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BERLIN Sonnabend 23. November 1929

Der Abend

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Nr. 550

B 274 46. Jahrgang

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Bolksabstimmung zweifelhaft.

11000 Stimmen in Ostpreußen ungültig.

Königsberg , 23. November.( Eigenbericht.) Der oftpreußische Abstimmungsausschus faßte am Sonnabend mittag folgende Entschließung über die Ein tragungen zum Boltsbegehren:

,, 319 000 Eintragungen im Stimmbezirk I werden für gültig erklärt. Die Entscheidung darüber, ob die noch verbleibenden Eintragungen gültig find oder nicht, bleibt einer späteren Beschlußfassung überlassen."

Der Abstimmungsausschuß mufte zu diesem Ergebnis Tommen, obwohl seine Nachprüfungen noch längst nicht heendet waren, um dem Reichswahlleiter einen Anhalt dafür zu geben, ob das Volksbegehren durchgegangen sei oder nicht. Auf Grund von Stichproben aus den bisher vorliegenden Nachprüfungen erklärte man 10 700 Ein tragungen für ungültig.

Kapital und Arbeit in Kassel .

Die Christlichsozialen auf Hugenbergs Parteitag isoliert.

So standen nun plötzlich die Gegenfäße zwischen Ka pital und Arbeit in ihrer Nacktheit vor dem Barteitag. Knapp ein Dußend der Delegierten hatte dem Arbeiter Hart­mig gelegentlich Beifall geflatscht. Aber als er endete, war etwas wie peinliches Schweigen über dem Saal. Nun mußte doch geantwortet werden...

F. Kl. Raffel, 23. November.( Eigenbericht.) die Anerkennung freier, ftandesbewußter Gewerkschaften und Ge= Am letzten Lage des deutschnationalen Parteitages flafften noffenschaften sowie die Mitverantwortung der Arbeiter für die plötzlich die ichroffen Gegenfäge auf, die die marristische Wirtschaft in Form von Betriebsräten aussprechen. Ferner erklärt Ideenwelt selbst in diese Gemeinschaft getragen hat. Da hat man er die staatliche Verpflichtung zur Leiffung von Arbeitslosenhilfe für auf die Tagesordnung den geistigen und wirtschaftlichen eine einmütige Arbeiterforderung. Rampf gegen den Margismus" gefeßt und für heute zu nächst als Unterabschnitt den Daseinstampf der Eigenwirtschaft vor genommen. Außer einem Landwirt Lind, der auch den Reichstag ztert, spricht hierzu ein Kaufmann namens Jäger aus Celle bei Hannover . Knapp und eindeutig mendet er sich gegen die, un persönliche Masse" und verherrlicht den selbständigen Wirtschaftsunternehmer mit seiner individuellen, auf Persönlichkeits­leistungen abgestellten Wirtschaft. Natürlich befämpft er die und ebenso natürlich die Wirtschaft der öffentlichen Hand. Deswegen ruft er alle Schichten dazu auf, die deutsche Unternehmer persönlichfeit wieder zu schaffen und dem Maffenwahn zu ents fagen, auch nicht mehr die Warenhäuser zu unterstützen. Alle Deutschnationalen müßten jede unpersönliche Wirtschaftsform" ab­lehnen, besonders die Konsumveriene und Warenhäuser.

Aber nichts von alledem. Der preußische Junker von Winterfeld erklärte als Borsigender, er wolle nicht auf die Ausführungen Hart

Familientragödie in Berlin N. onvereine, die er als Wirtſchaft der Maffe. Menich bezeichnet, wigs eingehen, aber er müffe als Eindruck des Parteitages aus­

Bater erschießt seine Stieftochter und sich selbst.

3m Norden Berlins , in der Osten der Straße 17, spielte fich heute früh eine blutige Tragödie ab. Der 24jährige Hausdiener karl plutnid erfchoß furz nach 7 Uhr feine fiebenjährige Stieftochter Margarethe Wittmann und tötete sich unmittelbar darauf durch einen Kopfschuß.

Blutnid, der noch nicht lange verheiratet ist, glaubte Grund zur Eifersucht auf seine um mehrere Jahre ältere Frau zu haben. Es tam deshalb häufig zu sehr heftigen Auftritten. Auch gestern abend fam es wieder zu einer Eifersuchtsszene, die schließlich damit endete, daß sich Frau P. aus der Wohnung entfernte und eine befreundete Familie in der Nachbarschaft aufsuchte. Blutnid erschien dort ebenfalls einige Zeit später, und die Bekannten be mühten sich, die Eheleute wieder auszusöhnen. Durch gutes Zureden der Leute gelang es schließlich, daß sich die Eheleute wieder aussöhnten. Gemeinsam begaben sich dann beide in ihre Wohnung in der Ostender Straße 17.

Dieser gewollte Borstoß gegen die ,, unpersönliche Masse Mensch" gab mun dem nachfolgenden Redner äußeren Anlaß, feine vor­bereitete Ansprache ein wenig spiker flingen zu lassen, als er sich das eigentlich erlauben durfte.

Es war dies nämlich der Reichstagsabgeordnete Hartwig, ein Arbeiterführer von der christlich- sozialen Schule. Er muß in diesem Kreis von kaiserlichen Offizieren, Gutsbesitzern und Beamten männ­lichen und weiblichen Geschlechts förmlich um Entschuldigung bitten, daß er überhaupt vorhanden ist. Er bemüht sich im Schmeiße seines Angesichts, nachzuweisen, daß die christliche Arbeiterbewegung das stärkste Bollmert gegen den Marxismus sei. Aber schließlich und endlich: das, was da von der Masse Mensch gefagt murde, geht ihm wider die Natur. Er entschuldigt sich förmlich, daß die chriftlichen Gewerkschaften auch mit Konfumvereinen zu tun haben, daß sie sogar aus Konkurrenz zum ,, marristisch be­Heute früh mun verließ. Frau P. schon sehr frühzeitig die Beeinflußten" Hauptverband der Krankenkassen einen eigenen Zentral­hausung, um einige Besorgungen zu machen. Sie war faum zehn verband der Krankenkassen aufgemacht haben. Diese Zersplitterung Minuten fort, als in der Wohnung plötzlich mehrere Schüffe fozialer Organisationen im Dienste der Unternehmerintereffen hält trachten. Hausbewohner schöpften sofort Verdacht und alar mierten die Polizei. Die Beamten verschafften sich gewaltsam Ein­er für ein gutes Wert und ist erstaunt, daß die offiziellen Redner laß. Den Eintretenden bot sich ein erschütterndes Bild. In seinem der Deutschnationalen fich plöglich gegen solche Massenorganisationen Bettchen fand man das liebenjährige Rind tot auf. Der Stiefvater hatte es durch einen Schuß in die Schläfe getötet. Bor dem Bett lag P., der seinem Leben ebenfalls durch einen Kopfsch ein Ende gemacht hatte. Aufzeichnungen, die über das Motiv zu der Tat hätten Aufschluß geben fönnen, wurden nicht gefunden. Die beiden Leichen wurden beschlagnahmt.

Wieder eine falsche Spur?

Die Nachforschungen zu der Berhaftung in Mettmann .

Düsseldorf . 23. November.

Am Freitagabend und Samstagvormittag wurden in Berfolg

wenden.

Der Patriarchalismus gehöre überwundenen Zeiten an, jagt er mit erhobenem Finger; heute muß der einzelne Arbeiter sich gewerkschaftlich organisieren, wenn er nicht im Getriebe der Wirtschaft zermalmt werden will. Es sei schon schwer, die Arbeiter bei der Partei zu halten, und die deutschnationalen Arbeiterführer hätten es wirklich nicht leicht. Deswegen bittet er händeringend, die verschiedenen Stände möchten sich doch mit dem Arbeiterstand in Einigkeit, Recht und Freiheit auf dem Boden des allgemeinen gleichen und geheimen Bahlrechts für alle Körperschaften zusammenfinden, möchten auch

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sprechen, daß Hartwig eine starte christliche Persön= lichteitsei! Bums, die Arbeiterfrage war durch ein junterliches Dittum erledigt.

Dann ging's auf die Kriegsgeneration los, die auch noch den Marrismis verteidigen soll. Drei Redner marschierten mit langen Ausführungen auf. Für die Deffentlichkeit aber ist der Fall dieses Parteitages ohnehin erledigt.

Raubüberfall bei Eberswalde .

Fuhrwert wird von Banditen beschossen.

Ein Anschlag wurde gestern auf das Lohnfuhrwert der Schering- Kahlbaum- Affiengesellschaft in der Nähe von Ebers­ walde

verübt.

Kutscher, hate aus der Stadt etwa 20 000 mark Lohngelder Das Fuhrwert, befeßzt mit einem Rassenboten und einem abgeholt und war etwa gegen 10% Uhr auf dem Wege in der Rich­tung nach Finow , 150 Meter vor der Eisenspalterei in einen Hohlweg gekommen. Links vom Wege zieht sich der Wald hin, rechts ist eine Anhöhe, die 5 bis 6 Meter über den Weg ansteigt. Vom Walde her tamen plötzlich zwei Männer, die blaue halbe Ge­fichtsmasken trugen. Aus Pistolen eröffneten fie fofort Feuer auf das Gespann. Der Kutscher hieb auf die Pferde ein und jagte davon. Etwa ein Duzend Schüsse wurden ihnen nachgesandt, trafen aber nur den Wagen, ohne größeres Unheil an­zurichten. Der Raubplan war gänzlich mißlungen. Die Eberswalder Polizei wurde benachrichtigt, man fonnte die Räuber aber nicht mehr finden. An den im Wagen aufgefundenen Kugeln fonnte aber festgestellt werden, daß die Räuber auch eine 9- Millimeter- Parabellumpistole benutzt hatten. Nach der Beschrei­bung, die der Ráffenbote und der Kutscher von den Wegelagerern gegeben hatten, wurde festgestellt, daß zwei Männer, die so aussahen, auf dem Bahnhof Eberswalde gewesen und von dort in Richtung Berlin abgefahren waren. Die Beschreibung wurde nach Berlin weitergegeben und daraufhin wurden gestern abend gegen 10 Uhr auf dem Bahnhof Gesundbrunnen zwei Leute festgenommen, ein 24 Jahre alter Hugo M.

Baffe unterwegs gefunden haben. Den räuberischen Anschlag be Bei ihnen fand man eine Pistole, Kaliber 6,35. Sie wollen die ftreiten sie entschieden. Sie behaupten, daß sie mit einem Motor­Straße einen Zusammenstoß gehabt hätten. Ihre Maschine sei so rad von Berlin nach Eberswalde gefahren seien und dort auf der beschädigt worden, daß sie sie in Reparatur geben und mit der Eisen­bahn zurückkehren mußten. Die Nachprüfung dieser Angaben ist noch nicht abgefchloffen.

der Festnahme des Waldemar Stelzer die Nachforschungen ganzen Reihe von Jeugen, die vorher behaupteten, den gesuchten und ein gleidhaltriger Willy D., beide aus der Huffitenstraße. durch die Kriminalpolizei in Mettmann eifrig fortgesetzt. An richtigen Berbrecher bei der Gegenüberstellung bestimmt wiederzuerkennen, Tatsachen ergibt fich, daß die Hornbrille, die bei der Hausfuchung gegenübergestellt worden. Reiner diefer 3eugen erkennt nicht gefunden werden konnte, entdedi ift. Der für die Düffel- ihn als den gesuchten Verbrecher wieder. Einige Zeugen erklären dorfer Morde in Frage kommende Mann foll befannflich eine Horn- fogar mit Bestimmtheit, daß Stelzer nicht der Täter fei. brille getragen haben. Weiter ist festgestellt, daß Stelzer bei den Auch aus der Schriftvergleichung haben sich Anhaltspunkte für seine Ausgrabungen in Papendell anwesend gewesen ist. Es ist des Täterschaft nicht ergeben. Seine Bernehmung wird fort­weiteren durch eine Reihe von Zeugen festgestellt, daß Stelzer erzählt gefeht. Jnsbefondere wird feine Glaubwürdigkeit durch genaue hat, häufig in Frauenkleidern nach Düsseldorf ge- Nachprüfung feiner Angaben noch festgestellt. fahren zu sein.

Stelzer hat sich besonders dadurch verdächtig gemacht, daß er, Die Pressestelle der Düsseldorfer Kriminal- offenbar beeinflußt durch überspannte religiöfe Jdeen, nach gött. polizei gibt zu dieser Angelegenheit nachstehenden Bericht heraus: licher Bestimmung in feiner Berfon fowohl einen Mann als auch Stelzer ist Freitag und Sonnabend vormittag eingehend ver- eine Frau verkörpert fah. Dieser Gedanke trug dazu bei, daß er nommen worden. Bisher sind keinerlei Tatsachen festge- in den Sommermonaten beim Baden auf den Rheinwiefen gelegent­fiellt, die darauf schließen lassen, daß er als derjenige, der die Morde lich durch seine Bekleidung den Eindrud zu erken suchte, als sei oder die Ueberfälle begangen hat, in Frage kommt. Er ist einer er eine Frau,

Clemenceau liegt in Sterben.

Paris , 23. November.( Eigenbericht.) Clemenceaus Zustand ist hoffnungslos. Die Aerzte glauben nicht mehr an die Möglichkeit, ihn zu retten. Der Todes= lampf hat eingesetzt. Das Herz arbeitet noch, allein die Nieren­tätigkeit hat aufgehört. Nach der Ansicht der Aerzte hat Clemen­ ceau höchstens noch einen Tag zu leben.