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Nr. 86.

Erscheint täglich außer Montags. Preis pränumerando: Viertel­jährlich 3,30 Mart, monatlich 1,10 Mt., wöchentlich 28 Pfg. fret. tn's Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- Nummer mit tlluftr. Sonntags- Beilage Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 3,30 Mt. pro Quartal. Unter Kreuz­ band : Deutschland u. Defterreich­Ungarn 2 M., für das übrige Ausland 3 Mt. pr. Monat. Eingetr. in der Post Beitungs- Preisliste für 1896 unter Nr. 7277.

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Vorwärts

13. Jahrg.

Infertions- Gebühr beträgt für die fünfgespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pf., für Vereins- und Versammlungs- Anzeigen 20 Pfg. Inferate für die nächste Nummer müffen bis 4 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen: tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn­und Festtagen bis 9 Uhr vormittags geöffnet.

Fernsprecher: Amt 1, Nr. 1508 Telegramm- Adresse: Sozialdemokrat Berlin ".

Berliner Bolksblatt.

Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2.

Sonntag, den 12. April 1896.

in

Expedition: SW. 19, Benth- Straße 3.

Politische Neberlicht.

Berlin , 11. April. als Die Konservativen und das allgemeine Wahlrecht. der Nach dem sächsischen Probevorstoß gegen das Wahlrecht ist es

der

"

von einander aufgefressen werdet"( consumi te , ut consu­Ave imperator morituri te salutant.*) mamini invicem). Was uns empört, ist auch nicht so sehr die Auflehnung der einzelnen gegen das Gesetz Der Gladiatorengruß des Herrn Hofpredigers vom jeder Stand sündigt in seiner Art 18. Januar schwirrt uns noch im Ohr, und siehe da, es ist die der doppelte Ungerechtigkeit einmal tödtlicher Ernst geworden mit den Kampfspielen, die zwischen Milde der Duellgeseze liegenden Konnivenz gegen das Ver- rathjam, alle Spuren wahlrechtsfälscherischer Gelüfte, die inner­höfischen Herren ausgefochten werden. Kehren die Tage der brechen der bevorzugten Gesellschaftsklassen und dann der halb der Ordnungsparteien auftauchen, zu registriren. Aller Herren von Hinckeldey und von Rochow wieder? Nachdem laxen Durchführung dieser Gesetze wiederum in Rücksicht Erfahrung nach wagen sie sich erst nur versteckt und in be­der weiland Zeremonienmeiſter Herr von Koze in einem auf die Klasse. Es genügte schon die Gegenüberstellung der dingter Form hervor, die wahre Absicht wird bis zum letzten ersten Duelle nicht vom Bufall begünstigt worden war, hat den Proletarier selbst bei geringfügigen Exzessen des ge- Versuch offen unternommen wird. So verdient es denn registrirt Augenblick abgeleugnet, bis dann eines schönen Tages der er vorgestern dem Freiherrn von Schrader, der die Autor- reizten Zorns so häufig treffenden schweren Gefängnißstrafe zu werden, daß auf dem Parteitage pommerscher Konservativer schaft er anonymen Unfläthigkeiten auf ihn gewälzt haben und der harmlosen Festungsstrafe für Duellanten. Außer zu Stettin der Abgeordnete Profeffor Ir mer sich über die soll, höchst unzeremoniell eine Pistolenkugel in den edlen dem weiß aber jeder, der die Rechtsprechung der bürger- Frage des Wahlrechts folgendermaßen äußerte: Leib gejagt. lichen Gerichte, ganz zu geschweigen der Duell­Haben wir je eine offenkundige und freche Ver- justiz der Militärgerichte, kennt, daß ganz ab= höhnung der Geseze in den Kreisen der Kämpen für gesehen von dem in wichtigen Unterschied Religion, Gitte und Ordnung erlebt, so dieses Duell, das Art der Freiheitsstrafe ein Echlag mit zugeklapptem Taschen­tagelang vorher in der hauptstädtischen Presse wie ein messer oder einem gewiß nicht sehr bedrohlichen Regen­Birtusspettafel angekündigt wird, zu dem sich Herr v. Kotze schirm oder einem Hausschlüssel einem Bürger gelegentlich bei dem verschwägerten Herrn v. Tresckow in Friedrichs- theurer zu stehen kommen kann, als dem bevorzugten Ver­felde einen Tag lang förmlich einschießt und in dem der brecher ein in mörderischer Absicht abgefeuerter Pistolen­Kommandeur einer Kavallerie- Brigade zu sekundiren sich schuß. Daß Duellstrafen in Deutschland häufig durch herbeiläßt. Ja, auch ein fönigl. preußischer Landrath, Gnadenerlaß verkürzt werden, ist bekannt. Daß die Be­der Bruder des Beremonienmeisters, ist von Aschers- hörden nicht im stande wären, durch mäßige Wachsamkeit leben hierher geeilt, um, wie ein Lokalblatt im Duelle zu verhindern, die unter ihren Augen vor Style der Rolportageromantik zu melden weiß, dem sich gehen, würde angesichts des vorliegenden Falles und selben in der schweren Stunde zur Seite zu zu sein. überhaupt in allen den Fällen, in welchen militärische Offenbar nicht der richtige Play für einen fönig Ehrengerichte Kenntniß vom bevorstehenden Duell erhalten lich preußischen Landrath! Wie eifrig pflegen doch die haben, nur auf die Gefahr hin behauptet werden können, Herren Landräthe sonst vielmehr dem Geseze zur Seite ein unauslöschliches Gelächter zu erregen. Aber bei der zu sein, wenn die geringfte Uebertretung einer gleichgültigen toleranten Beurtheilung, welche das Duell in unseren maß­Polizeiverordnung durch gewöhnliche Menschenkinder droht, gebenden Kreisen findet, ist man bisher nicht einmal im ober wenn sie die entfernteste Gefahr einer möglichen stande gewesen, dem Unfug der Studentenmenfuren in den Vereins- und Versammlungsrechtsverlegung wittern- ei, Universitätsstädten zu steuern. Es ist eine der charakteristi- das Hecht und die Fähigkeit für sich in Anspruch nehmen, zu Da nun Leute vom Schlage des Gymnasialprofessors Irmer ei, welche verzwickte Inkonsequenz gegenüber satisfaktionsschen Erscheinungen unserer Zeit: Für den Proletarier, der beurtheilen, wann der Staat aus den Fugen geht, so muß man fähigen Raufbolden! Die Opfer der Duellschlächterei mehren sich, die Ver- Anwendung des Gesetzes, wenn ihm ein Verstoß dagegen kommen und dann wird der Kampf um das allgemeine Wahl­Die Opfer der Duellschlächterei mehren sich, die Ver- für Weib und Kind um Brot zum sattessen ringt, schärfste darauf gefaßt sein, daß sie jederzeit zu dieser Erleuchtung bindung des Bürgerlichen und Militärischen im Reserve­Offiziersthum hat ganz entsprechend dem in Deutschland zur Laft gelegt wird. Der Duellant aber, der das Gejet recht im ganzen Reiche akut.- frech verhöhnt und Religion, Sitte und Moral mit Füßen

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Man kann nicht von irgend einem Wahlrecht sagen, es sei das natürliche. Man kommt oft zu dem Schlusse, daß die Busammensetzung des Abgeordnetenhauses ganz ungerecht sei, weil es nicht auf grund des allgemeinen gleichen Wahlrechts, das als das natürliche" betrachtet wird, gewählt ist, sondern auf grund des Dreiklassen Wahlrechts. Aber die Voraus­segungen einer solchen Ansicht sind falsch; denn der Staat be­stimmt doch die Form des Wahlrechts, und zwar in einer Weise, die ihm am zuträglichsten ist. Wir wissen, was das allgemeine, gleiche, direkte Wahlrecht zuwege gebracht hat, daß nämlich Berlin , der Siz der Hohenzollern­fürsten, von fünf Sozialdemokraten vertreten ist. Also unter allen Umständen ist dem allgemeinen gleichen direkten Wahlrecht nicht der Vorzug zu geben. Ebenso wenig freilich dem Dreiflassenwahlsystem. Aber letzteres sichert doch wenigstens dem Mittelstand eine sichere Vertretung zu. Wir können vorläufig noch zufrieden sein mit beiden Wahlsystemen. Es ist damit nicht gesagt, daß dies für alle 3eiten so bleiben muß. So lange nicht die Gefahr besteht, daß der Staat aus den Fugen geht, ist teine Ver­anlaffung zu einer Aenderung."

auf den Kopf gestellten sozialen Werthverhältniß zwischen tritt, er wird gerade um dieser Thaten willen für gewisse egyptische Verwaltung in Kairo erhoben. Die französische Eine schwere Beschuldigung wird gegen die englisch­Nähr- und Wehrstand nicht vermocht, die verrotteten tonangebende Kreise der Löwe des Tages und das sonst Telegraphenagentur" Agence Havas" veröffentlicht nämlich Vorurtheile soldatischer Sonderehre der verdienten all- unerbittliche Gesetz zeigt sich ihm gegenüber in auffälliger eine Meldung aus Kairo , nach welcher das Ministerium zur gemeinen Berachtung zu überliefern, dagegen den bürger Wilde. Verproviantirung der Expedition nach Dongola einen lichen Sitten einen Strom von verjährter Unfitte Wenn die Frühlingssonne das grünende Feld erwärmt, Theil der für die öffentlichen Arbeiten, nament­und Barbarei wieder zugeleitet. Darüber würde sieht der Landmann freudig die Saat keimen, die er der lich für die Bewässerung vorgesehenen sich das Proletariat nun an sich nicht sonderlich Erde anvertraut hat- so ist die Gerechtigteit einem Summen verwendet. grämen, und ob ein Herr von Roze einen Volke, was die Frühlingssonne der Flur; ohne ihre be- Die Nachricht ist sicher mit Vorsicht aufzunehmen; Herrn von Schrader abthut, oder ob jener vom lebende Kraft wird der Boden nie Flucht tragen. Wenn bewahrheitet sie sich aber, so wird dadurch einmal wieder zweiten abgethan worden wäre, ist uns ganz gleichgiltig; iegt der Reichsbote" frommes Aergerniß an dem elenden, Klargestellt, wie freventlich solche koloniale Eroberungszüge wir sehen den Fauftrechtübenden Ordnungskämpen mit jämmerlichen Fall" nimmt und hilflos zwischen den ver- an den wirklichen Kulturinteressen eines Landes sündigen, den Gefühlen zu, denen Hutten den bekannten drastischen edelnden Einflüssen des Christenthums und der Schaffung denn von den Bewässerungsanlagen hängt das Wohl des Ausdrud gab: Freffet euch auf, auf daß ihr gegenseitig von Ehrengerichtshösen hinundherschwankt, so haben wir gesammten Egyptens ab.- *) Deutsch : Heil Dir Kaiser, die dem Tod Geweihten be- gegenüber dieser Heuchelei lediglich den allgemeinen Klassen­In Sachen des Zeugnißzwangs- Verfahrens gegen den grüßen Dich," Worte, mit denen die Fechter den römischen charakter der heutigen Rechtszustände zu betonen, der im verantwortlichen Redakteur der Saale- Zeitung hat, wie Kaifer Claudius vor Beginn eines blutigen Spieles begrüßt haben Quellunwesen nur einen besonders sichtbaren und daher wir schon berichtet haben, das Oberlandesgericht zu Naumburg auch den klügeren Gegnern anstößigen Auswuchs besitzt. die Beschwerde gegen die Maßnahmen des Amtsgerichts ( Nachdruck verboten.) und klirrenden Eichel entgegenharrenden Stengeln und Aehren, Böhmen hinein. Und allweil brummt sie: Säu' aus­Halmen und Blättern. Aus einem blühenden Kleefelde drang g'wühlt!... Säu' ausg'wühlt!. Hast es schon ununterbrochen das feine, rythmische Gezirp der grünen g'hört, warum die so brummt?" Heuschrecke, eine dicke Hummel setzte sich auf die gelbe Langsam waren sie die Höhe hinaufgestiegen auf dem Dolde eines Ginsters und zog wieder davon, brummend, Laum fußbreiten Steige, den die überhängenden, förner, weil sie keinen Honig gefunden; zischend schoß eine Wespe schweren Aehren des Roggens faft verbargen: die hoch- vorbei und scheuchte einige Kohlweißlinge durcheinander, gewachsene ernfte Frau mit den gleichmäßigen Schritten die fich auf einer vom letzten Regen her noch feuchten Stelle eines Menschen, der weiß, wohin er will, das zehnjährige des Steiges versammelt hatten. Mädchen bald laufend, bald zurückbleibend, jetzt hier eine In die tiefe Stille tönte auf einmal erst ein halb blaue Kornblume pflückend oder eine rothe Rade, dann wieder zurückblickend nach den Giebeln des Dorfes, das sie vor einer halben Stunde verlassen.

sollen.

1

Tene.

toman von Nicolaus Krau

1.

In der Mitte des kleinen Rasenfleckens, der den Sügel frönte, lag umgestürzt ein großer Granitblock, das lette Ueberbleibsel eines verfallenen Marterls. Die Frau ließ aufathmend das Bündel, das sie bis dahin am Arme getragen, zur Erde gleiten, setzte sich auf den Stein und zog das Mädchen neben sich.

verhaltenes, dann mit aller Gewalt losbrechendes Schluchzen. Erschreckt hob die Frau das Haupt und mit mütterlicher Bärtlichkeit zog sie das weinende Mädchen an ihre Bruft.

Um den verzogenen Mund des Mädchens stand noch das Weinen, aber in den Augen blitte die Neugierde; energisch schüttelte es das Haupt.

" Na, dann paß auf!... Siehst D', wie die Schweden kommen sein, da haben die Kulmer ihre schöne Glocken ver­graben, weil die Raubersbande ihnen sie sonst weggenommen und Kanonen d'raus gossen hätt'. Und die Schweden haben ' auch net g'funden, aber den ganzen Ort haben s' anzunden und alles, was ihnen in die Händ' kommen ist, erschlagen. Wie der Krieg endlich aus war, sind die Kulmer, was noch Gelt,' s thut Dir halt weh, daß D'aus Deiner Heimath übrig waren, wieder zurückkommen und haben ihre Heimath fort mußt? Darfft nicht weinen, Trutscherl, kommit ja zu wieder aufbaut. Aber keiner hat g'wust, wo die Glocken feinen fremden Leuten, gehst ja mit mir. Siehst D', und vergraben ist. Und da sind sie traurig gewest viel und viele Spielfameraden friegst D' auch! Meine Life ist grad' Jahr'. Da hat einmal der Kulmer Sauhirt austrieben und so groß wie Du, weißt D', und dann die vielen, vielen Kinder wie er so schaut, sieht er, wie die Säu' allweil auf ein' Fleck in der Schul'...! Weißt D' und Dein Mutterl..." bleiben und scharren und wühlen und wühlen. Da ist er Wirst müd' sein, arm's Trutscherl. Thun wir halt ein Die Frau brach plötzlich ab und biß die Zähne über- aufg'sprungen und ist hingangen und hat die Henkel der bisl ausruhn. Siehst D', und das Schwerste ist schon über- einander; die Erinnerung an ihre unglückliche Schwester Glocken g'sehen. Er ist gleich in den Ort' neingelaufen und standen. Ganz eben geht's jetzt, wie auf einem Tisch, bis hatte sie überwältigt. Aus ihren starr blickenden Augen löften hat Lärm g'schlagen. Die Kulmer haben eine närrische wir nach Hause kommen." sich die Thränen und rollten ihr über die schmalen von Freud ' g'habt und die Glocken gleich auf'n Thurm' naufs Die Frau legte die Hände in einander und versant in Sorgen und Mühen gebleichten Wangen, daß eine bald die zogen.. Siehst D', und seit der Zeit brummt sie Gedanken. andere schlug. kein Laut drang ihr aus allweil: Säu' ausg'wühlt!... Säu ausg'wühlt!"... Ueber ihr und um sie lagerte die sonnendurchglühte der Brust. Und mit aller Gewalt sich zusammenfassend Wirst D' Dir's merken?" Stille eines Sommernachmittags, die fast etwas Körperliches fuhr sie sich einige Male verstohlen mit dem Rücken der hatte. Kein Mensch weit und breit. Aus den Roggenfeldern, linken Hand über die schwimmenden Augen und sagte lieb­beren Halme schon völlig weiß geworden, drang ein würziger Brot- reich zu der Kleinen, die noch immer ihr Antlig an ihrer geruch, vermischte sich mit dem süßlichen Geruch der reifen- Bruft barg: den Gerste und dem starken Duft des Lavendels und Thy­mians, deren kleine unscheinbare Blüthen alle Raine über­wucherten, und schwamm wie ein Meer von Wohlgeruch über all den von keinem Lufthauch bewegten, der zischenden Sense

Aber

Schau, Lene, schau! Siehst D' wie's funtert? Da... da droben, links, beim Wald. Sichst D', das sind die Thürm' der Kulmer Kirchen. Weißt D', da hängt die große Glocken, die man im ganzen Egerland hört und bis ins

Die Kleine bejahte eifrig, ihr Blick aber weilte nicht mehr auf den funkelnden Thurmknöpfen der Wallfahrts­tirche, er hatte sich mehr nach rechts gewandt, wo inmitten der blauen, von einem leisen Duft umwobenen Wälder des Kaisergebirges die weißen Häuser eines Dorfes schier zum Greifen deutlich hervorschimmerten. Die Frau folgte den Augen des Kindes.

" Ja, das ist Teschau. Dort ist Deine große Schwester,