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Beilage

Dienstag, 4. November 1930

Hakenkreuz

im Krankenhaus

Es wird gemeldet: Ein Berband national sozialistischer Aerzte ist gegründet worden,

Wer trant war, meiß es, daß der Arzt in den Augen des Kranten als ein höheres Wesen erscheint.

Dieser da, im meißen Kittel, ist dein Meister, er wird dir helfen, denkt der Krante im Krankenhaus. Erscheint der Arzt, so blicken aus allen Betten vertrauende Augen der Kranken. Der Doktor ist in Zimmer, nun fann nichts mehr geschehen!

Der Doktor... der große Meister.

Wehe dem Großen", der das menschliche Vertrauen der Kranten enttäuscht!

Drei Jahre Klinit.

Drei Jahre Aethergeruch, meiße Kittel, Schmerzensschreie. Ich bin in einem orthopädischen Krankenhaus in Frant: furt a. M.

Die Klinik ist halb privat, halb städtisch. Die Behandlung ist sehr gut.

Gütige Schwestern, der gute alte Professor behandeln nicht nur die Beine und Arme der Kranken, sondern lassen auch die Seele in der Aimosphäre des Krankenhauses nicht verzagen.

Alle wurden gleich gut behandelt.

In diesem Hause der Schmerzen liegen Krante verschiedener Völker, Rassen, Religionen, aber alle waren einig in ihren Schmerzen, und der Haß der Welt von draußen drang nicht über die Operationsfäle. Bis...

Bis der Professor eines Tages für längere Zeit verreisen mußte. Ein neuer Oberarzt wurde ernannt. Herr Dr. S., ein Bayer, Schmisse im Gesicht. Schon bei der ersten Visite trug er ein großes schwarzes Hakenkreuz auf dem Aerztekittel. Ein großer Fleck des Hasses auf dem weißen Kittel der Barmherzigkeit! Er steht zum erstenmal an meinem Bett.

,, Na, Nathan der Weise", beginnt Dr. B. sein Gespräch, habt ihr Juden denn heute Feiertag?"

,, Nein, Herr Oberarzt", erwidere ich erstaunt.

,, So, ich dachte. Die Börse ist nämlich gefchloffen!" sagt er und geht höhnisch grinsend meiter.

Das Gift von draußen war in das abgeschiedene Krankenhaus gedrungen und breitete sich aus.

aus­

Schwestern und Assistenzärzte waren auf einmal wie gewechselt. Sie versuchten den Geist des neuen Chefs anzunehmen, und es gelang ihnen!

Hafenkreuze tauchten überall in Hause auf. Auch die Patienten beeilten sich zum großen Teil, den ,, nationalen Auf­schwung", wie der Herr Oberarzt es nannte, mitzumachen. Sogar in die Kinderabteilung trug Dr. B. sein Gift. Wenn die franken Kleinen zusammensaßen und mit ihren jüdischen Leidens­genossen friedlich Halma spielten, erschien der Oberarzt. Die Ein­tracht störte ihn, und er rief: Laßt euch doch nicht von den zu tünftigen Börjianern betrügen!"

danstatt Halma zu spielen, sangen auf einmal die franken Heßlieder. Dr. B. hatte sein Ziel erreicht. Vereinsamt, ver­lohen und traurig lagen die jüdischen Kinder da. Doppelt schwer war es geworden, frank zu sein.

Eines Tages erschien die Stationsschmester in meinem Zimmer. ,, llebermorgen spricht der Oberarzt über deine Krankheit. Da muß er Lichtbilder von dir haben. Komm, wir fahren dich nach

oben."

Ich werde auf eine Bahre gehoben.

Im zweiten Stockwerf wartet der Oberarzt Dr. B.

Ein photographischer Apparat steht vor ihm. Ich werde von der Bahre gehoben.

Man setzt mich auf einen Stuhl, der Oberarzt drückt mir zwei Stöcke in die Hand und sagt:

Hopp, hopp, aufgestanden, mir brauchen ein stehendes Bild!"

Zwei Jahre durfte ich nicht auf den Füßen stehen. Sonst passiert was", sagte immer der Professor. Und nun soll ich eines Bildes wegen aufstehen!

Ich kann es doch gar nicht. Die Beine wollen ohne Schienen gar nicht gehorchen.

Herr Oberarzt", sage ich ruhig, herr Professor hat mir streng verboten aufzutreten... ich fann auch gar nicht."

,, Ei mei, ei wei, hat er Angst wie alle eire Leit!" spricht höhnisch Dr. B.

Das Blut steigt mir in den Kopf. Ich versuche aufzustehen. Und sinke wieder kraftlos auf den Stuhl. Das rote, von Schmissen bedeckte Gesicht des Oberarztes grinst.

Eine Schwester flüstert ihm änglich zu: Er darf nicht stehen, Fraktur( Knochenbruch) zu befürchten."

Dr. B. winkt lässig mit der Hand: Ach was, Angst hat der Makkabäer ! Im Kriege haben sie auch gefniffen, was Nathan der Weise?"

Haßvoll blicke ich in die Augen des Oberarztes. Ich greife nach den Stöcken. Jetzt Zähne zusammengebissen! Ich erhebe mich lang sam und schwer. Bor mir der weiße Kittel, der Photoapparat und das Hakenkreuz. Ich stehe... Dr. B. greift mit einem Na also" zum Knipser, da...

"

Ein stechender furchtbarer Schmerz in meinen beiden Beinen! Ein furchtbarer Knads in beiden Oberschenkeln... Ich sinte mit cinem lauten Ausschrei zu Boden... Beide Beine ge­brochen... Der Herr Oberarzt hat sein Bild!

*

Eine Stunde danach liege ich im Operationsjaal. Aethermaste auf dem Gesicht. Zählen... Eins... zwei... Der Oberarzt wäscht sich, lustig mit dem Assistenzarzt plaudernd, die Hände. Er macht sich fertig. Bählen... 3wanzig... einundzwanzig.. Ruhig atmen, fagt die Schwefter... Ich versinke. Zweiundzwanzig... Doktor, Sie sind schuld!" schrei ich mit letzter Kraft...

#

err

Als ich zwei Stunden später aus der Narkose erwache, find meine beiden Beine in schwerem Gipsverband. Bis über die Rippen

Der Abend

Shalausgabe des Vorward

Opfer der Arbeit

1928: 9331 Tote

Wir stellen hier einige Zahlen über die Häufigkeit der Berufs= Unter den gewerblichen Berufsgenossenschaften spielt mun die unfälle zusammen, die den Amtlichen Nachrichten für Reichs- Knappschafts- Berufsgenossenschaft eine besondere Rolle. Hier, also versicherung entnommen oder aus ihnen errechnet sind. Man kann bei den Bergarbeitern, ist absolut und prozentual die Zahl aus ihnen ablesen, in welchem Umfang auch heute noch die Arbeiter der Verletzten und Getöteten am größten und überragt den Durch gesundheits- und lebensgefährdenden Unfällen ausgesetzt sind und schnitt der Unfallziffern bei weitem. Von 1923 bis 1928 wurden von wie die Kurve der Verletzungen und Berufserkrankungen ins- den Knappschaftsversicherten 60377 verletzt( entsprechend der besondere in den letzten Jahren, parallel zu den Fort- Einwohnerzahl der Stadt Brandenburg ), und die Zahl der im Berg­schritten der industriellen Rationalisierung, steil bau in diesen 6 Jahren Getöteten belief sich auf 9178. Allein anschwillt. Sie sind ein Beweis dafür, wie notwendig die von im Jahre 1928 wurden fast 12 000 Berletzte gezählt; von ihnen maren Dr. 3. Moses auf der Tagung der Notgemeinschaft der deutschen 1380 getötet und 55 völlig erwerbsunfähig gemacht. Dies sind jedoch Wissenschaft angeregte Schaffung eines Aktionsausschusses lediglich, wie auch in den oben gegebenen Tabellen, die Zahlen für 3ur Bekämpfung der Berufsunfälle mar. diejenigen Verletzten, für die oder für deren Hinterbliebene Ent­schädigungen gezahlt worden sind. Die Gesamtzahl der ver­letzten oder berufskrankt gewordenen Personen der Knappschafts­genossenschaft, die über Unfälle Anzeige erstatteten, betrug sogar- allein 1928! über 152 000. Das sind mehr als 20 Pro3. der gesamten Arbeitnehmergruppe!

In dem vierjährigen Zeitraum von 1925 bis 1928 sind nicht meniger als 530 778 in Berufsgenossenschaften versicherte Personen verletzt oder von Berufskrankheiten betroffen worden. Diese Ziffer entspricht etwa der gesamten Einwohnerzahl von Dortmund oder Frankfurt a. M. Hierunter befanden sich innerhalb dieser 4 Jahre etwa ebensoviel, als die Städte Aschaffenburg oder Paderborn Einwohner zählen. Die folgende Tabelle ver­anschaulicht das starke Anschwellen der Unfallverletztenziffer in den letzten Jahren:

-

34 040 Getötete

In Berufsgenossen­schaften versicherte Personen

-

ertranft

Die folgenden Zahlen deuten darauf hin, daß sich im Bergbau in den letzten Jahren, trotz der Verminderung der Belegschaft, die Unfallziffern erheblich vermehrt hatten.

Ziffern der Knappschafts- Berufsgenossenschaft Zahl der Versicherten überhaupt

918 805

Berletzte oder bernfstrant gewordene Versicherte( fiir die Entschädigung gezahlt wurden

13 725

In des Ausübung des Berufs verlegt oder

Hiervon

getötet

1924

25 060 136

80 820

7152

9

1925

25 981 050

107 517

8043

1913

1926

24 862 031

126 677

8121

1921.

1 212 572

11 814

.

1927

26 342 372

136 273

8545

1923

885 461

7721

1928 1929

26 843 859

160 303

9331

1924

866 968

8.103

0

26 920 000

167 781

1925

812.526

10 562

1926

748 590

10 367

1927

770 590

1928

745 425

11 654 11 970

Die Maschine, die eine Dienerin des Menschen sein sollte, hat feit 1925, dem Beginn der neuen Rationalisierungsmelle, dazu bei­getragen, die Opfer der Arbeit stark zu vermehren. Die Zahl der bei der Berufsausübung getöteten Arbeit­nehmer lag 1928 um etwa 17 Pro3. über der 3iffer des Jahres 1925. Wie sich aus der folgenden Tabelle ergibt, ist der Unfallstand der Vorfriegszeit bereits erheblich überschritten.

1912 1913

1925

1926

1927

1928

1929

Auf je 100 000 in Berufsgenossen schaften versicherte Personen entfielen entschädigte Ber davon

legte überhaupt

Getötete

479

36

477

35

411

31

506

32

514

32

596

35

623

Bon den 26,84 Millionen versicherter Personen entfielen 11,90 Millionen auf Gewerbe und Industrie und 14,05 Millionen auf landwirtschaftliche Berufsgenossenschaften. In der Landwirtschaft murden von je 100 000 Versicherten 563 verlegt und 21 getötet, in Gewerbe und Industrie betrug dagegen die Zahl der Verletzten ( je 100 000 Versicherte) 617 und die der Getöteten 48.

Die Zahl der Getöteten zeigt zwar bis 1928 einen leichten Rückgang, doch dürfte diese Entwicklung 1929 und noch mehr 1930 infolge der vielen kleinen und großen Katastrophen der letzten Zeit wieder umgekehrt verlaufen sein.

Bon Knappschafts­versicherten wurden getötet

Zahl der Getöteten je 100 000 Versicherte

1913

2125

231

1921

2219

183

1923

1.688

191

1924

1 489

172

1925

1685

207

1926

1 467

195

1927

1 469

1928

1380

191 185

dhollur.

Allein 1928 wurden insgesamt im Bergbau viermal mehr Arbeiter getötet, als bei den beiden letzten Grubenkatastrophen zugrunde gegangen sind. Diese Ergebnisse bilden, wie gesagt, eine der Kehr­sciten jener Entwicklung, die sonst als Wiederaufstieg der deutschen Wirtschaft", als Rationalisierungserfolge" und Rentabilitäts­steigerung" bezeichnet wird.

Entfesselte Not

Franke.

Aktenvermerke, Gespräche, Notizen aus Wohlfahrtsämtern

Es gibt wohl feine Arbeiterfamilie, die nicht das Gespenst der Arbeitslosigkeit in den eigenen Reihen kennenlernie. Viel schlimmer zeichnet war: Arbeitslosigkeit Arbeitslosenfürsorge Krisen­noch sind jene daran, denen seit Jahren nur ein Weg vorge­fürsorge Erwerbslosenhilfe Wohlfahrtsamt Wohlfahrts­vorsteher.

-

-

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Enge Barteräume, enge Arbeitszimmer, geduldig martende Massen, durch den ständigen Zustrom der Unterstützungheischenden überlastete Angestellte, das ist das Tageseinerlei in Wohlfahrts ämtern. Hin und wieder verliert einer die Nerven, kurzer Aufruf, heftige Worte, Beruhigung, bald geht alles den alten Gang. die Akten erzählen

*

N. ist Angestellter, hatte vor Jahren noch ein gutgehendes Schwierigkeiten. Abwärts ging es, Berkauf, Dienst für andere als Geschäft. Die Inflation brachte den ersten Ansturm der Agent, als Reisender, als Verkäufer, als Bürohilfskraft- immer Jahren keine Arbeit mehr. Mal bot sich Notstandsarbeit nur auf Wochen und Monate. Jetzt ist es ganz aus, seit 3 mei mit der Schippe in der Hand beim U- Bahnbau. Doch der aus­

gemergelte Körper hielt den Anforderungen nicht stand. Die Frau unterstützung ausgesteuert, Krisenunterstützung ausgesteuert, Erwerbs­wurde frank und starb, hinterließ ihm ein Kind. Arbeitslosen­losenhilfe des Wohlfahrtsamtes 39 Wochen bereits, aber nur 15,40 Mart. Wie soll man da existieren...

*

Karl wurde Tischler , kaum ausgelernt flog er aufs Pflaster. Die Holzindustrie liegt arg danieder. Der Arbeitslosen unterstützung folgte die Erwerbslosenhilfe. In der Familie: Vater arbeitslos, Mutter trant, die Schwester verdient 20 Mart die Woche, und dennoch die Einstellung der Eltern, ein junger Mensch kann Arbeit finden, wenn er nur will". Der Junge letzte Ziel die

mußte ich wieder die Miete schuldig bleiben. Ich bin fremd hier, feiner hilft mir. Von 12,90 Mark Unterstützung, muß ich die Woche schon 7. Mart für Miete abgeben, was bleibt da noch zum Leben übrig...?"

Für A. wurde die Unterstützung eingestellt, da die Frau arbeitet. So besagen es die Bestimmungen. Er fann es nid; t verstehen. Sechs Kinder warten zu Hause. Von der Unter­stügung von 26,70 Mark fann doch eine achtköpfige Familie nicht existieren, wenn sowieso für Miete pro Monat schon 30 Mart abgehen. Da suchte sich die Frau eine kleine Neben­beschäftigung als Aufwartefrau. Keine 10 Mark hat sie die Woche nebenher, und dennoch...

,, Wir können es nicht ändern, die Sätze sind uns strikte vor­geschrieben. Gehen Sie zum Wohlfahrtsvorsteher..." Zum Wohlfahrtsvorsteher? Das ist das Ende

Ein Metallarbeiter iſt bereits eineinhalb Jahre arbeitslos. Er hat alles versucht, findet aber immer wieder Ab­sagen. Seine letzte Hoffnung ist die Arbeitsfürsorge, vielleicht kann er wenigstens vier Tage die Woche schippen...

,, Beziehen Sie Erwerbslosenhilfe?"

,, Nein, ich bin ausgesteuert, da meine Frau Hause reinigung hat."

,, Ja, dann können wir hier nichts für Sie tun." ,, Aber ich muß doch arbeiten. Wir haben nur die Miete frei und fünf Mart egtra."

,, Dagegen können wir nichts tun, Sie sind nicht bei der Erwerbs losenhilfe zuständig und damit auch nicht für die Arbeitsfürsorge." ,, Wo bekomme ich denn Arbeit?"

,, Nur durch den Arbeitsnachweis."

,, Da kommen wir doch gar nicht ran, die wir schon lange

zieht fich dieser furchtbare weiße Panzer. Sechs Wochen liegen, wenigstens drei Tage Arbeit möchte er: denn ,, mein Vater schmeißt ausgesteuert sind, und dann fommt ja auch nichts raus."

feine Bewegung möglich und dazu schreckliche Schmerzen. Ich versuche mich etwas zu erheben... Was ist das? Etwas Blaues auf dem Gipsverband in der Nähe der Bruch­stellen...

Ein großes ha entreuz haben sie mir, während ich in Narfoje lag, im Operationsjaal aufgemalt!

Ich habe das Hatentreuz auf dem Gipsverband drangelaffen, jeber foltte fehen, wer mir biefe Qual verfchaffte!

Nathan Gurdas

mich sonst raus und was soll ich dann anfangen?" Die bittere Frage für Tausende...

,, Dann versuchen Sie, ob Sie wenigstens im Wohlfahrtsamt einen Grundförderungsschein für Notstandsarbeit bekommen." Mit solchem Schein warten auf dem Nachweis schon so viele. Auch Notstandsarbeit tommt ja nicht raus."

Ja, dann ist vorläufig nichts zu machen..."

*

Ein Lediger empfängt schwere Vorwürfe. Ständig 1m. zug, bald in diesem Bezirk, bald in jenem ist er ,, beheimatet". Jede neue Meldung tostet doppelt und dreifach Arbeit, die Akten mandern ständig, Angestellter und Unterstützungsempfänger leiden gleichermaßen darunter,... was foll ich machen, das letztemat| Rotizen, Tag für Tog Woche für Boche...

So ffingt es immer wieder aus Taufenden von Gesprächen und Adolf Lan.