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Bellage

Freitag, 3. Januar 1930.

Bild 1:

a) Taschendieb( Zieher) b) Taschendieb( Decker) c) Das Opfer

Der Abend

Vor Taschendieben

Bild 2: a) Allein arbeitender Taschendieb, b) das Opfer

Der Grund dafür, daß immer noch ein nicht unerheblicher Teil der Reisenden auf der Eisenbahn bestohlen wird, liegt nicht allein in dem teilweisen Ueberhandnehmen des internationalen Berbrecher tum in den Zügen, sondern auch in der Unachtsamkeit der Reifenden felbst. Einem aufmerksamen Beobachter fällt es nicht allzu schwer, festzustellen, daß viele Reisende in geradezu unverant­mortlich leichtfertiger Weise mit ihrem Eigentum umgehen. Man ficht, wie Reisende beim Bezahlen ihrer Fahrkarten und Gepäd frachten im stärksten Gedränge arglos ihre Geldbörsen neben sich legen oder das am Schalter zurüderhaltene Geld in die äußere Rod­tasche stecken! Wenn diese Fehler in der Hauptsache dem männlichen Geschlecht eigen find, so machen die Frauen die gleichen oder ähnliche. Bei ihnen beobachtet man vor allem, daß sie ihre Handtasche offen­stehen lassen! Natürlich fann von jedermann die obenliegende Geld­börse gesehen werden. Andere Reisende wieder knöpfen ihre Röde und Mäntel nicht zu und lassen so Uhrtetten und zum Teil auch Brieftaschen sehen. Abgesehen davon, daß fie in diesen Fällen weni­ger druckempfindlich sind als sonst, bedarf es unter diesen wie auch den bereits angeführten Umständen feiner besonderen Kunstfertigkeit, in die gewünschte Brieftasche, Geldbörse oder Uhr zu stehlen. Das gleiche läßt sich auch für Fälle behaupten, in denen reisende Frauen die Plätze mit ihrer Handtasche belegen und sich dann am Fenster oder gar auf dem Bahnsteig von ihrer Begleitung verabschieden. Ebenso herrscht unter ihnen die üble Angewohnheit des Tragens der Handtasche am Tragriemen, statt den Arm durch den Riemen zu frecen und die Tasche dann unter dem Arm zu tragen! Gerade durch diese Leichtfertigkeit werden die Frauen, die ja überhaupt den größten Prozentsatz unter den Opfern der D- 3ugdieb: bilden, be­stohlen.

Auch das Unbeaufsichtigtlaffen des Gepads in den Zügen und auf den Bahnsteigen ist manchem Reisenden schon zum Berhängnis geworden. Azu große Bertrauensseligkeit auf der Reise Fremden gegenüber bringt eben leicht Schaben mit sich. So ist z. B. das Un wefen der wilden Gepäckträger ebenfalls eine Gefahr für solche Rei­sende, denen diese Art Gauner, die ähnlich wie die Taschendiebe unter der harmlosesten Maste an ihre Opfer herantreten, erbeuten in der Regel wertvollere Objekte als diese.

Der weitaus gefähr lichste dieser D- Zugbiebe ist der Taschendieb. Zur Beurteilung des Grades der Gefährlichkeit hat man bei Taschendieben zwischen internationa­len, interlofalen und Lotalen Taschendieben zu unterscheiden. Der internationale reisende Taschendieb ist der in­telligentefte und daher auch am meisten zu ift er gewöhnlich in Bolen, Ungarn , Dester­reich und Rumänien

und ist in der Regel in den Herkunftsländern der Taschendiebe, so be­fonders in Polen , fa fernenartig unter­gebracht. Hierdurch ist eine Diel

Bild 3: a) Taschendieb Zieher, b) and c) naxiirlidh Decker, d) das Opfer

engere und intimere persönliche Gemeinschaft untereinander bedingt, deren Folgen ein Bon- zinander- Lernen und ein gegenseitiger Austausch der auf dem Gebiete des Taschendieb. stahls gesammelten Erfahrungen ist.

Es wird vielfach angenommen, daß die internationalen Taschen Diebe in Lodz ( Bolen) eine Schule unterhalten, in der sie in alle einschlägigen Trids von alten routinierten Zunftgenossen einge­weiht werden und die sie an lebenden und toten Modellen( Puppen in Lebensgröße) ausführen müssen. Zweifelsfrei ist dieses meines Wissens jedoch noch nicht erwiesen, aber bei der mitunter an Bir­tuofität grenzenden Gefchiclichfeit faft anzunehmen!

Einige Bilder mögen die Tricks der Taschentiche erläutern. Die beiden Taschendiebe auf Bild 1, die sich in diesem Falle j das Stehlen von Uhren gelegt haben, ftellten während

Shalausgabe des Vorwards

wird gewarnt!

der Fahrt durch geschickte Beobachtungen bei dem Reisenden fest, daß die in seinem Befitz befindliche Uhr einen hohen Wert hatte. Der geeignete Augenblic, die Uhr zu ziehen", mar daher beim Aus­bzw. Umsteigen des Reisenden gegeben. Während der sogenannte 3ieher" vor dem Opfer aufging, drängte fein Komplice, der Deder", mit einem Koffer hinter dem Reisenden scharf dem Ausgang zu. Das Opfer murde also in die Mitte genommen. Un­mittelbar vor der Wagentür angekommen, dreht der Zieher sich plötzlich um und versucht, unter dem Borwand, etwas vergessen zu haben, wieder in das Innere des Wagens zu gelangen.

Dieser Moment ist für den nachdrängenden Deder das Sig­nal, das Opfer durch Büffe mit dem Koffer erstens drudun­empfindlich zu machen und zweitens es zu klemmen", d. h. dem Reisenden wird für einen Augenblid die Bewegungsfreiheit ge­nommen, wodurch er abgelenkt wird. Nun drängt der Zieher seitlich am Opfer vorbei und zieht die Uhr mit der linten hand, während er mit dem rechten Arm, über den er eine Reisedecke hängen hat, die Sicht des Opfers nach der Uhr selbst deckt.

Auf Bild 2 handelt es sich um einen allein arbeitenden Taschen­dieb, der also gleichzeitig 3icher und Decker ist.

Die aus vier Taschendieben bestehende Kolonne auf Bild 3, Zieher und drei Decker, hat den zu bestehlenden Reisenden beim Bezahlen seiner Fahrkarte am Schalter bereits beobachtet und fest­gestellt, daß er dann die Brieftasche in die Gesäßtasche stedte. Das beim Einsteigen auf dem Bahnsteige entstandene Ge­dränge wird von zwei Deckern in der üblichen Weise noch mehr verschärft, während der dritte Decker im Bageninnern stehen bleibt und damit verhindert, daß das Opfer durch allzu schnelles Einsteigen sich dem Griff des Ziehers entzieht.

wesentlich Borschub geleistet wird. Das darauf folgende Baar trägt richtigerweise die Handtasche unter dem Arm bzw. hat Jadett und Mantel gut zugeknöpft. Hierdurch ist die Beraubungsmöglichkeit erheblich herabgemindert. erheblich herabgemindert. Dieses erkennen auch die anrvejenden

Bild 4: a) Zieher, b) und c) Decker, 1. und 2. Faisches Verhaltene 3. und 4. Richtiges Verhalten! Diebe( Deder), die ihrem Zieher nur einen Tipp" auf das erste Paar geben. Adalbert Hoffmann,

Bild 4 hat rein instruktiven Charakter und zeigt, wie man reisen und wie man nicht reisen soll. Das erste sich der Wagentür nähernde Baar trägt die Handtasche am Bügel bzw. läßt Mantel und Taschendiebstahlkommando beim Sicherheitsdienst der Reichsbahn Jadett offen, so daß den Dieben hierdurch in ihrer Arbeitsweise

direktion Hannover .

Temperenz- nicht - nicht Abstinenz!

Eine Erwiderung zum Thema: Alkohol

Nach Meinung des Genossen Krüger trägt an den täglichen Verkehrsunfällen immer wieder zum Teil König Alkohol" die Schuld. Nun steht ja statistisch fest, daß in Berlin die Zahl der täglichen Verkehrsunfälle durchaus nicht größer ist eher geringer als in den gleich großen amerikanischen Hauptstädten. Nach Ansicht des Genossen Kruger mehrt fich täglich an den Türen der Gastwirtschaften die Zahl der hungern­den Frauen und Kinder, denen der Fluch des Alkohols Tränen statt Brot bietet. Derartige Bilder dürften wohl mur in der Phantasie des Genossen Krüger existieren, andere haben sie wohl toum beob achtet. Oder gibt es in New York und London keine Elendsquartiere mit all ihren Begleiterscheinungen wie etma in Berlin ? Bei einem bedeutend größeren Bierumjayz vor dem Kriege mar doch die Lebenshaltung des deutschen Arbeiters eine wesentlich bessere als heute.

Der im ,, Abend" vom 16. Dezember 1929 veröffentlichte Artifel Schleichhändler und Hehlergewerbe hervorgerufen, des Genossen Heinz Krüger fordert, besonders in seinem Schluß- das zur schlimmsten Korruption und Loderung aller Moral ge jazz, zu schärftem Widerspruch heraus. Wenn sich der Artikel in führt hat. den fachlichen Bahnen, wie die in den Berliner Wirtschaftsberichten" Dom 14. Juli 1929 von Herrn Dr. Treitsch te gemachten Aus­führungen bewegen würde, so wäre faum etwas dazu zu sagen. Da aber auch hier wieder die alten, schon vergilbten Ladenhüter über die ,, nachhaltigsten sozialen Schäden" hervorgeholt werden, so wollen mir freigemerfschaftlich organisierten Angestellten und Ar­beiter der Brauindustrie ebenfalls an dieser Stelle erklären, daß die Dinge denn doch anders aussehen. Diese primitive Dar­stellung, die für alles soziale Elend der Jehtzeit nur den Alkohol und mie der Genosse Krüger behauptet, besonders das Bier verantwortlich machen will, löst doch allmählich selbst bei den Aermsten im Geiste nur noch ungetrübteste Seiterfeit aus. Die Herren Abstinenten sollten doch mit dieser Art von Beweisführung endlich einmal aufhören. Vielleicht wird auch hier wieder, wie schon oft, der Vorwurf erhoben, wir seien vom Alkoholtapital be­stochen; das soll uns aber nicht hindern, auszusprechen, was iſt. Vielleicht äußert sich also der Genosse Krüger mal darüber, wie er sich in Deutschland die Durchführung der Trockenlegungstendenzen des Arbeiter- Abstinentenbundes dentt, noch dazu bei der derzeitigen Wirtschaftslage. Millionen von Wolfsgenossen finden heute in der deutschen Brauindustrie und den von ihr gespeisten Industrien Brot und Lohn. Vielleicht verraten uns die Herren Abstinenzler, was fie dafür als Ersatz bieten, oder ist nicht die Arbeitslosigkeit schon groß genug? Solange es eine gut florierende Brauindustrie heute noch gibt, ist sie ja mohl als meffende Ruh gerade gut, doch wenn in Deutschland die Wirtschafts­lage wieder in Blüte ist, dann her mit der Trockenlegung! Man erspare mir die Charakterisierung einer solchen Einstellung.

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Von der Bedeutung der Brauindustrie für die Landwirt­haft scheint dem Genossen Krüger auch nichts bekannt zu sein. Beläuft sich doch der Gesamtbedarf an Braugerste auf mehr als 12 Millionen Doppelzentner. und an Hopfen auf rund 250 000 Zentner, und diese Mengen werden zum größten Teile aus der inländischen Erzeugung gedeckt. Rechnet man beides zusammen, so übersteigt der Einkauf der Brauereien bei der heimi. chen Landwirtschaft 300 Millionen Mark. Bei einer Gesamtanbau­fläche der Braugerste von rund 550 000 Heftar wäre eine erzwungene Einstellung der Bierbrauereien, welche ja bekanntlich von den radi talen Anhängern der Abstinenz gefordert wird, für die Landwirt schaft von unabsehbaren Folgen. Wie eingehendere Untersuchungen Lehren, tommt bei einem Ersatz der Brangerste durch andere Kultur­pflanzen stets eine Verschlechterung der Bodenrente heraus, sei es durch Ertragsminderung, Beeinträchtigung der Frucht folge nder Störung der landwirtschaftlichen Arbeitsverteilung, melche naturgemäß eine Berteuerung der Erzeugung zur Folge haben muß. Beim Hopfen ist die Lage des Produzenten in jeder Hinsicht noch kritischer, da der Anbau sehr großen Arbeitsaufwand und Kosten erfordert, und der Hopfenbauer noch ständig von der Bernichtung seiner Erute durch die Benorospora bedroht ist.

Trodenlegungsvergleiche mit den Bereinigten Staaten sind voll tommen obmegig, da das Bier dort volkswirtschaftlich sowohl als auch als Genußmittel der breiten Massen nie die Bedeutung gehabt hat wie in Deutschland . Es mierd vielleicht hierauf etwas über die Segnungen der Prohibition entgegenet werden; wer jedoch die Dinge drüben aufmerksam verfolgt, wird wissen, daß sich in den Bereinigten Staaten heute jeder, der die nötigen Mittel hat, Alkohol in jeder Form und Menge beschaffen Lann, und mer das Geld dazu nicht befizt, braut sich selbst ein undefinierbares Zeug zusammen, das dann die schlimmsten gesundheitlid, en Schäden her­vorruft. Gerade die Trodenlegung der Bereinigten Staaten hat ja befanntermaßen ein das ganz Land umfassendes

Daß die Trunkjucht zu bekämpfen ist, darüber besteht wohl unter verständigen Menschen: feine Meinungsverschiedenheit. Diese hemmungslose, vollkommen verzerrende Propaganda der Abstinenz­pereine muß jedoch auf das Entschiedenste abgelehnt werden. Jedes Nahrungs- und Genußmittel im Uebermaß genpifen ist schließlich schädlich.

Geheimrat Professor Dr. Orth, Direfior des Patholog. Instituts der Universität Berlin, jagt in der Zeitschrift Tuberculofis" in einer umfassenden Arbeit, über Alkohol und Tuberkulose u. 0: .. und leider hat gerade in dem Kampie gegen den Alto­holismus maßlase Hebertreibung und fritiffcfes Nachbeten un bemiesener Behauptungen unermeßlichen Schader gestiftet." Prof. Dr. Binsmanger Jena schrieb in der Schweiz . Med. Wochenschrift":

Denn die Tatsache ist troh widersprechender Laboratoriums. versuche unbestreitbar, daß geringe Mengen alkoholischer Getränke nicht nur feinen Schaden stiften, sondern anregend auf Körper und Geist wirken und zur Erhöhung der Lebensfreudigkeit führen können. Nicht Abstinenz, sondern Temperenz. das ist die Selbst­erziehung zur Mäßigung, sollen wir Aerzte predigen usw.

Am Schluß seiner Ausführungen stößt der Genosse Krüger nochmals einen gewaltigen Schlachtruf gegen den König Alkohol" aus und fordert Partei und Gewerkschaften zur Hilfe auf. Vielleicht auch den Verband der Nahrungsmittel- und Getränkearbeiter mit seinen Hunderttausenden von Mitgliedern oder die sehr start frei­gewerkschaftlich organisierten Angestellten der Brauindustrie? Oder vielleicht auch die Gewerkschaftsbrauerei in Süddeutschland ? Soll nielleicht im Gewertschaftshaus nur noch Brause und Selters perabfolgt werden? Ich glaube aber, daß sich auch die anderen Gewerkschaften in ihrer überwältigenden Mehrzahl für einen derartigen Ramps", der ja saließlich ein Kampf gegen die eigenen Boltsgenossen wäre, bestens bedanken werden. Die Arbeiter und Angestellten der Brauindustrie werden deshalb stets dafür eintreten, daß dem deutschen Arbeiter nicht der Genuß seines Bieres unmöglich gemacht und ihm das bißchen Daseinsfreude mehr und mehr geraubt mird. Ist es doch heute schon beinahe so, daß das Bier zu einem Lurusgetränk der wohlhabenden Klaffen wird, weil es für die Massen der arbeitenden Bevölkerung bei der dauernden Erhöhung der Bier­steuer faum noch erschwinglich ist.

Zum Schluß sei daher nochmals betont, mir freigewerkschaftlich organisierten Arbeiter und Angestellten werden uns gegen alle muder menden, seien fie nun aus dem Lager der Kirche oder der Abstinenz­apostel. Beide bedrohen unsere Existenz, sie werden uns auf dem Bosten finden.

O. Räbiger, Borsitzender der Sektion Brauereiongeftellte im Zentralverband der Angestellten.