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Die Gescheiterten. Sammlungswillen ohne Krast. Für den politischen Komödiendichter, der uns leider immer noch fehlt, hätte es nicht leicht ein fruchtbareres Thema aeben können als das Erlebnis der letzten Wochen: die g e» scheiterte S o m m l u n g s a k t i o n der bürger» lichen Parteien und das Verhandlungsdurcheinander, in dem fie gescheitert ist. Glücklich der Wähler, der am 14. September zu Liste 1 sein Kreuz macht und sich um den ganzen politischen Speisezettel danmter nicht kümmert! Aber bedauernswert derjenige, der da glaubt, aus irgendeinem Grundebürgerlich" wählen zu müssen: er wird sich alsbald in ein Labyrinth verlaufen, aus dem es keinen vernünftigen Ausweg gibt. Was ist der Unterschied zwischen Hugenberg und Hitler? An welchen Erkennungszeichen vermag man die Deutschnationalen und die konservativen Volks- p a r t e i l c r auseinanderzuhalten? Warum konnten Volks- konservative, Wirtschastsparteiler, Ehristlichnationale und Deutsche Volkspartei nicht zu einem gemeinsamen Wahlaufruf zusammenkommen? Worin unterscheidet sich die Deutsche Staatspartei von der durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen Deutschen Demokratischen Partei? Was ist der Unterschied zwischen Volksnationalen und Volks- konservativen? Warum hat die Staatspartei nicht in der Volkspartci ober die Volkspartei nicht in der Äaats- Partei aufgehen können und warum ist die ganzgroße" Volksstaatspartei beziehungsweise Staatsvolksportei nicht zu- stände gekommen? Von den paar Journalisten abgesehen, die durch ihren Beruf dazu verdammt sind, diesen ganzen Wirrwarr im Kopfe zu behalten, gibt es wahrscheinlich überhaupt keinen deutschen Wähler, der sich darin noch einigermaßen auskennt. Folge dieses Treibens ist eine Atomisierung des politi» s ch e n Lebens, die ein gegenseitiges Verstehen überhaupt unmöglich macht. In England z. B. mag Mr. Smich, der konservativ stimmt, verstehen, warum sein Nachbar Brown Labour wählt, und seine Argumente würdigen. Wie aber soll der deutsche Herr Schmidt, der zu denVolkskonservativen" steht, begreifen, warum der Herr Braun nebenan für die ..Staatspartei" ist hat er doch Mühe genug, einigermaßen zu kopieren, was seine eigene Partei bedeutet, um die übrigen zwei oder drei Dutzend sich auch noch zu kümmern, fehlt ihm einfach die Zeit! Als Sozialdemokrat mag man sich über dieses ganze Treiben amüsieren doch wäre es leider falsch, wenn man davon einen besonderen Vorteil für die Arbeiterbewegung erwarten würde. Wir haben in Deutschland ein Bürger- tum, das wirtschaftlich und gesellschaftlich herrscht, obwohl es immer unpolitisch gewesen ist und nie zu regieren verstanden hat. Seine Unfähigkeit, sich der Me- thoden der Demokratie zu bedienen, gab erst dem p e r s ö n- lichen Regiment Wilhelms II. die Lebensmöglichkeit, sie bildet in der Republik den Nährboden für alle faschistischen Tendenzen und diktatorischen Experimente. Mit anderen Worten: das Bürgertum ist in Deutschland noch so stark, daß es sich den Luxus der parteipolitischen Zersplitterung gestatten kann und wer weiß, ob nicht für die großen..Jnter- cssentenhaufen" des Hochkapitalismus der gegenwärtige Zustand viel bequemer ist als der von den Sammelpolitikern erträumte. Eine große bürgerliche Partei, die sich auf einen festen Millionenanhang und gefestigte Parteifinanzen stützt, könnte am Ende auch gegenüber der sogenanntenWirtschaft" ein politisches Eigenleben ent- wickeln. Bei den kleinen Parteitrümmerchen aber ist das so ziemlich ausgeschlossen. Jedenfalls ist jetzt der Versuch, aus der traditionellen Parteizersplitterung herauszukommen, so gründlich miß- lungen, daß er in ak,ehbarer Zeit mit irgendeiner Aussicht auf Erfolg nicht mehr wiederholt werden kann. Es bleibt also, wie es schon im Kaiserreich gewesen ist, wo die Rechte mit .Konservativen, Freikonservatioen und Reformparteilern min­destens dreigespalten, dieliberale" Mitte mit Nationallibe- ralen und Fortschrittlern mindestens zweigespalten, meist aber drei- bis viergespalten war. Hier gilt das Wort: Je mehr es sich ändert, desto mehr bleibt es dasselbe. Zu den sicheren Nutznießern dieses Zustandes gehört das Zentrum. Seit die Deutschnationalen von ihrer Höhe so rasch herabgeglitten sind, ist das Zentrum wieder die stärkste bürgerliche Partei. Daß es in der gegenwärtigen Reichs- regierung so absolut dominierend ist, ist also kein Zufall. Aber eine ganz andere Frage ist es, ob der Zentrumskanzler Dr. Brüning mit einem Gefühl der Befriedigung auf den desolaten Zustand seiner Hilfsvölker herabblicken kann. Schließlich sind diese Splitterchen, die da herumquirlen wie die Infusorien im Wassertropfen, seine sogenanntenRe- gierungsparteien", die ihm zu einer Mehrheit verhelfen sollen. Und können sich in nichts, auf nichts einigen, nicht einmal auf einen gemeinsamen Wahlaufruf. Wenn sich das Bürgertum den Luxus der parteipolitischen Zersplitterung leisten kann, so wäre es falsch, daraus zu schließen, daß die Arbeiterklasse das auch könne. Das Bürgertum kann das, was ihm an politischer Fähigkeit fehlt. einstweilen noch aus seiner wirtschaftlichen und gesellschaft­lichen Macht ersetzen. Umgekehrt können die Arbeiter die Macht in Wirtschaft und Gesellschaft, die sie noch nicht haben, aber haben müssen, nur durch die Stärke ihrer politischen Aktion gewinnen. Auf der politischen Zersplitterung der Ar- beitermassen beruht die politische Macht der Kapitalisten. Da vermehrt ja auch das Vielerlei der Parteien die Möglichkeit. daß sich viele proletarische und halbproletarische Existenzen in alle möglichen Parteiwinkel verlaufen: von den Kommu- nisten angefangen.über die verschiedenen bürgerlichen Por- tcien bis hinüber zu den Nationalsozialisten. Solange es bei dieser proletarische nZersplitte- r u-n g bleibt, mag es auch im bürgerlichen Lager mal Spal- tungen und mal Fusionen geben, an dem allgemeinen Zustand der Zersplitterung wird sich nichts ändern. Die Sanunlung wird erst kommen, wenn die Sozialdemokratie die Mehrheit bat oder an der Mehrheit ganz nahe dran ist. Wenn die Arbeiterklasse dem Besitzbürgertum heute schon ein Gegengewicht entgegensetzen kann, das ständig wächst und schließlich zu ihren Gunsten ausschlagen wird, so verdankt sie das nur der Tatsache, daß es in Deutschland eine Ar- beiterpartci gibt, die stärker ist als drei bis vier bürger- liche Parteien zusammengenommen. Entscheidend für die zu- fünft Deutschlands , auch der deutschen bürgerlichen Parteien. ist die Frage, in welchem Tempo sich die Sammlung aller werktätigen Schichten unter den Fahnen der Sozial- demokratie weiter vollziehen wird.

Verfassungsfeiern im Deuifchen Reiche.

Die Thüringer Regierung veraustallek eine Fest- sitzung. Festredner Herr F r l ck. Rlomenkbild der Feier.

Reichskanzler Dr. Brüning bekränzt in sinniger Weife die Skatne der Freiheilsgöttin.

In Bayern war ein Teil der Beamtenschaft aus dringenden Abholtungsgrüaden verhindert, an der Feier teilzunehmen.

Rur die blöden wieder einmal

Blassen der Bevölkerung halten den Sinn der Feier total miß- verstanden!

Sozialismus/ Geheimdiplomatie. Was man im alien System über Arbeiierbewegung und Pazifismus dachte.

Schoo die Veröfseulllchuug dergroßen PolMk" hatte oelegeotllch Ausschlüsse über die Haltung der deutschen Diplomatie zu der soziallsttscheo Bewegung gebracht. Zn dem neuesten Heft desFreien Wort" werden dazu au» bisher «unerösseutlichteu Akten weitere Einblicke in da» Anversläud- nl». mit dem die herrschend« Schicht den Aufstieg der Ar. beiterschafl beobachtete und beobachtet. Mit tiefer Abneigung verfolgten die deutschen Auslandsvertreter die a n t i nl i l i t a r i st i s ch e Propaganda und die pazifistische Agitation innerhalb der Völker, deren politische Entwicklung sie von Amts wegen laufend zu beobachten hatten. Der kaiserlich deutsche Gesandte von Bülow in Bern berichtet dem Reichskanzler Fürsten Pulow am L>. Oktober ISOL von einer seit zwei Jahren betriebenen eifrigen antimilitaristlschen Propaganda in der Schweiz . Die Regierung und die staatscrhaltenden Parteien seien gegen diese gc- fährUchen anorchistijch-antimititaristischen Bestrebungen mittels Wort, Schrift mid Gesetz energisch ausgetreten, und infolge dieser Em- Wirkungen habe ein Teil der Schweizer Arbeiterschaft in ihrer Stellung zur Militärfrage eine vaterländische Haltung eingenommen. Es heißt in dem Bericht: »Lleberspannie Frauenzimmer� für den Frieden. Reben der antimilitaristischen Propaganda laufen tue Be- strebnngen der Freunde des sogenanntenewigen Friedens" einher. Ueberfpannte Frauenzimmer und sozialreformatorisch« Männer, meist jüdischer Religion, spielen bei der Förderung des ewigen Friedens die Hauptrolle. Der Sitz des internationalen Büros befindet sich in Bern und steht letzteres nnt den in der ganzen Welt verbreiteten Zweigvereinen in fortwährender Der- bindung. Wenn auch die Tendenzen dieser Friedensstchmde in politischer Hinsicht weit harmloser sind als diejenigen der Antimilitaristcn, so laufen sie doch in verschwommener un­praktischer Menschenliebe aus dasselbe Ziel hinaus, d. h: auf die Abschaffung des Krieges als des fluchwürdigsten Verbrechens der Menschheit und der Armeen, welche nach Ansicht dieser über- spannten Friedensfreunds durch ihre Kostspieligkeit und Ver- geudung von Menschenkrast die Völker ruinieren sollen..." Es wird dann erzählt, wie der schweizerische Bundespräsident wegen der Bülow-Wahlcnin gehobenster Stimmung" gewesen sei, weil damit auch in der Schweiz ein« Zurückdrängung der anti- militaristischen Sozialdemokratie erwartet werden konnte. Sozialistische Wahlsiegseier in Paris . Aus einer gleichen Gesinnung berichtet« der deutsche Botschafter von Schön dem Auswärtigen Amt aus Paris am 31. März 1912 über die tags zuvor von der französischen sozialistischen Partei im Verein mit dem deutschen sozialdemokratischen Leseflub veranstalteten Kundgebung zur Feier des sozialdemokratischen Wahlsiegs in Deutschland , durch den die Sozialdemokrati- ihre Mandats- zahl von 43 auf 110 im Reichstag erhöhte. Er berichtete über die Reden Baillants. Grumbachs und des Metzer Reichstagsobgeordnet« Weill: Er hob hervor, daß es wohl das erstemal war. daß ein Redner vor einer so großen Der- iammluvg von Franzosen offen den Gedanken an eine gewatt- same Zurückg-winauiig der Reich-landc durch Frankreich von sich weisen konnte, ohne Widerspruch zu erwecke-, daß er im Gegenteil immer wieder von Beifallsstürmen unterbrochen wurde, als er das deutsch - und das französisch« Lothringen als da, Land der Arbeit und das Zukunftsland der Arbeiterpartei gs- feiert habe. Der Gesandte erwähnte sodann Schetdemanns dort ge- halte ne Ansprache, sein«üblichen Phrasen vom Kampf gegen Kapitalismus . Kolonialismus und Jmperialisnrus": danach charak- terisiert er die Rede des größte» französische » BoSsredners fol­gendermaßen:

Zinn Schluß hielt noch Icmres eine feiner mit großem Auf- wand von Lungentraft und Gesten vorgetragenen Bollsreden, in der er seine Lieblingsrdee eines deutsch -franzosisch-englrschen Kul- turbundez zur Wahrung des Weltfriedens in feurigen Tiraoen feierte." Oeuifchland in der Sozialistenbekämpfung voran. Der haß gegenordirungsjeindliche Bestrebungen", zu denen Pazifismus, Sozialismus und Internationalismus jeglicher Spielart gerechnet werden, geht Hand in Hand mit einer starken Ueberheb» lichkett, die dos deutsche Volk, die deutsche Verwaltung und Staats- organisation den Einrichtungen der anderen Völker als turmhoch überlegen empfindet. Aus den Berichten spricht die Denkart, deren ständige Betonung durch die deutschen leitenden Kreise, an der. Spitze den deutschen Kaiser, dem deutschen Volke nach und nach die Sympathien der anderen Völker entzogen haben. Aeußerst bezeichnend dafür ist ein Bericht des Kaiserlichen Gesandten nn Haag, vom 29. August 1894, der das mangelnd« Interesse und die fehlenden Fähigkeiten der Niederländischen Regierung zur Bekämpfung der Sozioldemo- tratie scharf verurteilt: Dieser ganzen subversiven Bewegung steht die hiesige Regie- ruirg mit absoluter Gleichgültigkeit gcgenüder. An den Zentralstellen, dem Justizministerium und dem Ministerium des Innern, hält man es nickst einmal für der Mühe wert, über den Gang der sozialdemokratischen Bewegung im allgemeinen Kontrolle zu üben, geschweige denn sich über' Anzahl, Staturen und Mitgliederbestand der im Lande bestehenden sozioldeinotrafi- sehen Lcreine zu informieren. Ebenso wenig aber dürste irgend- eine Ortspolizeibehörde über die Stärke und Organisation der Sozialdemokraten ihres Bezirks regelmäßig Buch sichren." Der Gesandt« berichtet dann über Einzelfälle, in denen die Polizei«ine öffentliche Versammlung unter freiem Himmel geduldet habe, in der zur Abschaffung des Privateigentums aufgefordert wurde, ein Beamter, der einen Anarchisten beherbergt habe, trotzdem im Dienst gelassen sei und ähnliche Vorfälle, dieeine völlige Passivität der niederländischen Regierung" gegenüber der Sozial- demokratie erwiesen. Ihre prinzipiellen Bedenken gegen staatliche Bevormundung der Individuums und polizeiliche Einschränkung der Denkfrciheit seienvor allem bei dem auch noch als Minister von einer leichten sentimentalen Schwärmerei für Freiheit, Gleichheit und Brüderliehkeit angehauchten Herrn van hauten maßgebend". Der Gesandte stellt fest, daß diese Reserve notwendigerweise eine allgemeine moralische Depression zur Folge hoben müsse, der Sozialdemokratie keineswegs, wie die Regierung annähme, ab- träglich sei. «- Daß auch in der heutigen Diplomatie solche Vorstellungen und Auffastungen noch nachwirken, wurde erst kürzlich wiedxr dadurch bekundet, daß die Frau eines Gesandten der Republik bei einem europäischen Kleinstaat in einem Interview von demSozia- liste ujoch" sprach, unter dem die Bevölkerung in Wien zu leben habe._ Ein Schock DemenLs. Die deutsche Regierung dewentiart die Meldung de» Pariser Intransigearrt" über geheime deutsch-russisch« Besprechungen über militärische und politisch« Fragen als vollkommen aus der Luft gegriffen. Die litauisch« Regierung dementiert die Nachricht des WarschauerExpreß Porannv" über erfolgreiche titauisch-polnisch« Geheünoevhandlür.aen bezüglieh der Wilna -Frage. die durch Vermittlung des Vatikans stattgofunden haben sollten. Die rumänische Regierung dementiert durch ihre Pariser Gesandt- schast die Nachricht des Londoner Daily Herold" über die Diktatur- plän« Earols. Der Urlaub des Rrichspräsidcnlen Reichspräsident von hrndenburg. der auch in diesem Jahr wieder seinen Urlaub in Dietr-rrns-oli in Oöe.bayern wird am Abend des 11. August die Rachshauptstadt verlassen.