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BERLIN Dienstag 21. Oftober

1930

Der Abend

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Grubenkatastrophe bei Aachen

Schachtanlage durch Dynamit in die Luft gesprengt! Gegen 30 Tote geborgen- 150 Vermißte

Aachen , 21. Oftober.

Der Wilhelmsschacht der Grube Anna 2 bei Alsdorf ist heute durch die Explosion eines unter Tage auf der 200- Meter­Sohle untergebrachten Dynamitlagers zerstört worden.

Ueber die Auswirkungen der Explosion im Innern des Bergwerks konnte noch nichts ermittelt werden. Die Explosion hat jedenfalls cinen derartig furchtbaren Umfang gehabt, daß auch auf der Erdoberfläche die Detonation große Verwüstungen anrichtete. Der Förderturm des Schachtes ist eingestürzt. Jede Verbindung mit dem Innern des Bergwerks ist unterbrochen.

Mehrere hundert Bergleute von der Außenwelt abgeschnitten/ Die Zahl der Toten und Verunglückten steht noch nicht fest

Auch die Verwaltungsgebäude in der Umgebung der Grube wurden zerstört. Noch in entfernter liegenden Siedlungshäusern wurden Fenster eingedrückt und Dächer abgedeckt.

Sanitätskolonnen und Feuerwehr aus dem ganzen Landkreis Aachen sind unterwegs zur Unglücksstelle. Es find Versuche im Gange ,. von einem anderen Schacht der Grube Anna 2 aus durch einen unterirdischen Verbindungsgang in das Revier des Wilhelms­schachtes zu gelangen. Man ist zunächst damit beschäftigt, die über Tage befindlichen Berunglückten wegzuschaffen.

Die Detonation war in einem Umkreis von vielen Kilometern wahrnehmbar.

Ein Trümmerfeld.

Aachen , 21. Offober.

Die Explosion auf der Grube Anna 2 in Alsdorf erfolgte um 7 Uhr 20 Minuten. Allem Anschein nach handelt es sich um eine Dynamiterplosion. Der gesamte Schachtbau und der dar­auf stehende Förderturm mit den in der näheren und weiteren Umgebung befindlichen Maschinenhäusern, Waschräumen usw. find eingestürzt. Unter den Bürogebäuden befand sich ein Ben­30llager, das ebenfalls in die Luft flog und das ganze Ge­bäude mitriß. Zur Zeit der Explosion waren in dem Gebäude drei­Big Beamte tätig. Zur Stunde find zwei Tote geborgen. Die übrigen Beamten find mehr oder weniger, schwer verletzt. Das Ausmaß der Katastrophe läßt sich zur Zeit noch nicht annähernd übersehen, weil der Schachteingang verschüttet iff. 3m unterirdischen Betriebe war die ganze Frühschicht und noch ein Teil der Nachtfchicht täfig, so daß

300 bis 400. Bergleute eingeschlossen find. Ein Zugang zu den Berschüftefen besteht zur Zeit nicht. Man versucht, von den Nachbargruben Adolf in Streiffeld und Anna 1 in Alsdorf an den Unglücksherd heranzukommen. Im oberirdischen Betriebe ist die ganze Stätte ein wüftes Trümmerfeld.

Die ersten Toten und Verletzten.

Alsdorf , 21. Offober.

Auf dem Wilhelmsschacht waren bis 10% Uhr vormittags von den bei der schweren Grubenkatastrophe Betroffenen etwa 50 Tote und Berlegte geborgen. Die Trümmer des Förderforbes find jetzt zu einem kleinen Teil beseitigt, jedoch ist der Zugang zu dem Unglücksschacht noch nicht ganz freigelegt. Mit den auf der 450- meter- Sohle eingeschloffenen Bergleuten besteht noch telephonische Berbindung. Die Verschütteten haben sich auf Anruf gemeldet. Das technische Büro, das ebenfalls eingestürzt ist, hat alle darin befindlichen Angestellten unter fich begraben. Von diesen sind drei tot und mehrere verletzt worden. Nach Nachrichten über das Sprengstoffunglüd im Schacht Anna 2, die dem Grubensicherheitsamt im preußischen Handels­minifterium vorliegen, ist es bereits gelungen, die Wetterführung der betroffenen Schachtanlage wieder in Ordnung zu bringen Rettungstolonnen sind eingefahren, die Zahl der Toten und Berletzten ist nach Lage der Dinge zur Zeit noch nicht feststellbar. Die Belegschaften der Nachbargruben sind aus Sicher. heitsgründen sofort nach dem Unglüd herausgezogen worden.

Die Aachener Kohlenschächte Anna I und II sowie der Wilhelmsschacht gehören dem Eschweiler Bergwerksverein . Die Gesamtbelegschaft dieser Schächte beträgt zur Zeit etwa 5000 Mann. Es wird in drei Schichten gearbeitet. Zur Zeit des Un­glüds tönnen rund 200 Mann auf der Schachtanlage gemesen sein. Das Unglück hat sich auf der 200- meter- Sohle, also 200 Meter unter ( Fortfegung auf der 2. Geite.)

Seeckt fordert Aufrüstung

Indiskretionen aus dem Auswärtigen Ausschuß- Landesverrat eines Hugenberg - Blattes

Gestern war Gigung des Auswärtigen Ausschusses. Diese Sigungen find nicht öffentlich; das war gerade gestern, weil soviel Neulinge dabei waren, in einer Geschäftsordnungsdebatte noch aus­drücklich festgestellt worden.

Die Mitteilung ist in dieser Form irreführend. Daß Herr v. Seedt persönlich für Aufrüstung eintritt, ist mindestens aus feiner Rede im Sportpalast bekannt; eine Stellungnahme der Bolks­partei in seinem Sinne ist jedoch nicht erfolgt. Der Außenminister Curtius, der doch auch der Volkspartei angehört, ist in Genf bekanntlich nicht für Aufrüstung, sondern für allgemeine Ab= rüstung eingetreten. Wer den Anschein erweckt, als stände die ganze Volkspartei zu den persönlichen Anschauungen Seedts, Unter der Ueberschrift Auch die Deutsche Voitspartei für der bringt den deutschen Außenminister in den ungerechtfertigten Aufrüftung" berichtet das genannte Blatt: Berdacht, ein doppeltes Spiel zu treiben.

Dennoch bringt der Tag" es fertig, aus den Verhandlungen eine Mitteilung zu machen, die geeignet ist, nicht nur Sensation im Auslande hervorzurufen, sondern auch die deutsche Außenpolitit schwer zu schädigen.

Für die Deutsche Volkspartei sprach Generalobersi von Seedt. Er behandelte sehr eingehend die Ab­rüstungsfrage und forderte eine Aufrüstung, da die Genfer Verhandlungen gescheitert seien und auch von der Locarnopolitik eine wesentliche Beruhigung der internationalen Lage für Deutschland nicht zu er warten sei.

Aachen

Und wieder mäht der Tod im Arbeiterheer..

Th

sie

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Die Forderung Seedts ist rein militärisch gedacht. Politisch ist von jedem Standpunkt aus gesehen Unsinn. Innenpolitisch ist sie Unfinn, meil in dieser Zeit der Wirt schafts- und Finanztatastrophe, die Milliarden, die man zur Ausführung brauchen würde, in feiner Weise zu beschaffen sind und weil schon das bloße Fordern auf heftigsten Wider­stand stoßen muß. Abbau der Gehälter, der Löhne, der Sozial leistungen und dann noch neue Militärausgaben von ungeheurem Umfang, das ist doch einfach unmöglich und undenkbar.

Außenpolitisch ist die Forderung des Herrn v. Seeckt ein noch viel größerer Unsinn. Wenn sich jetzt für die Forderung der Auf­rüftung gerade diejenigen begeistern, die am lautesten nach der Revision des Young Planes rufen, so zeigt sich darin, wie wenig diese nationalistische Demagogie mit ernster Politik zu tun hat. Wer glaubt denn, daß uns das Ausland etwas von unseren 3ahlungen erlassen wird, da= mit wir dafür Tants und Bombenflugzeuge taufen?

Auch die Journalisten des Tag" tönnen nicht so blind sein, diese Zusammenhänge nicht zu bemerken. Man muß ihnen den Borwurf machen, daß sie ihre Indiskretion begangen haben aus Luft an der parteipolitschen Intrige unter bewußter Schädi­gung deutscher Reichsinteressen. Hauptverantwort licher ist der Befizer des Tag", der Borsitzende der Deutsch­ nationalen Partei, Dr. Hugenberg. Hugenberg hat an der Sigung des Auswärtigen Ausschusses teilgenommen. Offenbar ist er selber Informator und Inspirator seines Blattes.

Die Angelegenheit wird in der nächsten Sigung des Aus­wärtigen Ausschusses am 29. Ottober ihr Nachspiel haben.