Beilage
Mittwoch, 10. September 1930
Der Abend
Shalausgabe des Vorwäre
Wie einer wählen lernte
Erlebnisse auf einem Junkerschloß
Doberan tonfirmiert worden, das Einjährigenzeugnis hatte er auf einer Preffe" erlangt.
Weil der Graf sozusagen ,, keine Bedürfnisse" hatte, konnte eine gute Ernte ihn in Verlegenheit bringen. Lassen Sie das Korn auf dem Felde verfaulen, ich baue teine neuen Scheunen!" hatte er zu seinem Güterdirektor gesagt. Die Wiesen erseffen und wurden sauer, weil die Entwässerungsanlagen verfielen; die Kühe standen bis zu den Bäuchen im Kot in den Ställen. Holz im Werte von 200 000 Mart vermorschte auf den Bäumen und durfte nicht geschlagen werden. Die Inspektoren be= tamen 40 Mart Gehalt monatlich, der Oberjäger 25 Mart, die beiden anderen Jäger 18 Mart. Die Togelöhner befamen 6 Mart Barlohn wöchentlich. Die polnischen Schnitter wohnten in Schnitter fajernen. Das schlechteste Haus im Dorf war die Schule: der Schwamm saß darin, die Löcher in den Schulstubenwänden waren mit Zigarrentistendeckeln zugenagelt! Die Kinder mußten im Winter ihre Mäntel anbehalten, es waren Tagelöhnerfinder. Laut Attest des Kreisarztes war der Aufenthalt im Schulzimmer gesundheitsschädigend. Aufforderungen der Behörden, ein neues Schulhaus bauen zu lassen, ließ der Graf unbeachtet. Geldstrafen mußte der Gerichtsvollzieher einpfänden, an der Box des gräflichen Reitpferdes flebte der Rudud fast immer.
Als ich das Seminar verließ, war ich 20 Jahre alt geworden,| Graf mar aus der Untertertia des dels gymnafiums ohne zu wissen, was und wen ich hätte wählen sollen. Nachdem ich mich in verschiedenen Berufen herumgetrieben hatte Provisions reisender, Privatlehrer usw.-, bekam ich durch Empfehlung eine Hauslehrerstelle beim Grafen v. B. in F. in Mecklenburg : Schon ehe ich die Stellung antrat, hatte ich erfahren, daß der Graf ein echter Mecklenburger Junker sei, den man ,, König der Röbeler Ecke" genannt hatte, weil er einmal gesagt haben sollte: ,, Was geht mich der in Schwerin ( der Großherzog) an, auf meinen Gütern bin ich König und Herr!" Aber ich sollte 70 Mart. Monatsgehalt bei freier Station bekommen, und das war so viel, daß es nieinand glauben wollte. Meine Kollegen arbeiteten für 30 bis 40 Mart, mußten teilweise außer ihrer Erziehertätigkeit noch als Bieh händler und Buchhalter arbeiten. Damals tam das Prügelmort Junglehrer auf. Junglehrer: Lehrer ohne Katheder und Stod. Als ich meinen Antrittsbesuch beim Grafen machte, empfing er mich auf der Veranda seines Schlosses. Er war ein flappriger Siebziger mit weißem Bollbart, verkrüppelten Ohren und braunen Basedowaugen. Er hatte einen grünen Hausanzug an, trug Filz pantoffeln und rätelte sich in seinem Lehnstuhl. Der Empfang war insofern stürmisch, als die Jagdhunde des Grafen mir beinahe die Schöße meines funtelnagelneuen Prüfungscuts zerrissen hätten. Der Graf begann die Unterhaltung, ohne mir Blaz anzubieten. Weil ich aus der Großstadt tam, tannte ich die Gepflogenheiten Mecklenburger Gutsherren nicht, nahm mir einen Stuhl und setzte mich. Der Graf sagte nichts. Das Dorf hat wochenlang darüber gesprochen. Ich war der einzige Nichtgutsbesizer, der einzige Bürgerliche, dem der Graf zu sizen erlaubt!
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Von Wahlpropaganda hätte man nichts gemerkt, wenn nicht der " Rostocker Anzeiger" gewesen wäre, den der Graf den Tagelöhnern hielt. Die Tagelöhner hatten keine Zeit zum Diskutieren; mer von 5 bis 22 Uhr arbeiten muß, ist froh, wenn er im Bett liegt. Stadtreise war eine Tagesreise und kam nicht in Frage. Der sozialdemokratische Amtshauptmann den der Güterdirektor, wie er mir nachher versicherte, absetzen wollte vereinigte die Güter des Grafen und ein Nachbargut zu einem Stimmbezirt.
maren.
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Ich habe die Enkel des Grafen unterrichtet, er hat mir Anschauungsunterricht gegeben, gründlich und gut, muß ich sagen, ich murde von meiner Neutralität geheilt. Uebrigens mein Vors gänger war ein gewisser Korff gewesen, seines Zeichens Pfarramtsfandidat, der seine Sporen als Erzieher im Rauhen Haus in Das Wahllotal war in der Schule, der Lehrer Wahlvorsteher. Hamburg verdient hatte. Er hatte die Fürsorgezöglinge sehr miß- Der Inspektor achtete darauf, wer nicht tam. Der Graf fuhr mit handelt, daß sie ihn in sein Zimmer eingesperrt, Holz vor die Tür Bieren vor, obgleich es nur 200 Meter vom Schloß zur Schule geschichtet und es angezündet hatten, um ihm den Märtyrertod zu Er hatte seine Brille vergessen, der Lehrer mußte für ihn bereiten. Herr Korff war der Welt nur erhalten geblieben, weil den Stimmzettel antreuzen. Abends war Auszählung der Stimmen. seine Kollegen den Anschlag rechtzeitig bemerkt hatten, so daß sie ihn Der Lehrer holte die Zettel aus den Umschlägen, der Inspettor notierte. Das ging: ,, Schon wieder ein Sozialdemo retten konnten. Der Deutschunterricht des Herrn Korff hatte mie folgt begonnen: die Kinder hatten die Fremdwörter aus dem Sprach- trat...!" Der Inspektor fluchte fürchterlich, der Lehrer schmunlehrebuch herausschreiben und sie auswendig lernen müssen. Wer zelte. Zuletzt waren es über 50 Stimmen für die SPD.! die Fremdwörter nicht auffagen konnte, bekam Prügel. Herr Korff nächsten Morgen saßen die beiden Besizer auf der Terrasse und hatte in dem halben Jahr auf dem Schloß erreicht, daß die Kinder schoben sich gegenseitig die meisten Sozialdemokraten zu. Der Graf Zwangsvorstellungen befamen, von Substantiven und Adjektiven entzog dem Sportverein den Sportplay:„ Für Sozialdemokraten träumten und nur mit Gewalt zum Unterricht zu schleifen waren. habe ich keinen Sportplatz... die Leute können auch Sonntags ( Wer's nicht glaubt, ich bin bereit, die Adressen zu geben.) arbeiten, wenn sie sich austoben wollen." In dem Sportverein waren mur vier Mitglieder Landtagswähler, und feiner von ihnen Dabei hatte Herr Korff dem Dorfschullehrer erklärt, es sei schade, daß die geistliche Schulaufsicht aufgehoben sei. Die verwitwete ſtand in dem Verdacht, Sozialdemokrat zu sein. Selbst zum Besuch der Kriechervereinsfeste in der Umgebung gab der Graf den Tage Schwiegertochter des Grafen warf schließlich den Pfarramtstandilöhnern feinen Wagen. ,, Sozialdemokraten können zu Fuß daten hinaus. gehen...!"
Der Graf hatte vier Güter, eine Spiritusfabrik und die Aftien mehrheit einer Molkerei. Gewirtschaftet wurde nach folgendem Grundsatz: der Graf wollte nur so viel haben, daß er leben, jedes Jahr mit seiner Mätresse eine Badereise machen und jeden Winter Jagdgesellschaften geben fonnte. Der jährliche Wildschaden betrug 30 000 Mart. Die Jagd war das Hauptvergnügen des Grafen; seine literarischen Bedürfnisse befriedigte er mit der Kreuz- Zeitung " und Kriminalromanen, die allwöchentlich aus Berlin eintrafen. Der
Ausländer haben keinen Zutritt Ein wahres Geschichtchen
Man schreibt uns: Ein Städtchen in der Neumark. An den Mauern Biafate der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei:
Morgen, 24. August 1930
abends 8 Uhr im Schützenhaus
Große öffentliche Wählerversammlung. Herr Lehrer Schirm, Berlin , spricht über ..Die nahende Entscheidung".
Alle deutschen Volksgenossen find herzlichst eingeladen Untoftenbeitrag 30 Pf.
Kurz vor 8 Uhr betrat ich mit mehreren Genossen das Schützen haus. Die Tür zum Scal stand offen, und wir konnten sehen, daß bereits zahlreiche Versammlungsbesucher sich eingefunden hatten.
Die überwiegende Mehrzahl sind unsere Leute", flüsterte mir einer meiner Begleiter zu.
Wir standen mit anderen Besuchern hintereinander in einer Reihe und warteten, bis wir an der Kasse den„ Unkostenbeitrag" bezahlen konnten. Ein langaufgeschossener Herr spielte den Raffierer. der flotte Schnurrbart war augenscheinlich besonders sorgfältig ge= pflegt. Ein Zwicker mit Nickelrand Klemmte heftige Quetschfalten in eine etwas zu furz, aber dafür um so breiter geratene Nase. Ein Anzug legte sich um seine Glieder, der noch aus der Konfirmationszeit des Trägers zu stammen schien.
„ Studienrat Altschwager vom hiesigen Gymnafium", fagte Genoffe Müller ,,, der Obernazi."
Also der Obernazi stand in höchsteigener Berfon hinter einem Tisch am Saaleingang und lassierte eigenhändig. Das heißt: der Bersammlungsteilnehmer mußte die dreißig Pfennig auf den Tisch zählen, dann nahm sie der Herr Studienrat und legte fie auf einen tiefen Teller. Ein lebendes Hakenkreuz von noch nicht wahifähigem Alter überreichte darauf einen Eintrittszettel mit Hausnummer, und man fonnte passieren.
Genosse Müller hatte gerade seinen Zettel bekommen, nun stand ich vor der Tellerkaffe. Legte meine brei Behnpfennigftücke auf den Tisch, schon löste der Hafenkreuzjüngling den Zettel vom Block da schnarrte der Studienrat:
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Am
Vor einigen Wochen hörte ich, daß Herr v. L. auf Massom, der Bruder der Mätresse des Grafen B., geflüchtet ist, nachdem er eine Million Mart staatlicher Hypothet unterschlagen hatte. Er mar schon dadurch im Siedlungswesen bekannt geworden, daß er landwirtschaftliche Maschinen gekauft hat, die in folge mangelnder Pflege zerbrachen. Erich Preusse,
Meckerte der Studienrat: Sie sind Jude, und damit find Sie für mich Ausländer!"
,, Diese Weisheit mögen Sie---", begann ich. Doch er unterbrach mich in größter Aufregung:
„ Sie sind Ausländer! Damit basta! Der nächste Herr, bitte!" Er zitterte am ganzen Körper. Seine Hände hatten Mühe, die Röllchen in den Aermeln des Konfirmationsanzuges zu halten. Immer wieder sprangen sie neugierig bis über die Finger,
Ich gehe rein", sagte ich lächelnd.
Die Umstehenden hatten die fleine Unterhaltung aufmertam verfolgt. Jest riefen sie:
,, Natürlich! Du gehst rein! Wär' ja noch schöner!"
Da rutschte der Zwicker mit Nickelrand über die zu kurz und zu breit geratene Nase. Der Studienrat fing ihn geschickt im letzten Augenblick mit der Hand auf, aber durch die plötzliche Bewegung löste sich ein Röllchen vollends aus dem Aermel, machte einen eleganten Salto durch die Luft und ließ sich inmitten der wartenden Menge häuslich nieder. Ein schallendes Gelächter brach aus. Eine niedliche Drängelei und Schubserei. Druck von hinten jezte ein. Und mit einem ganzen Schwarm fräftiger Arbeiter zusammen wurde ich in den Saal geschoben. Ziemlich weit nach vorne wurde ich gedrückt.
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Da arbeitete sich der Konfirmandenanzug durch den Mittelgang des Saales. Fest unter den linken Aermel geklemmt trug er die Tellerkasse. Der arme Studienrat! Er sah aus wie ein hysterisch gewordener Zustand. Die ganze Versammlung war auf den Vorfall
am Eingang aufmerksam geworden, und aller Augen richteten sich auf den Studienrat, der unheildrohend und schnaufend sich durch den verstopften Gang Bahn brach. Es war ein schweres Stüd Arbeit für ihn, denn die Arbeiter standen wie die Mauern. Das anwesende Häuflein Hitler - Jünglinge, das Ordner oder Saalschutz spielen wollte, fand sich umringt ron einem Wall von breitschulterigen Männern, die das Abzeichen des Reichsbanners trugen. Die ließen niemanden durch, die standen wie die Felsen. So mußte sich denn das Oberhaupt mühselig durch den verrammelten Mittelgang quälen. Auf dem Bodium sagen drei midrige Herren und ein langer Bierschrötiger, die mit Spannung das Vorwärtsarbeiten ihres Borsigenden verfolgten. Aber ihm zu Hilfe kam feiner von ihnen.
Endlich, endlich hatte sich der Studienrat bis zu seinem 3iel durchgerungen: Er stand vor mir. Auf seiner Stirn perlten Sdyweißtropfen. Zwei fauchende Töne pusteten sich durch seine furze breite Rase. Seine frisch gestärkte Hemdbrust hob und fenfte fich in heftigster Erregung. Ich sah zu ihm auf und mußte lächeln. Er wirkte geradezu komisch: Sch aus wie ein Seehund mit Zwicker. Jezt holte er tief Atem, als wolle er einen Anlauf zu einer Entgegnete ich ruhig: Ich bin fein Ausländer. Ich bin Deut ganz besonderen Anstrengung nehmen. Und dann schrie er los: Koer Bollen Sie meinen Baß feben?" Ronst
alt! Stetommen hier nicht rein!" Und schob mit den Fingerspitzen mein Geld zurück. Namu?" fragte ich ,,, warum fonime ich denn hier nicht rein?" Da antwortete der Mann furz und in wegwerfendem Ton: ,, Ausländer haben keinen Zutritt!"
Sein rechter Zeigefinger wies zur Tür.
Ih tat, als habe der Befehl meinem Nebenmann gegolten, und wendete den Kopf zu ihm hin. Da berührte mich die Flosse des Seehunds , gleichzeitig brüllte er:
Ich meine Sie!"
Ich drehte mich um. Setzte mein liebenswürdigstes Lächeln quf und fragte sooo bescheiden:
,, Wie, bitte?"
Diese Kirchhofsstille im Saal!
,, Ich fordere Sie zum zweiten Male auf, den Saal zu verlassen. Ich habe das Hausrecht hier und werde davon Gebrauch machen, wenn Sie nicht
Da brach die Hölle los. Von allen Seiten tönte es: Hier bleiben! Hier bleiben!" Schrille Pfiffe dazwischen. Es war eint ungeheurer Sturm der Entrüstung, der durch den Raum tobte.
Der Studienrat war einem Schlaganfall nahe. Oder hatte er plötzlich einen Wahnsinnsanfall bekommen. Denn er packte mich an den Rock und brüllte erstatisch:
3um drittenmal. raus!"
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Und zerrte mich. Da hob ich meine Arme, um mich von seinem Griff zu befreien. Eine etwas gewaltsame Bewegung, mein rechter Ellenbogen berührte hart den Kassenteller unter seinem Arm. Ein furzer Krach. Scherben. Ein Haufen Groschen, der flingelnd auf den Fußboden fällt. Ich war von dem Griff des Rasenden frei. hier raus!" „ Polizei! Schupo! Hierher! Führen Sie den Mann
Der Studienrat hatte es in ohnmächtiger But zum Podium geschrien. Ich ging dann heraus und zu einer Zentrumsversamm lung, aus der dann eine Menge Besucher wieder zu der Naziversammlung mit zurückkamen.
War die Versammlung der Nationalsozialisten schon durch den Besuch der SPD. - Anhänger dicht besucht, so wurde der Saal im Schützenhaus nun durch das Zuströmen der Zentrumsleute überfüllt. Die Saaltür mußte geöffnet bleiben, bis auf den Flur standen jetzt die Massen.
Es kam die Aussprache. Ich stand auf dem Flur unmittelbar hinter der Eingangstür zum Saal. Bis dahin ging das Hausrecht des Versammlungsleiters; einen Schritt weiter, da, wo ich stand, hatte er feine Gewalt mehr.
3mei Zentrumsarbeiter bildeten mit ihren träftigen Armen eine Brücke, auf die ich hinaufstieg. Das war mein Podium. Ich konnte die ganze Bersammlung im Saal und auf dem Flur überblicken, alle fonnten mich sehen. Und nun begann ich meine Ansprache. Bei meinen ersten Worten drehten sich die Menschen im Saal zir mir um. Die Herren am Vorstandstisch sprangen von ihren Stühlen auf. Der Studienrat redete wild gestikulierend auf den Schupo ein.
Ihr Hausrecht, Herr Studienrat", rief ich laut ,,, endet an der Türschwelle. Ich befinde mich außerhalb des Saales!" Der Schupo schien dem Studienrat eine Erflärung zu geben, zuckte die Schultern und setzte sich wieder auf seinen Stuhl.
Der Seehund schwang ununterbrochen die Glocke, aber ich ließ mich dadurch nicht stören. Ich sprach wohl eine halbe Stunde und rechnete mit den Nazis gründlich ab, häufig von stürmischem Beifall unterbrochen. Zum Schluß forderte ich die Anständigen in der Versammlung auf, den Saal zu verlassen, und brachte ein Hoch auf die Republik aus, in das begeistert eingestimmt wurde.
Die Massen räumten den Saal. Ein Bäckerdugend blieb zurück. Und dazu der Saalschutz". Auf dem Podium begann der Lehrer Schirm sein Schlußwort...
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Der Führer der estnischen Sozialdemokratie
Mihkel Marina, der heute 70 Jahre alt wird, ist in der Wieck, der ärmsten Gegend Estlands , als Kind armer Bauersleute geboren. Als Hirtenjunge fing Mihkel Martna früh an, sein Brot zu verdienen, ging dann später zum Malerhandwerk über und brachte es bald zum Malermeister in Dorpat . In Dorpat fam Marina mit russischen Studenten in Be rührung, unter denen viele Revolutionäre maren; durdy sie lernte Martna die Lehren Karl Marr und Frieda rich Engels' tennen. Bon da an war er der glühende Borkämpfer des Sozialis mus. Auch mit lettischen Studenten fam er häufig zu sammen, unter ihnen war auch ein gemisser Paul Kalnin, heute der Präsident des lettischen Parlaments, mit dem ihn seit jener Zeit enge Freundschaft verband..
Als der estnische Politiker Konstantin Päts 1900 die Zeitung Teataja" gründete, jah Martna eine publizistische Betätigungsmöglichkeit und übersiedelte nach Reval , wo er von nun an wirfte. Damals erschien seine erste Broschüre Unsere Wohnungen"
Die
und die Wohnungsfrage hat Martna seither stets bearbeitet. Reaktion nach dem Revolutionsjahr 1905 bereitete der Zeitung Teataja" ein gewaltsames Ende. Martna war schon 1904 ver haftet worden, kam in der Revolution frei und mußte vor der Rache Gemeinschaft mit Trogli, Radek und deren Gefährten. Aus jener flüchten. Lange Jahre im Eril folgten, meist in Zürich in enger Beit stammt eines seiner Hauptwerte„ Die roten Jahre in Estland ". In jenen Emigrantenjahren lernte er auch Bebel und Rautsty fennen und mar Mitarbeiter des Vorwärts". Im Kriegsjahr 1917 endlich fehrte er heim im plombierten Wagen quer durch Deutschland mit Lenin und den anderen Führern der Bolschewifi. In Estland war eine seiner ersten Taten die Gründung einer legalen jozialdemokratischen Partei, bis dahin hatte nur eine illegale Organisation bestanden. Dann kämpfte Marina mit den Kriegsregierungen um Estlands Selbständigkeit, und im Parlament. dessen Bizepräsident er ist, für Demokratie und sozialen Fortschritt,
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Lebenssprühend und temperamentvoll, voller anfeifernter Begeisterung und gütigem Humor schreitet der 70jährige Rämpe neuen Generationen voran, gefeiert nicht nur von seinen Gesinnnungsfreunden, sondern von der ganzen Nation, die ihn als einen Rulturträger und Freiheitstämpfer, als einen der ebelften Geister feines Boltes verehrt.