Beilage
Sonnabend, 1. November 1930
Der Abend
Shalausgabe des vorward
Begegnungen in der Künstlerkolonie Taos
Ms. Blanche C. Grant ist Malerin und Schriftstellerin.[ stube. Neber dem kalfweißen Kamin hingen indianische Embleme., Sie hat die Geschichte der Künstlersiedlung Taos in Neu- Merito An den Wänden leuchteten Indianergobelins in grellen Farben, geschrieben, Forschungen über Taos und die Puebloindianer gemacht der Fußboden war mit Teppichen der gleichen Art bedeckt. Indianer und das wertvolle Material verdienstvoll geordnet, aufgeschrieben muster find findliche primitive Darstellungen vom heiligen Bogel, und selbst herausgegeben. der wie der preußische Adler aussieht, oder vom Menschen nach der Art unserer Kinderzeichnungen, oder einfache Strich und Rund formen, wie wir sie am Schmuck aller primitiven Völker fehen
Ihr Haus, nach eigenen Entwürfen im Stile der india nisch- merikanischen Bauweise gebaut, grüßt von der Anhöhe zur Autostraße herab. Es wirkt stolz wie ein Häuptling in der Umgebung der Indianerhütten.
1. Plauderei mit Ms. Grant.
An der Tür empfängt uns eine meißhaarige Dame, deren elastischer Schritt im modernen Dreß Zweifel über das Alter erwedt. Ein paar freundliche Augen im energischen Gesicht zeigen Intelligenz und Verstehen, die Art, sich zu setzen und zu sprechen meist auf häufigen Umgang mit vielen Menschen hin, in den Gesten der Hände liegt Selbstbewußtsein.
Ms. Grant zündet sich eine 3igarette an und erzählt: Von der Urbevölkerung Ameritas seien Erinnerungen nicht mehr zurückgeblieben. Das sagenhafte Zeitalter beginnt mit der Einwanderung der Indianer, die sicherlich aus den Steppen Tibets durch die Beringstraße übers Meer herübertamen. In olten indianischen Sagen wird erzählt, daß die Urväter über das große Wasser herüberruderten Dom Osten her. Die Sprache der Indianer meist Aehnlichkeiten mit den chinesischen Lauten auf, auch den Namen der Stadt Taos kann man von dort herleiten. Das Aussehen der Indianer zeigt selbst dem Laien die mongolische Berwandtschaft.
Im 16. Jahrhundert tamen die Spanier ins Land und errichteten die ersten europäischen Niederlassungen.
Ms. Grant hat die Geschichte dieser Zeit durchforscht und aufgeschrieben, soweit fie New- Merifo betrifft. Wir hören über die ersten Kämpfe, die ersten Wege und Bahnen der Historiker ist in der Erzählerin erwacht und ihr Blick versinkt in sich. Plötzlich erinnert sie sich der Gäste, und mit lächelnder Miene entschuldigt sie sich:
Aber das wird Sie ja nicht so intereffieren. Was möchten Sie denn hauptsächlich erfahren?".
Tung
In erster Linie die Geschichte der Künstleriiedz
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Ja so! Der erste, der die Schönheit dieses Erdenwinkels fah, war Jos. Henry Shorp. Er tam 1893 hierher und berichtete in Paris über seine Eindrücke. Dadurch angeregt, fam 1898 der Maler Blumenschein hierher, der aber dann wieder zum
Das Haus der Malerin Ms. Grant
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Ms. Grant in ihrem Heim
fönnen. Das große Bücherregal und der Schreibtisch der M. Grant mit der Schreibmaschine wirten trotz ihrer Einfachheit fremd in diefer Umgebung des ländlich Primitiven wie die geistreiche weißhaarige Frau auch.
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Ihr. ,, find to oder Deutsch " Atelier genannt ist ein großer weißgefündyter Raum, der an einer Seite von einem unuch
tigen Dreikantvorbau in feiner Eintönigfeit unterbrochen wird. Hinter ihm ist eine aufwärtsführende Treppe. Auf der Gegenseite wölbt sich aus der Mauer eine Sitzbank heraus, von der man die rings aufgesteliten Bilder, die sich gut einfügen, betrachten fann. Szenen aus dem Indianerleben, Indianerköpfe und Landschaften find der Vorwurf für die Künstlerin gewesen.
In der buntbemalten Küche mit dem farbigen Geschirr glaubt man Aehnlichkeiten zu der heute von Reformern in Deutschland ge= pflegten Art herstellen zu können. Die indianische Bettdecke fönnte eine altdeutsche Decke sein so gleichen sich Frühfulturen verschiedener Völker.
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3. Mr. Phillips empfängt uns.
Mr. Bert G. Phillips empfängt uns am Nachmittag. Er ist das Haupt der Künstlerkolonie, ihr erster Vertreter in Taos und somit der Begründer.
Seine mittelgroße schlanke Gestalt hat eine gewisse Zartheit an fich, die auch aus den knappen Bewegungen der feinen Künstlerhände spricht. Wenn er spricht, versinken die Augen in tiefes Nachdenken: mehr als 30 Jahre Erfahrung in diesem schönen Erdenwinkel hat er zu überdenken.
Wie er hierher gekommen?
Ein herrlicher Herbsttag war es, als der Weg ihn durch Taos
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das war im
Osten zurückkehrte und erst später wiederkam. Im gleichen Jahre führte. Er hatte von dem Orte gehört, wo die Puebloindianer passierte B. G. Phillips die Stadt. Er blieb hier und wurde ihre hochgetürmten Wohnburgen seit Jahrhunderten bewohnten. zum Gründer der Künstlerkolonie. Heute wohnen etwa 20 maler Bis Weihnachten wollte er bleiben und malen dauernd hier, darunter Russen, Deutsche und Merikaner, verJahre 1898 und bis heute ist er geblieben. schieden in der Art der Malmeise fast alle Richtungen sind vertreten verschieden im Talent und in der Auffassung. Wir haben feine einheitliche Schule, jeder folgt den eigenen Eingebungen.
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Vor Jahren weilte eine größere Anzahl jüngerer Beute hier, die lernen wollten. Wir versuchten eine Art Malschule zu errichten. Die älteren der ansässigen Künstler gaben Unterricht. Die Sache zerschlug sich bald, als man jah, daß mancher Dilettant mehr aus Bohemienmanier teilnahm als aus Liebe zur Malerei. Mit dem Dilettanten verschwand auch alles Bohemienhafte. Heute ist ein 1ofer familiärer Zusammenhang in der Künstlergilde aber auch eine ganze Menge Eifersucht und Klatsch. Was soll man auch schließlich hier in der Einsamkeit, bei Naturschönheit und Malerei weiter tun?"
da
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Die freundliche Erzählerin lächelte. Das Lächein wurde ein wenig boshaft, als sie davon berichtete, daß die Gattin des einen Kimstlers so geizig fei, nicht allein von jedem frenden Besucher ihres wundervollen Hauses für die Besichtigung 1 Pfund zu fordern, sondern auch ihr, Ms. Grant, diese Tage nicht erließ.
Amerita fauft entweder europäische Berühmtheiten oder eigenen Ritsch. Eine förmliche Begeisterung für die füßlich blauen Berge mit griechischen Terrassen im Vordergrund auf den Bildern des Malers Marwell Parrish machten diesen Meister des Kitsches zum Liebling des Publikums. So haben es Taos' Künstler schwer. In New York hängt ein Bild von mir in der Ausstellung", Jagt Ms. Grant zu meinem Freunde, der eine gute Stellung in diesem Staate hat, helfen Sie mir, daß es verfaust wird. In grauen Haar ist es nicht einfach, sich durchs Leben zu schlagen." Ein feuchter Schimmer liegt in ihren Augen.
2. Ein Gang durchs Künstlerhaus. Dann zeigt sie uns ihr Haus.
Der Salon, in dem wir während des Gesprächs vermeilten, babe bas Anfehen einer guten alten beutigen Besan
Ob er von den Indianern, insbesondere von ihrer primitiven Kunst starke Anregungen für sein Schaffen bekommen habe?
Mr. Phillips stüßt seinen grauen Kopf nachdenklich auf die Linke:„ Wenn Sie das Weben der Teppiche und ihre Muster meinen, oder das Bemalen der Tonvasen, so muß ich verneinen; das
Eingang zur Kunstausstellung in Caos
find fünstlerische Darstellungen, die dem Material völlig angepaẞt find. Gehen Sie nach Santa Fee, der Hauptstadt New Meritos. Dort wohnt ein bekannter Kunsthändler, zu dem ich Sie gern empfehlen will. Er hat Indianerteppiche von fold unerhörter sold) unerhörter Schönheit, reine handgewebte Wollware, wie Sie sie nirgends wieder finden werden. Keiner dieser Indianerkünstler, sei es Mann oder Frau, macht vorher einen Entwurf dessen, was er darstellen will t ein Gedante, der häufig in genialer Weise Gestalt gewinnt, der Rhythmus und Gleichmaß hat, der niemals falich die Fläche
Der
teilt, trotzdem doch keinerlei Hilfspunkte gezeichnet werden. Indianer nimmt gleich die polle Farbe, zeichnet gleich die feststehende Form auf die Tonvase und hat die Aufteilung der runden Fläche in der Hand und im Auge."
Haben sich Indianer auch in der Malerei betätigt oder haben Sie junge Indianer gelegentlich anzulernen versucht?"
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,, ein" Mr. Phillips schüttelt den Kopf, Indianer sind zurückhaltend. Ich mohne mehr als 30 Jahre hier, aber es bleibt die Fremdheit zwischen dem weißen und dem roten Mann. Ein anderer Maler hatte einen Indianerjungen zur gelegentlichen Hilfe. Der Bursche fand Gefallen an der Tätigkeit seines Meisters und chmte sie nach, aber es blieb bei unbedeutenden Versuchen. Neuerdings macht ein Indianermaler von sich) reden. Seine Bilder aber unterscheiden sich von denen seiner weißen Freunde durch keinerlei Eigenart."
,, Kommt das daher", wage ich einzuwerfen ,,, daß dreidimensionale Darstellung auf einer Fläche diesem primitiven Volke nicht fünstlerisch geeignet erscheint so haben ja auch Griechen und Chinesen Flächen mir in der zweidimensionalen Form bemait, wie wir sie bei der Basenmalerei der Indianer finden."
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Mr. Philips nidt:„ Das kann der Grund sein. Der intellettuelle Faktor scheidet aus der Kunst der Indianer aus. Sie üben sie mur, soweit sie intuitiv erfaßt werden kann. So haben sie ihren stärksten Ausdruck im Tanz."
4. Indianer tanzen.
und
Der Künstler versant für eine furze Zeit in Nachdenken. Sein Blick schien Erlebnisse zu rekapitulieren. Dann fuhr er fort:„ Die Indianer glauben, daß der Regentanz den Regen herbeiführt. Der weiße Mann lacht darüber, als wäre es Aberglauben doch liegt die Erkenntnis als Wahrheit in der Nähe des Glaubens. Denken Sie an das Experiment Carusos, der das Vibrieren im Klang eines Weinglases so in seine Stimme hineinnahm, daß er es fertigbrachte, durch seine Stimme den Klang des Weinglafes zu verändern bis zu dem Punkte, wo das Glas springen mußte.
Unter diesem Gesichtswinkel sehen Sie den Indianertanz. Wie in einem aus dem Aether erfühlten Rhythmus gleiten die Füße im Sande. Inummer zarter werden die Bewegungen, immer intensiver. Man spürt als Zuschauer, wie Luft- und Gliederzittern eins werden, wie die ganze Reihe der Tänzer und Tänzerinnen zu einer einheitlichen Form zusammenklingt und der begleitende Takt der einfachen Instrumente sich einreiht nicht dirigiert! Das schwillt an und scheint bersten zu müssen im immer stärkeren rhythmischen
Zittern und Schwingen, und schwillt ab zu ein Atemzug zu neuem
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Mr. Phillips in seinem Atelier
Beginnen bis rings die Luft erfüllt ist vom Rhythmus der Tänzer, einschwingt und mitschwingt und schließlich das erlösende, erfrischende Naß sammelt, zu Wolken ballt und die Erde erfrischt. Oder sehen Sie den Adler- und den Büffeltanz, und Sie werden spüren, wie stark die Bewegungen dieser Naturfinder den Tieren gleichen kann, die sie darstellen, weil diese Tiere, vor denen sie sich fürchten, ihnen noch so gewaltige Impressionen zu geben vermögen."
Phillips schwieg lange, ehe er weiter sprach:„ Hier sind die Wirkungen, die die Indianer meiner Kunst gaben: den Rhyth= mus dessen zu erfüllen, was ich zeichnen will, bis in die fleinste Schwingung hinein und mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, mit Farbe und Form auf die Leinwand zu kommen. Und jezt will ich Ihnen mein Studio zeigen." Damit stand der Meister auf und ging uns voran.
Ein matt erleuchteter Raum empfing uns. Phillips zog die Borhänge des Glasdaches zur Seite und lenkte unseren Blick auf ein Bid im Vordergrunde: ein Indianer, Wild eripähend.
Der rote halbnackte Körper beugt sich ein menig vor. Man kaun sein Gesicht nicht sehen, aber man spürt, mas er sucht Die Bäume ringsum fcheinen seinen Blick aufgenommen zu haben, wie ein Pfeil fliegt das Auge des Beschauers zu dem Bären im Hintergrund, der muchtig mie die Bergwand hinter ihm ruht und leise Witterung verspürt.
Noch ein anderes Bild sei ermähnt: Schneesturm: Mäch tige, zu tubistischen Formen geballte Luft- und Wolfenmassen stürzen über das Gebirge in das herbstlich grüne Tal.
Eine Konzentration von Rhythmen und Farben in scharfen fantigen Zusammenballungen und doch so feiner, durchfichtiger, hauchzarter Art, daß die Uebergänge einen Zusammenklang von unerhörter Bucht ergeben.
Mr. Phillips drückte uns zum Abschied warm die Hand. Seine Bescheidenheit hat es bisher nicht gemagt, seine Bilder, die zum Teil amerikanische Museen schmücken, in Europa anzubieten. Europos Blid sollte gelegentlich auch einmal den Kunstwinkel Taos in New merita beiradgten Fritz