Rr. 167 47. Jahrgang
1. Beilage des Vorwärts
Mittwoch, 9. April 1930
Aus dem Leben eines kleinen Mannes
Der Zirkusclown, der dumme August, der auf kurzen Beinchen, ulkig geschminkt und kostümiert in der Manege herumspukt, ist eigentlich die letzte Urform des fahrenden Komödianten. Ein Freund der Kinder, überall dabei, überall im Wege und doch ein richtiger Bestandteil der Zirkusmanege. Er ist Artist und Komiker in einer Person und dies oft in höchster Vollendung, denn fast all die Größen komischer Artistik sind aus der Manege hervorgegangen. Francois, von dem hier die Rede sein soll, ist ein Altmeister zirzensischen Humors, einer, der die halbe Welt bereiste, im Londoner Hippodrom und im Pariser Nouveau cirque, im ehemaligen Zirkus Busch, im Wiener Wurstelprater, bei Hagenbeck in Hamburg und auf Reisen, in Glasgow und in München , in Deutschland und in Italien , in Holland und in Spanien , das Publikum erheiterte und ergötzie.
Monfieur François, mit feinem bürgerlichen Namen Francesco Reparati, gastierte im vorigen Monat mit einem großen Reisezirius in Berlin . Im großen Wagenpart am Tempelhofer Feld hatte auch François fein 3elt aufgeschlagen. In einem Wohnwagen haufte der fleine Mann, der ganze 1,10 Meter mißt, mit Frau und Sohn Mein Mann ist nicht zu Hause", empfängt mich Frau Francois- Leporati, die Gattin des fleinen Mannes, die diesen aber um einige Kopflängen überragt; sie ist gerade mit Teppichklopfen beschäftigt und läßt mich gern einen Blick in ihr Miniaturheim tun. ..Es ist zwar noch nicht aufgeräumt", sagt sie nach vormittäglicher Hausfrauenart, aber bitte!" Die Hälfte eines Wohnwagens dient den drei Menschen als Wohn-, Schlaf- und Speiferaum; ein richtiges Buppenstübchen, in dem trotzdem alles Notwendige vorhanden ist. 3mei schlafmagenartig übereinander gefchachtelte Betten auch nicht ganz so tomfortabel wie diese, Tisch, Stühle, Kochherd und Kleiderrechen. Auf dem Kochherb schmort schon etwas mittäg liches fogar ganz was Feines, ein Roaftbeaf, am Fußboden steht ein großer Zopf mit gewaschener Wäsche. Einen richtigen Haus.
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haft führt die tüchtige Hausfrau, bie bis vor mehreren Jahren selbst Tänzerin im Sirtus mar. Mit mittterfichem Stolz zeigt mir die Frou die Photographien threr beiden Kinder. Der Junge ist 18 Jahre, dem Baber wie aus dem Gesicht geschnitten, auch so ein Liliputmann und auch Spaßmacher der Manege; die Tochter, 22 Jahre alt, gerät wieder ganz nach der Mutter und ist Schneiderin in Hamburg . Francois fit in seiner Garderobe und liest Zeitung. Ein materer, liebenswürdiger, fleiner Herr, feiner von den tode ernsten Bhilosophen; er meiß viel und Intereffantes aus seinem reichbewegten Leben zu erzählen:
34 Jahre Spaßmacher.
34 Jahre ift er in seinem Beruf, den er als 12jähriger Ausreißer, qusgestattet mit Reisetasche und 2,50 Franken Vermögen, ergriff. Bevor man sich noch die Gesamtsumme feiner Lebensjahre
Dokumente
Protokolle
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Herausgegeben
Protokoll
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errechnen fann, fällt er einem schon ins Bort: Ja, ja, tch bin 46 Jahre alt, aber das sicht man mir doch nicht an, was?" Und wirklich, er sieht meit jünger aus Francois ist im italienischen Städtchen Pontestura als Sohn eines Schusters geboren; er hat ebenfalls das väterliche Handwerk gelernt.
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Aber die Schusteret hatte es ihm nicht angetan; da Schmerzte der Rücken und da brannte die Langemeile, draußen schien die schöne Sonne und man saß da festgenagelt vor seinem Bod. Und als eines schönen Tages wieder einmal eine
fahrende Jahrmarkise truppe im Städtchen ihre Zelte aufschlug, da gesellte sich der fleine Francois dazu. Zuerst hieß es ein paar Lehrjahre ab= folvieren, bei freier Station, und ohne Gage; höchstens gab es dann und mann, wenn man einmal
besonders bron ge
arbeitet hatte, ein Taschengeld Don einem oder zwei Franken.
Als er dann so gewissermaßen das Reifezeugnis in der Tasche hatte, sah er sich nach einer besseren Arbeitsstätte um und fam zu einem spanischen Zirkus. So führte ihn fein Weg im Laufe der Jahre durch ganz Europa , Francois beherrscht sieben Sprachen und tann sich mit seiner ganzen internationalen Kollegenschaft verftändigen. Sogar ein paar indische Broden hat er aufgeschnappt. Eben tommt ein Tscherkesse zur Türe herein und schon hat Francois ein Bigmort in dessen Sprache auf der Zunge. Francois ist mit Leib und Seele bei seinem Beruf. Immer luftig, immer zu Späßen aufgelegt, nicht nur draußen für's Geld, sondern auch hinter den Rulissen für sich und seine Kollegen. Das dankbarste Publikum find die Spanier und Italiener , erzählt er; da wird die Clownerie noch richtig geschäßt, da hat man Berständnis für die Spaßmacher, mährend der Clown beispielsweise in Deutschland mehr als notmendiges Uebel, als Füllsel des Programms, angesehen würde. Ueberhaupt ist er gerne in warmen Ländern, wo die Sonne heiß
Seifen
und träftig scheint. Und er fann es schon taum ermarten, daß es Frühling mird und daß es mieder auf Reisen geht: schöne Bölder, blühende Wiesen, Hübsche Städte und viel, viel Sonne. Ganz schwärmerisch werden feine Augen, wenn er den Blick durch das winzige Garderobenfensterchen nach dem Zipfelchen Himmel sendet. Die Landstraße ist fein Element, er ist ein richtiger, ein echter Bagant aus der Sehnsucht seines Herzens heraus, nach Freiheit, Natur, buntem Leben...
Acht große und ein kleiner.
Ich bin überhaupt ganz aus der Art geschlagen", erzählt er meiter. Ich habe sieben Brüder und zwei Schwestern, alles große, starte Menschen, die alle irgendein chrsames Handwerk erlernten. Schuster, Schneider, Bäder. Aber trotzdem: gelernt ist gelernt und auch Francois besohlt heute noch für sich und seine Familie die Stiefel. In der Kriegs- und Inflationszeit war er ob dieses Talentes ein gar begehrter Mann. Francois hat natürlich auch einmal bessere Beiten gesehen, er hatte in Paris eine Wohnung, er verlor in der Inflation seine mühsam ersparten 12 000 Mart, aber er ist des= megen meder verbittert noch unzufrieden, immer zukunftsfroh und guter Dinge. Er liebt einen guten Bissen, bevorzugt dabei die heimatliche Küche, verschmäht aber deswegen feineswegs Pelltartoffeln mit Hering. Bon den Wiener Backhändin spricht er fogar mit einer stillen Berehrung. Im Sommer, draußen im Freien, ist er ein leidenschaftlicher Angler. Und so ist sein ganzer Mensch; von einer leichtbeschwingten Ausgeglichenheit und einer ungebrochenen Lebensluft. Jeder mag ihn gerne, er ist ein lieber, netter Kollege, der mit seinen Späßen sich und den anderen über manches Schwere hinweghilft. Neben ihm in der Garderobe fizt ein junger, blonder Bayer, der auch ab und zu ein Wort in die Unterhaltung wirft und nebenbei einen Topf heißen Waffers in eine Blechflasche füllt; damf flappt er einen Kistendeckel auf, unter dem ein Schlänglein haust und legt ihr die Wärmflasche fürsorglich an den schedigen Schuppenleib. Arbeiten Sie mit Schlangen?" frage ich.„ Ich nicht, aber meine Frau ist Schlangentänzerin." lind mas machen Sie?" Ich bin Fafir, Feuerfresser und Degenschluder." Bei dem ebenso erstaunten mie ungläubigen Blick des Fragestellers meint er lachend: dem Koffer eine feingegerbte Schlangenhaut hervor und fängt eben,, Ja, am Abend bin ich natürlich fohlschmarz!" Dann zieht er aus
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falls an, zu schustern. Das fönnen wir alle", belehrt er mich. Dann erzählt Francois von seiner Arbeit; wie immer wieder neue Trickse ausgedacht, geübt und ausprobiert werden müssen, ob sie auch gefallen. Ja, so eine gute Sache, wie der Ritt auf dem Dackelpferd, die hat man nicht alle Tage. Da war ich bei Busch berühmt damit geworden und alle Zeitungen schrieben über mich. Aber ich habe auch jetzt wieder eine gute Parodie am Pferd und dann den Spaß, wenn ich mich umier die große Marn, unsere Elefantendame, lege und sie über mich hinwegsteigt. Den ersten Abend war's mir darumter schon auch ein bißchen murmlig", meint er auf meine Frage, ob diese Position nicht reichlich unbehaglich märe, aber solch Elefant ist ja so folossal flug, der scharrt immer erst ganz vorsichtig mit den Hufen und sondiert, wo ich denn nun cigentlich überhaupt bin". Francois fiebt die Tiere und sie mögen
,, Nur so zum Spaß. Fräulein Morislov schwamm eine| nehmen. Aber hier wird man ja zu allem, auch zum ärgsten Biertelstunde. Mir war es zu falt."
,, Sagen Sie mal, mo hatten Sie denn denn Schlüssel her?" ,, Den hatte Fräulein Morislov."
,, lnd mo hatte sie ihn her?"
,, Das weiß ich nicht."
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Jest paffen Sie einmal gut auf, Herr Rift. Es gibt, wie die Polizei sofort nach der Explosion festgestellt hat, nur von Esther Grenen zwei Schlüffel zu dem komplizierten Tofefche Schloß diejes fostbaren Badehauses. Den einen hat bis heute noch der Berwalter, der andere ist der Gräfin auf bisher ungeflärte Beise abhanden gekommen. Wollen Sie behaupten, daß die Dffipowna fich in den Besitz dieses Schlüffels gesetzt hat?" Nein, ganz gemiß nicht."
aufgenommen mit dem Untersuchungsgefangenen Torben Rist. ,, Sie haben sich selbst vorführen lassen, Herr Rist; was haben Sie mir mitzuteilen?"
Ich war am 11. abends und nachts doch zu Hause. Frau Fredriksen hat die Wahrheit gesagt."
,, Das heißt also, daß Sie gelogen haben." Ja."
In Ihrer Lage ist das gefährlich. Ich warnte Sie schon legtesmal Herr Rift, und es freut mich, daß Sie ein Einfehen zeigen. Das wird wohl nicht Ihre einzige Lüge gemesen sein.
Num...
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,, Na, denn nicht. Sagen Sie mal, Sie haben damals bei Frau Mette Fredriksen zu Abend gegessen, nicht wahr?" Ja."
,, Was gabs denn da?"
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,, Das weiß ich nicht mehr.." " So, das wissen Sie nicht mehr. Nach Ihrer heutigen Aussage hat also Frau Fredriksen die Wahrheit gesprochen, Fährmann Hansen hingegen gänzlich unmotiviertermeise die Unwahrheit. Sie fuhren zwar nicht mit dem Boot nach Sändrup, um einen Brief aufzugeben, dessen Adressaten Sie nicht nennen wollen, aber, Sie wurden, wenn man Ihnen glauben foll, auch nicht im schwarzen Mantel von Hansen übergelegt. Da leugnen Sie mohl auch weiterhin, daß Fährmann Hansen Sie einmal mit der Offipomna ungefähr um acht Uhr nach dem Festland übergesezt hat?"
,, Nein, das leugne ich nicht mehr."
Interessant. Was wollten Sie denn mit der Ossipowna? Sie erinnern sich doch, daß das Mädchen einen Bademantel mithatte?"
,, Wir waren im Badehaus der Gräfin Varesund." ,, nd wozu, zu welchem 3med?"
Kennen Sie vielleicht jemanden von der gräflichen Familie?" ,, Die Gräfin."
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Woher?"
Ich traf sie bei einem Tee bei Frau Delius." 11nd sonst nie?"
Doch. Ich ging einmal im Wald von Aaresund spazieren und da tam die Gräfin und nahm mich in ihrem Auto bis zur Fähre mit."
Haben Sie ihr vielleicht damals den Schlüssel ge
nommen?"
,, Nun, so reden Sie doch!" o qu
Ich ertrage es nicht, daß man mich behandelt wie einen Dieb.
Ein Dieb ist nicht das ärgste, Torben Rist! Sehen Sie, ich bin ja nicht Ihr Büttel, ich bin ja nur ein Untersuchungss richter, dessen Aufgabe es ist, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Wieviel einfacher märe es, wenn Sie sich auss Sprechen wollten. Aber Sie fagen ja, jomeit Sie überhaupt zum Reden zu bringen sind, jedesmal etwas anderes. Barum leugneten Sie denn, mit der Offipowna nach Aaarefund gefahren zu sein?"
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Wenn man mich erst fragt, ob eine junge Dame mir nachgelaufen ist und in mich verliebt war, so spreche ich natürlich nicht gern davon, daß ich sie abends zum Baden begleitet habe.
,, Ach so, Sie wollten sie schonen?"
Die Offipowna hat mir nie etmas zuleide getan, und ich habe feinen Grund, mich unritterlich gegen fie zu be
gezwungen."
Nehmen Sie sich zusammen, Torben Rist. Sie sind zu feiner einzigen Aussage gezwungen worden. Oder hat Sie vielleicht jemand gezwungen, falsche Daten anzugeben? In Tromso weiß man nichts von einem 1897 geborenen Torben Rist. Was haben Sie dazu zu sagen?"
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Natürlich nichts, das fonnte ich mir ja denten. Weber das Bild mit der Unterschrift Maria haben Sie auch nichts zu erzählen?"
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,, Run, und mas jagen Sie zu diesem Zettel? Ein Stüc aus einem Brief der Offipowna?"
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,, Dann möchte ich Ihnen nur noch mitteilen, daß Frau Helene Delius das blaue Band, das in Ihrem Schrant, ja wohl in ihrem Schrank, Herr Rift, gefunden wurde, als die Krawatte ihrer Nichte agnosziert hat.
Ursache.
,, Lachen Sie nicht! Dazu haben Sie weiß Gott teine Agl. Amtsgericht Sandrup, 23. Juni 1929.
gez. Torben Rift. 5. G. Jakobsen..
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aufgenommen mit Fährmann Christian Hansen.( Der Zeuge suchte selbst um eine Einvernahme an.)
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,, Gut, daß Sie tommen, Herr Hansen, ich wollte Sie eben vorladen laffen-
Herr Richter, meine grauen Haare, ich bin unbescholten, nie hab ich mir was zuschulden kommen lassen und jeßt diese Schande, auf meine grauen Haare"
, Mensch, wie reben Sie denn! Sie ftinten ja schon auf eine Meile nach Schnaps. Kommt man so zu Gericht? Ich werde Sie hinauswerfen lassen."
,, Herr Richter, verzeihen Sie, verzeihen Sie mir alleruntertänigst, aber meine grauen Haare... diese Schande, das Mensch, das Luder, mein Kind... mein armes Kind; Sie müssen doch einsehen, Herr Richter, das Unglück... da trinft einer leicht eins über den Durst, das Kind, das Mädel-" ( Fortjegung folgt.)