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Tr. 585 47. Jahrgang

3. Beilage des Vorwärts

Sonntag, 14. Dezember 1930

Andreas Latzko : Ein

hundertjähriges Geheimnis

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Bor hundert Jahren findet der Kammerbiener des Herzogs| bringt der alte Herr die ersten Nächte in schlafloser Unruhe, um| fucht der Kammerbiener nachträglich die Türe zur Geheimtreppe zu van Bourbon- Condé feinen Herrn erhängt am Fensterriegel des Leben und Besitz in Sorge. Was soll ihm aber auch noch die öffnen und findet sie nicht versperrt! Auch sonst wird manches Schlafzimmers. Sinne verwirren, da er den gestürzten Better und die ganze könig- gemuntelt- aber Seine Majestät, der neueingesetzte König Louis: ,, Erhängt ",-so sagt der Polizeibericht, richtig ist, daß zwei liche Familie heil in England weiß, im Lande wieder Ordnung Philipp von Orleans, fayicht seine eigenen Leibärzte nach St. Leu achterförmig ineinandergeknüpfte Taschentücher ohne Schlinge, den herrscht, ein anderer Better, der Vater seines unfreiwillig gewählten und der zuständige Untersuchungsrichter, der mit unbeeinflußter Strid bei diesem Selbstmord ersetzt haben sollen. Der Fensterriegel Erben, die Zügel der Regierung fest in Händen hält. Natürlich Energie den Fall angeht, erhält am zweiten Tag feine Beförderung ist zu niedrig, die Beine des Toten sind im Kniegelent eingebogen, gehört das Herz des letzten Condé dem entflohenen Märtyrer und an Seiner Majestät allerhöchsten Gerichtshof. Der Nachfolger geht es muß also angenommen werden, der 75jährige Greis habe bis in nicht dem Hochverräter, der als würdiger Sohn Philippe Egalités in allen Punkten mit den föniglichen Leibärzten einig, und sonst den Todeskampf hinein die Willenstraft aufgebracht, den rettenden die längst begehrte Krone an sich gerissen hat. Die Baronin fehlt zur Fortsetzung der Nachforschungen jede Beranlassung. Boden nicht mit den Füßen zu berühren. Aber der Prinz von Condé, Feuchères fennt ihren Gönner zu genau, um es nicht zu erraten. Herzog von Bourbon, der letzte Nachkomme des großen Condé, ist daß es den alten Herrn nach England verlangt, an die Seite seines eine allzu hoch stehende Persönlichkeit, als daß man die intimen verjagten, rechtmäßigen Königs. Ein Condé ist in dem pflicht Hintergründe seines Lebens und feines Todes vor der Deffentlichkeit vergessenen, revolutionären Frankreich fehl am Ort! aufhellen dürfte, und so wird denn, bezeichnenderweise nicht von dem eigenen Leibarzte des Prinzen, Selbstmord in augenblicklicher Sinnesverwirrung als Todesursache festgestellt. Damit geben sich Behörde und Kirche zufrieden, der gottesfürchtige Mann föniglichen Geblütes muß nicht auf dem Selbstmörderfriedlof beigesetzt werden, der Fall ist mit dem feierlichen Leichenbegängnis und den üblichen Seelenmeffen offiziell erledigt.

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Ist so die Polizei bereit, die von oben anbefohlene Erklärung leichtgläubig hinzunehmen, versäumt es dafür das Bublifum nicht, an Stelle der Behörden die Untersuchung fortzuführen. Warum sollte sich der reichste Adelige Frankreichs , mit 75 Jahren ohnehin schon nahe dem Tode, das bißchen Leben, das ihm feine förperlichen Qualen unerträglich machten, auf so plebejische Art genommen haben? Freilich, der Prinz von Condé hat viel Schlimmes erlebt, er hat in dem Emigrationsheer seines Vaters gegen das eigene Baterland gekämpft, landesflüchtig eine Art Betteldasein auf Kosten Englands geführt, die Hinrichtung seines einzigen Sohnes, des Herzogs von Enghin, dem forsischen Usurpator nicht einmal ordent­lich heimzahlen fönnen! Wie ein verdorrter Baum, vom Blitz gespalten, überdauert der verlassene Bater seines Daseins Stolz und Sinn.

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Aber es ist feit diesem allerhärtesten Schicksalsschlag ein volles Bierteljahrhundert vergangen, und gerade, daß er als letzter Sproß des berühmten Geschlechtes die glanzvolle Chronit abschließen, das Wappen hinter ihm umgedreht werden soll, bedeutet eine Ver­pflichtung mehr, hätte den frommen Greis von der Todsünde des Selbstmordes erst recht abhalten müssen? Im Jenseits von seinem unschuldig hingemordeten Sohne erwartet, verriegelt er sich so turz vor dem Wiedersehen die Himmelspforte? Sinnesverwirrung allein fönnte die Tat erklären die Aerzte weisen auf die Er­regungen der leßten historischen Wochen: Julirevolution, Sturz des legitimen Königshauses, Thronbesteigung des Bürgerfönigs hin-, nur die Getreuen des Prinzen, die am letzten Abend mit ihm bei­jammen waren, bezweifeln die Möglichkeit jäher Erkrankung.

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Bis elf Uhr nachts ist der angebliche Selbstmörder am Whist tisch gesessen, hat seinen Spielverluft wider Gewohnheit nicht bezahlt, mit dem Gruß: à demain!" Abschied genommen. Im Schlaf zimmer oben brachten es die gichtverknoteten Finger nicht fertig, die Krawatte zu lösen, Kammerdiener und Leibarzt mußten den Herzog Stück für Stüd entfleiden und zu Bette bringen

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mer

Wochenlang wartet im nächsten Dorf jede Nacht ein bespannter Wagen auf die Baronin, damit sie den Flüchtigen, wenn er sich der Vormundschaft zu entziehen versucht, sicher zurückholen kann, ehe er die belgische Grenze erreicht. Aber auch der alte Prinz trifft heimlich Vorbereitungen, ein Vertrauter schmuggelt ihm zehn Mil­lionen in Gold und englischen Wechseln ins Schloß, und es wird beschlossen, den eigenen Wagen der Baronin, der im Nachbardorf wartet, für die Flucht zu benützen, so ist gleich ein Vorsprung gesichert. Gelingt es, England zu erreichen, fann der Erblaffer, feiner Tyrannin entronnen, ein neues Testament ausstellen, das seine landesflüchtigen, um Thron und Krongut gebrachten Ver­wandten an Stelle des mur wider Willen bedachten, nunmehr fönig­lichen" Prinzen setzt.

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So weit ist der unterirdische Kampf gediehen, für den 1. Sep­tember das Schiff für die Ueberfahrt schon geheuert, da tritt in der letzten Nacht vor der Flucht die Sinnesverwirrung ein und der Prinz begeht Selbstmord. Auf die Nachricht stürzt die Baronin über die Haupttreppe des Schlosses zum Toten hinauf, weil die geheime Wendeltreppe, die ihre Gemächer mit dem Schlafzimmer des Prinzen verbindet, feit Wochen schon verschlossen ist. In der Aufregung, vielleicht nur aus Bergeßlichkeit, vielleicht auch aus Mißtrauen, ver­

Umsonst versuchen auch die Herzöge von Rohan als erb­berechtigte Nahverwandte das rechtsträftige Testament anzufechten, bis auf die verschiedenen fleinen Legate und den Anteil der Baronin von Feuchères, verbleibt der ganze ungeheure Familienbesitz des Hauses Condé dem zweitältesten Sohne des Bürgerfönigs, der vor= sorglich auch seinen eigenen Reichtum auf die Kinder überschrieben hatte, einen Tag vor seiner Thronbesteigung, um zu verhindern. hatte, einen Tag vor seiner Thronbesteigung, um zu verhindern. daß er Bestandteil der Krongüter werde.

Nur der Hausgeistliche des verstorbenen Prinzen wagte bei der Bestattung das goldene Gefäß mit dem Herzen des Toten hochzu­heben und feierlich zu verkünden: Ich schwöre zu Gott, du bist an deinem Tode unschuldig!" Feuchères die dunkle Anspielung? Mit ihren zehn Millionen und dem königlichen Schuhherrn brauchte sie sich um das Geflüster der Leute nicht zu scheren.

Aber was fümmerte die Baronin

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Erstaunlich wäre, wüßte man die Erklärung nicht, daß auch nach dem Sturze des Bürgerkönigs kein Geheimakt sich fand, den Selbstmord" des letzten Condé aufzuklären. Aber die Herrscher wechselten gar oft in Frankreich des vorigen Jahrhunderts- das Beispiel Napoleons , der 1814 alle seine Papiere verbrannte, ehe er Frau und Kind und die Tuilerien verließ, hat Schule gemacht. So bedenkenlos dem jeweiligen Machthaber gedient wurde, in den Archiven blieben nur Spuren der allzu großen Treue, die ein Umfturz von heute auf morgen in Verbrechen wandeln fonnte.

Wunderwelt des Kibokraters

Von Walter Geilinger

Dem höchsten Berge Afrilas, dem vergletscherten und erloschenen Bulkan Kilimandiaro widmet der Schweizer Dr. W. Geilinger fein Reifebuch: Der Kilimandiaro, fein 2and und feine Menschen".( Berlag Sans Huber, Bern Berlin . Ganzleinen 12 M.)

Es ist nicht ein üblicher Reisebericht, sondern eine fesselnde farbige Darstellung. Die Pflanzen- und Tierwelt wird anschaulich geschildert, der prächtige Mafaiftamm tommt zu feinem Rechte. Zahlreiche aus­gezeichnete Abbildungen fördern die Lektüre. Spezielle Fragen werben in einem ausführlichen Anhang behandelt. Mit Genehmigung bes Berlages geben wir die Befteigung des höchsten Gipfels hier wieber. Es war nachmittags 2 Uhr, als wir den höchsten Bunft und damit das obere Ende des ungeheuren östlichen Lavastromes be­traten, der sich an der Kibo- Ostflanke vom Kraterrand bis zum Sattelplateau hinunter dehnt, den nach dem Kilimandjaro- Be 3minger Gillman benannten Gillmans Point". Wir standen links oberhalb der östlichen Krateriücke in der respektabeln Höhe von 5960 Meter. Nicht weniger als volle zwölf Stunden hatten wir für die Ueberwindung einer Höhendifferenz von nur 1160 Meter benötigt, und unser Kräftezustand war derart, daß uns nicht einmal mehr das Bewußtsein des errungenen Erfolges aufrecht­ausgepumpt, fielen wir hart am Kraterrand sogleich in tiefen Schlaf. Als mir nach geraumer Zeit zitternd und frierend erwachten, be­griffen wir lange nicht, wo wir waren. Nichts mehr verriet, daß wir uns im Tropenfande Tanganyika befanden. Es war hundefalt und der Schnee fiel in dichten Flocken. Wallende Nebel versperrten jeden Blick in den Krater und die Aussicht auf baldige Aufflarung schien gering. Enttäuscht und schweren Herzens faßten wir den Entschluß zum Abstieg. Da verflogen plöglich die Nebel, und binnen weniger Minuten lag die grandiose Kraterlandschaft frei im Sonnen­glanze vor uns. Während einer vollen Stunde durften wir das unbeschreibliche Bild dieses noch von feines Menschen Fuß ent­weihten, von wenigen nur geschauten, Reiches einer überirdischen Einsamkeit, einer ernsten Symphonie von Weiß und Schwarz

terraffen aufliegende Schneebänder zeichnen das Relief des riesigen Couloirs besonders deutlich, das einer horizontalen Lagerung der hier abgebrochenen Lavenschichten seine Gestaltung verdankt. Zu den grell- weißen Firnmassen des Riesenfeffels bilden die schwarzen Gesteine dieser gewaltigen Mauer einen düster- ernsten Gegensah.

Ganz anders ist der Ausblick nach Norden, wo die dem Krater­rand aufliegenden Eismaffen in einer etwa 60 Meter hohen Wand reinmeißen Firneises in die Scharte abbrechen. Auch hier ist wieder die horizontale Bänderung des Eises sehr deutlich sichtbar. Am schönsten und auffälligsten aber find wohl Hunderte von Eissäulen, die wie die Pfeifen einer Orgel neben und übereinander stehen und in fesselnder Regelmäßigkeit ebenso viele spaltenförmige Nischen zwischen sich schließen. Diese wunderbaren Gebilde deuten auf starke Abschmelzung, noch mehr der ihnen zu Füßen liegende, unten auf dem Kraterboden in weißen Firn gebettete See, der die abfließen­den Schmelzwasser sammelt. Trotzdem die Sonne ihre Strahlen wuchtig in den Riesenkeſſel sandte, vermochte sie die Eisdecke dieſes

erklärt die plögliche Gelentigkeit der Hände, die trog Sinnes vermirrung die beiden Taschentücher ineinander knoteten? Bozu alle Argumente für und wider durchgehen, es genügt die friminalistisch entscheidende Frage, ob andere und welche Ber­fonen am Ableben des steinreichen alten Prinzen interessiert waren? Jahrzehntelang hat die Freundschaft mit einer viel jüngeren Dame Alter und Einsamkeit gemildert, das Schloß von St. Leu fah seinen Herrn eigentlich nur zu Gast, rechtlich war es aus dem vielhundert jährigen Besitz der Condé längst in die Hände der Baronin von zuhalten vermochte. Unfähig zum Ausblick in die neue Welt, völlig vielleicht höchst gelegenen Sees der Welt noch nicht zu brechen. Feuchères übergegangen. Feuchères übergegangen. Früher bescheidenes Mitglied des Convent Garden Theaters in London , von dem Vorgänger des Herzogs, einem reichen englischen Hochtory, mit Schmuck und Geld ver­schwenderisch bedacht, begnügt sich die späte Freundin mit Schloß und Wald von St. Leu allein nicht. Eine runde Million, bei dem Pariser Rothschild auf ihren Namen erlegt, schüßt ihr Alter vor Geldverlegenheit, und ein Testament, daß sie Punkt für Punkt Geldverlegenheit, und ein Testament, daß sie Bunft für Bunft ergänzt, ihre Ansprüche auf eine Erbschaft von zehn Millionen.

Wie aber, wenn die Freigebigkeit des halb schon findischen

Liebhabers nicht unangefochten bleibt?

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Fast muß man den Blan genial nennen, den die einstige Choristin zur Sicherstellung ihres Anteiles erfinnt! Was sie braucht, ist die Interessengemeinschaft eines einflußreichen Miterben, dessen Ansprüche, auf das gleiche Testament gegründet, auch sie vor Ent­täuschungen bewahren. Ein Prinz aus föniglichem Hause böte sicherste Gewähr, also wendet sich die besorgte Erbin an den Herzog von Orleans, deffen Empfänglichkeit für irdische Güter schon bekannt ift, lange bevor fein Regierungsmotto: Bereichert euch!" ganz Frankreich zu dem Tanz um das goldene Kalb hinreißt. In einem Brief der nur vom Hören- Sagen bekannten Dame erhält also die Herzogin von Orleans den überraschenden Vorschlag, dem letzten Sproß des Hauses Condé einen ihrer Söhne zum Erben zu bestellen. Warum sollte der stolze Name für immer erlöschen, da es Männer gibt, würdig, ihn zu tragen? Die Baronin erklärt sich gerne bereit, die Adoption bei ihrem Gönner durchzusetzen, und der Herzog von Orleans zeigt sich von der Anregung so entzückt, daß er sich beeilt, dem Prinzen von Condé feinen Dank zu überbringen, noch bevor dieser eine Ahnung von seiner angeblichen Absicht hat.

Wochen des erbittertsten Widerstandes folgen, erstaunt belauscht die Dienerschaft die Zornesausbrüche ihres sonst so friedfertigen Herrn, Freunde und Vertraute finden den Prinzen in Tränen auf gelöst, einmal vergißt sich der vollkommene Grandseigneur so weit, daß er ein Messer über die Tafel hinweg der strengen Freundin reicht mit dem Ruf: So stoßen Sie es mir doch gleich ins Herz!" Es ist aber auch eine gar zu arge Zumutung, den Enkel Philipp Egalités. der für den Tod seines Vetters und Königs gestimmt hat, den Sohn des Revolutionsgenerals, der bei Jemmapes und Fleury gegen seine emigrierten Verwandten und für die Pöbelherrschaft focht, als Namensträger der Condé einzusetzen!

Mit all ihrem Einfluß und ihrer unerbittlichen Ausdauer gelingt es der Baronin von Feuchères doch nicht, die Adoption bei dem alten Herrn durchzusetzen. Nach dem Gelde fragt er nicht viel, aber sein Name ist ihm heilig, er hält durch, wie schwer es ihm auch gemacht wird, und die Verschworenen finden sich damit ab, wenig stens der Millionen, um die es ihnen geht, sicher zu sein.

Kaum ist jedoch das Testament unterschrieben, beginnt erst Die Julirevolution bricht richtig der aufregende Kolportageroman. aus, zum drittenmal in seinem Leben sieht der Fündundsiebzig jährige seine Weltordnung zusammenstürzen, zum dritten Male jagt Frankreich den legitimen König davon, und die Erinnerung malt gespenstich den Schatten der Guillotine an die Band. Sicher ver

genießen.

Die Verhältnisse des gewaltigen Ribofraters, dessen Durchmesser Kilometer beträgt, sind beim ersten Anblick in­sofern überraschend, als die Ergüffe der letzten vulkanischen Eruption im Krater selbst seinen Boden so ungleichmäßig gestaltet haben, daß es schwer fällt, den großen Zirkus als Einheit zu erkennen. Nur der vor uns gelegene, südöstliche Teil zeigte noch die ursprüng­liche Tiefe von etwa 100 Meter, indem hier die Kraterumwallung in schwindeferregendem Steilhang in den schnee- und eisbedeckten Kraterboden abfällt. Im Norden sind die breit verschütteten Aus bruchmassen des Kratertegels" so hoch geschichtet, daß sie den Birkusrand überhöhen. Seine leicht gemellten und in sanfter Böschung ansteigenden Hänge sind von zahlreichen Gletscherresten bedeckt, die, zu mannigfach geformten Klößen ausgeschmolzen und oft noch durch schmale Brücken zusammenhängend, durchgehend eine einheitliche Horizontalschichtung ihres Eises gut erkennen lassen. Daß hier eine einft zusammenhängende Gletscherbedeckung bestanden hatte, war auf den ersten Blick schon flar. Ganz eigenartig wirfte der harte Farbentontrast der schneeweißen Firndeden mit den Laven ihrer Unterlage, die so dunkel schienen, als seien sie mit schwarzem Sammet überzogen. Was aber in dem Beschauer dieser längst er­starrten, firnbedeckten Feuermagmen die größte Verwunderung er­wedt, ist eine regelrechte Burg aus Gletschereis, die sich breit und maffig am Südhang des Kratertegels erhebt. Wie ein aus mehreren Stockwerken getürmtes Bauwerk stand der maffige Eisfloß vor uns. In verschiedenen, zart abgetönten Farben spielten die sentrecht ab­geschmolzenen Steilmände seiner mächtigen Schichtlagen, und in blendendem Weiß leuchteten die zahlreichen Zinnen dieses eifigen Märchenschlosses. Wie lange wird es noch dauern, bis auch dieser imposante Reſt einer früher ausgedehnteren Bergletscherung der fengenden Kraft der Sonne erlegen ist?

Die düstere Südwand der Kraterumwallung ist fast schneefrei, eine einzige fenkrechte Felsmauer von etwa 200 Meter Höhe, die etwa in der Mitte ihres Grates in Form einer nur wenig aus­geprägten Zacke die höchste Erhebung des Kilimandjaro und damit des schwarzen Erdteiles überhaupt aufweist( 6010 Meter). Aus der jäh abstürzenden Innenwand springen Felsrippen und bastionen­Zahlreiche Schneeflede und den Fels artige Lavaquadern vor.

Die Begeisterung, die diese hehre Welt von Firn und Fels in uns auslöfte und die rasche körperliche Erholung, die uns der furze Schlaf brachte, hatten die Leiden unseres Erschöpfungszustandes so weit gebessert, daß wir es wagen durften, noch etwas höher den Felshang hinanzufteigen, der von hier in den Grat der füdlichen Kraterumwallung übergeht. Hierbei war uns noch ein Blick auf den Außenhang der südlichen Kibofuppe vergönnt. hoben sich, an die Ostzunge des Ragelgletschers südlich sich an­schließend, die mächtigen Eismauern weiterer Ausläufer dieser Eis­masse, deren Stirnwälle weit unter unseren Standort reichten.

Bor uns er

Alle

Die fühne Tat des bekannten Schweizer Fliegers Mittel­holzer, der am 8. Januar 1930 als erster mit einer dreimotorigen Fokker- Flugmaschine das Wagnis der Ueberfliegung des Kiliman djaro in einer Höhe von 6300 Meter glücklich vollbrachte, gab uns einen ganz neuen Einblick in die so eigenartigen Berhältnisse des Ribofraters, der die bisherigen Vorstellungen zum Teil bestätigt, zum Teil aber auch ganz wesentlich ergänzt hat. Der Beschauer des aus solcher Perspektive grandiosen Bildes ist vor allem von der ungestört sich auswirkenden Figur des Kreises überrascht. Stufen und die ihnen zwischenliegenden Flächen, vom äußersten Umfang der gewaltigen Kratermauer, die nur im Westen von der großen Riboscharte unterbrochen ist, bis zum Zentrum des gähnen­den Eruptionsschlotes ordnen sich dem Zirkel auf das strengste ein. Alles ist in diesem umfassenden Ueberblick Fläche geworden. Nie schien die Bezeichnung Kraterzirkus" gerechtfertigter als nach Ein­sichtnahme in dieses Bild, das die letzten Schleier der Geheimnisse dieses über den Wolken thronenden Erdenflectes lüftete.

Mit Erstaunen füllt uns das Ausmaß des den Kratergrund faft gänzlich überdeckenden Eruptionstegels", dessen aufgehäufte Tuffe einen weit ausgelegten Bultanberg in den riesigen Ber­fenfungstessel hineingestellt haben. Seine beträchtliche Höhe tann bei Betrachtung aus der Vogelperspektive nicht voll zum Ausdruck tommen, weil sie verfürzt erscheint. Die breite Kuppe" dieses Kraterberges, die von der Höhe der Kratermauer aus wie eine Dachebene erscheint, steigt ja in Wirklichkeit so hoch, daß sie sogar dem Bezwinger der höchsten Spitze der Umwallung den Einblick in den Spizentrater selbst verwehrt. Dieser ,, Krater im Krater", dies letzte Geheimnis unseres Vulkangiganten, das nur der mutige Flug in noch höhere Sphären enträtseln fonnte, ist eine gestufte Riesen­pfanne, an deren Grund, dem Auge eines vorweltlichen Syflopen gleich, das runde Ausbruchsloch des ehemaligen Feuerschlundes gähnt. Von der Gewalt dieser letzten Eruption gibt uns seine Größe einen guten Begriff; sein Durchmesser beträgt nicht weniger als etma

500 Meter!

Noch haben keine sichtbaren Berwitterungsprozesse, an den scharfen Kanten des Pfannenrandes und den zentrischen Zirkeln der Kratermulde, die vielleicht die jeweiligen Niveaustände der sich allmählich zurückziehenden Magmen markieren, zu nagen vermocht. Ein in geologischem Sinne noch junger Bulfan liegt unter uns, und die Möglichkeit eines Wiederausbruches tann wohl nicht ohne weiteres von der Hand gemiesen werden.