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Cin Stückchen hinter dem Dorfe deht sich ein verlassener Lehm- bruch ans. Schon längst brannten sie keine Ziegel mehr dort, nur der Abhang mit Ken großen Löchern ist geblieben. Diese Lehmbruch. stellen sahen ewig nackt und kahl aus, sie leuchteten gelb in die Weite und niemals sproßte etwas Grünes darauf. Und unter dem Hügel stand ein« Hütte, die zur Holste in den Abhang hineingedrückt war, so daß es möglich war, vom Abhang direkt auf das schief«, wellen- förmig gebogene Dach h«rabzulaus«n. I» dieser Hütte wechselten die Bewohner beständig, obwohl der Zins sehr niedrig war. Und unfreundlich war sie, düster und kalt. Eine feuchte Kühle atmet« aus ihr, wenn mau vorüberging, gleichgültig, ob«s im Winter oder im Sommer war. Sie war aus Sandsteinquadern erbaut, ständig feucht und zu zwei Dritteln mit Wasser oollgejogen. Stets wohnten arme Leute da. so arm, daß sie nicht einmal einen Vorhang beim Fensler besaßen. Sie empfanden auch gar nicht das Bs- dürfnis, die Fenster zu verhüllen, und so war es möglich, ihre arme Häuslichkeit vollauf wahrzunehmen. Doch niemand hielt sich dort lange auf. Die feucht« Kühle vertrieb jedermann von da. Und einmal zogen hier wieder arme Leute«in. Ein Mann mit seiner Frau und einer Greisin. Dies« Leute brachten sogar eine kleine Ziege mit: sie war bräunlich und hatte einen schwärzlichen Rücken, wie ein Reh sah sie aus. Wie sie sie an unseren Fenstern norüberführten, trieben sie sie ermunternd an: komm doch. Kleine, du gehst doch nach Hause— aber die klein« Ziege wollte nicht. St« sah sich beständig um. Die Leute— sie waren wohl arbeitssam und wollten in ihrer Armut ein wenig halbwegs leben— die Leute iwchttn wohl, daß sie das Häuschen verschönern werden. Am freien Sonntag weißten fieck es. und unten niolten sie es mit einem schwarzen Rande an. Sie reinigten die alten Fenster, daß sie bloß so glänzten, die jung« Frau hängte«inen kleinen Vorhang mit einem gestärkten Saum auf, in der Mitte hefestigte sie eine kleine Papierrose— und alles sah schon fröhlicher aus. Die Kinder liefen in die Lehmgrube, um hier zu spielen-- und gleich schlössen sie Freundschaft. Die junge Frau war für si« die Tante, die alte Frau die Großmutter. Und alle hatten«inander gern. Sie hingen aneinander mit der Liebe der Armen. Unier den Kindern njar ein hübsches, blauäugiges Mädelchen mit einem fast weißlichen Haarzöpschen. Man nannte sie Iozena. Und die hatte die Großmutter am liebsten. Jeden Mittag schenkte sie ihr ein kleines Blechtüpselchen voll frisch gemolkener Ziegenmilch. Und die Wangen des kleinen Mädels wurden ober auch dick. Und kauni daß es Mittag war, war die Kleine auch schon im Stäbchen, beständig schwatzt« sie, stampfte unruhig, erklärte und wartete auf ihr Blechtiipfelchen. Und wie sie so einmal ins Zimmerchen tritt, da bemerkt sie, daß das Stäbchen leer ist, die Tante fitzt nicht wie sonst beim Fenster und fädelt auch kein« Korallen. Auf dem Tische ist heute ein rosafarbiges Tischtuch ausgebreitet, und so etwas geschieht nur an großen Feiertagen. Damuf steht ein kleines Glas, in dem ein grüner Zweig, den man draußen zufällig gepflückt hat, freundlich herauslugt. Als ob man einen Gast erwarten wurde. Iozena dreht sich nach allen Ecken um. und siehe da: es ist doch jemand hier. In der Ecke ist dos Bett aufgebettet. Iozena läßt wie gewöhnlich ihr Zünglein los— sie hat nämlich ein keckes Mund- chen— aber die Großmutter weist sie zur Ruhe:„Komm, ich will dir etwas zeigen'. Und si« führt sie in den dunklen Winkel, zum Bette. Sie hebt sie in die Höhe:„Siehst du? Wir haben ein Kindchen'. Iozena starrt mit offenem Munde drein, sie ist keines Wortes mächtig. Si« schaut mit Derwunderung auf das kleine schlafende Kindchen mit den kleinen Armen und geballten Fäusten. Sie schaut «z genauest an, und dann gipselt die Summe all ihrer Beobachtun« gen in dem Ausruf«:„Es hat ein hübsches Häubchen, nicht wahr, Großmutter?' „Und mit einer Spitze, nicht wahr?" Die junge Mutter blickt das Kindchen und die Großmutter an und bemerkt, daß sie beide gleich freudige Augen haben, daß beiden gleiche Flammen in den Augen glühen. „Es wird glücklich sein, weil es ein Kund zuerst begrüßt hat', flüstert die Greisin wie im Gebete, das Baby nicht aus den Augen lassend. Iozena geht langsam, zögernd fort. Kaum hat sie die Schwell« überschritten, als si« wahrnimmt, daß Fannchen von unten heraufsteigt. Es ist noch ein Stück Weges zu ihr, doch das tut nichts. „Rasch, rasch, komm doch rasch dir etwas ansehen.' Sie läuft ibr entgegen, sie kommen zurück, und wie sie näherkommen, werden ibre Schritte rascher. Di« Großmutter jährt die neuen Gäste her- ein und zeigt ihnen das Kindchen. Rachznittag kommt die Türe gar nicht in Ruhe. Der Lehm- bruch ist verlassen, dafür aber ist das Stäbchen mit Kindern voll. Jedes bemerkt an dem Kindchen etwas anderes Schönes: nur eines verdrießt sie, daß das Kleine beständig schlummert. Ja, si« möchten es doch so gern« ein bißchen hin- und herhutschen. Cs ist ein Büblein. Aber das Hot wirklich nichts zu sagen. „Wir werden mit ihm spielen, nicht wahr, Großmiitterchen?" „Ich werde ihm den Ball leihen und er wird ihn herumkollern." „Das werde ich auch tun--* „Und bis Mutti Kartoffelsterz backen wird, werde Ich ihm da- van aeben.' „Ja, und Bater wird ihn mit dem Pferde mitnehmen." „Schläft er noch immer, Großmutter?" „Ja, und sprecht nicht so laut und seid ein bißchen ruhig." „Großmutter, und spricht er schon ein bißchen, wie unsere Manka?" „Was fällt dir denn ein", lächelte die Ali«,„er ist doch noch so winzig klein. Wir müssen es Ihm doch erst lehren." „Nun ia". klügelt Vlasta,„er ist beinah« wie unser Annerl, er spekuliert auch nach, natürlich." „Und die Tante steht gar nicht aus", meint eines der Kinder. „ist sie denn krank?' „Bist du aber dumm", meint« jetzt Vlasta drauf,„weißt du denn « nicht, dos; sich das Bübchen allein fürchten würde? Nicht wahr, Großmütterchen? Es möchte schreien. Ich schlafe auch mit der Mutti, ich halte sie bei der Hand, so drücke ich die Hand an mich und fürchte mich dann nicht. So." „Und ich auch.' „Und ich auch.' „Unsere Mutti fchläst mit d«r Stauda. Ich mit dem Barer, das ist besser. Der spielt mit mir Pserdchen und wirst mich bis zur Decke hoch", erzählt jetzt Karli.„Das kann die Mutti nicht." „Aber unser Vati kann das auch." „And meiner kann nach viel mehr.' 'W.>".-nUrVi'''tKV■
Di« Mutter des Kindchens ist über die unschuldig« Reinheit der Kinder zu Tränen gerührt,«in leichtes Rot steigt ihr auf die bleichen Wangen und ihre matten Augen glänzen träumerisch vor sich hin. Wie viel- Male hat die Alte die Kinder schon aus der Stube ge- wiesen, aber die Mutter hält sie davon ab. Es erfüllt sie mit einem unaussprechlichen Glück, daß die Kinder ihr kleines Bübchen lieb haben. Als sie endlich gehen, versprechen sie wieder:„Und morgen kommen wir es uns wieder ansehen". Und jetzt fliegt die Kund« durch das ganze Dorf. Die Laich- straße wird von dem Stampfen der Kiichersüh« munter, nach rechts, nach links, über den Hang und bis zum Bache fliegt die Botschaft. In alle Hütten dringt die Verkündigung: heute ward ein Mensch geboren... lPeriHtizt« lleberskßnns ren I. 3lti«nta«n.i
Äa» Aller des ZKuUurmenfchen In welcher Zeit der Erdgeschichte hat der Mensch die erste Kultur angenommen? Mit dieser Frage beschäftigte sich der de- rühmte englische Archäologe Prof. A. H. Sayce in einem Vortrag. Dabei betonte er, daß die neuesten Entdeckungen alle Theorien der früheren Geschichtsforschung über den Hausen geworfen haben. Während man früher den Beginn der Kultur eng mit der schriftlichen Ueberlieferung verknüpft«, hat sich jetzt gezeigt, daß bereits Jahrtausende vor dem Auftreten der Schrift der Mensch seine größte Erfindung, die Sprache, gemacht l)at, daß«r schon damals «in Künstler ersten Ranges war. Grabungen in dem Rift- Tal in der afrikanischen Kenja -Kolonie offenbarten«ine gewisse Kulturhöhe, die den Gebrauch des Feuers und die Kunst der Töpferei kannte, in der zweiten größeren Regenperiode, die man gewöhnlich mit den beiden frühesten Eiszeiten Europas gleichsetzt. Hier erscheint also schon in ferner Vorzeit menschliche Kultur, und so hat die Archäologie ähnlich wie die Geologie die allmähliche Entfaltung des Menschen- geistes in den langen Zeiträumen nachgewiesen. Prof. Sayce sprach von einem Erlebnis, das er vor mehr als 30 Jahren hatte, als er eine archäologische Ilntersuchcing des Sandsteingebietes von Geb ei- es- SiCfilci in Oberägypten vornahm. Da die Ingenieure für einen zu errichtendem Nildamm die Steine zu benutzen wünschten, sollte erst festgestellt werden, ob sich hier nicht wichtige Uebcrreft« der Ver» gangenheii vorfänden. Einige Kilometer nördlich von dem Gebel fand sich ein ausgetrocknetes Flußtal am westlichen Nilufer, in dem einst Fluten geströmt waren, als in dem Regenzeitalter die Sahara noch mit dichten Wäldern bedeckt war. In der Mitte des Tales stand ein hoher Sandsteinblock, der von dem darübergelegenen Plateau hcruntergewoschen war und an dem sich in zwei Drittel Höhe eine Hochwassermarke des alten Flusses bejand. Darüber war der Fels mit Zeichnungen von Elefanten, Giraffen und Straußen bedeckt, Tieren, die nicht mehr in Aegypten vorkamen, als die Hieroglyphenschrist zuerst bekannt wurde. Die Umrisse waren mit
Feuersieinwerkzeugen gemacht, von denen sich einige am Fuß« des Blockes fanden. Ueber den Zeichnungen aber standen Hieroglyphen au» der Zeit der 11. Dynastie zwischen MX» und SEX» v, Chr. Die Inschrift sah so frisch aus, wie wenn sie gestern«ingemeißelt wäre, während die vorgeschichtlichen Bilder blasser und verwaschen waren. So stellte sich im anschaulichen Gegensatz die ungeheure Zeitspanne dar, die zwischen den verschiedenen Einritzungen auf diesem Stein vergangen war. Unter der ägyptischen Stufenpyramide von Sakkara , die für die älteft« der Pyramiden gilt, hat man jetzt«inen Komplex von Ge- bänden freigelegt, der im Nilland« einzigartig dasteht. Man fand hier eine Bibliothek, Vorratsmagazine, Gräber und Tempel, von einer 17 Meter dicken Mauer umgeben. Die Maurerarbeit gehört« zu den vollendetsten in ganz Aegypten und schien«her einem modernen Haufe zu entstammen als einem so viele Jahrtausende zurückliegenden Bau; die kannelierten Säulen wiesen bereits auf den ionischen Stil der griechischen Kunst hin. Architektur, Kunst, die Glasur der Ziegel und vieles andere deuteten auf eine Entwicklung durch viel« Jahrhunderte hin, die dieser Periode der Vollendung vorausgegangen fein mußte. Auch die hieroglyphlschen Inschriften wiesen auf«ine fern« Vergangenheit hin, in der die Schrift entstanden sein mußte. Vor einigen Iahren entdeckte Sir Flinders Petrie bei seiner Untersuchung der großen Pyramide, daß di« riesigen Granit- blocke bereits mit dem Drillbohrer bearbeitet waren, der dann erst bei der Anlage des Moni Eenis-Tunnels wieder in ähnlicher Weise verwendet wurde. Hat man so die Geschichte des Nillandes um viele Jahrtausende «rweitert, so ist dasselbe in noch erstaunlicherem Maße bei Babylonien der Fall. Früher galt das alt« Babylonien , mochte es nun sumerisch oder semitisch sein, für künstlensch unbedeutend und unentwickelt: man hielt die Bewohner für Geschäfts- und Handels- lent«, die den Bank- und Handelsverkehr in die Wege geleitet hatten. Wer die von Woalley zu Ur ausgegrabenen Gräber und Tempel haben«ine außerordentlich« Hohe der künstlerischen Kultur im alten Babylon enthüllt. Manch« der mit Intarsien geschmückten Kunst- werke schienen«her der europäischen Welt von heut« als der orientalischen Welt von einst anzugehören, und dach stammen diese Gräber und ihre Inhalte eher aus dem vorgeschichtlichen als aus dem geschichtlichen Babylon . Ein ausgebreiteter Handel wurde durch diese Funde offenbart. Das Gold kam wahrscheinlich von den Küsten des Perfischen Golfes, das Silber wohl, wie das der 6. ägyptischen Dynastie, aus den Bergwerken des Taurus, während der Lapislazuli aus dem nordwestlichen Indien stammt«. In Indien haben die Grabungen von Nohenjo-daro in Sind und von Harappa in Pendschab ein« vorgeschichtliche Kultur enthüllt, die in enger Der- bindung mit der von Elam und dem sumerischen Babylon stand. Die bemalten Töpfereien, die Intarsien aus Perlmutter und Elfen- bein, sogar die Entwässerungsanlagen wiesen auf Babylonien hin, und Hundert« von Siegeln bewiesen den lebhasten Handel zwischen Nordwestindien und dem westlichen Asien . Die Kunst der Griechen ist ebenfalls in ihren frühen Ursprüngen im Minoischen und Myke- nischen Zeitalter erkannt worden, und ebenso hat man im nördlichen Europa auf hohe Kulturformen in ältesten vorgeschichtlichen Zeiten hingewiesen. So sind also nach diesen neuen Erkenntnissen 1000 Jahre nur ein Tag im Leben des Kulturmenschen.
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Sin ZKenner über den„großen Diönig'
Fast zur gleichen Zeit eine neue Veröffentlichung
wie der letzte Fridericusfilm erschien des bekannten Historikers Werner Hcgemann:„Jugendbuch vom Großen König" bei Jacob Hegner in Hellerau . Dieses Buch, in einer Zeit wilder Massenbetörung geschrieben, ist durch seine klar« Vernunft und unbeirrbare Wahrheitsliebe besonders bemerkenswert. Hegemann, der in seinen früheren Werken über Friedrich II. geflissentlich das Beiwort„der Große" vermieden hat, schreibt diesmal über ihn, als wäre er bereit, die behauptete Größe des Preußenkönigs ebenso anzuerkennen, wie es dessen Freunde tun. Er eifert nicht, er stellt keine Behauptungen seinerseits auf, er läßt nur die nackten Tat- sadien reden. Aber aus dieser Tendenzlosigkeit ergibt sich ein Bild, das in erschreckender Weise dem des edlen' Film- und Volkshclden gegenübersteht. Wer heute eine Charakterdarstellung unternimmt, deckt vor allem die Zusammenhänge auf, die den Dargestellten mit seiner Umwelt verbinden. Wer waren die Eltern des Helden? Bekannt ist der Gegensatz Friedrichs zu feinem Vater, der, obwohl ein Wüterich, immerhin als Organisator große Schätzung genießt. Aus der Schilderung Lzegemanns, die lediglich auf zeitgenössischen Berichten fußt, ergibt sich das Bild eines Geisteskranken, der an periodischen Verfolgungsideen und Wutansällen litt. Ein Fresser, der außer sonstigen schweren Lieblingsgerichten 100 Austern auf einmal vertilgt, Säufer, Liebhaber unflätigster Scherze, Prügel- profoß, Menschenräuber, dessen größtes Verdienst die Unterhaltung eines Heeres ist, die vier Fünftel der Staatseinnahmen verschlingt. Die Mutter gleichfalls von Verfolgungswahn befallen. Dieses be- trübende Milieu wird dadurch noch interessanter, daß die Kinder im trauten Verein mit der Mutter den Vater und Gatten bespitzeln. Der dreizehnjährige, frühreise Kronprinz nimmt bereits Bestechungs- gelder vom französischen Gesandten, später abwechselnd von England und vom deutschen Kaiser. Cr entwickelt o»s diesem Gebiet erstaun- liche Fähigkeiten, indem er seine Schulden den Fremden gegenüber viel höher angibt, als sie in Wirklichkeit sind. Der Vater, der in hellen Augenblicken einen Einblick in die bezaubernde Wirklichkeit dieses Familienlebens gewinnt, rächt sich durch unmenschliche Prügel. Das Rührstück der preußischen Historie ist die Flucht des jungen Kronprinzen, angeblich infolge der barborischen Behandlung durch seinen Vater. Hegemann weist nach, daß der Prinz von Kindheit an Freiheiten genossen hat, wie wenig andere Fürstenkinder So wurde beispielsweise der Lehrer vom König oerprügelt, weil er es wagte, Ansprüche an den Fleiß des Schülers zu stellen: so durfte der Sechzehnjährige bereits die Lieb« in vollen Zügen genießen. Wer als der betriebsame Prinz, der den Tod des verhaßten Daters nicht erwarten könnt«, der bezahlte Spion und Verräter, sich zur Flucht anschickte, da suchte der Vater in seiner hemmungslosen Gemütsart auf entsprechende Weise die empfangene Kindesliebe zu vergelten. Was waren nun die Verdienste des Kronprinzen, die ihn zum Abgalt eines Teils der Deutschen stempelten? Es wäre begreiflich. wenn die nationale Begeisterung sich einen naüonal gesinnten Helden erwählt hätte. Der Held Friedrich war der Feind des Deutschtums in jeder Hinsicht. Unfähig, auch nur einen Satz deutsch richtig zu
sprechen, zeigte er dem Deutschtum in allen seinen Auswirkungen, in Politik. Wissenschaft, Dichtung. Jlunst«ine grenzenlose Verach- tung. Freund und Nochäsfer der Franzosen , paktierte er vom drei- zehnten Jahre an mit den Franzofen gegen den deutschen Vater, durchaus gegen den Willen seines Vaters, der den Bürgerkrieg verabscheute. Hegemann stellt Friedrich den wahren deutschen Helden gegenüber: Prinz Eugen , von dem er sagt:„Für einen politisch denkenden Deutschen ist es schwer, die Gestott Prinz Eugens zu betrachteil, ohne stets auf neue von Bewunderung, Dankbarkeit, Liebe und Trauer ergriffen zu werden." Während man in Wien bemüht war, das Deutschtum von der flandrischen Küste bis zum Balkan zu wahren, sucht« Friedrich, getreu dem Vor- biß seines Urahnen, des„Großen Kurfürsten". Uandern und Lothringen als Gegengabe für Schlesien zu verschachern. Noch war Friedrichs endgültig« Stellungnahme nicht entschieden, noch zahlte der deutsche Kaiser an den Kronprinzen und seine Schwester Wil - helmine 4000 Dukaten Bestechungsgelder jährlich. Im Gegensatz zum Thronerben rieten alle Offiziere dem König die kaiserliche Partei allen anderen Allianzen vorzuziehen. Der Verfasser meint:„Viel- leicht war damals das rcichsdcutsche Empfinden im preußischen Osfizierkorps noch nicht ganz erloschen." Friedrich sei unsauber, sagte der Vater von ihm, er wolle nicht mit Deutschen , nur mit Welschen sprechen. Er hat den Ton der diplomatischen Lüge erfaßt, die man auch dann ausspricht, wenn man weiß, daß man nienianben betrügt." Er war als Prinz geckenhaft oberflächlich, ruhmsüchtig, treulos. Hegemann, der schon in früheren Büchern das Heldentum Friedrichs kritisch zerpflückt hat, zeigt ihn als schlechten Verwalter, dessen Reformen meist nur auf dem Papier standen, als Unterdrücker des Volkes zugunsten eines unkultivierten frechen' Adels, ja als Urheber der schwersten, unstre Gegenwart noch drückenden Nachteile. Die Rückständigkeit unserer Landwirtschaft mit ihren zum Teil veralteten Methoden, die uns zjir Abhängigkeit vom Ausland« zwingt und Milliarden der Volkswirtschaft entzieht, ist die Folge einer Politik, die aus den Bauern Sklaven gemocht hat. An Sauberkeit und Hygiene steht laut amt- lichem Bericht beispielsweise die Milchwirtschaft weit hinter der anderer Länder zurück. Friedrichs Kriege haben nicht mir die Sied- Jung nach den, Osten verhindert, sie haben das Land verheert, die 'Kultur untergraben. Als Lehrer wurden auf dem Lande und in den kleinen Städten Unwissende Invaliden angestellt, deren Hunger- lohn zugleich ihre Kriegsentschädigung war. Und Friedrichs so viel gerühmte künstlerische Leistungen, so fragt der Architekt Hegcmann? Ein Barock, das schon zur damaligen Zeit veraltet war, ein Hinaus- schleudern ungeheurer Summen, von deren Rente allein die In- validen hallen leben können, für leere Spielereien, für dos Neue Palais in Potsdam . Hegsmann wollte einen Helden zeichnen. Seine Darstellung wurde das Charakterbild eines Mensch«», von dem der deutsche Freiheitsdichter Ernst Moritz Arndt sagt:„Wir Teutschen, wenn wir uns als Volk ansehen, haben uns dieses Königs wenig zu erfreuen gehabt, ja keine? hat uns so geschadet, nicht bloß scheinbar, sondern wirklich. Ich muß so harte Anklage» beweisen und will es." Hegcmann hat mit unermüdlichem Fleiß und kritischer Forschcrgabe diesen Beweis zu Ende geführt. ?»u1 GutmaruL