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Morgenausgabe

Nr. 551 A 277

47.Jahrgang

öchentlich 85 Bf manatlich 3,60 m. im voraus zahlbar, Bostbezug 4.32 m. einschließlich 60 Bfg. Boftzeitungs- und 72 Bfg. Poftbeftellgebühren. Auslands. abonnement 6,- M. pro Monat. *

Der Borwärts" erscheint mochentag lich zweimal, Sonntags und Montags einmal, die Abendausgaben für Berlin und im Handel mit dem Titel Der Abend, Illustrierte Beilagen Boll und Zeit" und Kinderfreund". Ferner Frauenstimme", Technit"," Blid in die Bücherwelt", Jugend- Borwärts" und Stadtbeilage".

BO

Vorwärts

Berliner Boltsblatt

Dienstag

25. November 1930

Groß Berlin 10 Pf. Auswärts 15 Pf.

Die einfpaftige Ronpareillezeile 80 Pfennig. Retlamezeile 5- Reichs mart.leine Anzeigen das jettge brudte Wort 25 Pfennig( zuläffig zmei fettgebrudte Borte), jedes weitere Bort 12 Pfennig. Stellengesuche das erste Bort 15 Pfennig, jedes weitere Bort 10 Pfennig. Borte über 15 Buchstaben zählen für zwei Borte. Arbeitsmarkt Beile 60 Pfennig. Familienanzeigen Zeile 40 Pfennig. Anzeigenannahme imhaupt gefchäft Lindenstraße 3, wochentäglich von 8 bis 17 Uhr.

Bentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Redaktion und Verlag: Berlin SW 68, Lindenstr. 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-297. Telegramm- Adr.: Sozialdemokrat Berlin .

Vorwärts- Verlag G. m. b. H.

Otto Braun in Ostpreußen .

Eine Rede über die Universitäten und über die Korridorfrage.

Königsberg , 24. November. Bei der Grundsteinlegung zum Neubau der Handelshochschule Sprach der preußische Ministerpräsident Otto Braun :

In der heutigen Zeit gehört sehr viel Mut und eine große Portion Optimismus, dazu, dem Aufbau einer akademischen Lehr­anstalt das Wort zu reden, denn auf dem Gebiet der Ausbildung unseres akademischen Nachwuchses hat sich in den letzten Jahren eine Heberproduction, wenn man dieses Wort anwenden darf, herausgebildet, die schon die bedenklichsten Erscheinungen in unserem öffentlichen Leben zeitigt. Das hat bereits zu betrüblichen Borkomm­nissen an verschiedenen Hochschulen geführt, aber, meine Herren, bei der Beurteilung dieser Vorkommnisse sollen wir die durch die Zeitumstände in geistige Birrnis gerätenen jungen Menschen nicht

jchelten.

Müffen wir auch die Staatsautorität gegen Unbotmäßigkeit und Gejegesverletzung zur Gelfung bringen und auch der akademischen Jugend flar machen, daß akademischer Boden nicht Freistatt für Gesetzeswidrigkeit und Zuchtlosigkeit ist, so müffen wir anderer­feits uns aber auch bemühen, die jungen Menschen zu verstehen. Auf ihre Kindheit fielen die Schatten der Kriegsnöte. Ihre ein drucksempfindliche Zeit, die für die Formung ihres Charakters ent­fcheidenden Entwicklungsjahre fielen in die Periode der stärksten Gärung und Umwälzung der Nachkriegszeit mit ihren geistigen und wirtschaftlichen Nöten, und jetzt stehen sie zum Teil bereits von wirtschaftlichen Sorgen bedrückt vor einer ungewiffen und wenig Aussicht bietenden Zutunft ein Wunder, wenn fie da pit Opfer bedentenloser politischer Demagogen werden

Je dunkler ihnen Gegenwart und Zukunft erscheinen, in um fo hellerem Licht sehen sie die Bergangenheit, die sie meist denkend und urteilend nicht miterlebt haben..

Es ist daher unsere Aufgabe, vor allem auch eine der vor­nehmsten Aufgaben der akademischen Lehrkörper, diesen jungen Menschen den Weg aus der geistigen. Wirruis unserer Tage zur wenn auch noch so bitteren Wahrheit und Klarheit zu zeigen. Bei allem Verständnis für Tradition und Vergangenes muß der Blick der Jugend doch in die Zukunft gerichtet werden. Besonders aber die jungen Menschen, die hier auf der Handelshochschule das missenschaftliche Rüstzeug für ihre spätere Lebensarbeit erstreben, sollen im schweren Wirtschaftskampf ihren Mann stehen, mit Bor­aussicht und Wahrheitsblid ausgestattet, ihren Blick vornehmlich in die Zukunft richten. Denn gerade sie sind vor eine große Aufgabe gestellt, da nur durch die Gesundung und Erstarfung unserer wirt. fchaftlichen Beziehungen die Voraussetzung für die Erhaltung und Aufwärtsentwidlung unseres fulturellen Lebens geschaffen werden fönnen. Die umfassende volkswirtschaftliche, betriebswirtschaftliche und handelspolitische Schulung, die ihnen die Handelshochschule ver. mittelt, follte fie aber auch davor fügen, einseitige Fanatiker des Rentabilitätsprinzips, ja wan=

Grazynski hat keine Mehrheit.

delnde Rechenmaschinen zu werden. Sie, sollen lernen, nicht nur über den eigenen Kontorschemel, sondern auch über die eigene Kaffe, über das eigene Leben und Erieben hinaus große volfs wirtschaftliche Perspektiven zu sehen. Das Allgemeinwohl und das Allgemeininteresse sollen ihnen nicht minder Leitstern sein wie das eigene Geschäft. Nur in einer gefunden, nicht durch rücksichtslose Wahrnehmung von Privatinteressen unterhöhlten Volkswirtschaft kann auch das einzelne Unternehmen blühen.

Die Neugestaltung der staatlichen Verhältnisse im Offen hat den Königsberger Hande! seines wirtschaftlichen Hinterlandes zum Teil beraubt, alte wirtschaftliche Berbindungen zerrissen, deren Wiederanknüpfung und Ausgestaltung durch eigenwirtschaftlichen Expansionsdrang jenseits der Grenzen und durch politische Gegen fäße erschwert wird.

Niemand wird dem polnischen Volke sein Recht auf staatliches Eigenleben bestreiten. Aber jo wenig ich das an der polnischen Nation verübte Unrecht früherer Zeit gebilligt habe, ebensowenig fann ich es billigen, daß dieses Bolt fein staatliches Dasein auf ein Unrecht gegen ein anderes, das deutsche Bolt, aufbaut. Ich bestreite nicht das Interesse Bolens an einem Ausgang zum Meere. Aber wie er dem neuen Tschechischen Staate durch Elbe und Hamburg gesichert wurde, fonnte er Bolen auch durch Weichsel und Danzig eröffnet werden, ohne daß Oft preußen vom Mutterlande losgeriffen, Hundert taufende deutscher Boltsgenossen ohne Befragung unter fremde Staatshoheit gepreßt, wo sie jest schlimmstem Terror ausgefekt sind, oder gar aus ihrer Heimat verdrängt wurden.

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Postschedkonto: Berlin 37 536.- Bankfonto: Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten, Lindenstr. 3, Dt. B. u. Disc.- Gef., Depofitent., Jerusalemer Str. 65/66.

Gewitterwolfen über Rußland .

Von der Parteifrise zur Staatstrife. Von Peter Garwy.

Die Sowjetregierung hat die Alarmmeldungen aus Moskau sehr ernsthaft dementiert. Sie hat versichert, die Rote Armee fei zuverlässig. Eins aber fann sie nicht demen­tieren: daß die Parteifrise in die Staatsfrije um­geschlagen ist. Von oben bis unten wird fieberhaft ein Ber­fonenwechsel im Staatsapparat durchgeführt. Das Bock­springen" der Boltskommissare und der höchsten Beamten nimmt in der letzten Zeit groteste Formen an. Die letzten Spuren einer Scheidung zwischen der Partei und dem Staate verschwinden. Beide sollen nunmehr in der eisernen Hand Stalins nereinigt werden. Die Personifizierung der Diktatur mird vollendet.

Stalins persönliche Macht wächst und mit ihr die Leere um ihn. Rings um ihn gibt es nur noch wirkliche oder eingebildete Gefahren und Gegner. Das zeigt der Fall Syrzow. Sfyrzow gehört zu den treuesten Handlangern Stalins . Noch vor kurzem wurde er von Stalin auf den Posten Ryfows als Regierungschef für Innenrußland ge­stellt. Heute ist er als Verschwörer" und Agent des Kulakentums" abgesetzt und verhaftet. Bem kann Stalin noch trauen?

Die Leere um ihn wächst und mit ihr die Angst. und das Mißtrauen des Allmächtigen. Täglich deckt die GPU. neue Verschwörungen, Schädlingsvorganisationen, Inter­ventionspläne auf. Poincaré und Bucharin , Denifin und Rykow , französische Generalſtäbler und russische Professoren, ausländische Spione und sowjetistische Ingenieure werden dabei in einen Topf geworfen. Durch diefes Amalgam" follen die Gegner Stalins nicht nur physisch, sondern zugleich moralpolitisch vernichtet werden.

Freilich sind die Verschwörungen" plumpe Inszenierun­gen, die als Ablenkungs- und Einschüchterungsmanöver ge dacht sind. Es genügt, auf die joeben veröffentlichten An­flageafte gegen die angebliche Industriepartei" hinzuweisen. Die unaufhörliche Entdeckung von Berschwörungen" verrät jedoch zugleich die steigende Angst des Diktators!

Gegen dieses Unrecht werden wir immer protestieren, die gewalt­sam durchgeführte, willkürliche, ungerechte neue Grenzziehung werden wir niemals als berechtigt anerkennen. Sie wird immer einen Stachel im deutschen Volksförper bilden und einer wahren Befriedung Europas hindernd im Wege stehen. Nicht die Verschwörung", sondern die innere Gärung Gleichwohl dürfen wir uns nicht in Protesten erschöpfen, sondern in der bolschewistischen Partei ist die Ursache seiner Nervo= müssen mit dein durch die Siegerlaune geschaffenen Zustande als fität. Das Henterbeil schwingt zwar über den Schädlingen" Tatsache rechnen. Das gilt insbesondere für die östlichen und Berschwörern", über den Intellektuellen und Sowjet­Wirtschaftsführer in Handel und Industrie, die hier vor die überaus beamten, aber gemeint ist die Parteiopposition! schwierige Aufgabe gestellt sind, neue Wege für eine beider Das Neue im gegenwärtigen Parteikampf ist die gegenseitige feitige, befruchtende wirtschaftliche Zusammen- Annäherung der beiden Oppositionsgruppen arbeit zu suchen und zu finden. Möge der Ausbau der Königs­ berger Handelshochschule den Anstoß zu einer Entwicklung geben, die der Vergangenheit Königsbergs würdig ist und diese alte Sandelsstadt wieder in das wirtschaftliche Geschehen im europäischen Often hineinstellt.

Amtsniederlegung des Königsberger Reftors.

Der Rektor der Königsberger Universität , Professor Dr. An­dèe, der wegen der bekannten Zwischenfälle in der Universität zu einer Rücksprache mit dem Kultusminister Dr. Grimme nach Berlin berufen worden war, hat jein Amt als Rektor niedergelegt.

pon rechts und von links. Es gelang Stalin zwar diesmal, die Vereinbarung zwischen der Rechts- und Linksopposition ( den sogenannten Block Ssyrzom- Lominadje) rechtzeitig zu entdecken" und ihre Auswirkung zu vereiteln. Mit der Er­ledigung der Ueberreste der Parteiopposition wird jedoch der letzte Blizableiter der Diktatur zerbrochen. Nun wird Stalin den verzweifelten Volksmassen direkt gegenüberstehen. Die tiefste Ursache der russischen Krise liegt in der uto­pistischen Versuchspolitik, die mit der terroristischen Diktatur aufs engste verbunden ist. Die Parteifrise ist nur die resul­tierende der Wirtschaftskrise, die die dumpfe Gärung in Stadt und Land hervorruft und indirekt die Parteiopposition stärkt. Die Generallinie Stalins versagt. Die offiziellen statisti­schen Kurven gehen zwar in die Höhe, aber der Wohlstand Bevölkerung fintt immer tiefer. Der Stalinsche Sozia lismus" verwandelt sich in eine Art von Staatsstaverei in Stadt und Land. Die Bauern werden an die Kolchosen, die Arbeiter an die Fabriken gefesselt. Die Lebensinteressen aller werftätigen Volksschichten werden der Utopie des Fünfjahresplans, der Bjatiletta", zum Opfer gebracht.

Das Deutsche Generalfonfulat hat noch am gleichen Nachmittag bei dem Wojewoden schriftlich nachdrückliche Border stellungen erhoben. In dem Schreiben wird darauf hinge­wiesen, daß das öffentliche Zurschaufteilen einer solchen Puppe eine grobe Berunglimpfung des deutschen Bolkes bedeute und die deutschen Empfindungen aufs schwerste verletze; es wird ferner das Befremden des Generalkonsulats darüber zum Ausdrud gebracht, daß ft aatliche Beamte es fich herausnehmen konnten, in derartig ungehöriger Form ihren feindseligen Gefühlen gegen­über Deutschland Ausdrud zu verleihen, und daß die staatlichen Sicher heitsorgane es nicht als ihre selbstverständliche Pflicht angefehen haben, gegenüber dieser provozierenden Demonstration von den Machtmittein des Staates Gebrauch zu machen.

Obwohl die Deutschen halbiert find. Warschau , 24. November.( Eigenbericht.) Die am Sonntag stattgefundenen Wahlen zum Senat hatten folgendes Ergebnis: Regierungsblod 72( früher 46), Zentrolinte 15( früher 31), National- Demokraten 12( früher 9), trainer und Weißruffen 6( früher 13), Juden 2( früher 6), Deutsche 2( früher 5), Korfanty- Gruppe 2( früher 1). Die Wahlen zum schlesischen Sejm ergaben: Regie­rungsblod 193 994 Stimmen( Sejmwahlen vom Mai 1930: 102 762) 19 Mandate( bisher 10), Korfanty- Partei: 202 751 Stimmen( 136 808 19 mandate( 16); deutsche Sozialisten: Daraufhin hat sich der Stellvertreter des Boje 27 309 Stimmen( 25 517) 2 Mandate( 1); polnische Sozia- woden am Montagmiffag beim Leiter des Deutschen General­liften: 23 201( 52 653) 1 Mandat( 4); Deutsche Wahlgemein- tonfulates persönlich entschuldigt." schaft: 72 823( 180 246) 7 mandate( 15). Die Kommunisten haben ihre bisherigen 2 Mandate verloren.

Die Wahlen waren ebenfalls von einem ungeheuren Terror der Aufständischen" insbesondere gegenüber den Deut­ schen begleitet. In der Nacht zum Sonntag fanden nicht weniger als 6 Personen den Tod. Zahlreiche deutsche Vertrauensleute wur­den wegen kleinigkeiten aus den Wahllokalen entfernt. Wer das Wahllokal nicht freiwillig verließ, wurde verprügelt.

Deutscher Protest in Kattowitz .

Amtlich wird mitgeteilt:

" In den Nachmittagsstauden des 22. November hat sich durch die Straßen von Kattowitz ein Demonstrationszug pofui­scher staatlicher Eisenbahn- und Postbeamter be­wegt, in dem auf einem der polnischen Eisenbahnverwaltung ge­hörigen Kraftfahrzeug eine an einem Galgen hängende lebens­große Puppe mitgeführt wurde, die einen deutschen Offizier in voller Uniform mit Originalorden darstellte.

Besprechungen mit Brüning .

Ueber Noiverordnung und Finanzprogramm. Reichskanzler Dr. Brüning empfing am Montag in Gegenwart des Reichsfinanzministers Dietrich die Führer der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, die Abgeordneten Müller Franken, Dr. Breitscheid, Dr. Hilfer ding und Dr. Her zur Information über die Finanz­vorlagen der Reichsregierung. Die Besprechungen dauerten mehrere Stunden. Bei den Erörterungen wurden auch die Abänderungswünsche der Sozialdemokraten zu den Not­verordnungen eingehend besprochen. Die Verhandlungen merden in den nächsten Tagen fortgesetzt.

"

Natürlich werden in Sowjetrußland gigantische Fabriken und Kraftwerke gebaut. Taufende von Traktoren werden der Landwirtschaft zugeführt. Aber dieser forcierten Industriali­fierung und Sozialisierung fehlen die gesunde finanzielle, ökonomische und kulturelle Grundlage, sowie die allgemeinen geschichtlichen Boraussetzungen. Troß der märchenhaften" Steigerung der Industrieproduktion herrscht in Stadt und Land ein unsagbarer Warenmangel. Trotz der noch nie da­geweſenen" Ernte in der sozialisierten Landwirtschaft" wird die Ernährungsfrise immer schärfer. Sogar das Brennholz wird jetzt rationalisiert und so gesellt sich die Kälte zur Hungersnot. Inzwischen beginnt die Inflation die Birt­schaftsgrundlage zu unterspülen.

Da aber die Generallinie versagt, fann der rücksichts­lofe Kampf gegen die Links- und Rechtsopposition nur rein Stalins äußerliche und vorübergehende Erfolge zeitigen. Machtstellung ist in der Tat erschüttert. Die Vereinbarung der Links- und Rechtsopposition ist freilich nur eine spontane Troßdem scheint die vereinigte Partei­Abwehrattion. opposition zum Sprachrohr der allgemeinen Unzufriedenheit werden zu können. Die Links- und Rechtsoppoſition ſuchte zwar nur den Diktator zu stürzen, aber fie erschütterte die Dittatur selbst. Wenn Rytom z. B. in einer Arbeiter­versammlung erklärt: Zuerst müssen wir uns fatt essen und dann erportieren", oder wenn fyrzow über die hoch­tmütig- herrschaftliche Bernachlässigung der Interessen der Ar