer Erneuerung, der Im Land: lebte Besonders die Arbeiter kümmerten sich weder um die Formen noch um diplomatische Feinheit«». Sie sprachen ofsep und ehrlich und nannten einen Lumpen einen Lumpen und einen Ausbeuter einen Ausbeuter Sie brachten Leben, Wucht und Urwüchsigkeit noch Montecitorio . Aber wohin ging der Weg? Ilm die Mitte des Jahres hatte sich ein Ereignis zugetragen, das den Kampswillen der Parlamentsmehrheit klarer zeigte. Nitti. der von jeher den Konservativen als das schwarze Schaf gegolten hatte, war gestürzt worden. Wohl hatte er der Bourgeoisie seines Landes manchen Dienst erwiesen, aber das hat ihm nicht einmal die Bitternis der Verbannung erspart. G i o l i t t t trat an seine Stelle. Dieser Mann, der— beinahe gegen seinen eigenen Willen— der große demokratische Reformer des Staates gewesen war und der dann im Jahr« 1919 au? Rom fliehen mußte unter dem Schimpf« Hagel der Patrioten, wurde nun aus den Schultern desselben bürgar» lichen Patriotismus wieder zur Regierung erhoben. Sein Ruf als tüchtiger Verwalter und'eine vollendete Geschicklichkeit tn der parlamentarischen Diktatur, die er in seiner langen Karriere so oft be- wiesen hatte, verschafften ihm dieses neuerstandene Dertrauen. Aber der kleinen parlamentarischen Politik war es bestimmt. -u die zweite Reihe zurückgedrängt zu werden angesichts des großen ioziale» Kauipfes, der in der Geschichte der italienischen Arbeiter- Vivegung den Namen der Fabrikbesetzung trägt.
Diese hat sich im September 1920 abgespielt. Seit mehr als einem Jahre hatte der von dem heute in der Verbannung lebenden Genossen Buozzi geleitete Verband der italienischen Metallarbeiter mit dem Derband der Unternehmer über einen neuen Tarifvertrag verhandelt. Di« Unterhandlungen kamen nur sehr langsam vor- wärts, und die Unternehmer drohten mit einer Aussperrung. Um dieser Drohung zuvorzukommen, ordneten die Führer der Metallarbeiter am 29. August an. die Betrieb« zu besetzen, welche Order in etwa 300 Fabriken durchgeführt wurde. Am nächsten Tag« dehnte sich die Bewegung auf beinahe alle Industrie- bezirke aus. Die Arbeiter hatten sofort den Eindruck eines entscheidenden Ereignisses, bei dem ihre Zukunft auf dem Spiel stand. Die Würfel waren gefallen. War dos endlich die Morgenröte jener Revolution. die soviel Hoffnung«» in der Seele des Volkes, soviel Furcht in der der herrschenden Klassen geweckt hatte? Ich weiß sehr wohl, daß nach den Absichten der Gcwerkschafts- führer die Fabrikbesetzung nur die Aufgabe hatte, einen Lohn- kämpf zu entscheiden. Aber jedes Ereignis empfängt von den äußeren Umständen seine entscheidende Prägung. In der Atmo- sphäre des Jahres 1920, nach zweijährigen Massenbewegungen, erhielt die Fabrikbesetzung in den Augen des B o l k e s den Wert einer konkreten Geltendmachung eines neuen Eigentumsrechtes. Im übrigen war es eine sehr malerische und interessante Zlnge- legenheit. Man besuchte die besetzten Fabriken, wie man zu einem Feste geht. Rote Fahnen wehten von den Schornsteinen. Die Mauern trugen Inschrislen„Hoch die Sooiets! Es lebe die Revo- liitiän? Arbeiterpatrouillen, oft mit Waffen in der Hand, hielten vor den Betrieben Wache. Kein Polizist oder Karabiniere war zu sehen. Der Staat glänzte durch Abwesenheit. Kein Lärmen aus den Straßen Im Innern der Fabriken erregte, lebhaste Tätigkeit. Die Arbeiter hatten Komitees zur technisckien und administrativen Leitung geschaffen, hatten eine Miliz bewaffnet und setzten ihre Energie ein, um die Arbeit weiterzusühren. Die ganze Nation hielt den Atem an in Erwartung einer Lösung. Ein Versuch des Arbeitsministers Labriola — der heute als Geächteter im Ausland lebt—, ein staatliches Schiedsgericht herbeizuführen, schlug sehl. Von einer Stunde zur anderen verdrängten die politischen Merkmale der Krise die ursprünglichen wirtschaftliche». Eine große Bank bot Kapitalien an, um die Industrie auf tollettivistlsch-r Grundlage zu organisieren. Die Eisenbahner weigerten sich. Truppen zu trans - portieren. Die ganze Arbeiterklasse wartete auf den Augenblick, in dem ihr Eingreisen eine Entscheidung herbeiführen konnte. Die sozialistische Partei hatte zu wählen zwischen dem Auftakt zur Eni-
scheidungsschlacht um die politische Macht und einem Rückzug, der ihrem revolutionären Prestige einen schweren Schlag versetzen mußte. Wieder wurde diskutiert und das Für und Wider abgewogen. Die Revolutionäre hätten gern die Verantwortung der Entscheidung aus die Reformisten abgewälzt, während diese der Zumutung aus- wichen, indem sie die Existenz eines revolutionären Problems in Abrede stellten. Handelte es sich um eine politische oder um eine gewerkschaftliche Bewegung? Am 10. und ll. September wurde eine Tagung von Gewerkschasllern und Parteiführern abgehalten, bei der zwei verschiedene Ausfassüngen zutage traten. Die einen wollten den ursprünglichen gewerkschaftlichen Charakter der Be- wegung beibehalten; die arideren wollten daraus den Ausgangspunkt eines Entscheidungskampfes machen sür die Eroberung der politischen Macht. Die erste Auffassung wurde mit 591 211 Stimmen(der ver- tretcnen Gewerkschaftsmitglieder) gegen 409 569 Stimmen ange- nommen. In der angenommenen Tagesordnung wurde als Zweck der Fabrikbesetzung die gewerkschaslliche Kontrolle der Betriebe aus- gestellt. Damit war die Möglichkeit einer Beilegung gegeben. Aus dcc Planke der„Kontrolle" kam die Regierung der Generalkonsöderation der Arbeit entgegen. Giolitti berief Unternehmer- und Arbeiter- Vertreter nach Turin und zwang die Unternehmer buchstäblich, die Kontrolle zu gewähren. So endete die Fabrikbesetzung mit einem gewerkschaftlichen Sieg, unter dem sich leider eine politische Nioder- läge der sozialistischen Partei versteckte. Die Fabrikbesetzung halte 22 Tage gedauert und bildete den Höhepunkt der Krise der Nach- kriegszeit; sie Halte den Staat gefestigt und gleichzeitig den Beweis erbracht, daß die sozialistische Partei zwar eine riesige WaHIinajchine war, aber ihr Mechanismus sich außerhalb der demokratischen Legalität sehr schwer handhaben ließ. Auch Mussolini feierte in seiner Zeitung die glücklich« Losung des Konflikts und stellte die neuen Beziehungen der Gleich- berechtigung, die sich aus der zugestandenen Kontrolle ergeben sollten, als eine wahre Revolution und den Beginn einer neuen Aera dar. Während der Bewegung hatte er übrigens versucht, wieder mit den Sozialisten Fühlung zu nehmen. Bei einem Besuch, den er dem Genossen Buozzi machte, hatte er gesagt: „Ob die Fabriken den Unternehmern oder den Arbeiter» ge- hören, ist mir ganz gleichgültig. Wir Faschisten würden nur im Fall eines bolschewistischen Aufstondes eingreifen." Indem er jetzt den Arbeitersieg feierte, versuchte cr das Prolo- tariat über die Zwecke der saschiftifchen Bewegung zu täuschen. In Wirklichkeit hatte es aber bei der Fabrikbesetzung nur einen Sieger gegeben: den Staat. Wohl blieb dem Proletariat ein wich- tiges Zugeständnis, das' Recht auf Kontrolle der Betriebe. Aber abgesehen davon, daß dies nur aus dem Papier stand, war durch diese Beilegung der revolutionäre Elan auf immer gebrachen. Ja, noch schlimmer, das proletarische Heer war in zwei Teile gespalten. Die Revolutionäre des Parteivorstandes, die Verfechter der Diktatur des Proletariats hatten vor den Reformisten der Generalkommission der Arbeit nachgeben müssen. Die großen bürgerlichen Zeitungen wie der„Cornere della Sera",„Secolo",„Giornale d'Italia" irrten sich nicht, als sie das Ueberwiegen des reformistischen über den reoo- lutionären Geist als das Anzeichen deuteten, daß nunmehr die Welle des Bolschewismus, die die herrschenden Klassen anfgerüttelt hatte. im Abflauen war. In der Tat lag zu Ende des Jahres 1920 der ilalienische Bolschewismus in den letzten Zügen. Dem Massen- aufstand waren die Flügel beschnitten. Auch in internationaler Beziehung stand damals der Bolschewis- mus vor einer entscheidenden Niederlage vor den Toren von Warschau , von der er sich nie wieder erlchlen sollt«. Die italienische Arbeiterbewegung fiel innerem Hader und Zwist zur Beut«. Und der Faschismus, der bis dahin ein ganZ unbeachtetes und machtloses Dasein geführt hatte, begann den Kopf zu erheben, indem er aus dem Rachedurst der Klassen, die vor der Drohung der proletarischen Reoolution gezittert hatten, Vorteil zog und die nationalistische Neurose der jungen Leute ausbeutet«, die in der giftigen Atmosphäre des Krieges herangewachsen waren. (Fortsetzung folgt.)
Rätsel* Ecke des„Abend".
Kreuzworträtsel.
Spirakenratsel.
W a a« r e ch t: 2. Weiblicher Vorname: 6 Italienischer Dich- ter; 8. Bogel ; 11. Englisches Bier; 12. Milchdrüse; 13 Weideland im Hochgebirge; 14. Gegenteil von Süß; 15. Heldengedicht ; 16. Weibl. Vorname: 23. Fluh in Afrika ; 24. Gedicht; 2-5. Nordisch« Götter aestali: 26. Hanbwerkzeug: 27. Anlilopenan.— Senkrecht: 1. Amtsklcid; 2. Fruchlart: 3. Bcrg in der echweu; 4. Fluß in Italien ; 5. Arabische Gottheit; 6. Geschlechtswort: 7. Gegenteil von alt; 9. Fisch: 10. Deutscher Badeort: 17. Einkommen: 18. Exotisches Tier: 19. Weiblicher Borname: 20. Pflanze; 21. Schlaginstrument: 22. Staat in Südamerika . elc. Herzwechsel. Die— f— erscheint zu Spiel und Tanz Aus dem Geisterreich bei Mondesglanz. Die—-s— dagegen ist Fleisch und Blut. Die— l— war einst als Längenmaß gut. Die— b— durchfließt viel deutsches Land, Und mündet dann am Nordseestrand. ab. Aus der Vogelwelt. Aus den Silben am be bu che che» ei en er«u ja fla gän gei go hu lach le ler kehl ma min ra rot san(< sei sfcer tau ten u sind 13 Dogelnamen zu bilden und so untereinander zu setzen, daß die Anfangsbuchstaben ein« Züchter« für Hühner usw. nannen. ab. Kapse'rätsel. Aus den Wörtern Einigkeit, Einkleidung, Kugel Förster , Osterei, Wetter, Verhältnis, Wertdeklaration, Airfeindung. Indien , Aerger, Geringschätzung sind je 3 aufeinanderfolgende Buchstaben zu ent- nehmen', die aneinandergefügt ein Zitat aus Goeihes„Iphigenie " ergeben. ab.
Waagerecht: 2 bi- blischc Person; 3. Zn- sekt: 5. Tochter des Tan- talus: 6. europäische Hauptstadt: 8. Tell der Tür; 9 kirchlicher Gesang: 11 Stadt imHarz: 12. deutscher Staat? mann; 14 Stadt inSach- sen: 16. Richtung der neueren Literoiur— Senkrecht: 1 Schmer- zenslaut. 2 hoher Priester: 4. deutscher Fluß: 5. Handwerk zeug: 7. Planet: 8. Fußbekleidung: 10 Frucht; 11. Bekleidungsstück: 13 Stadt in Ostpreußen ; 14. Gc- birg ein Amerika . Icr.
(Auflösung der Rätsel nächsten Sonnabend.)
Auflösung der Rätsel aus voriger?iummer. Rösselsprung: Jugend. ver Tag strahlt hell und ist so gut Dem frischen Quell, den: jungen Blut. Denn beide sind voll Ueberschwang Im Morgenwind und Vogelsang. Rauscht auch das Meer uralten Sinn: .Kamst zu mir her, gehst zu mir hin." Und rannt es tief aus Erdensein: „Was In mir schlief, wird wieder mein." Di« Schöpsuna muß sich stets«rneii'n Und Iugettd sich der Erde sreu'n. B. Schönlank. Di« fehlende Mittelsilbe: Silbe ran— Turandot . Veranda. Tarantel, Orange, Garantie, Weinrar.te, Umrandung. Schulranzen, Böranger, Kpranspruch, Anranzer, Tyrann«». Kreuzworträtsel. Waagerecht: 1. Rad: 3. Ast; 6. Auber; 8 Hemd; 10. Mist: 12. Leo; 13. See; 14. Sem; 17. Art; 19. Nase; 20. Lied; 22. Stube; 23. Li«; 24. Dis.— Senkrecht: 1. Reh; 2. Dome; 3. Arie; 4. Tat; 6. Udo; 7. Ems; 9. Elisa; ll. Sei!«: 15. Esse; 16. Met; 17. Alb: 18. Ried; 19. Nil; 21. Des.