Einzelbild herunterladen
 
  

Beilage

Dienstag, 16. September 1930

1

Der Abend

Spalausgabe des Vorwärts

Begabtenauslese- Begabtenförderung

Studienreform und Auslesepolitik

Der preußische Kultusminister Genosse Grimme hat in seiner großen, vielbeachteten Landtagsrede als seine Hauptaufgabe wirtungs­volle und gerechte Auslese und Förderung aller Begabungen be­zeichnet.

Die Lage an den höheren Schulen und Hochschulen ist gegen­wärtig so: Die höheren Schulen sind überfüllt. Jeder Volks­schüler, dessen Eltern es wirtschaftlich nur irgendwie schaffen können, wird, ob begabt oder nicht, auf die höhere Schule geschickt. Wer mit dem Schulpensum nicht fertig wird, bekommt Nachhilfestunden. Wo Begabung fehlt, soll sie durch Fleiß ersetzt werden. Die Folgen solchen ungesunden Strebens sind schon erkennbar: die Hochschulen flagen darüber, daß die Studenten eine mangelhafte Schulbildung

| und rücksichtslose Zwischenprüfungen fönnten manchen Ausgleich| Als Kinder von Handwertern und Arbeitern"( leider fchaffen, allerdings müßten die Prüfungen sich in erster Linie auf sind diese beiden Kategorien in der Statistik nicht getrennt auf­die Begabung, dann erst auf die Kenntnisse beziehen. Wichtige Er- geführt) werden nur 42 der Zugelassenen ausgewiesen, als Kinder fahrungen sind in dieser Beziehung in der sogenannten Begabten- von unteren Beamten: 23, von Privatangestellten prüfung gemacht worden. in nicht leitender Stellung: 13. Interessant dürfte sein, daß unter den 1161 Durchgefallenen sich nur 70 Kinder von Hand­wertern und Arbeitern befinden. Während bei den Zu­gelassenen diese Kategorie etwa 12 Proz. ausmacht, ergibt sie bei den Durchgefallenen nur 6 Proz.

Studienreform und Auslesepolitik müssen Hand in hand gehen. Man sollte meinen, daß die Regierungen und Parlamente des Reiches und der Länder ein dringendes Interesse daran haben, diese wichtigste Frage der Kulturpolitik einer schnellen und befriedi­genden Lösung entgegenzuführen.

Dr. Otto Benecke .

haben. Die Lehrer der höheren Schulen find sich darüber einig, baß Die Erfahrungen in Preußen

ein großer Teil ihrer Schüler nicht auf die höhere Schule gehört. Die wirtschaftliche Lage und ein falscher Ehrgeiz sind die Ursachen dieser Situation. Die Ueberfüllung auf fast allen Gebieten des Ar­beitsmarktes verleitet Behörden, Wirtschaftsgruppen, Berufsstände zu überspannten Anforderungen. Der Berechtigungsfimmel" wird immer schlimmer. Auf der anderen Seite können Tausende wirk­licher Begabungen nicht die höhere Schule besuchen. Das liegt weniger am Schulgeld( obwohl es schlimm genug ist, daß die Fi­nanzlage des Staates und der Städte die Erhebung und sogar Er­höhung des Schulgeldes verlangt), als daran, daß Arbeiter, An­gestellte und gering bezahlte Beamte auf baldige wirtschaftliche Selbständigkeit ihrer Kinder angewiesen sind. Wenn aber wirkliche Begabungen nicht die Förderung finden, die sie verdienen, so leidet darunter die Allgemeinheit.

Denn das Gemeinwohl verlangt, daß die Kräfte jedes Menschen seinen Fähigkeiten entsprechend ausgebildet und ausgenügt werden. Es gibt in der Welt weniger spezielle Begabungen, als man denken sollte. Und es bedarf langer und sorgfältiger Auswahl, ehe es ge­lingt, den richtigen Mann an die richtige Stelle zu sehen. Darum ist es ein entscheidender Fehler, wenn der Staat es duldet, daß begabte Menschen nicht die ihnen gebührende Ausbildung finden. Wir leben in einem fapitalistischen Staat und die Sozialpolitik muß sich darauf beschränken, Schönheitsfehler auszubessern. Darum ist auch auf dem Gebiete der Begabtenauslese eine Aenderung des Systems, die an sich nötig wäre, zur Zeit noch nicht durchführbar. Eigentlich ist es unerhört, daß Staat und Städte, die gegenwärtig für jeden Schüler einer höheren Schule durchschnittlich im Jahr etwa 700 Mark zahlen, es dulden, daß mit diesen öffentlichen Mitteln auch Unbegabte gefördert werden. Die Gerechtigkeit ver­langt unbedingte Ausschließung jedes unbegabten Schülers aus der höheren Schule und die Erziehung begabter unbemittelter Kinder auf Staatstoften. Zu solcher Politik, die durchaus im Interesse der Allgemeinheit läge, hat sich noch feine Regierung entschlossen. Immer hin wird es notwendig sein und ist durch die Rede des Ministers Grimme erfreulicherweise auch angekündigt, daß die Abwehrmaß­nahmen auf der negativen, vor allem aber die Hilfsmittel auf der positiven Seite vermehrt werden. Die höheren Schulen müssen eine schärfere Auslese treiben. Schüler, deren Fähigkeiten nicht aus= reichen, müssen, man fann Bewährungszeiten abwarten, rücksichts­los auf die Volksschule zurückgeschickt werden. Am schärfften muß diese Auslese beim Eintritt in die Oberstufe der höheren Schule und bei der Schlußprüfung sein. Geht die höhere Schule in dieser Weise vor, so wird sich trotz des jetzt herrschenden Berechti­gungsunwesens die vernünftige Ansicht wieder durchsetzen, daß ein tüchtiger Arbeiter oder Handwerker wertvoller und nüzlicher ist als ein unfähiger Beamter. Rein foziale Maßnahmen, die nicht gleichzeitig der Begabtenausiese dienen, sind abzulehnen. Freistellen, Erziehungsbeihilfen, Geschwisterermäßi­

gungen haben nur dann einen Sinn, wenn sie den Begabtesten und Bedürftigsten helfen. Eine mittlere oder mindere Begabung nur darum zu fördern, weil die Eltern in wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen leben, ist genau so sinnlos, wie zu dulden, daß ein unbegabtes wohlhabendes Kind die höhere Schule, die zu einem mesentlichen Teil auf Kosten der Allgemeinheit betrieben mird, be­fucht. Die Freistellen und Erziehungsbeihilfen müssen vermehrt merden. Auch in Zeiten der öffentlichen Finanznot werden sich für diese dringlichste Aufgabe Lösungen finden lassen.

Aehnlich liegen die Verhältnisse an den Universitäten und hochschulen. Stipendien, Gebührenerlaß, Wirtschaftshilfe find geeignete Ansätze, die sich vermehren und vervollkommnen lassen. Das Reich unterstützt jährlich mit Millionenbeträgen das Deutsche Studentenwerk in Dresden , das durch Stipendien, Darlehen und wirtschaftliche Erleichterungen mit Unterstützung der Länder und der Städte, vielfach auch der Wirtschaft, begabten Studenten hilft. Die im Etat des Reiches, der Länder und Gemeinden ausgeworfenen Beträge müssen wesentlich erhöht werden. Wenn feine neuen Ein­nahmen dafür zur Verfügung stehen, so muß durch Kürzung der Ausgaben an anderen Stellen geholfen werden. In anderen Res­forts des Reiches und der Länder, aber auch in den Unterrichts­ministerien selbst sind solche Einsparungen möglich. Wenn dem Deutschen Studentenwert diese neue große Aufgabe mit übertragen werden soll( man muß die Frage sorgfältig prüfen), fo müßten feinen leitenden Organen und Ausschüssen noch mehr und einfluß­reichere Bertreter der öffentlichen Körperschaften hinzutreten. Gegen wärtig werden etwa 200 Studenten jährlich als Bollstipendiaten Dom Studentenwerk aufgenommen, es müffen fünftig 800 bis 1000 sein, damit die Wahrscheinlichkeit steigt, daß eine nennenswerte Zahl wahrer Begabungen erfaßt wird. Wer in die Studienstiftung des Deutschen Volkes "( so heißt diese Stelle des Studentenperts) aufgenommen ist, sollte auch gleichzeitig vollen Gebührenerlaß- be­kommen und besondere Förderung durch die Wirtschaftseinrichtungen der Hochschulen genießen. Wenn dadurch die Mittel gemindert wer­den, die für andere Studenten zur Verfügung stehen, so ist das unbedenklich, wenn wirklich die Zahl der Studienstiftungsmitglieder mesentlich erhöht wird. Auch auf den Universitäten und Hochschulen muß im übrigen ein schärferes Auslesesystem Plaz greifen. Zwischen­prüfungen sollten in allen Fakultäten und Abteilungen rechtzeitig unbegabte Studenten von weiterem Studium ausschalten. Es ist eine schwere Sache, am Ende des Studiums einen Studenten end­gültig durchfallen zu lassen und dadurch langjährige, oft intensive und brave Arbeit zunichte zu machen. Es zeigt sich denn auch, daß auf weiten Fachgebieten, zum Beispiel im Medizinstudium, kaum jemals ein Student endgültig durchfällt. Ohne Zweifel birgt solche Baaris- Schwere Schäden für die Augemeinheit in sigh Scindlicher

Aus der Beantwortung einer Kleinen Anfrage durch den preußischen Unterrichtsminister erfährt man über die bisherigen Resultate der Begabtenprüfung in Breußen: Seit Bestehen der Begabtenprüfung( Dezember 1923) haben sich 1530 Bewerber gemeldet( bis 31. Mai 1930): Davon männlich 1344, weiblich 186. Nach abgelegter Prüfung sind zum Studium zu­gelassen worden 369 Kandidaten, und zwar 302 männliche, 67 weib­liche. Die zum Studium Zugelassenen gliedern sich nach ihrer Schulvorbildung in 257 Nichtvolksschüler, 112 Volksschüler. Die Statistik über den Beruf des Vaters ergibt, daß die große Mehrzahl der Zugelassenen sich aus den bürgerlichen Schichten rekrutiert.

Danach haben die Arbeiterfinder im Durchschnitt doppelt so gut bestanden wie der große bürgerliche Durchschnitt. Dies erklärt sich zum Teil aus größerem Fleiß und Ernst des Strebens, zum Teil wohl auch daraus, daß ausgesprochen unbegabte Abfömmlinge des Bürgertums, nachdem sie im regulären Bildungsgang gescheitert sind, in der Begabtenprüfung einen legten Rettungsweg erblicken, um zum Studium zu gelangen. Dagegen muß ein Arbeiterkind schon mirklich begabt sein, um die Opfer der Vorbereitung für diese Prüfung riskieren zu können. Trotzdem zeigt die absolut geringe Zahl der Arbeiterabiturienten, daß die Begabtenprüfung wohl erfreuliche Ergebnisse in Einzel­fällen zeitigen, aber nicht das Bildungsproblem des Proletariats als solches lösen kann. Der Masse der begabten Proletarier­finder fann nur geholfen werden durch gesteigerten Ausbau der Aufbauschule.

Giftdiebstähle...

Uebergroße Furcht nicht angebracht

Giftdiebstähle, wie sie in gewöhnter Duplizität der Fälle die Deffentlichkeit momentan in Berlin und Paris zugleich beschäftigen, sind seit vielen Jahren eine gangbare Rubrik des kriminellen Ge­schehens, welche die Allgemeinheit stets in etwelche Unruhe versetzt. Seit vielen Jahren habe ich diese Rubrik immer mit größtem Interesse verfolgt, weil sie einen der Wege darstellt, auf welchem Gifte unkontrollierbar ins Publikum gelangen. Aber ich mußte konstatieren, daß die erwartete gefährliche Auswirkung sozusagen niemals eingetreten ist, indem in feinem Falle etwa ein Morden auf breiter Basis an einen solchen Giftdiebstahl geknüpft war. Demm Giftdiebe find zumeist, ja fast immer Psychopathen von bestimmter Eigenart, welche von dem Gift eine ganz andere Verwendung machen, als sich die breite Masse vorstellt.

Der Giftdiebstahl ist eine der seltensten Quellen zur Verbreitung von Giften, weil gerade diejenigen, welche das Gift stehlen, sich davon nicht mehr trennen. Ich komme darauf noch eingehender zurück. So war ich in der Lage, daß eine weitaus gefährlichere Quelle der Giftverbreitungen die gerichtlichen Auktionen durch die Gerichtsvollzieher darstellen, welche mit der größten Gemütlichkeit tiftenweise Gifte versteigern, das nach der allgemeinen Konstitution des Auktionswesens in Händlerringen durch diese ins Publikum fommen. Auch Gewerbe und Industrie sind Einfallspforten für Gifte in jeder Menge, ohne daß diese jedoch größeres Unheil an­richten.

Jahrelange Beschäftigung mit dem Vorkommen und der Ber­wendung von Giften in Gewerbe, Industrie, in Genußleben und Berbrechen hat mich erkennen lassen, daß dem Gift als solchem bei einem großen Teil des Publikums ein gewisser Zauber inne­wohnt, der ein altes Erbteil aller Kultur- und Halbkulturvölker aus der Zeit ihrer Primitivität ist. Die uralte Gleichung: Gift gleich Macht hat sich im volkskundlichen Unterbewußtsein sei dem Zauber trank und dem Giftpfeil ständig weitervererbt und bei gewissen Leuten besonders intensiv veranfert.

Gift auf alle Fälle. Man weiß nic, für was es gut ist. Es gibt einem so ein eigentümliches Gefühl von Sicherheit. Nur ein bißchen, damit man es hat. Das sind Begründungen, mit denen man mir Bitten um Gift vorgetragen hat. Vielfach liegt darin ein heimliches Spiel mit dem Selbstmordgedanken, weniger mit den übrigen friminellen Möglichkeiten. Gewisse Psychopathen haben den absoluten Drang des Giftbefizes, wie andere Kakteen sammeln. Nicht um es zu verwenden, sondern um es zu hegen, zu pflegen und sich immer wieder an den Möglichkeiten zu berauschen, die im Gift be­gründet liegen. Sie beten gewissermaßen die verborgene, heimliche Macht an, welche im Gifte liegt. Sie fühlen sich sicher, überlegen. Sie beherrschen die letzten Möglichkeiten. Wenn eine solche Idee überwertig wird, kann sie dazu führen, daß ein Giftdiebstahl be­gangen wird. Vor allem dann, wenn zufälligerweise eine Flasche oder Tüte mit Giftetikett in greifbare Nähe gelangt. Die Zwangs­idee kann aber auch weiter entwickelt werden, bis sie den Einbruchs­diebstahl erzwingt.

Es ist eine Eigentümlichkeit der Presse, daß sie bei Giftdieb stählen immer die tausend Möglichkeiten erörtert, wie dieses Gift Berheerungen anrichten könnte. Wie viele hundert oder tausend Menschen man damit umbringen fönnte, manchmal wird von ganzen Städten gefaselt. Man kann den Giftdieben damit keine größere Ungemessene steigert. Erst dann fühlt er sich so vollkommen im Freude machen, als daß man dadurch sein Machtbewußtsein ins Vollbesiz seiner Macht.

Man rät bei Giftdiebstählen immer in erster Linie auf die Giftsüchtigen im engeren Sinne, auf die, welche bestimmte, allgemein als Rauschgifte bezeichnete Narkotika und Euphoriastika( Mittel, die ein gesteigertes Wohlbefinden herbeiführen) gewohnheitsmäßig zu sich nehmen. Diese Morphinisten, Opiophagen und Kokainisten haben bestimmte charakterologischen Eigenschaften, welche sie zu einem Einbruchsdiebstaht sehr wenig tauglich machen, sie sind so gut wie nicht zu einer Tat der Gewaltanwendung fähig, sondern nur zu Delikten der List und Verschlagenheit: Gelegenheitsdiebstahl, Rezeptfälschung, Urfundenfälschung, Betrug. Man rät also meist folich wenn man Rauschgiftüchtige als Täter annimmt. Und wenn

es solche sind, so sind sie rauschgiftsüchtig gewordene Berufsver­brecher, bei denen das Einbrechertum bereits bestanden hat, bevor fie giftsüchtig geworden sind.

Ais dritte Klasse von Tätern kommen die berufsmäßigen Rausch­gifthändler niedrigster Sorte, die sich aus dem Berufs- und Gelegen­heitsverbrechertum refrutieren, in Frage, deren andere Quellen ver­stopft sind. Also Leute, die mit dem Gifthandel, insbesondere dem Schwarzhandel vertraut sind und die die Gifte zu Geld zu machen verstehen und wissen, was sie stehlen.

In Händen Unsachverständiger haben die Gifte nach dem Dieb­stahl selten ein langes Leben, gestohlenes 3yankali bleibt nicht lange mehr 3yantali, sondern zersetzt sich, und so geht es mit vielen anderen Stoffen auch, sie werden in falschen Händen unwirksam. lebergroße Besorgnisse nach Giftdiebstählen sind dank der Tücke des Objekts meist etwas deplaziert. Je aktiver ein Stoff ist trifft auch bei den Kampfgasen zu desto schneller wird er auch durch Zersetzung unwirksam, je komplizierter seine Zusammensetzung, desto größer die Zersetzungsgefahr.

-

das

Dies ist besonders bei medizinisch hochwirksamen Medikamenten der Fall, und der Hauptschaden eines derartigen Giftraubes ist der, daß die wertvollen Stoffe vollkommen, selbst wenn sie wieder ver­mendet werden können, nur noch ausnahmsweise medizinisch wieder verwendet werden können.

Durch das Opiumgejeß, das von einschneidender Wirkung auf die Zugänglichkeit der Rauschgifte ist, wurde natürlich eine Beengung des schwarzen Handels erzeugt, die einerseits die Preiſe trieb, die Verfälschungen förderte und zweifellos auch den Antrieb der gewaltsamen Beschaffung steigerte. Nur der Umstand, daß in Apotheken die dem Opiumgesetz unterliegenden Stoffe noch unter besonderem Spezialverschluß an geheimer Stelle liegen, vermag. selbst bei Einbrüchen den Raub der erstrebten Drogen zu verhindern.

Es ist aber auch für die Zukunft eher mit einer Zunahme von solchen Versuchen zu rechnen, und man tut quch deswegen gut, menn man auf die berufsmäßigen Gifthändler ein besonders wachsames Dr. J. R. Spinner. Auge hat.

Bar- Sittlichkeit

Das Resultat von sieben Jahren

11 Uhr abends. Die Lokale füllen sich mit Theater- und Kiao­besuchern. Ich size in einer bekannten Bar des Berliner Westens. Eine Negerkapelle trommelt Jazzmusik. Plötzlich öffnet sich die Tür. 3wei Damen, offensichtlich Nicht- Berlinerinnen betreten das Lokal. Sie sind in keiner Weise auffällig gekleidet, sie benehmen sich durchaus nicht ungewöhnlich. Sie tun nur, was jeder der Dort­fihenden vor ihnen getan hat, sie suchen ganz einfach einen leeren Tisch. Doch schon schießt die Inhaberin mit allen Zeichen sichtbarer Empörung auf die Ahnungslosen zu: Suchen Sie hier jemanden?" ,, Nein", kommt die harmlose Antwort. Darauf die Wirtin, grollende Sittlichkeit in der überflüssig gehobenen Stimme: Bitte verlassen Sie sofort das Lokal! Damen ohne Herrenbegleitung ist der Ein­tritt nicht gestattet." Aber erlauben Sie", protestiert die eine der einer öffentlichen Bar am Abend einen Kaffee zu trinken?" Eine Damen ,,, seit wann steht es nicht mehr jedem Menschen frei, in Entfernung aus dem Lokal wird ihr und ihrer Begleiterin noch Aufklärung wird ihr nicht zuteil. Im Gegenteil. Dié augenblickliche nachdrücklicher- noch geräuschpoller nahegelegt. Alle Umfizenden dürfen an dieser Szene teilnehmen. Der Abgang der beiden ähnelt in fataler Weise einem Herausschmiß mit Gewaltanwendung Gleichberechtigte deutsche Frauen! Alles ist euch gestattet. Ihr dürft wählen, ihr dürft Steuern zahlen, ihr dürft euren Berufen nachgehen, sofern ihr welche habt, ihr dürft euch einen legitimen und auch einen illegitimen Ehemann zulegen. Aber mehe euch, ihr Alleinstehenden, wenn euch nach abendlichem Theaterbesuch der Wunsch nach einer Erfrischung befälit. Kocht euch euren Kaffee, preßt euch cure Zitronen zu Hause oder- es gibt genug Erwerbs­lose in Berlin schafft einen neuen Beruf: Herrenbegleitung für Kaffehausbefuch, die Stunde 50 Pfennig, Bewirtung gratis.

-

1