Rr. 548. Jahrgang
5. Beilage des Vorwärts
Sonntag, 4. Januar 1931
Die Bewegungsregie in der Oper
Eine Umfrage
Wir lassen nachstehend die Antworten des Regisseurs| dern dem Zuschauer als durchaus notwendige, von Dr. Carl Hagemann und des Tanzschriftstellers Fritz der dramaturgischen Struktur des Kunstwerks verlangte, also selbstverständliche Ausdrucksformen erscheinen. Böhme folgen. Feuilletonredaktion des Vorwärts".
Die Ausdrucksmittel des Bühnenkünstlers find das gesprochene oder gesungene Wort, die Körperbewegungen ( Gesten und Gänge) und die Mimit. Dabei werden diese drei Darstellungshilfen oft, fast könnte man sagen zumeist gleichzeitig angesetzt. Doch fönnen sie auch einzeln auftreten und die jeweilige Ausdeutung eines besonderen und besonders gelagerten Gefühlsmoments allein übernehmen. Oder zwei von ihnen, vor allem die Gestik und Mimit, können sich vereinigen, um den szenischen Verlauf des Stüdes zu tragen. Und zwar zum System erhoben, wie in der Pantomime. Oder auch gelegentlich im Organismus eines Wort- oder Tondramas, wo dann gewisse Partien ihrer eigentümlich dramaturgischen Struktur nach auf das gesprochene oder gefungene Wort ganz verzichten und sich lediglich der rein förperlichen Ausdrucksmittel bedienen. Wie bei allen Aufzügen und Tänzen der Oper zum Beispiel.
Die grundlegende und( man darf wohl fagen) schwierige Aufgabe des Regiffeurs ist es nun, die drei verschiedenen Ausdrucksmittel seines Darstellungsapparates, für jeden einzelnen Fall, das heißt für jede besondere Gattung von Stücken und den dieser Gattung immanenten Stil, so anzusetzen, so zu mischen und dynamisch zu gliedern, daß der dramatische Gehalt schlagend und erschöpfend zur Auswirkung tommt. Die fünstlerische Tätigkeit des Regisseurs teilt sich infolgedessen in die Wort- oder Worttonregie und in die so
genannte Bewegungsregie auf. Und zwar besteht seine Aufgabe darin, die ihm zur Berfügung stehenden Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks derart aufeinander abzustimmen, miteinander zu verzahnen und nebeneinander zur Geltung zu bringen, daß eine an fich
erzielt wird.
gefchloffene Totalität der Wirkung
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Fritz Böhme:
Wert und Notwendigkeit der Berücksichtigung des Bewegungsmäßigen durch eine besonders fachmäßig dafür vorgebildete Rraft ist also aus dem Wefen des Bühnenfunstwerts einleuchtend.
Wenn man sich nun nach der Person, die diese Aufgabe zu erfüllen hat, umsieht, wird man sich nicht mit dem Hinweis Die Frage, ob eine besondere Bewegungsregie an der etwa auf den Spielleiter begnügen fönnen. Gewiß Opernbühne nötig und empfehlenswert sei, ist von einer von ihm wird, nächst dem musikalischen Leiter, die Gesamtganzen Reihe von Gefichtspunkten aus zu beantworten. inszenierung der Oper abhängen. Daß er aber gerade für Nur turz streifen möchte ich die Möglichkeiten, wo es sich das Bewegungsmäßige in der Oper die geeignete Persönlichvon selbst versteht, d. h. die Fälle, in denen eigene Balfeit ist, ist damit nicht zugleich gesagt; denn das Bewegungslette oder selbständige Tanzdichtungen aufgeführt werden, mäßige einer Oper ist von ganz besonderer Art, muß und die Fälle, in denen der Tanz einen Teil eines Opern- von ganz besonderer Art fein, wenn man überhaupt von werks bildet. Bei den Balletten und Tanzdichtungen unter einer geschlossenen Wirkung, von einer Synthese des liegt es feinem Zweifel, daß der Ballettmeister nicht Bühnenmusikwerks sprechen will. Es ist mir schon bei dem nur die gesamte Bewegungsregie hat, sondern auch daß der Sprechtheater immer als ein Stilbruch vorgekommen, Orchesterdirigent und die übrigen, bei der Inszenierung mit- wenn die Schauspieler gesprochene Berfe mit naturabeteiligten Sträfte sich nach ihm zu richten haben. Er bestimmt istischen Gebärden begleitet haben. Verschärft wird Stil und Tempi, Farben und Bühnenbauten, Beleuchtung, dieser Stilbruch noch da, wo die gesamte Folie des sichtbaren Auffassung und Art der Ausstattung, da es sich hier im be- Bühnenspiels rhythmischen, also von Grund auf unnaturalistischen Charakter trägt und das ist bei der Oper der Fall. fonderen Sinn um die Die Oper ist ein tompositionelles Gebilde und hat von der Mufit her mit Naturalismus nichts mehr zu tun. Es fann sich bei ihr also gar nicht um die Anwendung naturalistischer, den rhythmischen Duftus der Musit durchkreuzender und damit aus dem Gesamtwert herausfallender Bewegungen handeln, sondern konsequenterweise um Bewegungen, die dem Wesen des dominierenden Kunstzweiges, hier also der Musik, entsprechen. In der Oper darf aus fünstlerischen Gründen also die Bewegung nicht aus den naturalistisch erfaßbaren Gegebenheiten der äußerlichen SpielhandIung oder Handlungssituation schlechthin entwickelt werden, sondern muß dem der Musik innewohnenden Element des
Herausarbeitung des Bewegungskunstwerts handelt, dem alles übrige zu dienen hat. Auch bei den getanzten Stellen in Opernwerten sollte es selbstverständlich sein, daß die Auffaffung des Ballettmeisters ausschlaggebend ist und daß er zumindest für diese Stellen der Oper die aus schließliche Bewegungsregie innehat, allerdings unter der Voraussetzung, daß er sich hierbei nach dem Sinn und dem Stil des Gesamtwerts richtet und sich ihm einpaßt.
Abgesehen von diesen beiden typischen Fällen, bei denen die dominierende Stellung des Ballettmeisters als Be wegungsregiffeur außer allem Zweifel steht, wäre nun aber zu fragen, ob außerdem eine
besondere Bewegungsregie
an der Opernbühne nötig ist und wer hierfür am geeignetsten zu sein scheint.
Es ist viel über die mangelhafte Beweglichfeit der Sänger geflagt worden, über die Infongruenz ihrer Bewegungen mit den musikalischen Vorgängen sowohl beim Singen als auch in den Baufen; desgleichen hat man auf die Unbeholfenheit, Steifheit, die findlichen und stereotypen Gebärden der Gesangschöre Bewegungsregie ist also niemals( oder doch nur sehr in den Opern hingewiesen. In den meisten Fällen wurde als felten) Selbstzwed, sondern ist Mittel zum 3wed. Ein Argument angeführt: die Solofänger und der Chor spielen Mittel, wenn auch ein wesentliches. Eine Bewegung oder nicht genug, find nicht genügend durchgebildet als SchauMittel, wenn auch ein wesentliches. Eine Bewegung oder Spieler, bewegen sich, wenn überhaupt, unnatürlich, geein Gang oder irgendein aus beiden kombinierter Körper spreizt oder in lächerlichen lebertriebenheiten. Von diesem ausdruck hat jedesmal nur da einzutreten, wo er dramatur Gesichtspunkte aus wäre eine besondere Be gisch bedingt ist wo der szenisch auszudeutende Gefühls- wegungsregie, die sich speziell mit der tompler zwingend einen gestisch- mimischen Effekt fordert. Ob Dur charbeitung der Bühnen vorgänge von eine Wort- oder Wortton- oder eine rein musikalische Phrase der Bewegung her beschäftigt, durchaus zu in eine entsprechende Körperbewegung umgesetzt werden empfehlen. Man hat wirklich sehr oft den Eindruck, als muß und auf welche Weise sie umgesetzt werden muß, entflafften die beiden Welten, das Gebärdliche und das Musischeidet jeweils die dramatische Situation, falische, hier auseinander und bedürften der helfenden Hand derstoffliche Vorwurfund der Stil des Kunstmerts. Eine ständig bewegungslos und mimisch unbeteiligt dastehende Boltsmasse ist zum Beispiel ebenso falsch, wie dastehende Bolksmasse ist zum Beispiel ebenso falsch, wie ständig hin und her laufende und fuchtelnde Menschengruppen. Beides fann gelegentlich sehr richtig, sehr schön und sehr wirksam fein, wo nämlich die Handlung den Einsatz extremer Darstellungsmittel verlangt. 3um Prinzip erhoben ist beides aber in gleichem Maße vom Uebel. Wie bei jeder Regieleistung( im ganzen) ist auch die Bewegungsregie( im einzelnen) die beste, deren sichtbare Ergebnisse nicht als Selbst zweck aus dem Darstellungsorganismus herausfallen, fon
BEGINN: 5. Januar 1931
eines bewegungskundigen und geschulten Leiters. Das Gebärdliche und Bewegungsmäßige ist ja auch innerhalb einer sondern gehört, wenn es nicht ausdrücklich vom Komponisten Oper nicht etwas, was man willkürlich tun oder lassen kann, anders bestimmt, also bewußt beschränkt ist, zu den kompofitionellen Notwendigkeiten des Bühnenkunstwerks, dessen eine und zwar
rhythmischen Ablaufs der künstlerischen Formen
Rechnung tragen, muß also ebenfalls eine Komposition, und zwar eine Bewegungsfomposition sein. Wenn man so sagen will: die Bewegungen in der Oper müssen
haben:
tänzerischen Charakter
Bon hier aus ift es nun leicht, die Persönlichkeit zu finden, die diese besondere, notwendige Bewegungsregie in den Opern durchzuführen hat. Es muß dieselbe Persönlichkeit sein, der die übrige tänzerische Bewegungsleitung, unterstellt ist: der Ballettmeister. Hat der Regisseur eine vollwertige Ballettmeisterausbildung, was ja wohl zu den allergrößten Seltenheiten gehört, dann könnte er ſelbſtverständlich die Bewegungsregie auch leisten. Aber von dem Ideal der Synthese aller schaumäßigen Formgebung durch einen Leiter, der alle in Frage kommenden Fattoren wirklich und nicht nur vermeintlich oder angemaßt beherrscht, sind wir zur Zeit wohl noch weit entfernt, so daß hier
Arbeitsteilung das einzig Richtige
ist. Aus den angegebenen Gründen fommt fein anderer als der Ballettmeister für diese Tätigkeit in Frage. Das heißt nicht, einer willkürlichen und einseitig von Tanzfanatismus her gesehenen Betonung des Tänzerischen an der Opernbühne lerischen Synthese der Bühnenfaktoren und der Gedas Wort reden, sondern ist nur eine Forderung der künstschlossenheit des Werks. Es würde natürlich eine überaus große Mehrbelastung des Ballettmeisters bedeuten, mürde aber andererseits den Ballettmeister endlich aus der fehr wichtige Seite das Schaumäßige Stellung eines einseitig für getanzte Stellen der Oper heranist. Innerhalb dieses Schaumäßigen ist die Bewegung, neben gezogenen, im übrigen aber abseits stehenden Faktors in die dem Licht und der Ausstattung, der wichtigste Faktor des grundsäglich mitbestimmende Position eines Bühnenbildes, trägt zur Klarheit und Geschlossenheit der Wir Gesamtbewegungsregiffeurs bringen, wohin er tung und zum Verständnis der Handlung entscheidend bei. m. E. an der Opernbühne aus fünstlerischen Gründen gehört.
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