Morgenausgabe
Nr. 461
A 232
47.Jahrgang
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101 odda
Donnerstag 2. Oftober 1930
Groß- Berlin 10 Pf. Auswärts 15 Pf.
Die etnipalttge Ronpareillezeile 80 Pfennig. Reflame eile 5.- Reichs mart. ,, Kleine Anzeigen das ettge brudte Wort 25 Pfennig( zuläffig zwei fettgedruckte Borte), jedes weitere Bort 12 Pfennig. Stellengefuche das erste Wort 15 Pfennig, jebes weitere Wort 10 Pfennig. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Arbeitsmarkt Beile 60 Pfennig. Familienanzeigen Zeile 40 Pfennig. Anzeigenannahme imhaupt geschäft Lindenstraße 3, wochentäglich von 8 bis 17 Uhr.
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Fremder Schlichter für Berlin ! 3m Spiegel von Newyork .
Berliner Schlichter Rudolf Wiffell auf Antrag der Industriellen ausgeschaltet.
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Jm Lohnkonflikt der Berliner Metallndustrie ist eine| industriellen in der Bergangenheit auch noch mit dem Gejhe Wendung eingetreten. Das Reichsarbeitsministerium werberat Körner als Vorsitzenden des Schlichtungsaus hat den Streit an sich gezogen und auf Antrag der Unter- schuffes abgefunden haben, so vermieden fie es stets, wenn nehmer den Entschluß gefaßt, einen Sonderschlichter irgend möglich, einen Streit bis zu Wissell kommen zu lassen. einzusehen. Der Sonderschlichter wird noch in dieser Woche die Parteien vor eine von ihm zu bestellende Kammer laden. Auf die Ausschaltung des Berliner Schlichters fönnte Ein Verhandlungstermin ist noch nicht angeseht. man also das Dichterwort anwenden:„ Man merkt die Ab Von diesem Sachverhalt wurden die Gewerkschaftsver- ficht und man wird verstimmt." Die Einsetzung von Sonderfreler gestern im Reichsarbeitsministerium unterrichtet. schlichtern ist in der Geschichte des deutschen Schlichtungsmejens etwas durchaus Ungewöhnliches. In Berlin wenigstens hat sich nach unserer Kenntnis der Dinge zum mindensten seit dem Jahre 1924 ein solcher Fall nicht ereignet. Sollte darauf hingewiesen werden, daß sich der Berliner Schlichter, Genosse Wissell, zurzeit auf Urlaub befindet, so ist man in Gewerkschaftstreifen der Meinung, daß Wissell, der übrigens in Berlin weilt und leicht zu erreichen ist, seinen Urlaub sofort abgebrochen hätte, wenn es eine Angelegenheit von so außerordentlicher Bedeutung zu regeln galt,
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Das Eingreifen des Reichsarbeitsministeriums hat in Gewerkschaftskreisen erregend gemirtt. Man befürchtet, daß der Sonderschlichter eingesetzt wird, um das Wirtschaftsprogramm der Reichsregierung auszuführen, in dem es heißt: Was durch die Kürzung der Gehälter für die öffent I che Wirtschaft angebahnt ist, muß innerhalb der privaten Wirtschaft weiter wirken zum Wohle des Ganzen." Soll der Sonderschlichter jetzt das Wohl des Ganzen" dadurch förtern, daß er die Berliner Metallarbeiter zum Verzicht auf einen Teil ihrer ohnehin nicht hohen Löhne zwingen will? Zuständig ist im Berliner Metallfonflikt zunächst der Schlichtungsausschuß unter Vorsitz des Gewerberats Körner, zweite Instanz ist der Schlichter von Groß- Berlin Rudolf Wissell , der Vorgänger Stegerwalds im Steichsarbeitsministerium. Wenn sich die Berliner Metall
Alles in allem muß gesagt werden, daß die Einsetzung eines Sonderschlichters alles andere als geeignet ist, das Bertrauen der Arbeiter in die Unparteilichkeit des Reichsarbeitsministeriums zu fördern. Sein Verfahren hat jedenfalls jezt schon die Wirkung gehabt, die Stimmung im Gewerkschaftslager wesentlich zu verschärfer
Böß geht im Februar.
Wohl feine europäische Wahl der letzten dreißig Jahre ist in Amerifa mit stärterer Anteilnahme verfolgt worden, als die Reichstagswahl des 14. September. Nicht einmal den Wahlen zur Nationalversammlung, als es um Sein und Nichtsein der deutschen Republik ging, ist nach dem Urteil erfahrener Beobachter eine derartige Aufmerksamkeit amerikanischen öffentlichen Meinung ausdehnte. Weltblätter gezollt worden, die sich unterschiedslos auf alle Kreise der fchrien am Morgen des 15. September mit riesigen Schlag zeilen die Ergebnisse des deutschen Wahlkampfes in die Deffentlichkeit hinaus, die amerikanischen Pressevertreter in Deutschland hielten ihre Blätter auf telegraphischem und Radiowege in einer Ausführlichkeit auf dem laufenden, die felbst in Amerika als ungewöhnlich bezeichnet werden muß. Kurzum, in einem frisch hineingeschneiten Besucher mußte amerikanische Wahlen ausgefochten. die Meinung auffommen, als würden keine deutsche, sondern
der Hand. Mit einer Klarheit, die dem politischen VerDie Gründe dieses ungewöhnlichen Interesses liegen auf ständnis der amerikanischen Presse alle Ehre macht, war man fich bewußt, daß es sich bei den Septemberwahlen um Dinge handelte, die den amerikanischen Bürger und die amerika nische Wirtschaftsbasis unmittelbar angingen. Amerikanische Geldanlagen in Deutschland , die heute in die Milliarden gehen, haben sich im Laufe der letzten Jahre mehr als verfünffacht. Die Wirtschaftsfäden zwischen den beiden Ländern sind unauflösbar miteinander verwoben. Jede Erschütterung der öffentlichen Ordnung Deutschlands , jedes politische Babanquespiel ist für die herrschende Klasse Ameritas und damit für jeden Amerikaner fast so wichtig wie für den unmittelbar davon betroffenen deutschen Bürger.
Borläufig beurlaubt.- Pensionsgesuch in einigen Tagen.- Neuer Oberbürgers rein innerdeutsche Fragen bezieht Unterhaltungen mit
meister im Frühjahr.
Durch die Entscheidung des höchsten preußischen Ver-| müssen, wird Böß voraussichtlich sein Amt offiziell am 1. Februar waltungsgerichts, das die vom Berliner Bezirksausschus verlassen. herfügte Dienstentlassung des Oberbürgermeisters rück: Die Berufung des neuen Oberbürgermeisters ist allein Aufgabe cängig macht, wird endlich die Bahn für die Wahl eines neuen Oberhauptes der Reichshauptstadt frei.
Wie wir erfahren, wird der Oberbürgermeister wahrscheinlich noch heute vom Oberpräsidenten seine Beurlaubung erbeten. Das Pensionsgesuch will er erst unmittelbar nach Abschluß Der Untersuchung des Landtagsausschusses einreichen. Der Ausschuß Fürfte seine Arbeiten aber bereits in den nächsten Tagen beenden. Boraussichtlich wird die Pensionierung auf Grund ärztlicher Atteste ausgesprochen werden, da der Gesundheitszustand des Oberbürgermeisters durch die Aufregungen der letzten Zeit und nicht zuletzt durch die maßlose Pressebete seit langem schmer er. Ichüttert ist. In diesem Falle hätte die Stadtverordnetenversammlung nicht über das Gesuch zu entscheiden. Der Magiftrat fann in einem solchen Falle allein beschließen. Diese Ent scheidung könnte schon Mitte Oftober fallen. Da nach dem Gefeß Drei Monate bis zum völligen Ausscheiden aus dem Amt verstreichen
Das Etatsdefizit für 1930.
Reichsregierung verhandelt über 500 Millionen- Kredit.
Das Hamburger Fremdenblatt" bringt eine Unterredung seines Berliner Bertreters mit dem Reichsfinanzminister Dietrich über den 11 eberbrüdungskredit, in der Dietrich u. a. erklärte, daß es sich bei dem Ueberbrückungskredit um eine sehr einfache und 3 feinerlei Beunruhigung Anlaß gebende Maßnahme handele. Während der Etat des nächsten Jahres voll ausgeglichen ist, fehlen rend der Etat des nächsten Jahres voll ausgeglichen ist, fehlen in dem diesjährigen Etat noch einige hundert Millionen Mark, die infolge der erhöhten Ansprüche der Arbeitslosenfürsorge und der Rückgänge der Einnahmen benötigt werden. Diese Beträge sollen auf dem Kreditwege beschafft werden, bis ihre Abgeltung vom 1. April 1931 ab im Wege des ordentlichen Haushalts erfolgt. Die Reichsbant ist beauftragt, zu prüfen und darüber zu verhandeln, wie ein solcher Kredit am zweckmäßigsten aufgenommen werden tann, der zusammen mit dem größten Teil der sonstigen schwebenden Schuld in den Jahren 1931 und folgenden abgetragen werden soll. Die Verhandlungen hier über schweben zur Zeit.
In einem Gesetz, das dem Reichsrat in den nächsten Tegen zugehen wird, wird die Abtragung des Sredits und des größten Teils
der
Stadtverordneten persammlung.
Wahrscheinlich wird man einen besonderen Ausschuß zur Vorbereitung der Wahl einsetzen. Für die Neuwahl des Stadttämmerers besteht bereits ein solcher Ausschuß. Es ist anzunehmen, daß man diesem auch die Arbeiten für die Neuwahl des Oberbürgermeisters überträgt.
Tempo, Tempo!
Nun darf natürlich nicht gefolgert werden, daß sich das Interesse der amerikanischen Deffentlichkeit in erster Linie auf führenden amerikanischen Persönlichkeiten aller Schattierun gen fördern als maßgebende Grundnote immer wieder zutage, daß die amerikanische Nation ausschließlich am young- Plan und den Rückwirkungen der Reichstagsmahlen auf dessen Abwicklung interessiert ist und sich einzig von diesen Gesichtspunkten in der Beurteilung der fünftigen Lage Deutschlands leiten lassen wird. Ein interessantes Schlaglicht dieser Einstellung bietet die liberale Wochenschrift ausfall fast allein unter dem internationalen Gesichtswinfel The New Republic", die den deutschen Wahldes Young- Planes diskutiert und ihren Lesern bereits die politischen und wirtschaftlichen Komplikationen aufzeigt, die fich aus einer Gefährdung der Reparationsvereinbarungen für Amerita und Europa ergeben würden.
In seinem Kommentar zu der Entscheidung des Obernermal- Wirtschaftstreijen gibt man sich im gegenwärtigen Stadium tungsgerichts schrieb gestern abend das Tempo": ,, Das Oberverwaltungsgericht hat der schrankenlosen Berunglimpfung der Stadt Berlin , wie sie sich auch besonders im Wahlkampf zeigte, durch sein Urteil gegen Böß ein Ende gesetzt." Es ist erfreulich, daß das Tempo" in einem so schnellen Tempo den Weg zur Objektivität zurückgefunden hat. Es ist noch nicht lange her, als dieses Blatt an der Spize jener Zeitungen stand, die sich gegenseitig in der Diskreditierung Berlins überboten.
der schwebenden Schuld des Reiches in 36 Monatsraten geregelt merden, bei denen auf jedes Jahr 420 Millionen entfallen.
Beitragserhöhung in Kraft.
Die Verordnung über den neuen Arbeitslosenbeitrag. Der Reichsanzeiger veröffentlicht die Verordnung über den Beitrag zur Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitsfür Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung bis auf lofenversicherung, die bestimmt, daß der Beitrag zur Reichsanstalt weiters für das Reichsgebiet einheitlich 6% Proz. des maßgebenden Arbeitsentgelts beträgt. Die Verordnung triff am 6. Oktober
1930 in Kraft.
Brünings Besprechungen.
Die Besprechungen des Reichstanzlers mit den Bertretern der Regierungsparteien über das Arbeitsprogramm der Regierung, die eigentlich bereits am Mittwochabend mit einer Unterredung am Mittwochabend mit einer Unterredung zwischen Dr. Brüning und dem Grafen West arp beginnen sollten, sind auf Donnerstagvormittag verschoben Die Nationalsozialisten werden am Freitag gehört werden. Sie entfenden als ihre Vertreter Herrn Frid und den Münchener Rechtsanwalt und Freund Hitlers , Dr. Frant.
worden.
Ganz soweit sind wir ja noch nicht, und in maßgebenden der Dinge auch feineswegs Befürchtungen über eine afute Bedrohung des Young- Planes hin. Die erste Aufregung über die Wahlsiege der ertremen Gruppen ist rasch fühler Ueberlegung gewichen, die sich vielleicht am besten auf die etwas variierte Nelson- Formel bringen läßt: Amerita erwartet, daß jedermann in Deutschland eine demokratische Pflicht tut." In diesem Zusammenhange tommt der Einstellung Ameritas gegenüber den deutschen Parteien besondere Bedeutung zu, die auch in Deutschland zu denken geben sollte.
munistische Mandatszuwachs mit großer Stepsis aufgenom Bis auf gelegentliches hysterisches Geschrei ist der kommen worden, da man sich über die organisatorische Schwäche der kommunistischen Bewegung Deutschlands flar ist und den aufgeregten Kriegstänzen der kommunistischen Wahlindianer eine nur vorübergehende, durch die schlechte Wirtschaftslage Deutschlands bedingte Bedeutung beimißt. Anders wird der Erfolg der Hitlerianer gewertet, von denen eine unmittelbare Bedrohung der politischen Stabilität Deutschlands und eine Steigerung der schon unnatürlich hochbefürchtet wird. Darüber hinaus wird die Zunahme der gehenden nationalistischen Instinkte weiter deutscher Kreise Spannung in Europa mit Sorge betrachtet und in der Annäherung der nationalfaschistischen Elemente in den verschiedenen Ländern Europas ein unmittelbarer Gefahrenherd für den Weltfrieden gesehen.
Diese Betrachtungsweise führt gradlinig zur Sozial de motratie, deren Gesichtspunkte und Einstellung hierzulande unter einem Winkel betrachtet werden, den man sich bei aller Hige des Gefechts auch im deutschen Wahlkampfe hätte wünschen können Bon rechts bis links wird in der perantwortlichen amerikanischen Presse die Sozialdemokratie als der Faftor der deutschen Deffentlichkeit bezeichnet. Bei aller prinzipiellen Gegnerschaft für die Ziele und Bestrebungen der deutschen Sozialdemokratie ist man sich deutlich bewußt, daß nur eine geschlossene Arbeiterbewe