Sonnabend 3. Mai 1930
Unterhaltung unü AAssen
Beilage des Vorwärts
John QalsnorÜnfi JlpOilWOfß
,,M>, das ist aber gut!" sagte der Kahlköpfige mi Parkett, und der Menschenseind neben ihm bekam den Schlucken. ,„Haha!' brüllte der Dicke mit dem Monokel. „Donnerwetter!' rief der Vierte naiv. Auf der Bühne des.Paradieses' lag«in Elefant auf dem Rücken, von einem Plüschrahmen umschlossen. „Schaut euch nur sein Aug' an!' lacht« der Kahlkopf,„haha!' Alle vier blickten hin. Das winzige Auge de» umgekehrten Elefanten— der einzige bewegliche Punkt in jener grauen Mass«— wanderte suchend durch das Publikum und heftete sich sodann er- gebungsvoll aus seine vier Bein«, die wie Säulen in die Lust rag» ten. Cs war eine Welt für sich, dieses Auge, ein« klein«, wunder- liche Walt für sich— in dem großen Theater unter der vergoldeten Kuppel, mit der Flut von Lichtern und den zahllosen Gesichtern, die sich all« nach einer Richtung wandten. „Haha! Schaut euch nur sein Auge an!' Der Blick de» Elefanten war wieder durch da» Publikum gewandert und der Raioe murmelte: „Donnerwetter! Fabelhaft komisch!' „Kolosial gescheite Biesterl' sagte der Dicke und klemmte sein Glas fest. „Glaubt ihr', fragte der Ra'we', daß sich sowa, durch Güte er» reichen läßt?' Der Kahlkopf drückte sein Tlaque zusammen. „Kann man unmöglich sagen', gab er zurück.„Seht euch nur den Rüsiel dieses Halunken an!' Der Elefant, der müde war, feinen Rüstet nach dem Publikum auszustrecken, hotte Ihn auf seine Brust zusammengerollt. „Wie'ne aufgeblähte Raupe!' murmelt« der Menschenhasser. Zwei ängstlich dreinschauende Angorakatzen und zwei rotbrüstige Papageien, an deren Beinen dünn«, vergoldet« Kettchen befestigt waren, kamen von verschiedenen Seiten hervor und setzten sich auf je ein«, der Bein« des umgedrehten Elefanten. „Ganz famos!' sagte der Kahlkops. Nach einem Augenblick des Zögern» hatten die Katzen und die Papageien angefangen, von einem Fuß zum anderen zu hüpfen; der umgekehrt« Elefant rollte fein kleine» Auge und krümmt« den Rüssel. „Alfa, das heiß« ich einfach großartig!' rief der Kahlkopf.„So 'ne Intelligenz!' „Ich Hab' einmal«m Katze gekonnt', beschwerte stch der�Mison» throp, �die so intelligent war, wie«in menschliche» Wesen.' „Ra, na!' ließ stch der Dick« hören. „Was sagt ihr nur dazu!' unterbrach ihn der Kahlkopf eifrig. Der Elefant hatte nämlich seinen Rüssel, auf dessen Spitz« ein Papagei saß, erhoben und hi"'» ihn langsam dem Publikum hin. „Nicht übell' schrie der ke.„t)oha!' .Beinah' alle Katzen', fuhr der Misanthrop eigensinnig fort. „sind geradeso gescheit wie menschliche Wesen.' .Was!' sagte der Dicke.„Sic wollen mir vielleicht weismachen. daß ein Haus voll Katzen für so etwas Verständnis hätte? S'.e wollen behaupten, daß ein Haus voll Katzen etwa» Komisches an dem Elefanten da finden könnte?' Der Kahlkopf unterbrach chn:„Bewundernswert— dies« Dressur! Da sieht man, wo» sich durch Ausdauer erreichen läßt; ein starker Wille gehört dazu, Katzen und Papageien zusammen abzurichten.' .La. wahrhaftig!' sagte der Dicke.„Ich schau mir gern so eine Dressur an. Ich bin nämlich«in großer Tierfreund. Es gibt zwar Leute, die scheinen sich keinen Pfisserling um sie zu scheren. Gc- lungene» Biest, so ein Elefant, wenn er auf dem Rucken liegt!' .Meinen Sie, daß es ihm Spaß macht?' fragte der Naive nachdenklich.
Die Katzen und Papageien verschwanden von der Bühne, und ein kleines Kätzchen, das leise miaute, kroch hervor und rollt« sich in dem Rachen des großen Tieres zusammen. „Alle Wetter!' ries der Mcnschenhasser mit plötzlich erwachtem Interesse.„Verdamme natürlich! Was für ein reizender Schlingel, eh?' lind auch er klatscht« Beifall. Das winzige Auge des Elefanten schien zu fragen, was dieser Beifallssturm bedeute. „Soviel gebe ich für die Intelligenz einer Katz'!' crvärie der Dicke.„Zeigen Sie mir mal ein Baby, das so dumm wär', sich in den Rachen eines Elefanten zu legen!' „Das beweist gar nicht-!' gab der Misanthrop zurück.„Mit der Intelligenz der Katzen, damit Hab' ich nur gemeint, daß die Menschen Dummköpfe sind—, de meisten wenigsten»!' Der Tierbändiger hatte das Kätzchen entfernt, stellte sich auf die Brust de» Elefanten und warf dem Publikum Kußhände zu. Dann befahl er dem Tier, seinen Rüssel auszustrecken und steckte ihm eine angezündete Zigarette zwisihen die Lippen. „Bravo!' schrie der Kahlkopf,„das heiß' ich aber ein kluge» Biest! Bravo!' „Ich will Ihnen etwas sagen', bemerkte der Dicke,„ich Hab' genau hingesehen—, es scheint ihm gar nicht zu gefallen.' „Was scheint ihm gar nicht zu gefallen?' erkundigte sich der Menschenfeind. „Nur sehr wenige Tiere können Rauch vertragen', sagte der Dicke.„Obzwor ich einst ein Pony hatte, das mit Vergnügen Rauch «ingesogen hat.' Der Elefant steckte seinem Herrn die Zigarette zwischen die Lippen:«in Zittern lief durch seine massige Gestalt. „Schauen Sie sein Auge jetzt an", sagt« der Kahlkopf.„Ist es nicht verdammt komisch?' „Ach wo»!' gähnt« der Menschenfeind,„ich Hab' sck)on genug von diesem langweiligen Elefanten.' Und wie in Ucbereinstimmung mit diesem Gefühl fing der Dresseur an, die Bänder de» Plüschrahmen» etwa» hastig zu lösen, und plötzlich stieß das Tier«inen Trompetenton aus. „Ahoi Er will wieder ausstehen!' keuchte der Dicke.„Sie können sagen, was Sie wollen, ich sind««» ausgezeichnet. Es ist alles so natürlich! Es gibt freilich Leute', fügt« er ärgerlich hinzu. „die sich den Henker um Tiere scheren!' „Mir scheint, e, wird gar verdrießlich', sagte der Kahlkopf „Seht euch nur sein Aug« jetzt an!' „Jawohl!' erwiderte der Dicke,„in dem Punkt versagen halt die Tiere;«» fehlt ihnen eben der Humor. Das können Sie beut, lich an seinem Auge sehen; wenn'» auch verdammt klug aussiehi, es fehlt ihm doch der Humor!' Und jene kleine, wunderliche Welt für sich—, das winzige, runde Auge de» Elefanten, das traurig den Blick hin und her schweifen ließ, schien zu antworten:„Ach sa! Un» fehlt der Humor!', „Wenn ich nur wüßt, ob es ihm auch gefällt!' murmelt« der Naive, als wäre ihm der Gedanke zuwider, über ein« Vorstellung im Zweifel zu fein, die ihm fo höchlich amüsierte. „Ob es ihm auch gefällt? Natürlich gefällt es ihm! Diese Biester sind ja erstaunlich inlelligent!' meinte der Dick« und lieh sein Monokel aus dem Aug« fallen, als sich der Vorhang senkte. „So'ne Schaustellung heiß ich die Apoth— die Apotheose der Intelligenz. Nicht jeder kamr so was würdigen, und auch nicht jedes Tter Hot Sinn für so was. Es gibt ja genug Esel und Schweine!' setzt« er hinzu, und zerstreut blickte«r durch sein Monokel um sich. „Was soll man zu. denen sagen?'
Frühlingstag im Dachauer
Heute morgen, nach der kokten Nacht, als ich vom Ampcrwald ins �Himmelreich' hinaustrat, blieb ich lange stehen. Grau war der Himmel und grauer der dunkle, tiefe Wald; aber über der weiten Fläche vor mir. mit den fellfamen Büschen und silbernen Ver. schwammenhelten, glänzte«in wundersame, Licht. Das Moor schlief, doch«in zarter Duft von erwachender Erde fuhr eben auf und brachte sehnende Gefühle. Zag erhellte sich der Himmel. Lockere Nebel stiegen auf den weiten Tiefen. Weiße Blitze zuckten, und ganz allmählich verschwand die Landschaft wieder, wie hinter den Schlelern eines beweg«n Traumes. Es war ganz still. Kein Vogel rief und unter den Tritten des feldwärts wechselnden Wilde« brach kein Reis. Das silberne Gras, durch da, ich schritt, war unberührt und seder Fährt« bar. Ich wollte mich selbst nicht hören und ging leiser wie«in Tier. denn ich horcht« auf da» Feine in mir, da» wie ein silberner Vogel war. der die Federn schüttelt« und sang-«r hatte«inen goldenen Schnabel und-pfiff so hold, bi» die Günding «? Frühgiocken sein letztes Singen verläuteten. So kam ich sachte in den Morgen hmäin. Spielhähne wollte ich verhören. Aber lm Grahlsinger Moor war nichts los. Vielleicht war«» noch zu früh für dt« Bakz. Um eins wandert« ich schon wieder auf der glatten Echleißheimer Chaussee dem vbergrashof entgegen, zweigt« link» ab und schlug mich durch die Kiefern und Birkenständ« in die Schlelßheimer Hege hinüber. Das war so im ganzen gut an die acht Stunden Weg». Wenn einer nun außerdem eine schwere Kamera schleppt, dl« Augen bald da. bald dort über einem Farellenbach oder droben In der Luft zu hängen hat, den ganzen Tag angestrengt beobachtet, darf er abend» wohl müde sein. Ich habe ja soviel gesehen. La» Rehwild ist heuer gut durch» gekommen,«» ist seist und die Ricken und jungfräulichen Schmolreh«. mit dem dichten, weißen Spiegel und der feinen, glatten Deck«, sehen wirklich zum verlieben au». Gegen Vbend fand ich dann auch die Spielhähne, an di, fünfzig Stück, aber ich glaube nicht, daß sie dort. wo ich sie sah. im Erdmoos, nah« der Straße zum Hockenhof, auch balten werden. Es ist viel Raubzeug da. und ich tonnt« wichtige Brutbeobochtungen machen. Wenn der Frühling erst richtig los» legt, muh man wissen, wo alles liegt. Auf den Dungfeldern hockten Hunderte von durchziehenden Saat, und Rebelträhen. Die Enten Hab«, sich schon getrennt«ld
die Erpel buddeln überall in den schmalen Wassergräben herum. Dann und wann hört man ein« Haubenlerche mch mich die Zaunkönige sind merkwürdig schwatzhaft geworden. Es blüht der Huf» lattich, und In den Amperauen, zwischen wachestäubigen Erlen» und Haselstauden brannte heute morgen der Kellerhals. Jedes Ding hiirterUißt ein Bild in meinem Herzen, will erfühlt. erfaßt und liebend registriert werden. Nur keine Bergleiche darf man ziehen, sonst wird man traurig. Da wird entwässert und do t gegraben, hier fällt eine der letzten Kiesern im Karlsfelder Moor, die letzten, die wir dort noch haben. Ueberall wie Pilze schießen die Baracken aus dem Boden, erdbeworfenc Maulwursshügel, in deren Feuchte Menfchon wohnen miissen. Ja, ja, fo ist es. Die Welt wird bald zu Nein sein. Wo dl« letzten Spielhähne balzen, wo die letzten Reiher anbetend in der Morgenfonne stehen,'werden einmal Fabriken sein. Keiner Landschaft töte Naturschutz mehr no! als dieser. E» gibt aber noch viele«, was das Herz erfreut. Diesen Blick zum Beispiel, von der Kiefer, auf deren breiten, tragfählgen Aestcn ich llege, über das Moor. Ich sehe dies: Eine Veite, hufeisenförmige, von Kiefern, Fichten und Birken umrahmt« Fmhlingswiese. Mitten drinnen steht eine grau« Krähen- Hütt« und hinter dieser beginnt der Birkenwald. Mtt graugrün- seidenen Wellen«ntbrettet sich die Fläche vor mir bis zum Rand de, Walde», der mtt seinen weißen, runden Leibern und dunklen Zwei. gen aus einer Wirrni, rostroten Unterholzes entspringt. Den lich. ten Wald bekennen mit gewaltigen Sätzen di« beiden Klesernreihen. Sie sind wie Troll«, mit wildem Kopffchmuck versehen: �schwer«. kupferrote Schlangen winden sich aus dem verhängten Grün. Die Wurzeln mancher Bäum« sind vom letzten Mvorbrond her noch schwarz verkohlt, manchmal ganz ou» dem Erdreich gehoben. �Hinter dieser Umrahmung weiß ich da» Moor: Röhricht , Schiff, Seggen» länder. klar« oder eisenhaltige, braun« Bäche, schwarze Gräben, Torfstich«, um die alt«, graue Hütten weiden. Me dies« Dinge könnt« Ich auch in einer anderen Gegend haben. Nie aber in solchem Licht! Diese Beleuchtung gibt es nur hier! Dazu gehören die feinen, wasserreichen Dünste des Moores, der goldene Föhnhauch, der von den Bergen her weht, und dahinter muß der Herrgott fein edelstes Gewand, einen unendlich reinen und fleckenlosen Abendhimmel«ntbreitet haben. In diesem Licht« ist jede Kiesernadel wi« von blitzenden Strahlen pmjprüht, ist jed«.
Dinglichkeit über sich selbst hinaus ins Wesenlose, Märchenhafte eyt- rückt. Also ist nur Tiefe, uferloses Verschwimmen, freudig empfangendes Schauen, hinter dem keine Wirklichkeit mehr steht. Nun will es nachten.... Auf der Wiese und hinter den Stämmen äsen Rehe. Vier Rudel kann ich von hier aus sehen und darunter«in paar gute, starke Böcke. Wenn es nur jo bliebe, muß ich denken. In einer nahen Ficht« ist ei» Schwärm Meisen und Goldammer» eingefallen. Das ist ein wildes Flattern, Znnischern und Geklingel ums Geäst, bis endlich alle sich gefunden haben. Wie ein lebendiger Christbaum— über und über mit den kleinen, golde- nen Vögclchen besteckt— schimmert die Fichte im blaugrünen Licht. Steif streckt sie ihre Aeste hinaus und wagt sich kaum zu rühren. Aus jedem Zweiglein, jedem Ast ein paar liebe, wandermüde Piep- mätze sitzen zu haben; hundert feine Sümmchen, die immer leiser den scheidenden Tag versingen, dafür muß man schon dankbar sein. Langsam geht die Sonne unter. Es ist ein Nebel aufgestiegen, der die weichen Gründe oerhüllt, es kühlt und ist still und feierlich— wie in einem Traum. Otto INvtwrt.Dacttau. 3)as furcMbartfe Qifl Viele Jphr« lang galt der sogenannte Bazillus B o t u l i n u s. der die furchtbare Fleischvergiftung, den Bottrlismus, hervorruft, für das furchtbarste aller Gifte. Dieses Gift, das sich in Speisen und Getränken bildet, ist so ungeheuer wirksam, daß ein Teelössel voll genügen würde, um sämtlich« Bewohner unsere, Erdballs zu töten, wenn das Gift in geringsten Mengen jedem eingeflößt werden könnte. Aber jetzt Hot man gesunden, daß das Schlangen- gist in gewisser Beziehung doch noch furchtbarer ist. Das Lotulimis- gist steht zweiselios in seiner konzentrierten Tödlichteit an erster Stelle. Es gibt kein anderes Gift, da« in fo winzigen Mengen vernichtet. Aber das Schlangengift hat auf di« lebenden Gewebe. sowohl auf die der Muskeln wie auf di« der Nerven, einen noch stärkeren Einfluß. Es scheint das einzige Gift in der Welt zu fein, das die Todeswirkung durch den ganzen Körper hin auf einmal hervorbringt. Die meisten Gifte greifen mir einen Teil de» Körpers auf einmal an, so der Botulinus die Nerven. Das Opfer dieses Giftes bricht nicht etwa plötzlich zusammen wie vom Blitz getroffen oder stirbt sofort wie das unbehandelt« Opfer eines Schlangenbisses, sondern der Vergiftete wird zunächst von starkem Schwindel er- grisfen und kann sich schwer bewegen. Eine teilweise Lähmung der Kehl « macht ihm das Sprechen schwer und dann unmöglich. Andere Erscheinungen im Nervensystem folgen. Diese» wirkungsvollste aller bekannten Gifte greift eine Stelle im Nervensystem nach der anderen an, und wenn keine Gegenmittel angewendet werden, so werden die Zellen des Körpers, die des Blutes, der Muskel» und der anderen Organe erst ganz allmählich zerstört. Ebenso ist bei dem anderen Gistbazillus, den man nach dem Botulinus für den schlimmsten HAt, dem T e t o n ri s, der den Starrkrampf hervorruft. Auch er gehört wie die Gist« der meisten Bazillen zu denen, die sehr viel' stärker wirken als alle chemischen Gifte, z. B. Slrychnin»der Arsetük-■ Aber er kann ebensowenig wie der Diphtheriebazillus selbst' in den Körper eindringen. Er ist Nicht' M>st schädlich, sondern ndr i das Gift, das er erzeugt und in das Blut des Opser« bringt. Man kann das Tetanusgist einem Tier einspritzen ohne einen einzigen lebendigen Bazillus und so an diesem Tier alle Erscheinungen des Starrkrampfes hervorrufen. Der Diphtheriebazillus lebt mir aus den Schleimhäuten der Kehle und erzeugt dort das chemische Gist, da» in das Blut dringt und den Kranken ohne rechtzeitige Vorkehrungen tätet. Ebenso ist es mit dem Erzeuger des Bowlismus. der dos lebend« Gewebe des Körpers nicht durchdringen kann. Ganz anders aber oerhäit sich das Schlangengift. Es richtet seine Angriffe nicht gegen einzelne Organe und unteriocht ganz langsam den ganzen Organismus, sondern es stürzt sich sofort, fast gleichmäßig aus all« lebenden Zellen im Körper und wirkt öhn- lich wie ein Gistgos, das, über eine ganze Stadt verbreitet, alle Bewohner zu gleicher Zeit himvegrasft. Diese Eigenart des Schlongengistes, die es zum ftirchtborften aller Gifte macht, ist von dem Professor an der Wafhitigton-Universität von St. Louis Charles H. Philpott durch lange und schwierig« Untersuchungen nachgewiesen worden. Natürlich hat er seine Proben nicht an Menschen, ja auch nicht an höheren Tieren durchgeführt, sondern an einem der ein- fachsten Eeschöpie, das die Naturgeschichte kennt, eirum Infusorien- tierchen. das mit dem lateinischen Namen Parnnrecium heißt. Diese winzigen Geschöpfs bestehen nur aus einer'einzigen lebenden Zelle. Magen. Nerven,'Augen, Verdauungskanal usw. stnd zusammen- gedrängt in dem einzigen Tröpfchen Protoplasma, aus dem dieses Wesen besteht. Nach den Untersuchungen Philpotts beeinflussen g«- wohnliche Gift« diese einzelligen Kreaturen gar nicht Blausäure, Slrychnin, selbst das Gfft des Botulinus, von dem ein unsichtbares Tröpschen Tausend? von Menschen dahinraffen kann, können den Paromäzien nichts anhaben. Aber jede» Schlangengift töter die Tierchen verlMtiiismäßig ebenso schnell, wie dasselbe Gist einen Menschen töten würde. Man erklärt die Wirkungslosigkeit auch der stärksten Gift«' dadurch, daß diese Tierchen kein Nervensystem habe». E» gibt daher auch sür das Fleischgift und die anderen Gistarten keine Möglichkeit, den Tterör, beizukoimmm, beim es fehlt der Ai »- grrffspunkt, eben das Nervensystem, durch das sie den tödlichen Schlag siühren. Das Schlangengist aber wirkt ganz anders: es ergreist mit einem Schlag« die Gesamtheit der Zellen. Es ist brich- stäblich wahr, daß das Gift der Brillenschlange, das in einer de- stimmten Menge in das Menschenblut kommt, dieses Blut sofort in eine Flüssigkeit auflöst, die wie gefärbtes Wasser aussieht. Andere Wirkungen folgen ebenso schnell der Einspritzung vo» Schlanger»- gist, weil der Giftstoff die anderen Lebenszellen ebenso zersetzt und verflüssigt wie die roten Blutkörperchen. Dos Schlangengift ist ein universeller Zerstörer der lebenden Zellen, und es scheint, daß die Natu? dasselbe Gift auch noch andern Geschöpfen verliehen hat, wie einigen Seequollen. Ein Riesenwerk über ein Nieseatter. Der bekannte ameritanilcho Paläontologe Pros. Henry Fairchild Osborn verössentlicht jetzt«in zweibändige» Werk von SÄ Seiten mtt über 1000 Abbildungen, das «n riesiges Tier der Vvrzett, da» Tita n o the rtu m, zum Gegenstand hat. Di« Arbeit von 7ö Iahren, di« von verschiedenen Gelehrtengenerationen geleistet wurde, ist hier verarbeitet. Osborn vertrttt dre Ansicht, daß das Tttanotherium,«ine fossile Huftier- aattung, vor 600 000 bis einer Million Jahren in den westlichen Ebenen Nordamerikas weidete. Die meisten Arten dieser Tier- grupp« wurden in dem westlichen Teil der nördlichen Halbkugel gefunden. Drei Arten sind aus Fossiliensunde» in Osteuropa be- könnt, und«ine große Sammlung von Tieren dieser Gattung wurde durch die neuesten Expeditionen nach der Wüst« Gobi in der Mongolei zusammengebracht. Alle diese vorgeschichtlichen Arten des Tttanotherium» werden in dem Werk beschrieben und abgebildet.