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Rr. 493 47. Jahrgang

2. Beilage des Vorwärts

Dienstag, 21. Oftober 1930

Metallarbeiterkampf und Wirtschaftskrise.

Die Macht der Gewerkschaften erwiesen. Auf den Reallohn kommt es an!

Der Abwehrkampf der Arbeiter und Arbeiterinnen der Berliner Metallindustrie steht heute fester als je. Wenn die Unternehmer dar­auf gehofft haben, daß angesichts der Krise die Streifparole, der Ge­mertschaften mir teilweise befolgt werden würde, so werden fie in zwischen eines bessern, belehrt worden sein.

Die Macht der freien Gewerkschaften ist unerschüttert. Thr moralischer Einfluß ist heute größer denn je. Die Arbeiterschaft fühlt instinktiv, daß in diesen Zeiten einer fatastrophalen Arbeitslosigkeit, die vom Unternehmertum rücksichtslos auszumüzen versucht wird,

die Gewerkschaften das fefte Bollwert

find, das fie gegen die Berelendung schützt.

In der Berliner Metallindustrie gibt es viele Großunternehmer, die es sich ein Stück Geld haben fosten lassen, um die Gelben groß­zuziehen und die Saten treuzler zu begünstigen. Diese Unter­nehmer tönnen jezt feststellen, daß fie ihr Geld zum Fenster hinaus­geworfen haben. Auch die Kommunisten haben geglaubt, und zwar auf Grund ihres Wahlerfolges vom 14. September, daß die Arbeiterschaft sich unter ihre Führung begeben mürde. Obwohl gerade in der Metallindustrie die sogenannte repolutionäre Gewerkschafts­opposition ihre festen Stüßpunkte hat, ist die Aktion der KPD. in nichts zerstoben. Bergebens hat sie ihre beliebten Stoßtrupps vor die Betriebe gesandt. Bergebens hat die KPD. in Betriebsversamm­lungen versucht, die Führung an sich zu reißen. Der Einfluß der KPD. ist mit jedem Streittag geringer geworden; er ist jetzt voll. ständig ausgeschaltet

Der Streit der 130 000 ist eine überwälfigende Demonftrafion der Macht der Gewerkschaften.

In der Bresse wird jezt piel davon gemuntelt, daß die freien Ge­werkschaften, daß der Deutsche Metallarbeiterverband bereit seien,

sich mit einer, menn auch etwas geringeren Lohnkürzung abzu­finden. Der Deutsche Metallarbeiterverband hat ein derartiges An­sinnen schon vor dem Streit entschieden abgelehnt. Er hat jetzt erst recht feinen Grund, diesen Weg zu beschreiten. Alle Gerüchte und Behauptungen dieser Art sind aus der Luft gegriffen.

Es wird auch davon geredet, eventuell die bisherigen Löhne furzfristig zu verlängern und dann erst die Lohnkürzung

Achtung, Obleute

der Betriebe des Verbandes Berliner Metall­Industrieller! Heute, Dienstag, nachmittag 4 Uhr: KONFERENZ Im Verbandshaus des DMV., Linienstraße 83/85.

eintreten zu lassen. Es mird dies damit begründet, daß die Preis­fenfungsaktion der Regierung bis dahin sich ausgewirkt haben merde und daß auch bei einer nominellen Lohntürzung die Reallöhne nicht gefürzt werden mürben.

Dazu ist zu sagen, daß die Preisfenfung bislang den Arbeiter­haushalt noch nicht erreicht hat.

Angefündigt ist eine sechsprozentige Senfung der Ruhrfohlenpreise. Die Berliner Metallarbeiter, someit sie selbst Sohle verbrauchen, brennen Braunkohlenbriketts, von deren Preissenfung man. noch nichts weiß. Man hat bisher die Eisenpreise, die Linoleumpreise und die Preise einiger Martenartikel gesenkt, dagegen die Eisenbahntarife erhöht. Wieviel Linoleum und Eisen die Berliner Metallarbeiter für fich verbrauchen, ist leicht auszurechnen.

Tränen über Fords Lohnerhöhung

" Lohnabbau" bei Borsig- Direttoren!- Preissenfung mit Vorsicht!

Daß Henry Ford nicht nur in Berlin , sondern in der ganzen Welt, mitten in der Krise demonstrativ 2ohnerhöhungen um 7 bis 12 Proz. und gleichzeitige Preissen tungen von 15 Broz angeordnet hat, war im Unternehmerlager ein Schlag ins Kontor. Die Deutsche Allgemeine Zeitung", das sich ernst gebende schwerindustrielle Scharfmacherblatt in Berlin , meint dide Tränen über den Knüppel, den Henry Ford den Unternehmern zwischen die Beine geworfen hat.

Freilich wird flugs wieder ein Schwindel zubereitet, um Fords Aktion bedeutungslos zu machen. Der Lohnfaftor spiele bei Ford keine Rolle, weil Ford ,, nur" Montagebetriebe habe.

Daß Ford mehr als doppelt so hohe Löhne zahlt mie beispielsweise NAG. und Daimler und deshalb der Lohnfaktor auch in seinen Montagebetrieben entscheidend ist, wird verschwiegen. Daß Ford auch in Berlin 60 Proz. deutsches Material verarbeitet, in dem die gleichen deutschen Löhne steden, daß Ford in Köln zu fünftig 85 Pro 3. deutsches Material verarbeiten wird, das wird

auch verschwiegen. Daß Ford dieselben Sozial- und Steuerlasten

trägt, wie die Berliner Metallindustriellen, natürlich ebenfalls.

Der DA3." ist bei ihrem Schwindel auch nicht wohl zumute, und sie muß, ob sie mill oder nicht, doch ihrem Tränen­strom freien Lauf lassen. Es sei unerfindlich, heißt es im Leibblatt der Siemens, Thyssen und Bögler, marum Ford

..just den jetzigen Zeitpunkt auswählt, um der im wohlverstandenen Interesse der deutschen Wirtschaft liegenden Polifif unserer heimi­schen Industrie so fchroff entgegenzuhandeln".

Beinlich, peinlich!

Gewiß fann sich die Preissentung auf Kohle und Eisen, wenn sie verallgemeinert wird, auch auf die Kleinhandelspreise auswirken. Borläufig ist aber davon noch nichts zu spüren. Wenn einmal die Fleisch und Butterpreise, die Preise für Kartoffeln, Margarine, Kaffee, Gemüse und Fett auch im Einzelhandel sich in fühlbarer Weise gesenkt haben werden, menn vielleicht gar die. Tarife des Personenverkehrs, die Sozialbeiträge durch den Rüdgang der Arbeitslosigkeit,

menn sich die Preise für den ganzen Bedarf des Arbeiterhaus­halts auch im Einzelhandel fühlbar gesenkt haben werden, dann werden auch die Arbeiter mit sich reden lassen. Es versteht sich von selbst, daß es den Arbeitern nicht darum geht, einen hohen Nominallo hn, sondern einen hohen Reallohn zu haben. Es kommt dem Arbeiter darauf an, zu wiffen, was er sich für einen Lohn faufen fann.

Es muß jetzt schon dabei bemerkt werden, daß auch bei sintenden Einzelhandelspreisen der Reallohn nicht in pollemt Ausmaße der Preissentung folgen darf. Im Interesse der Gesamt­mirtschaft muß auf eine Stärtung der Kauftraft hingearbeitet merden. Wir fommen von der ftatastrophalen Arbeitslosigkeit nicht herunter, menn es uns nicht gelingt, den Absatz auf dem Innenmartt zu heben.

In Deutschland ist nun einmal die Industriearbeiterschaft die Basis des Innenverbrauchs. Es ist für die deutsche Wirtschaft nicht gleichgültig, ob die 130 000 Arbeiter und Arbeiterinnen der Berliner Metallindustrie eine gesteigerte oder eine geschmächte Kauffraft be sitzen. Nur wenn man so das Interesse der Gesamtwirtschaft im Auge behält, wir des möglich sein, eine Lösung des Konflikts zu finden, der auch die Arbeiterschaft zustimmen fann.

Christliche Sorgen.

Berkennung des Schlichtungswesens.

Der Deutsche ist in Sorge megen des Reichstagsbeschlufjes, der die Regierung auffordert, den Schiedsspruch für die Berliner Metallindustrie nicht für verbindlich zu erklären. Das Blatt permechselt Schlichter und Arbeitsminister mit unab. hängigen Richtern und kommt daher zu abwegigen Schlußfolge rungen. Die Berbindlichkeitserklärung ist ein politischer Att. Die Schlichter sind teine Richter, sondern staatliche Organe.

| Breife teilmeise bis zu 20 Broz. gesenkt und seien der jetzt beabsichtigten Lohnfentung weit vorausgeeilt. Somme aber die Lohnsenfung nicht, so tönnte die Preissenfung nicht aufrecht erhalten werden, meil eine ganze Reihe von Firmen jonst 3uDas Schlichtungswesen ist eine politische Einrichtung. 3u sammenbrechen.

Diesen Wint mit dem Baumpfahl versteht sogar der Arbeiter, geschweige der Reichsarbeitsminister, der ihn von Amts wegen ver­stehen muß. Aber wieviel ist wohl an der Rationalisierung und in der Glanzkonjunktur vor meg verdient morden, bis man die Breije Dormeg" sentte? Wer hat von der Preissenfung so. viel gemerkt, als 20 Broz ausmachen? Und im übrigen: ist nicht Kupfer um 29, 3inn um 37, Blei um 19, 3int um

43 Broz. gejunten, was etwas mehr ist als 20 Proz? Warum meinen also die Herren? Darum, die Löhne sollen herunter, die Gewinne hinauf!

Braunkohle billiger, wenn

Das Ostelbische Braunkohlensynditat will am 28. Oftober in herabzusetzen." Man spricht von 6-10 Prozent. Auch diese Preis­einer Sigung ermägen", die Preise für Braunkohlen und Briketts einer Sitzung ermägen", die Preise für Braunkohlen und Briketts

fenfung gehört zu den Kapiteln der Lohn- und Preisschaukelei, mo man die von der Krise ohnehin erzwungenen Preissenfungen durch eine Lohnsentung für den Profit nicht fühlbar machen will.

dieser Auffassung haben sich von jeher die freien Gewerkschaften be­fannt, und deshalb tann selbstverständlich der Reichstag , menit es sich um einen wichtigen Arbeitskonflikt handelt, seine. Stimme erheben und seinen Einfluß geltend machen. Immer wieder haben die freient Gewerkschaften betont, daß das Schlichtungsmesen als Ausfluß des Artikels 165 der Reichsverfassung eine staats. politische Aufgabe ist. Es ist daher völlig absurd, zu be haupten, der sozialdemokratische Antrag rüttle an den Grundfasten staatlicher und rechtlicher Ordnung.

Lohnfragen find Machtfragen. Ohne die Wirtschaftstrife wäre es nie zu dem Schiedsspruch gefommen. Herrschte nur Gerechtig feit, dann würde der Schlichter den Arbeitern eine 2 ohn erhöhung zugesprochen haben. Die Argumentation Des ,, Deutschen " tommt darauf hinaus, daß die Arbeiter ihren Einfluß nicht geltend machen dürfen.

Die Bezirksdelegiertenversammlung der Berliner Theater mählte Berner Bernhardy ais Domann, Kammerfänger Friz Soot and Otto Laubinger als Beisitzer.

Vorfeldkämpfe der Bergarbeiter

Daß Fords Borgehen ein neuer Beweis für die Geregtig Unternehmer lehnen Z- Stundenschicht ab.- Der Der Kampf um die Preissenkung.

feit des Berliner Abwehrtampfes gegen den Lohn abbau ist, daran beißt teine Maus einen Faden ab. Die Krofodils tränen der ,, DA3." fönnen es nur noch unterstreichen.

Borfig will Eindruck machen.

Much Borsig- Tegel ist schnell in die Front derer eingefchmentt, die mit dem Bersprechen der Preissenfung den Reichsarbeitsminister beeindruden wollen. Sie hat ihren Verkaufsbüros Anmeifungen gegeben, im Falle des 3nfrafttretens des Schiedsspruchs über die Lohnjentung eine ,, entsprechende" Herabsehung der Preise vorzunehmen. Gleich zeitig wird mitgeteilt, daß schon vor einigen Monaten die leitenden Angestellten der Firma Borsig freiwillig auf zehnt Prozent ihrer Einkommen verzichtet haben.

Benn Borfig nicht handelt wie Henry Ford ( siehe oben), so nehmen wir das nicht übel. Auch daß er keinen Deut besser handelt als die altgewohnten Scharfmacher in der Schwerindustrie, das muß man von dem Präsidenten in ter Schwerindustrie hin nehmen. Wir hoffen aber, daß sich die Deffentlichkeit nicht durch seine Versprechungen täuschen läßt.

Im übrigen find wir neugierig. Wieviel haben die zehn Prozent ausgemacht, die die leitenden Beamten auf ihr Ein­fommen sich haben abhandeln lassen? War es das gesamte Ein­tommen, wie es scheinen fönnte, oder waren es nur die Ge­hälter, wie es wahrscheinlich ist, die nur einen Bruchteil des

Einkommens ausmachen?

Wir bitten auch hier um Antwort.

Scheinheilige Kronleuchterfabrikanten.

Die Bereinigung der Beleuchtungsförper. fabrikanten, bie m Berlin auch Tausenden die Löhne fürzen möchte, hat ihre Robnobbaumünsche noch mit einer besonderen Soße übergoffen. Lohn- und Breisjentung sei eine der wichtigsten Maß nahmen zur Gefundung der Wirtschaft. Die Bereinigung habe ihre

Bochum , 20. Oftober.( Eigenbericht.) Die Berhandlungen im Ruhrbergbau, die am Montag in Effen ffattfanden, verliefen ergebnislos.

Die Bergarbeitervertreter forderten die Wiedereinfüh­rung der Siebenstundenschicht, da die Friedensleistung nicht nur erreicht, fondern weit überschriften fei. Damit fei die Voraussetzung für die Siebenstunden- Arbeitszeit gegeben. Die riesige Arbeitslosigkeit im Bergbau 3winge zur Arbeits­beschaffung durch Berkürzung der Arbeitszeit.

Die Unternehmer vertraten den Standpunkt, daß ihnen unter den gegenwärtigen Verhältnissen das Recht auf Verfahren von eberschichten über die bisherige Arbeitszeit hinaus gegeben werden müffe. Eine Behebung der Arbeitslosigkeit sei nur durch Senfung der Selbstkosten und verschärftem Wettbewerb möglich.

Demgegenüber betonten die Vertreter der Gewerkschaften, daß die Abfahmöglichkeiten aus weltwirtschaftlichen Gründen begrenzt feien; die ftrifie Durchführung des Unternehmerstandpunties müffe zur Berelendung der Bergarbeiterschaft führen. Zu beachten sei, daß in dem größten Kohlenausfuhrland der Welt, in England, die Arbeitszeit im Bergbau ab Dezember verkürzt werde. Die Unternehmer verhielten sich gegenüber den Argumenten der Gewerkschaft vollkommen ablehnend. Sie wollen durch Anrufung des Schlichters für Anfang November neue Ber­handlungen in die Wege leiten.

Arbeiter( es find jetzt schon 76 000. D.) entlassen müssen. Welche Hemmungen bei dieser harten Maßregel die Bertsleitungen hatten, davon legen besser als lange Reben die riesigeiz Kohlen und Rotsmengen Zeugnis ab, welche die Herren, die zu dieser Tagung aus Berlin und anderswoher nach dem Revier gefahren sind, auf ihrer Reise zwischen Hamm und Effen gesehen haben. Hinter den Rotsbergen verschwinden bala die großen Anfagen und die hochragenden Schachttürme. Bir mor die Entwicklung? Erst fam die Absagstodung, und da man bie Förderung nicht drosseln wollte, schritt man zur Lagerung. Dani famen Beurlaubungen und Feierschichten, und erst als trojdem die Lager jeden Monat um eine Million Tonnen, das sind zwanzig Mil­lionen Zentner, anwuchsen, wurden mehr und mehr Leute entlassen. Die Lagerung dieser Brennstoffmengen frißt nicht nur große 3insen auf, sondern erfordert darüber hinaus Millionenbeträge für Erstellung neuartiger Transportgeräte, durch die man die Qualität des Lagergutes einigermaßen zu retten sucht. Man tommt zu einer Vorstellung von der Größe der Opfer, die hier erforderlich werden, menn man sich überlegt, daß die Lagerhalden insgesamt nun schon fast gleichkommen dem riesigen Jahresbedarf der Reichsbahn, und daß sie einen Wert von beinahe 200 millionen Marf haben."

Also Verluste über Berlust e! Warum, meil man tro der Weltkrise auf den hohen Listenpreisen im Inland sigen blieb Auch bei den Ruhrfohlenherren fehlt angesichts der Wirtschafts- und teine Krisenverfufte, obwohl der erste Verlust immer der frife die Bernunft. 76000 Bergarbeiter murden in fleinste ist, auf sich nehmen wollte. Die Kohlenindustrie hat sich Jahresfrist entlassen, im Verhältnis viel mehr als der daran gewöhnt, eine Staatsrentnerindustrie zu fein

Förberrüdgang. Breissenkung und Schichttürzung allein konnten

besseren Absatz und Mehrbeschäftigung bringen. Man tannte die Ursachen der Absagnot, aber man sperrt sich gegen die Vernunft. Die DA3.", das Organ der Vögler, Thyssen und Kirdorf , berichtet folgendermaßen über die Lage:

Der Ruhrbergbau hat im Jahre 1930 nach und noch 70000

Beil wir ein Kohlewirtschaftsgefeß haben, deshalb soll es im Berg­

bau tein Kapitalrisiko mehr geben. Mit solchen An­Schaumgen muß jede Industrie im Weltmarktkampf ins Hinter­treffen tommen, auch wenn die Rationalisierungerfolge noch so groß find.

Auch die Kohlenherren müssen lernen, boß eine Krise von