Ar. 188 47. Jahrgang
1. Beilage des Vorwärts
Mittwoch, 23. April 1930
Verschwindende Mühlenromantik.
Nicht weit von der Chaussee zwischen Lichterfelbe und 3ehlendorf streckt eine alte Holländer Mühle ihre Flügel wie be schwörend zum Himmel. Der Straße zu wächst ihr eine lange Reihe Neubauten über den Kopf, hinter denen sie bald pöllig verschmunden sein wird. Auf der anderen Seite, gegen den Fasanenberg zu, ist noch freie Fläche, die aber bereits in der Hand eines Bauunter nehmers ist. Binnen Jahresfrist
merden fich auch hier Neubauten breit machen. Den Anfang machte die auf dem Boden der ehemaligen töniglichen Domäne Dahlem vor zwei Jahren errichtete tomfortable Wohnfolonie des Landesfinanzamts Dahlem Die fing im Berein mit den Chaussee bäumen( 50jährigen Eichen) den Windmühlenflügeln den Wind ab. Heute ist die Mühle ausschließlich auf Motorbetrieb eingestellt. Ein Gasmotor von 30 PS treibt die Arbeitsmaschinen und setzt auch einen Fahrstuhl in Betrieb, der die einzelnen Böden"( Etagen) ber Mühle verbindet. Diese Holländer Mühl, die einzige im Ber liner Weften, murde auf einem alten Mühlenplak in den 70er Jahren von den Radloffschen Erben
errichtet. Sie liegt 49 Meter hoch. Breit und maffig steigt der Ziegelunterbau, fich allmählich verjüngend, bis zu 15 Meter Höhe. Die Mühle mahlt hauptsächlich Roggenmahl für Schrot brot und für das sogenannte„ Landbrot". Im allgemeinen tann man sagen, daß fie für 6000 Menschen das tägliche Brot liefert. Als beliebtes Motiv ist sie namentlich Sonntags das Ziel
Auf der Spur des Raubmörders.
Beobachtungen einer wichtigen Zeugin.
Die Erwartung der in Spandau stationierten Mordkommission, daß sich am Dienstag Zeugen melden würden, die zur Aufklärung des Rapitalnerbrechens an der Frau Marie Groffe beitragen Fönnten, hat fich in gewiffer Beife bereits bestätigt. Es hat sich eine Frau gemeldet, deren Befumdungen von Wichtigkeit sind.
Am Sonnabend vor Ostern begegnete ihr auf der Straße 3mischen Ruhleben und dem Kraftmer! Interfpree ein etwa 30jähriger Mann mit einem Fahrrad, der ctwa fünf oder sechsmal an ihr vorüberfuhr und sie dabei dreist und auffällig musterte. Die Peläftigung murde der Frau allmählich zuviel, fie blieb stehen und erwartete den Robler in an griffsbereiter Haltung. Da er mun wohl einfah, daß er hier tein Teichtes Spiel haben würde, wandte er seine Maschine unn und verschwand. Die Nachprüfung dieser Befundung in bezug auf Zeit und Ort hat ergeben, daß fost mit Sicherheit diese Frau dem Mörder der Frau Grosse gegenübergestanden hat. Der Rabler war Ende der zwanziger Jahre und von hagerer schmächtiger Gestalt. Er hatte eine auffallend spige lange Nase und dunkles Haar. Befleidet mar er mit einem dunklen Anzug, weißem Kragen, unter Kramatte und einer blauen Schirmmuiße, deren Kopfteller größer war als bei den üblichen Seglermützen. Die Müze war von der Art, wie sie mohl Chauffeure tragen.
Beiter hat ein Arbeiter der Mordkommission mitgeteilt, daß ihm am Sonnabend nachmittag gegen 5 Uhr der Mord murde befannt
21]
Bumente
tokolle
List
Herausgegebenar
misse
von Esther Grenen ,, Hören Sie mal, Jafobsen, wenn Sie mir schon nicht glauben, daß ich mich auf diesen sanften Knaben Torben Rist verstehe, so werden Sie mir doch nicht abstreiten wollen, daß ich meine eigene Tochter fenne oder nicht?"
,, Aber gewiß, natürlich. Was sagte denn Ihre Tochter?" Ich hab sie doch nicht erst viel gefragt. Ich hab sie her genommen und-wissen Sie, meine Kinder wachsen alle ohne Schläge auf, Sie können meine Frau fragen, alles nur in Güte aber mie die Betten so vor mir steht und ein Gesicht macht wie eine gefnickte Lilie, da, ich hab mich nicht halten fönnen, und da hab ich ihr eben eine runtergehaut ,, Aber Daftor Mante
"
4
Ich bin ein gutmütiger Mensch. Jakobsen, und an der ganzen Geschichte find wirklich nur Sie schuld. Was jagen Sie das Zeitungsgespenst nicht aus der Gegend! Betten und Rift! Ausgerechnet! Wenn einer da Gemalt gebraucht, übrigens weiß ich genau, daß die beiden sich nie gefüßt haben oder sonstypas aber wenn schon. bann mar's meine Betten und nicht dieser Waschlappen von Norweger; ich fenne meine Tochter, die gerät nach mir. Und dann tommt natürlich auch noch dieser junge Herr Graf, dieser Kai und bläst mir die Ohren vol.
a. aber lieber Dottor, bas find boch nun alles wieder nur persönliche Einbrüde, immer wieder nur persönliche Einbrüde. Bäre es nicht viel beffer gemefen, Sie hätten Ihre Tochter einmal still beiseite genommen?"-
In meine Erziehung brauchen Sie mir nichts drein zureden, Jakobsen. Was aber die Enbrüde betrifft ich bin ein Mann und ich bin Arzt und fenne den Burschen. Soll ich Ihnen ben mathematischen Bemeis erbringen, daß Torben Rift fein Luftmörder sein tann?"
,, Das wird schmer möglich sein."
,, Und wenn ich Ihnen den Beweis erbringen tönnte, Baß er am 11. Juni abends nicht mit der Offipomna im Marefunder Badehäuschen war?... Sagen Sie mal, bester
vieler Amateurphotographen und Maler. Auch Schulen machen hierher häufig ihre Ausflüge. Zahlreiche Fahrverbindungen( Auiobus, Straßenbahn, Untergrundbahn) führen in die Nähe der Behlen. dorfer Holländer Mühle, deren Aeußeres an die gute, alte Zeit" erinnert, die aber immerhin schon lange vor dem Maschinenzeitalter tapituliert hat.
lich gegen 6 1hr 20 Minuten verübt in der Havelstraße in Spandau , wo er zu tun hatte, fein fast neues Borussia Fahrrad, Nr. 1552 283, gestohlen murde. Man vermutet nun, daß der Mörder auch das Rad gestohlen hat und damit den Weg nach Ruhleben und dem Kraftwerk zurüdlegte. Die Zeiten würden damit zusammenstimmen.
Zusammenstöße im Falfe" Prozeß. Die Berteidiger drohen mit Niederlegung. S Hamburg, 22. April. Jan weiteren Verlauf der Bernehmung des Zeugen Dietz im Falte Prozeß tam es zu heftigen Zusammen stoßen zwischen Rechtsanwalt Dr. Alsberg und der Staatsanwalt schaft. Der Borsitzende erklärte, Dr. Alsberg habe den Streit burd feine häßliche und verlegende Art provoziert. Nach furzer Beratung verkündete der Vorsitzende dann den Beschluß, der Dr. Alsberg einen scharfen I a det für sein Berhalten ausspricht, da die Art und Weise, mie er die Staatsanwälte angegriffen habe, außerordentlich verlegend sei. Darauf wurde eine Pause eingelegt.
Nach der Bause verzögerte sich der Wiederbeginn der Berhand. Lung, weil die Berteidigung noch Besprechungen über die zwischen fälle nom Bormittag hatte. Rechtsanwalt Dr. Alsberg weigert sich, weiter vor dem Gericht aufzutreten. Schließlich wird auf Antrag der Staatsanwaltschaft die Verhandlung auf morgen vertagt. Nach der Berhandlung gab Rechtsanwalt Dr. Alsberg der Bresse eine Erklärung ab, wonach ihm der Generalstaatsanwalt sein Be
Jakobsen, Sie sind doch schließlich nicht nur ein Richter mit Protokollen und wie der ganze Mumpig nun einmal heißt, Sie sind doch auch ein menschliches Wesen, mit Ihnen muß man doch auch mal ahne das Fräulein da sprechen können?" ,, Sie fönnen mit mir persönlich reden, wann Sie wollen, Dottor Mante. Aber im Fall Rift bin und bleibe ich Amtsperson."
"
Man tann Ihnen also nichts mitteilen auf Disfretion, fo wie sich Männer manchmal was erzählen?" ,, Dottor Mante, ich mache Sie darauf aufmerksam, daß es Ihre staatsbürgerliche Pflicht ist, den Behörden alles mitzuteilen, was Sie von der Aarejunder Explosion zu wiffer scheinen."
Sie sind wohl des Teufels, Jakobsen. Wie reden Sie denn auf einmal mit mir. Bon der Explosion weiß ich soviel wie Sie, das schwör ich beim Leben meiner Frau, die jeden Tag ein Kind bekommen soll. Wenn's nur diesmal fein Mädel wird. Sonst schreibt das liebe Fräulein Hasting im nächsten Artikel
,, Dottor Mante!"
Ja, ja, schon gut. Schmeißen Sie das Frauenzimmer hinaus oder nicht?" ,, So leid es mir tut, ich habe dazu feine Befugnis." Kgl. Amtsgericht Sändrup, 30. Juni 1929. gez. Karl Henrif Meite. Protokoll
H. G. Jakobsen.
aufgenommen mit dem Zeugen Ole Lund, geb. 1901 auf Lyno,
evangelisch, ledig, Lehrer auf Lyno.
,, Herr Lund, ich habe Sie vorladen laffen, meil Gie, mie ich erfuhr, mit Torben Rist in freundschaftlichen Beziehungen standen."
Freundschaftliche Beziehungen fann man mohl nicht fagen, Herr Untersuchungsrichter, das wäre zu viel. Aber Sie fönnen sich denten, daß auf einer fleinen Insel wie Lyno der Gedankenaustausch mit einem immerhin meit gereisten Menschen da ist es tein Wunder. wenn man eben eine Ansprache sucht ich suchte Herrn Rift allerdings auf, nicht zu oft, aber an manchem freien Abend, bas tann ich nicht leugnen. ,, Aber ich bitte Sie, tein Mensch wird Ihnen daraus einen Vorwurf machen. Nach dem, was Frau Fredriksen hier erzählte, scheinen Sie sogar große Stüde auf ihn gehalten zu haben."
64
dauern über die Borgänge ausgesprochen habe. Dr. Msberg erflärte anschließend, er merde die Berteidigamg nicht meiter führen, ment das Gericht die an seinem Verhalten geübte Kritit nicht abändere. Auch die übrigen Berteidiger merden eine ähnliche Er flärung abgeben.
Die Polizei im Einvernehmen mit den Parteien.
Die blutigen Krawalle bei der kommunistischen Demonstration in Leipzig dürften, falls nicht noch besondere gefahrdrohende Umflände hinzutreten, vorläufig zu feinen befanderen Maßnahmen hinsichtlich der fommenden Maifeiern Anlaß geben.
Man rechnet in Berlin im Hinblick auf die non der Polizei im Einvernehmen mit den verschiedenen politischen Richtungen getroffenen Borkehrungen, daß die zeitliche und räumliche Trennung der verschiedenen öffentlichen Maitundgebungen, und zwar der Sozialdemofratischen Partei und der freien Gewert schaften und weiter der Syndikalisten und der Kommunisten genügen merde, um zwischenfälle und vor allen Dingen Zusammenstöße zwischen den verschiedenen Gruppen zu verhindern. Schließlich wird man von den Komununistes trotz allem, was vorgekommen ist, immer noch so viel lleberlegung erwarten dürfen, daß fie am 1. Mai, dem Bürgerhum nicht den Gefallen erweisen, sich mit Gemalttaten gegen die eigenen proletarischen Klaffengenossen zu wenden. Selbstverständlich wird die Schußpolizei unter erhöhter Alarmbereitschaft stehen, damit zur Ueberwachung der in Frage kommenden Straßenzüge und der Demonstrationen selbst jederzeit genügende Polizeifräfte bereitgestellt werden fönnen. Die Leipziger Vorfälle haben, soweit aus den vorliegenden Berichten zu entnehmen ist, bewiesen, daß der Einsatz zu geringer Bolizeifräfte feine Gefahren hat, zumal menn es sich auf der anderen Seite 71 Tausende von Demonstranten handelt.
Der Fall Momm und Paragraph 51.
Entgegen anders lautenden Nachrichten ist dem Berteidiger der Frau Dr. Momm, Justizrat Josephsohn- Botsdam, bisher nichts banon bekannt, daß die von der Staatsanwaltschaft beauftragten medizinischen Sachverständigen bereits zu dem Ergebnis gefonumen feben, daß die Gattin des früheren Potsdamer Regierungspräsidenten für ihre Handlungen nicht verantwortlich gemach menden tönne. Auch wenn eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür spricht, daß das Gutachten schließlich in diesem Simme ausfallen wird, so muß doch zunächst einmal das Ende der Beobachtungszeit in der Charité und das Gutachten selbst abgemartet werden, das dann der Entscheidung der Staatsanwaltschaft über Außerverfolgungsegung oder Einleitung eines Verfahrens zugrunde liegen wird. Auch nach Auskunft der Botsdamer Staatsanwaltschaft sind die Dinge noch nicht soweit gebiehen, daß schon jetzt mit Sicherheit von der Anwendung des§ 51 auf Frau Monum gesprochen werden könnte.
Busch wird vernommen.
für einige Beit in seine Brivatmohnung zurüd gefehrt ist, hat sich Nachdem der Frühere Stadtrat Busch aus der Klinik zunächst für einige Zeit in feine Privatmohnung zurüdgefehrt ist, hat sich gesetzt, um festzustellen, ob eine Bernehmung Buschs möglich sein die Staatsanwaltschaft mit dem behandelnden Arzt in Verbindung gesetzt, um festzustellen, ob eine Bernehmung Buschs möglich sein mird. Auf Grund des Gutachtens des Arztes dürfte minmehr, wie wir hören, schon in den nächsten Tagen Staatsanwaltschaftsbegeben, um eine erste Bernehmung zu den in der letzten rat Dr. Weißenberg sich in die Wohnung des früheren Stadtrats Beit im Zusammenhang mit den städtischen Grundstüdsgeschäften erhobenen schweren Anschuldigungen gegen Busch durchzuführen.
24. April, 20 Uhr, veranstaltet der Kreis Berlin- Mitte der KinderDie feruelle Erziehung des Kindes". Am Donnerstag, dem freunde" im Lesesaal, Brunnenstraße 181, eine reiselternversammlung mit dem Thema„ Die feruelle Erziehung des Kindes". Eltern und interessierende Genossen find herzlich eingeladen.
,, Große Stücke, das wäre zuviel gesagt, Herr Unterfuchungsrichter, viel zu viel... Es war nur eben... Wer so ausgehungert ist wie ich nach Geistigkeit, der freut sich, wenn er einmal an einen literarisch Gebildeten kommt. Wer fonnte ahnen- es sind ja eben die schwersten Berbrecher oft überragend hoch begabt schon Lombroso sagt-"
-
Herr Lund, ich sagte doch schon, Sie brauchen sich hier, wie schon gesagt, für nichts zu entschuldigen. Niemand ver mutet hier, daß Sie Mitwiffer von Torben Rists Geheimnissen maren."
,, Um Gottes willen, Herr Untersuchungsrichter, ich würde mir sofort eine Kugel durch den Kopf jagen, wenn auch nur der Schatten eines Berdachts- wer Krafft- Ebbing gelesen hat, weiß ja, daß eben die gefährlichsten Segualverbrecher-" ,, Sie standen also zu Rist in einer rein geistigen, sagen mir literarischen Beziehung. Soll das heißen, daß er Sie mit seinen Werten befanntgemacht hat? Hat er Ihnen viel. leicht vorgelesen?"
,, Nein, niemals."
Sie fennen auch nicht diese Gedichte?"
,, Nein, nein, Herr Untersuchungsrichter, so wahr ich lebe, ich habe nie eins von diesen Gedichten gesehen. Sie glauben mir doch?
,, Aber ja, gemiß. Seien Sie doch nicht so aufgeregt, Sie benehmen sich ja mie ein Angeklagter."
Herr Untersuchungsrichter, ich habe nichts als meinen guten Namen und meine Stellung, und ich habe meine alten Eltern zu erhalten mir ist das furchtbar, in diese
Affäre hineingezogen zu werden. Und ich gedente, mich in absehbarer Zeit zu verheiraten. Meine Stelle-
"
,, Machen wir es furz, Herr Lund. Worin bestand eigentlich Ihre geistige Beziehung zu Torben Rift?" Wir lajen miteinander." as benn?" Solberg und und Björnsen und die Auffäge von Georg Brandes . und den Stein der Weisen." ,, Detettinromane nicht? Oder sonst was Blutrünstiges, Aufregendes?"
fah
,, Niemals. So was tommt mir nicht in die Hände. Ich allerdings bei Herrn Rist einen Band Sherlof Holmes." Interessieren Sie sich für Politik?"
,, Bott bewahre, ich bin Batriot!"
Herr Rift sprach auch niemals mit Ihnen über seine politischen Anschauungen?" Nein, bestimmt nicht."
( Fortsetzung folgt.)