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Nr. 479 47. Jahrgang

VON

1. Beilage des Vorwärts Contg. 1

& nating

ZUBILATO

PONTIU

Von wenigen Ausnahmen abgesehen ist der Weg in irgendein Amt" nicht gerade beliebt. Wir müssen dem Mann hinter der Barriere erst einmal unsere Seele hinüber­reichen, dann wird er sie einordnen, vergleichen, abmessen, um uns schließlich zu fragen: Haben Sie eine Bescheinigung darüber?" Wir versuchen zu lächeln und sagen ,, Nein!", nehmen unsere Seele als nicht ordnungsgemäß wieder in Empfang und gehen los: von Pontius zu Pilatus. Haben Sie schon einmal einen Toten begraben? Sind Sie schon einmal vom Sterbebett zum Totenarzt, vom Arzt zum Standesamt, vom Standesamt zur Polizei, von der Polizei zum Friedhof, vom Sargfritzen zum Kutschenverleiher, vom Kutschenver­leiher halb irrsinnig wieder in das Sterbezimmer gekommen und hatten sich noch keinen schwarzen Schlips gekauft, noch keine Traueranzeigen verschickt, noch nicht mit der Krankenkasse oder Versicherung gesprochen? Haben Sie wirklich schon einmal versucht, in Berlin ,, eine Leiche unter die Erde zu kriegen?" Wer diese dreitägige Hetzjagd lebend überstanden hat, der hat seine Feuertaufe schon erlitten, der weiß, was wir meinen: von Pontius zu Pilatus.

Wenn man arbeitsunfähig wird.

Das heißt, einen Toten begraben, dauert drei Tage, um jedoch ein paar Mark Rente zu erhalten, fann man unter Umständen drei Jahre lang von Pontius zu Pilatus rennen. Um dann immer noch nicht seine Rente zu haben. So tommt an einem Dezembertag des Jahres 1926 die damals 53jährige Frau K. in das Büro des Zentral­verbandes der Invaliden und Witwen Deutschlands und bittet, einen Antrag an das zuständige Landesversicherungsamt auf Gewährung von Invalidentente zu richten. Gesagt, getan, die Reichspost trägt den Antrag zum Köllnischen Park und nun geht das los: das lofe Paragraphengeftrüpp der ersten Monate wird zum Paragraphen­didicht nach jetzt dreiunddreiviertel Jahren, um den Fall der Frau K. haben sich wie Polypenarme die§§ 1253 bis 1722 der Reichsversiche. rungsordnung geschlungen. Karten werden geschrieben, Briefe ge­wechselt, Untersuchungen gemacht, Gutachten abgegeben, Berhand lungen angesetzt, Berufungen eingelegt, Aftenstücke vollgeschrieben, bis sie plazen, Weihnachten dieses Jahres werden vier Jahre ver­gangen sein, seit Frau K. ihren Antrag stellte, wir wollen hoffen und wünschen, daß bis dahin die arme Frau K. im Besitz ihrer Rente sein wird. Bei dieser Frau stellte man 1926 neun Leiden fest, nach den üblichen zwei Monaten bekam sie den Bescheid, ihr Antrag auf Zahlung von Invalidenrente wäre abgelehnt, fie sei noch in der Lage, sich ein Drittel des ortsüblichen Tagelohns zu verdienen. Uebrigens bekommen diesen Bescheid von der Landesversicherungs­anstalt 66% Pro3. aller Antragsteller. Frau K. legt Berufung ein, schleppt neue Gutachten herbei, kommt acht Tage lang ins Kranken­haus zur Beobachtung, dann wartet Frau K. und wieder sagt man nein. Die Frau& , fönne noch Tätigkeiten im Sihen ver­richten, fie tönne ja in einem Restaurant Kartoffeln schälen oder Ge­müse pugen, fie tönne auch irgendwo Kinder beaufsichtigen. Frau K. rennt weiter von Pontius zu Pilatus, legt Revision beim Reichsver­ficherungsamt ein, es wird geprüft, es wird untersucht, es wird ver­

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handelt, schließlich weist das Reichsversicherungsamt die Angelegen­heit zur nochmaligen Beratung an das Oberversicherungsamt zurüd. Frau K. muß sich operieren lassen, trotzdem sagt das Oberverfiche­rungsamt wieder nein. Inzwischen sind die Aktenstücke zu dicken Wälzern angewachsen, verstaubt und vergilbt sind schon die einver­leibten" Dokumente, aber da Frau R. organisiert ist, erhebt der Zentralverband der Invaliden und Witwen noch einmal Einspruch, zum dritten Male wandert Frau K. ins Krankenhaus zur Beobach tung und erzielt ein Gutachten, nach dem ihr vom 18. Februar ab eine 70 prozentige Invalidität bescheinigt wird. Jetzt werden noch einige Wochen bis zur mündlichen Verhandlung vergehen und vielleicht hat Frau K. zu Weihnachten ihre Rente auf den Tisch. Denn in all den vier Jahren konnte die Frau K. nicht mehr arbeiten, gelebt hat sie von der Vermietung ihrer beiden Zimmer und von dem geringen Monatslohn, den ihre Tochter nach Hause brachte. Aber seit einigen Monaten stehen auch diese beiden Zimmer leer und Frau K. und ihre Tochter leben von 120 M. im Monat. Frau K. und allen ihren Schicksalsgenossen, die um irgendeine Rente einfommen, wissen, was es heißt: von Pontius zu Pilatus rennen. Bitter ist das.

Wenn man arbeitslos wird.

Etwas anderes: Sofern wir Proletarier und vom Besiz der Broduktionsmittel ausgeschlossen sind, bedroht uns beständig das Gespenst der Arbeitslosigkeit. Ben es trifft, der muß eine Woche lang Spießruten laufen. Niederschmetternd ist dieser Moment, wenn Familienväter den ,, blauen Brief" überreicht erhalten, dann sind noch ein paar Wochen leiser Hoffnung da, wo die Injeratenplantagen durchgeblättert und Bewerbungen hinausgefandt werden; heute tommt darauf keine Antwort mehr. Dann kommt der letzte Tag, man packt seinen Kram ein, am nächsten Morgen ist die Welt ganz leer. Man gibt sich einen Ruck, fährt zum Nachweis, ja, da stehen an den Tagen nach dem Ultimo die ,, Neuen" Schlange. Man wartet, fommt auch einmal an die Reihe, sagt sein Sprüchlein her und der Mann hinter der Barriere antwortet: Heute ist es schon zu spät, kommen Sie doch morgen wieder!" Man schiebt wieder ab, tritt am nächsten Morgen noch einmal an und wenn man dann nachweisen fann, daß man zehn Jahre lang das Leben eines Normalbürgers geführt hat, dann bekommt man seine Stempelfarte. Aber man darf nicht zum falschen Nachweis gelaufen sein, man darf nicht ein Doku­mentchen vergessen haben, sonst fängt das schon hier an, dieses von

Sonntag, 12. Oftober 1930

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Pontius - zu- Pilatus- Schicken. Mit der neuen, noch so ungetnifften so mattglänzenden Stempellarte wie sieht das Papier aus, wenn es erst Krisengeld gibt! geht es zur Expedition des zuständigen Arbeitsamtes. Heute nehmen wir keine Anträge mehr an, tommen Sie morgen bis halb elf" schallt es einem schon entgegen und man trollt sich wieder. Am nächsten Tage ist man zum entscheidenden Lorstoß in aller Herrgottsfrühe auf dem Arbeitsamt, packt seine Stempelfarte in die Zigarrentiste, warum haben wohl so viele Arbeitsämter nur Zigarrentisten zum Einwerfen der Stempelfarten, man wird aufgerufen und gefragt: Na, haben Sie alles bei­sammen?", natürlich denkt man, breitet die ganzen Karten auf den Tisch, worauf der Mann vom Arbeitsamt nur sagt: ,, Hier haben Sie eine Bescheinigung, darauf muß ihr Arbeitgeber ausfüllen, was Sie bei ihm verdient haben, von da gehen Sie zur Krankenkaffe und laffen fich bescheinigen, daß ihr Arbeitgeber auch die Beiträge für die Arbeitslosenversicherung abgeführt hat und dann gehen Sie zur Polizei und lassen sich dort eine Bescheinigung geben, daß Sie in der Wohnung, die Sie hier angeben, auch polizeilich gemeldet find. Dann tommen Sie wieder." Bums, steht man wieder auf der Straße. Für heute ist alles schon zu spät, bei Pontius war man ja schon, nun geht es zu Pilatus. Fährt zum Arbeitgeber, fährt zur Krankenkasse, schön ist das, wenn man am Wedding wohnt, in Neukölln gearbeitet hat und am Spittelmarkt versichert ist, na, nun noch schnell zum Bolizei­revier, redet man sich gut zu. Inzwischen ist der zweite Stempeltag herbeigekommen, hin zum Nachweis ,,, ach Kolleje, laß ma doch rasch vor, id muß noch nach de Expedizjohn", und feuchend kommt man furz vor Toresschluß auf dieser Expedition seines Arbeitsamtes an. Bald find wir bei Bilatus. Der Mann füllt das Antragsformular aus, wir sind ganz klein geworden und sagen alles, was der Mann wissen will. Als er die Tinte abtrocknet, atmen wir auf, aber der Mann sagt nur: ,, Nehmen Sie wieder Blaz, Herr Schulze!" Dann nimmt man wieder Play, wenn welcher da ist und wartet. Für Ab­wechslung sorgen ein paar ,, dufte Jungs", die mucken inzwischen auf: Seit halb neune sizen wa schon hier und jetzt is et Mittach!", und von den Beamtentischen echot es zurück: Erlauben Sie mal, was wollen Sie denn, Sie haben doch Zeit genug, Sie friegen doch vom Staat für das Warten bezahlt!" Dann tönt es aus der Ede: ,, Herr Emil Schulze! und richtig, da sitzt der Pilatus ,,, Unterschreiben Sie hier!" meint noch der Vorsteher und schließlich spricht er das erlösende Wort: Ihr Sahltag ist Freitags, in der Turnhalle der rten Gemeindeschule an Kaffe fünf." Man trocknet fich den Schweiß

von der Stirn.

Was wir hier geschildert haben, ist der einfache, normale Weg jedes Erwerbslosen bis zum Unterstützungsbezug. Aber wehe, wenn irgendwo ein Zettelchen fehlt oder mer selbst die Arbeit aufgegeben hat, weil er es nicht mehr aushalten fonnte, der bekommt erst einmal seine acht Wochen Karenzzeit aufgeknallt und wenn er glaubt, in­zwischen verhungern zu müssen, dann muß er eine Eingabe an den Spruchausschuß des Arbeitsamtes machen und dann ist Pilatus noch weit. Aber reden wir nicht immer von diesen traurigen Dingen. Da wollen zwei junge Menschen heiraten. Fragen Sie die einmal, wie sie von Pontius zu Pilatus gerannt sind, ehe sie sich an den Hochzeitstisch setzen, fonnten..

Frau und Kind erschlagen.

Die Verzweiflungstat eines unheilbar Kranken.

Eine erschütternde Tragödie hat sich in der Mainzer Straße 24 in Lichtenberg abgespielt. In seiner Wohnung wurde der 33jährige Obermonteur Wilhelm Richter erhängt aufgefunden. Seine um zwei Jahre jüngere Frau und fein achtjähriger Sohn Herbert lagen mit zertrümmerten Schädeln tot in den Betten. Die furchtbare Tat, die gestern nach­mittag entdeckt wurde, ist offenbar schon in den späten Abendstunden des Freitags geschehen.

Richter hatte mit seiner Familie im 4. Stockwerk des Vorder­hauses eine aus Stube und Küche bestehende Wohnung. Er war bei der Firma Bergmann angestellt, in derem Auftrage er wieder­holt auf Montagereisen ins Ausland gesandt wurde. Vor einiger Zeit wurde das Familienglück durch ein plötzlich auftretendes Magenleiden des Mannes getrübt. Das Leiden nahm bald so schlimme Formen an, daß R. in ein Krankenhaus gebracht werden mußte. Faft acht Wochen verbrachte Richter in der Krankenanstalt, bis ihm vor etwa 14 Tagen die traurige Mitteilung gemacht werden mußte, daß er an Magenkrebs leide und seine Krankheit nicht

mehr heilbar sei. Richter lehrte darauf in seine Wohnung zurüd. Der früher heitere und zufriedene Mann war wie umgewandelt, und er trug ein niedergedrücktes Wesen zur Schau. Am Sonnabend fiel es einer Hausbewohnerin, die auf demselben Flur wohnt, auf, daß sich von der Familie Richter niemand sehen ließ. Die Frau ging gegen 14 Uhr hinüber und wollte die Küchentür aufflinken. Die Tür gab aber nur schwer nach, und als die Frau die Küche betrat, sah sie zu ihrem Entsetzen, daß sich Richter an der Türklinke erhängt hatte. Die Polizei wurde benachrichtigt und als die Beamten in Das verschlossene Schlafzimmer eindrangen, fanden fie Frau R. und ihr Kind erschlagen auf. Mit einem schweren Hammer, der neben den Leichen gefunden wurde, hatte Richter die tödlichen Hiebe ge­führt; beiden war die Schädeldecke zertrümmert. Der Grund zu der Tragödie dürfte zweifellos in dem Leiden des Mannes zu suchen sein.

Da Richter nichts hinterlassen hat, wird angenommen, daß er nachts, als Frau und Kind bereits schliefen, ganz plötzlich den furcht­baren Plan gefaßt hat, aus dem Leben zu scheiden und seine Familie mit in den Tod zu nehmen.

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