föeiloge Sonnabend, 21. Juni 1930
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Die Auflockerung der lästigen Wohnungszwaugswirtschoft Hot nns schon manche angenehm« Stunde bereitet. Wie ich früher als Jung« mit Briefmarken tauschte, tausche ich jetzt mit Wohnungen, mit„gestempelten- und„ungestempelten-, wie es trifft. Nur ist es bei den Wohnungen umgekehrt, die„billigsten Werte- sind die gesuchte st en; man kann sie nur nicht ins Album kleben. Mein« letzte Wohnung gab ich auf, weil die über uns woh- »enden Mieter einen zu starken Lautsprecher besaßen. Als ich mich beschwerte, hatten die Menschen den Mut, zu behaupten, sie besäßen überhaupt kein Radio. Ich bohrte die Decke an, um die Gesellschaft in llsxronti zu ertappen. Aber da saß nur die Dame des Hauses vor dem Flügel und sang mit rückgekoppelten Kehl - lauten: „Nun sei bedankt, mein lieber Schwan!- Mehr sah ich nicht, denn ich siel von der Leiter. An dem Tag, wo ich gekündigt hatte, erfuhr ich, daß die Dom« mit dem Schwan an Stimmritzenkrampf erkrankt sei. Am Tage, wo ich auszog, überbrachte mir die Portierfrau die Mitteilung, daß die Sängerin endgültig ihrer vielversprechenden Bühnenlaufbahn Valet gesagt und eine Stellung als Souffleuse angenommen Hobe. Aber leider war es zu spät, von, Wahnungstausch zurückzutreten. Mein Nachfolger hatte die glücklichere Hand gehabt. In der zweiten Wohnung war ich der Glücklichere. Nur, daß die neue Wohnung einen Fehler hatte, sie war— zu still. Jeder Mieter in dem Hause flüsterte. Es war die reine F l ü st e r s ch u l e. Wenn man die Trepp« hinaufging, standen in den Etagen die Frauen in den Türen und flüsterten. Wie in alten Zeiten spannen die Frauen wieder fleißig ihr Garn, aber es war aus Lüge und Verleumdung gedreht. Der Faden ging wie auf einer Riesenspule von der Portierwohnung unten bis hinauf zur Waschküche. Selbst die Wasserleitung lief nicht so schnell wie der Tratsch und Klatsch. Die funktionierte bei mir in der vierten Etage nur, wcim unten ein Mensch aushörte, auf den Knopf zu drücken. Schon bei meinem Einzug hätten die Leute entdeckt, daß die Siegel vom Gerichtsvollzieher hinter meinen Möbeln noch nicht gelöst wären und daß ich einen sehr unordentlichen Lebenswandel führe, weil ich erst um 11 Uhr morgens aufstehe. In der ersten Woche hielt man mich für den Dater meiner Frau, später für ihren Liebhaber. Als dann gar eine Anzeige wegen„Derfllhrung einer Minderjährigen- einlief, kündigte ich erbost, denn ich bin nun schon im achtzehnten Jahr mit meiner Frau verheiratet, und die Kinder sind spät gekommen. Zur Ruhe glaubte ich erst zu kommen, als ich noch dem dritten Wohnungswechsel im Ringtausch über Gesundbrunnen , Kötzschen« broda, Schanghai und Berlin-Buckow in Wilmersdorf landet«. Es mar eine recht stille, sonnige Wohnung in ruhiger Straße. Die Straße war so still, daß man den Motor einer BZiurstfabrik nebenan bis bei uns in der vierten Etage vernehmen konnte. Wir lebten in dieser„ländlichen Ruh«- sörmlich auf. Eines schönen Tages überrascht mich mein Aeltester mit der Neuigkeit: „Papa, komm schnell einmal auf den Balkon hinaus. Schulzes drüben haben einen Hahn. Ich sah mir das Wunder an, dem, alles, was Schulzes betrifft, ßmerestiert mich. Es war wirklich«in Hahn, ich glaube sogar, es pwr ein Phönixhahn denn er saß auf einer Stange. Der un- tjättlichc Schulze hatte neben seiner Pelztierzucht mit Kaninchen
auch noch eine Hühnerfarm auf dem Balkon InstaMert. Zum Glück riechen Hühner nicht so stark wie Kaninchen. Frau Schulze, die unser« Aufregung sah, grüßte herüber. Als höflicher Mensch habe ich selbstverständlich zuerst gegrüßt, denn zu- fällig stand meine Frau nicht hinter mir. Frau Schulze wollte uns jedenfalls eine Freude machen, denn sie redete ihrem Hahn gut zu: „Kräh doch mal! Nun kräh doch schon einmal!- Aber der Hahn krähte nicht. „Papa, warum kräht Schulzes Hahn nicht?- „Papa, wie machen dos die Hähne, wenn sie krähen?" „Papa, legen Hähne auch Eie�?- „Papa, kräh doch malk- Um mich der Fragen meiner Kinder zu erwehren und ihnen den Willen zu tun, schob ich den Kehlkopf herunter, blähte mich— und krähte. Ja, ich krähte so gut wie weiland Petrus' Hahn, der eine Meisterschaft darin hatte, zu unpassender Zeit zu krähen. Frau Schulze drüben lochte. Sofort begann ich zum dritten Male anzusetzen— aus einen Verrat mehr oder weniger kommt es
nicht an—, als drüben der Hahn den Kopf hob. Und er begann zu krähen, so schön, so natürlich, daß ich mich meiner Kunst zu schämen begann. Frau Schulze war ganz rot vor Freude, die Kinder Natschten vor Vergnügen in die Hände. Sie hatten den Trick auch bald heraus. Ich untersagte es ihnen, denn, wenn schon einer im Haus etwas zu krähen l)at, so bin ich es, der kräht. Das hübsche Jdlftl. das die Freundschaft zweier Familien zart anbahnen sollte, erlitt eine jähe Unterbrechung. Vor acht Tagen, als ich noch schnarchend— wie meine Frau behauptet— gegen 6 Uhr morgens in Morpheus Traumgefilden lustwandelte, wurden wir plötzlich durch einen unausstehlichen Lärm geweckt. Auch meine Frau log wach, wie sie sagte, schon seit einer Stunde. Das verflixte Krähen draußen hatte uns geweckt. Eben wieder ertönte ein solcher Fonfarenschrei, ich lauschte— da, ein Gegenruf. Jemand antwortete, reizte Schutzes Hahn. Ich schlich mich leise hinüber in den Schlasraum der Kinder. Wart« nur, du Bürschchen! Das soll dir nicht geschenkt werden, deiner Eltern ehrlichen Schlaf so zu stören! Aber mein Aeltester, der Schlingel, liegt im Bett und steltt sich schlafend. Ich zieh« ihn an den Ohren. Martin brüllt und beteuert seine Unschuld. „Und du hast doch gekräht, du Lügner, ich habe es ja selbst gehärt!- Die ganze Wohnung kommt in Aufruhr. Meine Frau schimpft. daß ich die Kinder im Schlaf wachgenracht habe. Zuletzt scheint es mir auch, daß ich einer Gehirnhalluzinotion zum Opfer gefallen bin, und ich gehe wieder ins Bett. Plötzlich rust Martin: „Ja, Papa hat recht, da krähen zwei!- Der goldig« Junge, er kann es nicht leidem daß sein Papa ins Unrcchi gesetzt wird, selbst dann, wenn er die Ursache gewesen ist. Meine Frau will von der ganzen Sache nichts mehr wissen, sie dreht sich auf die andere Seite und schläft weiter. Ein Weilchen liege ich nach still und höre mir das Krähe» an.
Dann schleiche ich mich auf den Balkon hinaus. Toisächlich kommt das Krähen ganz wo anders her. Es ist unter uns bei Müllers, wo man kräht. Müllers sind Leute, mit denen es sich sonst leben läßt. Aber für so verrückt habe ich sie nicht gehalten, daß der alte Mann mit 64 Jahren sich noch zu nachtschlafener Zeit auf den Balkon stellt und Schulzes Hahn ärgert. Das wird mir nun doch zu bunt! Im stillen überlege ich, ob ich dieser guten Seele, dem Herrn Müller, die fünf Mark zurückgebe, die er mir vorgestern geborgt hat. oder ob ich sofort zu schimpfen beginne. Aber ich bin es nieiner Reputation als Familienoberhaupt schuldig, gegen diesen nächtlichen Unfug einzuschreiten. Für fünf Mark lasse ich mich nicht bestechen, selbst dann nicht, wenn er das Doppelte dazulegen würde. Laut beginne ich in die friedliche Morgenstille hinein zu protestieren. Ich nenne die Müllers Natten, je öller, je töller trieben sie es, richtige Kinder wären die alten Leute! Jedenfalls habe ich Schulzens drüben geweckt, und Schulzes haben das Schimpfen auf sich bezogen. So stehen wir beiden Männer denn barfuß und im Hemd auf unseren Ballonen und schimpfen uns gegenseitig an. Wie zum Hohn kräht<!s von Müllers Balkon herauf, und ich beuge mich weit über die Steinbrüstung, um es mit dem dritten Gegner auch noch aufzunehmen. „Du wirst fallen!- schreit meine Frau und hält mich am Hemdenzipfel sest. Beinah« falle ich wirklich, denn— o schmerzhaftes Entzücken!— auf Müllers Balkon unten fitzt« i n z w« i> e r Hahn auf einer Stange. Müllers Hahn rief und Schulzes Hahn antwortete. Gegen solche Konkurrenz will ich nicht auskommen. Ich grüße Frau Schulze nicht mehr auf der Straße, selbst wenn meine Frau nicht dabei ist. Zur Strafe habe ich auch dem Herrn Müller die fünf Mark nicht zurückgegeben. Meine Wohnung habe ich gekündigt. Ich werde diesmal über Wien — Neurode in Schlesien — Potsdam und Berlin-Gesundbrunnen im Ring tauschen, der Briefwechsel hat schon begonnen. Die Hähne haben ihre Sängerturniere um zwei Stunden nach dem Aufgehep der Sonne vorgeschoben. Ich denke, daß sie am Tage meines Auszugs schon um 2 Uhr morgens krähen werden.- Es ist die Zeit, in der die Ziehleute ihr Kommen angekündigt haben.