Morgenausgabe Nr 99
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47.Iahrgang
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Freitag 28. Februar 1930 Groß-Äerlin 10 Pf. Auswärts 15 pf.
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Zum Gedächtnis! Friedrich Sberis fünfter Todestag. Mit dem Heutigen Tage rundet sich ein Jahrfünft, seit die Sozialdemokratische Partei chren Führer Friedrich Ebert . die Deutsch « Republik chren ersten Präsidenten ver- loren hat. Trotz der Kürze dieses Zeitraums und trotz der Heftig- keit, mit der in Deutschland der Kampf der Parteien geführt wird kann man sagen, daß das Bild dieses Mannes in der Geschichte kaum noch schwankt. Es zeigt ihn als den festen, besonnenen Steuermann des Staatsschiffs in aller- schwersten Stürmen und Gefahren. Als Deutschland den größten aller Kriege verloren hatte, als seine morschen Throne zusammenbrachen, alz ein enttäuschtes. entmutigtes Millionenheer nach der Heimat zurückströmte, in der es weder Arbeit noch Verdienst gab, sondern nur eine verzweifelte halbverhungerte Zivilbevölkerung von Kriegs- untauglichen, Frauen, Kindern und Greifen, als der Wahnsinn der Sieger und der Besiegten sich anschickte, durch Diktate von außen und Bürgerkriege im Innern auch den letzten Rest von Lebenzmöglichkeit zu zer- stört— da war es C b e r t. der als ein wirklicher Führer des tolles den schweren und gefährlichen Weg aus dem Wirr al voranging. D'e Kraft zu seiner großen Mission floß aus zwei Quellen: einmal aus seiner eigenen starken Persönlichkeit, dann aber auch aus der großen Bewegung, mit der er gewachsen war und deren Geist ihn erfüllte. Die deutsche. Sozialdemokratie hat ihre großen Propheten und ihre großen Realpolitiker gehabt, beide zur rechten Zeit! Cbert hätte nie em Erwecker der Massen werden können wie Bebel/ dazu fehlte ihck die zündend« Rednergabe und die Macht der Suggestion. Aber auch Bebel hätte kaum leisten köniren was.Ebext geleistet hat, denn dessen Arbeit konnte nur getan werden unter heroischem Verzicht auf alle Illüsio- ncn und in unermeßlicher Geduld. Eberl und seine Helfer haben in der Zeit des drohenden Untergangs aus dem sozialdemokratischen Pro- g r a m m verwirklicht, was verwirklicht werden und zur Rettung dienen konnte: die politische Demokratie, den Achtstundentag, den Ausbau der sozialen Institutionen. Ebenso entsprang die Abkehr vom Revanche-Wahngedankcn, die energisch« Hinwendung zu einer Politik der Frieden» sicherung und der Böller- Verständigung altem sozialdemokratischem Gedankengut. Es war aber die Tragik dieser weltgeschichtlichen Rettungsaktion, daß sie unmittelbar und augenblicklich a u f Dank nicht rechnen konnte. Sie legte den Grund zu einem neuen Aufstieg, aber sie war nicht imstande, die Qualen einer bittersten Notzeit mit einem Schlage zu bannen. Die Verzweiflung breiter Massen sucht« augenblickliche Ab- Hilfe und trieb auf Wege, auf denen nichts anderes zu finden war als noch viel entsetzlicheres Elend. So war Ebert genötigt, Maßnahmen zu ergreifen oder zu billigen, die oft in den eigenen Reihen auf schärfste Kritik stießen. Darunter hat er— wie alle wissen, die ihn genau kannten— schwer gelitten: denn auch als Staatsoberhaupt, das die Pflicht zur Unparteilichkeit übte, bewies Ebert stets mit Kopf und Herz Sozialdemokrat. Er hatte sich entschlossen, keine neue Kandidatur zur Reichspräsidentenschaft anzunehmen, fondern nach einer Well- reise, die seinen Gesichtskreis erwellern sollte, in Reih und Glied der sozialistischen Arbeiterbewegung zurückzukehren Obwohl er im Brennpunkt der Spaltungskämpfe gestanden hatte, oder vielleicht gerade deshalb war«r einer der ersten, die für die Wiedervereinigung eintraten. Das Ge- fühl für die innere Zusammengehörigkeit der ganzen modernen Arbeiterbewegung und seiner eigenen unzerreiß- baren Zugehörigkeit zu ihr blieb in allen Zeiten unver- ändert stark. Das haben die Massen draußen zunächst mehr gefühls- mäßig als nerstandesmähig erkannt. Ebert blieb für sie einer aus ihrer Mitte, Fleisch von ihrem Fleisch. Blut von ihrem Blut. Ueberrasckend schnell ist aber dann auch das Ver- st ä n d n i s für die große plötzliche Mission Eberls in den Massen wachgeworden, und damit haben sie für ihre eigene Reife ein vollgültiges Zeugnis abgeleK. Eberts Arbeit und Eberls Andenken verbinden die deut- sche Arbeiterklasse mit der Deutschen Republik. Der Name Ebert, der unvergänglich in der Geschichte geworden ist, be- deutet auch ein Programm für die deutsche Sozialdemo- kratie. Sie kämpft nicht gegen den Staat, sondern u m den I
Dem in den nächsten Wochen erscheinenden Jahrbuch der Dem- schen Sozialdemokratie für 1929 entnehmen wir, daß di« Partei am Schlüsse des JahreS 1 021 777 Mitglieder zählte. Damit wurde das Ziel der W e r b e w o ch e im Herbst: Eine Million Mitglieder mustern zu können, nicht nur erreicht, sondern noch In erfreulicher Weise überschritten, lieber 84000 Mitglieder traten in die Partei neu ein. Und das in einer Zost der beispiellosen Hetze gegen unsere Partei und der wahllosen Derleum- dung mancher im Vordergrund stehender Genossen, in der Zeit einer skrupellosen Verleumdungssucht, die namentlich i» Berlin ihre üblen Giftblosen schlug. Dieses Vorwärtsschreiten der Partei beweist, daß di« Arbeiter sich nicht kopfscheu machen lassen und datz di« Werbetraft der Partei durch das Gekläff der Gegner— besonders der radikalen linken und rechten— nicht gelähmt weiden kann. Die Partei hat das Vertrauen großer Volks Massen.
- 805442 Männer und 218335 Frauen zählen sich zur Sozial- demokratischen Partei. (Ebenso erfreulich wie diese Zunahme der Mitglieder» zahl ist die Zunahme der Ortsvereine. Von 891S im Vorjahre stieg sie auf SS44 im Jahre 1929. Di« Partei hat sich also auch organisatorisch verbreitert uiü» sie gewinnt damit täglich mehr Einsluß auf die Gestaltung der politischen Zustände, besonders in den Gemeinden und Ländern. U e b e r 11 Millionen Mark Einnahmen beweisen die starke Finanzgebarung der Partei. Rund 72 500 Mitglieder- oersammlungen. 27 500 öffentliche Versammlungen und die Der- teilung von über 72 Millionen Flugblätter und Agitationsschriften zeigen die immense agitatorische Arbeit auch des letzten Partei- genossen, der mit Eifer und Liebe für die sozialistische Idee wirbt. Möge dieser opferfreudigen Parteiarbeit auch in diesem Jahre ei« guter Grfvlg blühe«?
Gestern erfolgte in der Stadtoerordnetensitzung die Der- eidigung der neu bestätigten Stadträte, darunter der beiden kommunistischen Stadträte Raddatz und Letz. Diese beiden kommunistischen Stadträte wenden sich mit einer Reihe von kommunistischen Funktionären gegen di« Wahnsinnstaktik der Stalin -Kommunisten. Ihre Erklärung wird als Flugblatt verbreitet. Das Flugblatt lautet: Dl« Kommunistische Partei hat in der letzten Zeit in ihrer poii» tischen Linie eine Schwenkung vollzogen, die sich mehr und mehr zum Schaden der deutschen Arbeiterbewegung aus- wirkt. Diese Schwenkung ist nicht begründet durch eine Aendming der Kampfbedingungen für das deutsche Proletariat, sondern entspringt lediglich dem agitatorischen Bedürfnis der aus) die russische Lruderpartei beherrschenden Stalin -Gruppe. Dem russischen Arbeiter wird die deutsche Partei als ein« am Vorabend der proletarischen Revolution stehende, nahezu völlig illegale Partei hingestellt, die nur unter ungeheuren schwierigen Verhältnissen ihr« politische Arbeit durchführen kann, die aber trotz- dem die Mehrheit der deutschen Arbeiterklasse hinter sich hat und für die der Tag, an dem sie in Deutschland die politische Macht erobert, nicht mehr fern liegt. Um diese Fiktion aufrechtzuerhalten, scheut man auch vor dem Mittel lügenhafter Berichterstattung nicht zurück. Rur so ist es zu begreifen, daß bei der Berichterstattung über die Mai- Vorkommnisse die„Rote Fahne' behaupten tonnt«: „Das Proletariat hat im Kampf mit der Staatsgemalt, im offenen Kampf mit der Sozialdemokratie die Berliner Straßen am 1. Mai besetzt, am 2. und 3. Mal behaitptet. Die Massen wehrten sich gegen di« Ueberfäll« der Polize« mit den M tteln, die ihnen zur Verfügung standen. Sie begannen den Barrikadenbau und kämpften mit größter Zähigkeit und Kühnheit.'(Nr. 103 vom 24. Mai 1929�„Di« Lehren der Berliner Maikämpfe'.) während jeder Parteigenosse wußte, daß yon Barrikadenkämpfen proletarischer Kampsgruppen nicht di« Rede sein konnte und die Toten und Verwundeten der Maitag« lediglich auf dos Konto der blinden Schießwut der Polizei zu setzen waren. Auf gewerkschaftlichem Gebiete oersucht man, durch die Entfesselung sogenannter„revolutionärer Einzel- kämpfe' eine Massenbewegung vorzutäuschen. Dabei kommt es den„Revolutionären Gewerkschaftestrategen' durchaus nicht darauf an, ob die von ihnen in diese Kämpfe hineinmanöoerierten Arbeiter-
schichten auch nur mit der geringsten Aussicht auf Erfolg in diese Pc- wegung hineingehen. Haben in einem Betriebe oder in einer Branche einige KPD Genossen einflußreich« Funktionen als Betriebsratsmitglieder, Branchenleiter oder als. gewerkschaftliche Vertrauensleute jnne, so wird von den Parteikörperschaften einfach der Beschluß gefaßt, daß dort ein« Bewegung zu entfesseln ist. Me Bedenken verantwortungsbewußter Genossen werden in den wind geschlagen und dies« häufig gegen ihren willen gezwungen, dl« Führung in diesen kämpfen za übernehmen. Die Niederlage ist dann von vornherein besiegelt. Infolge dieser Sonderriktionen werden Arbeiterfchichten von der gewerkschaftlichen Organifation losge- rissen. Große Teile davon stellen sich später verärgert beiseite oder wechseln sogar ins gegnerisch« Lager hinüber. Außerdem gibt man den Gewerkschaftsleitungen«inen billigen Vorwond, unliebsame Ikritiker aus der Organisation auszuschließen. Die deutschen Kapitalisten mit ihren starken Arbeit- gederorganisationen kann und wird man durch solche„Kampfmoß- nahmen' nicht niederringen. Man schasst vielmehr durch diese Taktik in aussichtslosen Kämpfen zermürbte Arbeiterschichten, deren Kampfkraft bei dem mit Sicherheit einsetzenden Gegenstoß der Unternehmer schwer vermißt werden wird. Da» in einheitlicher Front vorstoßende Großkapital kann sich für sela« Aktion nichts besseres wünschen, al» eine weitere Zerreißung und Zersplitterung der bisher noch einheitlichen proletarischen Organisationen za einem Zeitpunkt, in dem die politische und«irt- schaftliche Situation einheitlich« Aktionen der gesamten ArbeiterNass« gebieterisch verlangt.— Da» Ziel dieser ineifl aussichtslosen Kämpf« ist für bestimmt« Genossen in der KPD. -Zentrale auch nicht der Erfolg der kämpfenden Arbeiterschichten, sondern das Vortäuschen von revolutiv- nären Streikbewegungen in Deutschland . Durch diele Taktik werden aber große Schichten des deutschen Proletariats im Kampf gegeneinander aufgerieben, erleiden an ihrer Widerstandskraft gegenüber dem Klassengegner erhebliche Einbuße und hören auf, be! dem unausbleib lichen kommenden Angriff der imperialistischen Staalen auf Sowjet- nchland«Inen Schutzwall für das russische Proletariat zu bilden. Der von Parteiangestellten behevrschte Funktionärkörper
Staat. Sie ist der lebendige Ausdruck jener geistigen Massen- kräfte, die nach soviel Greueln der Zerstörung jeden Krieg, den Bürgerkrieg wie den Dölterkrieg verabscheuen und mit gewaltlosen Mitteln einer sozialistischen Reuord- nung in Wirt'chaft und Gesellschaft entg«genstr den. Die Sozialdemokratie, deren Programm auf der Lehre von der Entwicklung ruht, weiß sich selber den Gesetzen der Entwicklung zu unterwerfen. Sie wird nicht erstarren; manches was heute richtig ist, mag in einer späteren Zell falsch ge- worden sein. Mit diesem Vorbehalt kann man sagen, daß
die Deutsche Sozialdemokratie heute noch und für absehbare Zeit im Zeichen Friedrich Eberts steht, das heißt im Zeichen einer hart-geduldigen, nüchtern-illusionslofcn Arbeit für die Interessen der breiten werktätigen Volks- massen. Diese Aera Ebert. die noch nicht abgeschlossen ist, bildet ein Stück unserer Parteigeschichte. Wir bekennen uns zu ihm. wie wir uns zu Friedrich Ebert selber bekennen, der als ein großer deutscher Staatsmann und als eine große Gestalt der Sozialistischen Internationale in der Geschicb-' fortlebt.