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Nr. 194 47. 3ahrgang

1. Beilage des Vorwärts

Sonnabend, 26. April 1930

Wochenende

Mark

in- der

Eisenbahn und Dampfergesellschaften haben alle Borbereitungen ge troffen, um den starten Berkehr nach und von Werder bewältigen zu können. Die Reichsbahn hat einen verstärkten Verkehr vorgesehen. In beiden Richtungen tönnen bei Bedarf bis zu 60 außerfahrplan mäßige Züge eingelegt werden. Nach den Erfahrungen der Vor jahre genügen für den Verkehr nach Werder an Wochentagen neben den fahrplanmäßigen Zügen vier Bedarfszüge, die ab Potsdamer Bahnhof 9.10, 10.15, 13.45 und 14.55 Uhr verfehren werden. Der Rückverkehr nach Berlin , für den gewöhnlich etwa stündlich ein Zug fährt, wird durch Bedarfszüge auf eine halbstündige Zugfolge vers ne batt stärft werden.

Wer zu Schiff nach Werder gelangen will, fann dies mit den Dampfern der Stern- und Kreisschiffahrt und den Winter<<

Ausflüge in die weitere Umgebung märchen" Dampfern der Reederei Robiling tun. Die Sterndampfer

Nach Wilsnack .

In die Briegnig, den fruchtbaren Landstrich im Nord­westen der Mart, loden alte Städte, schöne Wälder und anmutige bachdurchflossene Täler auch den Wanderer, der für agrarische Beobachtungen weniger Inter­effe hat. Die Sonntagstarte bis Wils­nad bringt uns bequem nach diesem historisch berühmten Drt wir steigen aber in Glöwen aus, wenden uns dann erst nördlich auf der Chaussee, dann halblinks nach Groß- Leppin, einem an der Karthause gelegenen Dorf. Von hier durch die von der Karthause durch­flossenen Wiesen nach der Plettenburg, einst Besitz der Bischöfe von Havelberg , deren weltliches und geistliches Reich den Norden der Mart umfaßte. Ein guter Ueberblick über große Teile der Briegnig- Havelberg, Wilsnad, Perle bietet sich vom erhöhten Stand­punft bar. Auf einem Don alten

berg

Kastanien eingefaßten Damm durch

Choles

Wilsnack: Schloß und Uebergang zur Kirche.

"

fahren täglich nach Werder ab Weidendammer Brücke um 8 und 9 Uhr, ab Charlottenburg Schloßbrüde 8.30 und 9.45 Uhr, ab Spans dadau Lindenujer 9.30, 9.45, 10.20 und 10.45 Uhr. Außerdem sind noch täglich Werderfahrten vorgesehen um 9 1hr ab Tegel und durch den Teltowkanal ab Tempelhof . Der fahrplanmäßige Verkehr Don Wannsee und Botsdam wird verstärkt; von Wannsee fahren die Dampfer stündlich und von Potsdam halbstündlich nach Werder. Die Reederei Nobiling wird mit ihren Wintermärchen" Dampfern um 8.30 und 9 Uhr ab Schlütersteg( Bahnhof Friedrichstraße ) nach Berder fahren. Sonntags findet noch eine dritte Fahrt um 8 Uhr morgens statt.

Wallfahrtskirche wurde gebaut; an Stelle des ehemaligen Prälaten­hauses" erstand später das Schloß, mit der Kirche durch einen llebergang verbunden. Erst 1552 tam das Ende, indem der evange­lische Präditant Ellefeld die drei Hoftien verbrannte. Fehit somit dem heutigen Wilsnack die Sensation, so nimmt die Stadt einen Aufschwung durch das Eisen- Moor- Bad.

Wiesen und später durch Wald oder auf einem Wiesenfußweg neben| und der Zustrom der Gläubigen muchs von Jahr zu Jahr. Die der Karthause gelangen wir zum idyllisch gelegenen Forsthaus Blattenburg und enden an einem Wichtelmännlein- Wegweiser vorbei in dem an der Karthause gelegenen Städtchen Wilsnad. Der Name stammt von dem slamischen Bolte der Wilgen. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts schuf die Mär von dem Wunderblut pon Wilsnack " dem damaligen Dorfe folche Bedeutung, daß es zur Stadt wurde. Im Jahre 1383 verschonte ein Feuer die auf dem Altar der Kirche befindlichen drei Hostien, in denen sich nachher je ein Tropfen Blut befand. Dies Ereignis wurde als under gepriesen

Verzagt am Leben.

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Die Berzweiflungstat eines befagten Ehepaares. 3m Hause Weserstraße 215 in teutolla 215 in teutolla vollendete fich gestern die Tragödie eines befagten Ehepaares. Der 54jährige Schuhmachermeister Wilhelm Prosta und feine um ein Jahr ältere Frau Johanna wurden in ihrer Wohnung durch as vergiftet tot aufgefunden. Brosta war es früher einmal besser gegangen. Das Geschäft ließ in legter 3eit aber immer mehr nach und es stellten sich mirtschaftliche Sorgen ein. Da der verzweifelte Mann feinen Ausweg zu sehen glaubte, feine augenblickliche Luge zu Derbessern, faßte er mit seiner Frau den Entschluß, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Wahrscheinlich schon in der Nacht nom Donnerstag zum Freitag schritten beide zur Ausführung ihres Vor­

Projckolle

24]

Rist

Herausgegeben

Peiste

Esther Grenen Und auf der anderen Seite? Trübjelige Familienbäter, denen ihr Klub der Inbegriff menschlicher Glückseligkeit be deutet, junge Männer, die von ihren Bräuten nichts anderes verlangen, als daß fie möglichst unerfahren in die Ehe treten und sich möglichst bald im Trott des Alltagslebens zufrieden geben. Und da ist Lehrer Lund mit seiner Boesie und seinen Blattfüßen, der sich nur mit gesentten Bliden auf die Straße traut, und da ist immer und immer wieder Dottor Mante mit dem rotladierten Auto und den Bogermuskeln, der allein Das ganze Provinglaster zu vertreten hat. Und dann noch die paar Männer in Amerita und die paar Seeleute, die ab und zu nach Hause tommen flau, mein Lieber. Wie Sie wissen, bin ich ein eifriger Zeitungsleser. Es ist mir daher nicht entgangen, daß 3hr jetzt zu allem leber fluß auch noch die verfluchte alte Jungfer aus Kopenhagen habt, die euch die Beiber rebellisch macht, und der zuliebe allein man die Lustmörder erfinden müßte. Bei dieser Gelegenheit möchte ich Ihnen raten, alle Zeitungsausschnitte, verstehen Sie wohl, alle, von Anfang der Affäre an, zu sammeln und aufzuheben. Sie spiegeln nicht nur die öffentliche Meinung wieder, der sie entstammen, sondern noch viel mehr die, die sie erst verursacht haben. Sie werden immer wieder in den Zeugenaussagen die Stimme der Presse vom Tag vorher finden.

Run mill ich aber meine Epistel schließen. Sie sind doch einem alten Kollegen nicht böse, menn er auch mal ein bißchen schulmeistert. Natürlich meiß ich über den Fall Rist felbft, über die Explosion des Aaresunder Badehäuschens, das, nebenbei bemerkt, ein verdammter Kitsch mar, und über das arme fleine russische Mädchen jo menig wie Sie und wahrscheinlich noch viel weniger. Ich wollte meine Bor lefung nur über ein Thema halten, und zwar über bie enige lefung nur über ein Thema halten, und zwar über bie emige Unersättlichkeit weiblicher Abenteuerträume.

Sie haben es schmer, mein Bieber. Wenn ich geahnt hätte, was alles tommen, mith, jo hätte ich nor Antritt meines

Bom Bahnhof Wilsnad bringt uns die Bahn nach Hause. Die Wegelänge der Fußmanderung ist etwa 17 Stilometer.

habens. Sie drehten sämtliche Gashähne auf und die ausströmenden Gasmengen, die bald die ganze Wohnung ers füllten, führten ihren Tod herbei. Erst am gestrigen Nachmittag murben Hausbemohner auf starten Gasgeruch aufmerksam, der aus der Wohnung des Schuhmachers drang. Da auf Klopfen niemand öffnete, wurde die Polizei und Feuerwehr alarmiert. Die Beamten verschafften sich Einlaß und in dem nöllig mit Gas erfülltem Schlaf. zimmer fanden sie das Ehepaar tot auf. Wie auch aus einem Abschiedsbrief hervorgeht, haben beide im gegen. feitigen Einverständnis gehandelt.

Werder in Blüte.

Das warme Better der letzten Tage hat die Obstbäume Werbers zum Blühen gebracht, so daß in den nächsten Tagen die Blüten fahrten nach der Obststadt an der Havel beginnen werden.

Urlaubs menigstens dafür gesorgt, daß ein Ersak für unser tüchtiges Fräulein Petersen tommt. Die gute Nielsen ist ja doch nur als Maschine zu gebrauchen, der sind ihre As und Os viel wichtiger als alles übrige auf der Welt. Und wenn Sie ihr mal ihr eigenes Todesurteil diftieren, wird sie es nicht merter, so wichtig ist ihr, daß alles schön aussieht. Bei fchweren Fällen aber braucht man auch für die mechanische Arbeit einen Menschen von Berstand neben sich.

Nicht wahr, Sie schreiben mir, wenn Sie mir was zu jagen oder wenn Sie mich was zu fragen haben. Und wenn die Sache zu toll wird, so telegraphieren Sie einfach. Kopf hoch!

Dringend!

Ihr alter

Niels Wessel.

Herrn Untersuchungsrichter H. G. Jakobsen, Amtsgericht Sändrup.

Lynŏ, Billa Freya , 6. Juli 1929. Liebster Jakobsen,

Leider ist es mir diesmal nicht möglich, Ihrer Vor­ladung Folge zu leisten. Ich bin seit drei Tagen überhaupt nicht mehr imftande gewesen, das Bett zu verlassen, meine alte Angina pectoris scheint jich mieder zu melden.

so wichtig sind, daß ich außerstande bin, sie ohne schwere Und doch hätte ich Ihnen Mitteilugen zu machen, die mir gesundheitliche Schädigung länger bei mir zu behalten. Ich will Sie nicht an mein Schmerzenslager bemühen wie die Gräfin Aaresund und möchte mich auch nicht gern dem Papier anvertrauen. Deshalb bitte ich Sie inständigst und dringlichft, diesmal doch meine beste Freundin und einzige Bertraute, die berühmte Schriftstellerin Birgit Hafting emp: fangen zu wollen. Sie ist von mir in alles eingeweiht, fie wird Ihnen alles sagen, was ich Ihnen zu sagen habe, nur daß sie es beffer, ruhiger und flarer formulieren wird. Meinen herzlichsten Dank im voraus. Ihre alte Freundin

Protokoll

Helene Delius.

aufgenommen mit der Zeugin Birgit Hasting, geb. 1887 in Slagelse , Seeland , evangelisch, ledig, Schriftstellerin, Korrespon­scheint auf ausdrücklichen Wunsch von Frau Helene Delius.) dentin von Dagens Nyheder", Kopenhagen. ( Die Zeugin er Ich bin Birgit Hafting." Sur Sache bitte

Busch wird verhört.

Ueber die Beziehungen zu Loutfi und den Düppelanfauf. Die Bernehmung des früheren Stadtrats Busch ist am geftrigen Freitag durch Staatsanwaltschaftsrat Weißen­berg am Krantenbett des Beschuldigten fortgesett worden.

Zunächst wurde Stadtrat a. D. Busch über die Lebense mittelgeschäfte befragt, die er im Kriege für die Stadt Berlin abgeschlossen hat. Busch erklärte hierzu, daß diese Geschäfte sämt lich ordnungsgemäß abgewickelt worden seien und daß er bei dieser Gelegenheit auch den holländischen Kaufmann Louiti fennengelernt habe. Er bestritt entschieden, daß es sich bei 2., der übrigens ein angesehener Kaufmann in Rotterdam sei, um einen " Strohmann" handle, dem er Vermögenswerte überschrieben habe. Inzwischen hat Kriminalkommissar Seiffert am Donnerstag im Haag und in Rotterdam Ermittlungen vorgenommen und da bei festgestellt, daß Loutki tatsächlich existiert und nicht mur, wie man u. a. angenommen hatte, lediglich eine Phantasiegestalt sei. Die Ermittlungen der Kriminalpolizei müssen allerdings nochy ergeben, ob 2. wirklich so vermögend ist, wie Busch dies behauptet. Der frühere Stadtrat selbst erflärt bekanntlich, daß er feinerlei Ber­mögen befize. Die weitere Bernehmung beschäftigte sich dann mit dem Ankauf des Ritterguts Düppel- Dreilinden für die Stadt Berlin . In dieser Affäre sind seinerzeit in der Stadts Derordnetenversammlung und neuerdings vor dem Ausschuß des Preußischen Landtags schwere Beschuldigungen gegen Stadtrat Busch erhoben worden, u, a. Don feinem früheren Brivatfefretär Günther, der offen behundete, Das Busch bei diesem und anderen Grundstückss geschäften erheblich verbient habe. Stadtrat Busch bestritt in der gestrigen Bernehmung ebenfalls bei dem Düppel- Geschäft mie auch in anderen Fällen irgendwelche rovisionen direkt oper durch Mittelspersonen erhalten zu haben. Bor allem erflärte er auch, daß er niemals für die Wirtschaftspartet, die ihn bekanntlich ausschloß, weil sie mit seiner Grundstückspolitik nicht einverstanders mar, Gelder gefordert oder erhalten habe.

Die Bernehmung Buschs wird am Montag fortgesetzt werden.

Freie Sozialistische Hochschule. Am heutigen Sonnabenb, dem 26. 2pril, 19% Uhr, findet im ehemaligen Herrenhaus, Leipziger Straße 3, ein Bortrag des Genossen Prof. Dr. Hugo Sinzheimer , Frankfurt a. M., über das Thema: Der mensch im neuen Arbeitsrecht statt. Starten sind an I der Abendkasse zu haben sowie in folgenden Berkaufsstellen: Büro

,, Ich bin die Korrespondentin von Dagens Nyheder." Ich muß Sie ersuchen, sich furz zu faffen." ,, Ich bin Schriftstellerin.'

Fräulein Hafting, das alles haben Sie doch eben erst bei Ihren Berfonaldaten angegeben."

,, Sie sind wenig höflich mit mir, Herr Untersuchung richter, und das habe ich mir auch nicht anders erwartet. Ich mundere mich, daß Sie überhaupt noch für mich zu sprechen find. Für mich, der alle Ministerien in Kopenhagen offen stehen, für mich, die jederezit bei Hof und bei den höchsten Herrschaften vorsprechen fann. Die Tatsache, daß das Haupt verdienst an der Aufdeckung der Lynöer Greuel mir zu* tommt, scheinen Sie nicht bemerkt zu haben, ja, Sie scheinen fogar gefliffentlich darüber hinwegsehen zu wollen. Ich mache Sie darauf aufmerksam, Herr Jakobsen, daß meine Zeitung"

,, Fräulein Hafting, ich habe Sie in Vertretung von Frau Delius empfangen. Wenn Sie uns weiter mit Ihrer Berson allein unterhalten wollen­

empfangen. Und wenn Sie die Güte hatten, sich so weit ,, Ja, Sie haben mich in Bertretung von Frau Delius herabzulassen, so werden Sie mich wohl oder übel auch aus­reden laffen müffen. Ich bestehe darauf, und ich habe alle Ihnen alle die Zeugen, man muß wohl sagen 3euginnen, Berechtigung, darauf zu bestehen. Denn ich war es, die zugetrieben hat, ich habe mir das Vertrauen der Bevölke rung, der Sie so fern stehen, wie nur ein echter Bürokrat es überhaupt fann, zu erringen gewußt, ich, jawohl ich allein trage das Berdienst, wenn nicht die schrecklichsten Borkomm­nisse mit echter Bogelstraußpolitik übersehen werden, mir allein ist es zu danken nein ich lasse mich nicht unter­brechen, hier stehe ich vor den Schranken des Gerichts, ich werde sprechen, und ich werde die Wahrheit sagen, die Wahr heit auf jeden Fall, geben Sie fich feine Mühe, mir das Wort abzuschneiden, Herr Untersuchungsrichter, Birgit Hafting läßt sich nicht den Mund verbieten, Birgit Hasting weiß, mas Sie sich, ihrem Beruf und ihren Lesern schuldig ist. Mit mir tönnen Sie nicht umgehen, wie mit der armen fleinen Divefe, dieser verzweifelten jungen Mutter, die Sie faum angehört hatten und auf der Stelle nach Hause schicken Zahl der Opfer ist, Sie schreiten in aller Ruhe über Frauen wollten. Ihnen natürlich ist es gleichgültig, wie groß die

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( Fortsetzung folgt.)