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Rr. 125 47. Jahrgang

1. Beilage des Vorwärts Commend 15. März 1930

Unter der Jannowitzbrücke

MENNN ANNA

Die Strede Gesundbrun­nen- Neufölln der Unter­grundbahn foll in Kürze eröffnet merden. Damit find die am schmer­ften zu bewältigenden Bauabschnitte Des gegenwärtigen Bahnbaus fertig­geftelt. Gleichzeitig mit dem Tunnel unter der Spree am Bahnhof Jannomigbrüde sind die neuen Fundamente der Brücke hergestellt worden. Auf unserem Bild ist ein Teil der riesigen Beton­blöde, hie die neue Brüde tragen sollen, zu sehen. Darüber himmeg führen in fühnem Bngen die Gleise her Stadtbahn und Fernbahn Ost­West, auf manngfache Weise durch Hilfsträger gestützt. Ein Bild fühn­fter Ingenieurarbeit, das immer noch die Borübergehenden anzieht, zu vermeilen, um das scheinbar mirr durcheinander jagende Trai­hen der Arbeit auf sich mirten zu laffen. Noch fann man durch den in verschiedenen Stodwerten ange­Droneten Bohlenbelag einen Blick in den Tunnel merfen. In jeder Etage Gleise für Loren, Treppen, die in die Tiefe führen, Winden, bie Baften in die Tiefe führen oder herausholen, durch ein Gemirr non Eisenträgern wird der Wasserspiegel der Spree sichtbar, Schlepp­dampfer, Laftkähme ziehen ihres Weges. Nur eine verhältnismäßig female Betonmauer trennt die Wassermassen von der Baugrube

und dem Tammel. Im April bereits soll die neue Strede dem Berfehr übergeben werden. Wenn dann die Züge direch den Tunnel donnern, wird darüber erst die Straßendede fertiggestellt werden und damit auch der Bau der neuen Brücke. Einer der michtigsten Berlehrwege Berlins fann dann endlich berarzt merden.

Raffierer für seine eigene Tasche.beträge lediglich an den Kaffenschaltern und nicht außerhalb der

Steuerunterschlagungen beim Finanzamt Bilmersdorf- Nord

mie jetzt erst betonni mird, find beim Finanzamt Bilmersdorf- Kord in der Liehenburger Straße 18 durch einen ungefreuen Beamten umfangreiche Be­trägereien vorgefommen, durch die allerdings nicht der Fistus, fondern eine Reihe von Steuerpflichtigen sefchädigt worden ist.

Eine große Anzahl von Steuerzahlern, Geschäftsleute und Irinatpersonen, die Mahnungen megen noch nicht gezahlter Steuerbeträge erbolten hatten, mandten sich beschwerdeführend an bas Finanzamt unter Borzeigung einer mit dem Amtssiegel ver fehenen Quittung, die non dem Obersteuerfetretär Heinrich amterzeichnet morden mar. Es stellte sich nunmehr heraus, daß der Oberferretär Heinrich, der mit der Abschäzung der Steuern be­häftigt mar, die betreffenden Steuerzahler, mit denen er persönlich betonni geworden mar, in ihren Wohnungen aufgesucht und bei dieser Gelegenheit bie fällige Steuer eintassiert hatte, allerdings für die eigene Tasche, ohne sie an die Steuerbehörde abzu führen. Auf diese Weise ist es Heinrich, der sofort nach Entdeckung der Beruntreumgen vom Dienst fuspendiert wurde und gegen den jekt ein Berfahren bei der Staatsanwaltschaft II wegen Be= truges and misunterschlagung schwebt, gelungen, beträchtliche Beträge von Steuergeldern zu ergattern. Es soll sich um etwa 20 000 Mart handeln, während jedoch von anderer Seite ein weit höherer Betrag genannt wird.

Die einzig Geschädigten sind die betreffenden Steuer­zahler, die ihre Beträge Heinrich anvertraut haben und die fie noch einmal on die Steuerkaffe abführen müssen. In den Kassen räumen sämtlicher Finanzämter find nämlich schon seit längerer Zeit, um berartige Eintassierungen durch unbefugte Personen zu ver

Aluisio Azevedo

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Ein Cravi Camissber

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meiden, gedrudte Warnungen angebracht, die fälligen Steuer beträge lediglich an den Kassenschaltern und nicht außerhalb der die zmar besondere Ausweise mit sich führen, rüdständige Steuern Büroräume zu zahlen. Da aber bekanntlich die Einziehungsbeamten, auch des öfteren in den Wohnungen fäumiger Steuerzahler ein­tajfieren, so konnten die Geschädigten im Zweifel sein, ob die Gelder nicht doch elma dem ungetreuen Obersteuersekretär auszuhändigen wären, in so mehr, als er ja auch Quittungen mit dem Dienstsiegel ausstellte. Um derartige Borgänge zu vermeiden, wäre es ratsam, wenn auch in den Steuerkassen dafür gesorgt mird, daß mit dem Dienstsiegel fein Mißbrauch getrieben werden kann. Wie es Heinrich gelungen ist, den amtlichen Quittungsstempel zu erlangen, nuß eben falls aufgeflärt werden.

Wieder ein Kaffenbote ermordet! Raub von Erwerbslosengeldern.

Striegau , 14. März. Heute mittag wurde der Bole Bernert auf der Landstraße zwischen Gebersdorf und Taubniß mit einer tödlichen Wunde aufgefunden. Bernert hatte vom Arbeitsamt Striegau 7000 Mart Erwerbslosengelder abgeholf, die bei seiner Auffindung fehlten. Wie verlaufet, fommen als Täfer drei Candstreicher in Betracht. Der Ermordete hinterläßt eine Witwe mit zwei unversorgten

Kindern.

Zu dem Raubmord teilt die Pressestelle des Polizeipräsidiums toch folgendes mit: Der Arbeiter Gustav Bernert aus Dantsdorf murde heute vormittag in einem fleinen Waldstück an der Chauffee Liffen- Taubniß von drei unbekannten Männern überfallen und durch Brustschuß getötet; der Rudsad mit 7000 Mart Arbeitslosengelbert, die Bernert turz vorher von der Kreisbant in Striegau abgehoben hatie, muurbe geraubt. In

Sonnabend,

Begleitung des Bernert befand sich sein Schwager, der Arbeiter Baul Langner. Nach dessen Angaben waren die Täter mas fiert. Auf das Ersuchen der Staatsanwaltschaft in Schweidnitz ist eine Mordkommission vom Polizeipräsidium Breslau an den Tatort entfandt morden.

Was ging in Scheuen vor?

Genaue Untersuchung erscheint dringend notwendig.

Zu den Vorfällen im städtischen Erziehungsheim Scheuen teilt bas Städtische Nachrichtenamt jetzt noch folgendes mit: Das Landesjugendamt hat festgestellt, daß fich im Erziehungs­heim Scheuen leider ein weiterer Fall der Mißhandlung eines Jugendlichen vor einiger Zeit ereignet hat. Dieser Jugendliche, der fich an der Revolte, die am 18. Februar in Scheuen ausgebrochen mar, beteiligt hatte, ist in Abwesenheit des Leiters des Erziehungs heims non seinen Kameraden sdaver mißhandelt murden. Zur gründlichen und restlosen Klarstellung des Tatbestandes hat das Landesjugendant ihn jetzt aus Scheuen nach Berlin fommen lassen, um ihn hier, unbeeinflußt von seiner bisherigen Umgebung, über die Borgänge, die sich in Scheuen abgespielt haben, nernehmen zu fönnen. Der Leiter des Erziehungsheims, Straube, ist von Sonnabend ab beurlaubt."

Die bisher über die Borjälle in dem städtischen Erziehungsheim Scheuen bekanntgewordenen Tatsachen fordern eine durchgreifende und rücksichtslose Untersuchung. Sollte sich herausstellent, daß der Leiter des Heinres es geduldet hat, daß zwei sich feindlich gegenüberstehende und pon Zeit zu Zeit prügelnde Gruppen unter ben ihm anvertrauten 3öglingen bestanden, so dürfte der Erweis erbracht sein, daß er seiner schweren, verantwortungsvollen Arbeit doch nicht gewachsen mar. Darüber fönnten dann auch seine großen Berdienste um die organisatorische Musterhaftigkeit der Anstalt nich hinwegtäuschen. Es darf nicht vergessen werden, daß die nächtliche Brügelei am 18. Februar einem jungen Menschen das Leben getostet hat!

*

In Trier erschoẞ fich ein 23jähriger Zimmergejelle im Hausfre des Gertundenhauses, einem Fürsorgeheim für gefähr dete Mädchen, weil ihm nicht gestattet wurde, mit seiner Braut, die in dem Haus als Fürsorgezögling lebt, 311 sprechen.

Dachstuhlbrand in Schöneberg .

In den gestrigen frühen Nachmittagsstunden wurde die Feuer­mehr nach der Hauptstraße 30 in Schöneberg alarmiert, ma im Dachstuhl des Seitenflügels Feuer ausgebrochen war. Die Flammen fanden an Gerümpel und den Bodenverschlägen reiche Nahrung. Obgleich die Behr sofort fünf Schlauchleitungen in Tätigkeit setzte, fonnte ein Uebergreifen des Feuers auf den Borderhaushachstuhl nicht mehr verhindert werden. Erst nach zweistündiger angestrengter Arbeit murde der Brand niedergefämpft. Die Entstehung rfache ist noch ungeflärt. Der Fuhrmertsverkehr in Richtung Friedenau mußte längere Zeit umgeleitet werden.

Leipart vor seiner völligen Genesung.

Thendor Leipart, der Führer der deutschen Gewerkschaften und Borfizende des ADGB. , der afit 14. Oktober vorigen Jahres bei einem Autounfall auf der Aous schmer verunglückte, befindet fich noch immer im Hildegard Krankenhaus. Sein Zustand ist, wie uns der Leiter der chirurgischen Abteilung, Profeffor Pribram , mitteilt, redyt zufriedenstellen d. Immerhin werden bis zu feiner völligen Gesundung noch etwa 4 bis 6 Wochen vergehen. Die Arbeiterschaft mire die nöllige Genesung ihres bemährten Führers freudigst begrüßen.

Der zweite jetualwissenschaftliche Frageabend des Jnstituts für Sexual­missenschaft in diesem Monat findet unter Leitung von Sanitätsrat Dr. Ragnus Hirschfeld und Dr. Felig Abraham am Montag, 17. März. abends 8 Uhr, im Ernst- Hadel- Saal( 3 ben Selten 9a) statt. Unloften beitrag: 20 Pfennig; Arbeitslose erhalten fostenlosen Zutritt.

,, hör mal zu, mein Rind", bemertte der Steinbrecher,| die Woche über hier bei mir bleiben, und Sonntags tann fie ,, Tränen darfst du nie mit Wein mischen. Die Sorgen wollen zu dir zu Besuch tommen mie bisher." wir uns für ein anderes Mal aufheben. Berdirb uns nicht das Essen."

,, Aber mie soll ich denn an etwas anderes denten und von anderem sprechen, wenn es mir doch so schlecht geht?" 2, erwiderte die arme Frau.

Als die Portugiesen und die Bahiana einander gegen überstanden, spielte sich eine Szene gemachter Höflichkeit ab. Los, los, umarmt euch und seid Schwestern!" fomman dierte Jeronymo, legte beiden die Hand auf den Rüden und ftieß fie gegeneinander. Saure Gesichter werden hier nicht geduldet."

Die Rivalinnen drückten sich frostig die Hände, sahen einander aber nicht in die Augen. Biedade war dunkelrot vor Scham

,, But, schön", verfündete der Steinbrecher herzlich. Um jeht unfere Bereinigung zu frönen, mußt du und das Kind bei uns zu Tisch bleiben.

Die Frau begann sich zu entschuldigen, stammelte aller hand Gründe, meshalb es unmöglich sei, aber ihr Gatte weigerte sich, die Gründe anzuerkennen.

Aber ich laß dich nicht gehen. Ich muß meine Tochter noch ein bißchen genießen, ich hab immer solche Sehnsucht nach ihr."

Piedade sette sich in einen Winkel und wartete nur auf die Gelegenheit, mit ihrem Mann über die Schulrechnung zu sprechen. Rita, die wie die meisten Mischlinge flatterhaft war, hegte feinen Groll und tat ihr möglichstes, die Familie ihres Mannes zu unterhalten. Die anderen Gäste gingen vor Tisch. Wegen der Entfernung von Sao Romao wurde schon um vier ühr gegessen, und die Mahlzeit begann recht mumter. Senhoring, die nur an ihren fleinen Schulkreis ge­wöhnt war, schien furchtbar befangen zu sein, und ihr Boter gab sich alle Mühe, ihre Schüchternheit zu überwinden. Er überschüttete jie mit Fragen, was sie denn täte und was fie lernte. Gleich nach der Suppe mar Wein eingeschenkt mor­den, und vor Ende der Mahlzeit maren die Erwachsenen alle recht angesäufelt, denn Jeronymo trant viel und zwang die heiden Frauen, ihm Bescheid zu tun. So geschah es, daß Piedade wieder in Jammerstimmung fam und sich bitter über ihr Gaidial beflagte, mas natürlich unvermeidlich zu der unbezahlten Pensionsrechnung führte.

,, Und wenn du nur herkommst, um zu jammern, wärest du beffer zu Hause geblieben", murmelte Jeronymo ärger­lich. Mit Heulen fann man nichts ändern. Ich seh nicht ein, warum du mir Borwürfe machst, weil du unglücklich bist. Ich bin's notabene auch, aber ich lauf doch nicht herum und geb anderen Leuten die Schuld."

Worauf Piedade anfing zu schluchzen.

Na, natürlich, da haben mir's jal" schrie ihr Mann, langte über den Tisch und schüttelte sie heftig. Halt jetzt den Mund; je mehr man versucht, vernünftig und geduldig zu sein, um so mehr versuchst du, einem die Laune zu ver­derben." Senhorina war zum Bater gelaufen und hatte ihn am Arm gepact, aber er stieß fie ärgerlich beiseite. Du fehlft mir auch noch, es ist immer dasselbe, und ich dente nicht da­ran, es noch länger zu dulden."

Ich bin ja nicht zum Vergnügen hergekommen," meinte Biedade ,,, ich bin hergekommen, uni zu hören, was du mit der Schulrechnung machen willst."

"

3ahl sie selber mit dem Geld, daß ich dir dagelaffen habe. Ich habe kein eigenes."

"

,, Nein, niemals! Tausendmal nein." ,, Aha, das willst du wohl für dich selber aufheben?" ,, Du bist viel schlimmer, als ich dachte", schluchzte sie. ,, So, bin ich das?" brüllte er ,,, mach, daß du raus tommst, aber schnell, bevor ich dir gebe, mas du verdienst." Aber sie machte teine Anstalten zu gehen, sondern ließ Kopf und Arme auf den Tisch fallen. 21h, mein armes Mädelchen Gott im Himmel, mer mird für sie sorgen?"

Das Mädel braucht nicht mehr zur Schule zu gehen. Loß sie hier bei mir, ich werd' schon dafür sorgen, daß man fie gut pflegt. Ihres Baters Schuß braucht sie jedenfalls." Was, mich von meiner Tochter trennen? Bon dem ein zigen. mas mir geblieben ist?" ,, Beib, nimm dich zusammen und komm zu Berstand. wenn du fannst. Du bist doch die ganze Woche von ihr ge­trennt, nicht wahr? Also, statt zur Schule zu gehen, wird sie

,, Aber ich möchte lieber bei Mutter bleiben", sagie das Kind und flammerte sich an Piedade.

,, Du bist also auch undankbar?" brüllte Jeronymo. Führst Krieg gegen mich genau wie sie? Ach was, fahrt alle beide zur Hölle und fommt nicht hierher und regt mich auf. Sonst behandle ich euch beide, wie es euch zufommt."

Komm, mir wollen gehen", schrie Piedade und padie das Kind am Arm.., Berflucht sei die Stunde, da ich diese Schwelle betrat. Ich hätte wissen sollen, daß ein Mann, ber Weib und Kind im Stich läßt, von ihren Leiden und Tränen nicht gerührt werden kann!"

Also verschwanden die zwei, und Jeronymo lief in seinem betrunkenen 3orn hin und her und murmelte vor sich hin.

Rita hatte sich nicht in den Streit eingemischt und hatte auch nicht verraten, mit wem fie es hielt. Aber jetzt erflärte fie, wenn Jeronymo zu seiner Frau zurückkehren wolle, dürfe und solle er es tun, denn wo Mann und Frau nur durch Liebe aneinander gebunden seien, bestehe tein anderer 3mang, als der gegenseitige Wunsch.

Jeronymo ließ fich auf einen Stuhl fallen, goß sich ein Glas Orangeliför ein und trant es in einem Zuge. ,, Nein, wir trennen uns nicht", bemerkte er mit aller Ent­schiedenheit.

Die Mulattin trat hinter seinen Stuhl, zog feinen Kopf an ihre Brust, preßte ihre Lippen auf seinen Mund und füßte ihm die Schnapstropfen fort, die noch in seinem Schnurrbart hingen. Jeronymo zog sie auf seinen Schoß und hielt fie fest umschlungen.

Mach' dir feine Sorgen um diese Dinge, mein Schaz, flüsterte sie und strich ihm mit den Fingern durchs Haar. Jekt ist alles vorüber, und mir merden glücklich sein."

Ja, du haft recht", stammelte er ,,, es mar dumm von mir, sie ins Haus tommen zu lassen.

Und sie hingen in einem Laumel von Umarmungen und Küssen aneinander, als müßten sie die Zeit nachholen, die sie durch die höchst unliebsome Unterbrechung versäumt hatten.

Draußen im Schatten des Lores blieb Piedade noch ein paar minuten stehen, stützte sich auf die Schulter ihres Kindes und bemühte sich, ihre Faffung zurüdauerlangen und ihren Tränenstrom einzudämmen, ehe sie sich auf die Straße hin­ausmagte, um zu den neugierigen Bliden von Sao Romeo zurückzukehren. ( Fortjezung folgt.)