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Nr. 1948. Jahrgang

1. Beilage des Vorwärts

,, Die offene Tür."

Wie Treptow für die Kinder sorgt.- Sozialdemokraten an der Arbeit.

Eine Ruhmestat der modernen Kommunalverwaltung| entstanden sind, wird noch in anderem Zusammenhang zu reden sein. ift die Fürsorge für das Kind. Einen guten Einblick Jugend, und zwar Kinder und heranreifende Mädchen, begrüßte in die aufgewendete Arbeit gab eine Besichtigungsfahrt durch uns aber wieder im Kinderheim, das mit Recht den Beinamen den unter sozialdemokratischer Leitung aufstrebenden Bezirt Die offene Tür" trägt. Es ist mit einer Art Haushal Treplow. tungsschule verbunden, und die Oberin fonnte bestätigen, daß die Ausbildung gerade der Jungmädchen die besten Resultate ge­zeitigt hätte. Bom Heim aus in Familienstellungen untergebracht, wären sie wohl imstande, sich bei Familienanschluß zu bewähren als auch bereit, mit dem Heim in alter Treue verbunden zu bleiben. Die einfach, aber geschmackvoll gedeckte und dekorierte Sonntags tafel machte einen sehr erfreulichen Eindruck. Einer prächtigen Lage an der Spree erfreut sich schließlich die Tagesfurstätte, für Frauen im Sommer geöffnet und jetzt für Kinder als ärztlich be­treute Erholungsstätte in Anspruch genommen. Da auch Unterricht erteilt wird, kommt der längere Aufenthalt mit seinen Kurmitteln den Kindern durchaus zugute: sie fönnen nachher ihren alten Schulplatz behaupten. Stadtarzt Genosse Dr. Roeder erklärte die einfachen, aber zweckmäßgen Heilmittel( Gymnastik, Sonnen­bestrahlung usw.), zu denen im Sommer noch das sinnreich in dem Bett der Spree angelegte Planschbecken tritt. Zum Schluß möge noch die allenthalben herrschende Ordnung und Sauberkeit hervor gehoben werden, auch dies ist ein Faktor zur Gesundung von groß und klein.

Zunächst ging es zu einer Kinderlesehalle des Bezirks: 5000 Jugendbücher stehen zur Auswahl für 8000 Volksschüler und 2000 höhere" Schüler; von Oktober bis Weihnachten herrscht hier immer Hochbetrieb, jetzt nimmt der Wintersport das Interesse in Anspruch. Darauf folgte der Besuch eines Kindergartens; in einer Ede ist eine geräumige Puppenstube aufgebaut, in der und mit der zu spielen eine Belohnung darstellt, etwa für das schnelle Erlernen des Ab- und Anknöpfens der eigenen Kleidung. Uebung und Schärfung der Sinne ist Aufgabe des findlichen Spiels. In längerer Fahrt ging es zur Stadtbibliothek in Niederschöne weide. Sie umfaßt jegt 7000 Bände, von denen etwa 1000 aus­geliehen sind. An 900 Leser machen von ihnen Gebrauch. Wurde diese Besichtigung den Interessen der Erwachsenen. gerecht, so bot die Wanderung durch den Volkspark Wuhlheide ein Bild von dem glücklichen Streben des Bezirks, dem Alter Erholung und der Jugend Sportbetätigung zu bieten. Ueber die Anlagen, die in erster Linie durch Beschäftigung Arbeitsloser und Ausgesteuerter

Liebestragödie im Hotel.

Dienstag, 13. Januar 1931

Franz Rothenfelder gestorben.

Genosse Dr. Franz Rothenfelder ist gestern morgen im St. Josephsstift in Berlin- Weißensee einem Herzschlag erlegen.

Ein seltsam verschlungenes Menschenleben ist abgeschlossen. Franz Rothenfelder schien geschlagen mit dem Fluche, unstet und flüchtig auf Erden zu sein, und er litt schwer unter dieser Era kenntnis, die sich bei ihm allzu oft mehr auf Fühlen denn auf Wissen gründete und die ihn gerade deshalb besonders schmerzlich drückte, weil er fich gefegnet glaubte mit der heiligen Flamme. Einer tatholischen Familie entstammend, Anfang der 80er Jahre geboren, tritt er als Jüngling in ein Kloster ein. Sein Drang nach Frei heit und Leben heißt ihn fliehen. Er studiert, eine beachtete Arbeit gibt ihm den Doftortitel, aber er findet feine Ruhstatt. In München , in Paris lebt er, Kunst und Wissenschaft in gleicher Weise ergeben, aber noch nicht berufen genug, ein flares Ziel seines Schaffens zu erkennen. Das ungeheure Erlebnis des Weltkriegs führt ihn, den zarten Menschen, der nicht ein Tier, geschweige denn einen Menschen=" bruder leiden sehen kann, an die Seite des von den Greueln des Massenmordes am meisten betroffenen Proletariats. So wird er zum Dichter, er wird zu einem Dichter von starkem und großem Format. Seine Sprechchorwerke, deren Mittler der mit dem Ber­storbenen so start verbundene Sprechchor für die proletarischen Feier­stunden wurde, sind großen Teilen der Berliner Arbeiterschaft in den Feierstunden im Großen Schauspielhaus stärkstes Erleben ge­wesen.

Mordgerücht am Stettiner Bahnhof.- Die seltsamen Genickschüsse. bem riege ins Lager der Radikalen. In München kommt er als

Am 5. Januar war in einem Hofel in der Invalidenstraße in| der Nähe des Steffiner Bahnhofs ein Paar abgefliegen, das sich als Kaufmann Garleß und Frau aus Hannover ins Fremdenbuch eingetragen hatte. Als das vermeintliche Ehepaar gestern nichts von sich hören ließ und Hotelangestellte nachfahen, fanden sie beide fot in den Belfen auf. Selffamerweise wiesen die Leichen Genid­schüffe auf, so daß zunächst ein Berbrechen vermutet wurde. Die Mordfommission wurde alarmiert; nach den Feststellungen scheint es jedoch, daß es sich um eine Ciebestragödie handelt und beide freiwillig ans dem Leben geschieden sind.

Schußvorrichtung tötet drei Rinder.

Paris , 12. Januar.

Ein entfchliches Anglid, das drei Kindern das Leben foftete, ereignete sich am Sonntag in Refojo in der spanischen Proving Montforte. Ein Grundbesizer hatte an seiner Haustür eine Schußvorrichtung anbringen lassen, um vor Einbrechern sicher zu sein. Ein Draht führte von der Abschußvorrichtung zur Türklinke und wurde gewöhnlich tagsüber entfernt. Am Sonntag morgen spielten drei Kinder vor dem Haus und schleuderten einen großen Spielball gegen die Haustür. Hierbei wurde der Draht getroffen und die Schußoorrichtung löste sich auto­matisch. Die starke Ladung traf die unglücklichen Kinder und tötete alle drei auf der Stelle.

Er hatte Hunger!

Ein Ueberfall, zu dem der Täter aus Sjunger getrieben murde, ist am Montag in Budom verübt worden. Für einen Milchhändler trägt dort morgens eine Frau D. Backwaren und

WV.Seemann

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Unternehmer..

Himmelsbach ging ins Kontor zurück und fam mit einer Rechnung wieder. Er zeigte sie Ludwig. Ludwig las den Ropf einer Ronkurrenzfirma, die bisher gar nicht wichtig zu nehmen war, und staunte. Sein Staunen wuchs, als er die Endsumme las. Kopfschüttelnd sagte er:

,, Das ist mir alles rätselhaft, Himmelsbach. Wissen Sie, unter uns gefagt, ich bin nicht imftande, solche Ware für diesen Preis zu liefern!"

Himmelsbachs tausend pergamentene Fältchen zogen sich auseinander zu einem wehleidigen Gesicht. Er sah aus, als begrübe er seinen Vater.

,, Wir müssen unbedingt billiger werden, wenn wir nicht unter die Räder fommen wollen! Schließlich muß doch auch noch ein fleiner Profit bleiben. Man kann doch nicht um sonst arbeiten!"

Ludwig schüttelte den Kopf.

,, Nein, das fann feiner, lieber Himmelsbach!" Beide ließen nachdenklich die Köpfe hängen und schwiegen. Dann setzten sich die beiden gelben Pefineferhündchen in Marsch: Himmelsbach schritt langsam ins Kontor zurück. Ludwig folgte ihm, aber noch langsamer. Er brachte die Füße kaum mehr vom Boden auf. So war ihm nach träglich der talte Schrecken in die Knochen gefahren.

Nachher saßen sie lange und fonferierten.

Die dreigesternte Rognafflasche stand auf dem Tisch; daneben die sandelholzene Schachtel mit den guten Importen. Aber fein bläulicher Rauch träufelte sich diesmal zur Dede; fein animierendes Prost! scholl.

Nur heftige Reden und Streitworte flogen hin und her. Die beiden feilschten.

Himmelsbach, der den anderen am Boden hatte, mollte fünftighin die Bare um volle zwanzig Proz. billiger haben. Ludwig wehrte sich mit Zähnen und Klauen dagegen. Schließlich schloffen sie ein Rompromiß. Ludwig behielt

Milch an die Kunden aus. Als sie in der Straße 16 ein Haus betreten wollte, tam ihr im Flur ein junger Mann entgegen, der ihr plötzlich einen Stoß versetzte und den Storb mit den Badwaren, in dem sich auch 12 m. bares Geld befanden, entriß. Der Täter flüchtete über die sogenannten Buckower Wiesen und entfam.

Mit 100000 M. geflüchtet.

Gemeindefaffe geraubt.- Jagd hinter dem Räuber.

Köln , 12. Januar.

Der 36 Jahre alte Rendant des Bürgermeisteramts Tuernich ( Kreis Bergheim ), Gerhard Schloehmer, ist seit gestern mittag unter Mitnahme der Gemeindefaffe, in der sich über 100.000 m. befanden, fllichtig. Zur Flucht benutzte er einen Kraftwagen. Er ist im Besize eines internationalen Fahrtausweises, den er sich vor wenigen Lagen vom Landratsamt in Bergheim hatte ausstellen laffen, sowie eines Führerscheins. Man nimmt an, daß er ins Ausland, wahrscheinlich nach Holland , geflüchtet ist, da er sich vor wenigen Tagen einen Paß beschafft hatte. Die polizeilichen Ermitt­lungen find eingeleitet.

Wenn auch das Trübe, das Traurige im Vordergrund seines Schaffens stand, so erkannte Franz Rothenfelder doch, wiederum zuerst aus dem Gefühl heraus, die historische Sendung des Proletariats, der unterdrückten Arbeiterklasse der kapitalistischen Epoche. Von seiner festen lleberzeugung, daß diese Klasse berufen sei, Altes, Bermorschtes abzulösen, daß sie in sich die Zukunft trage, zeugen die fiegesfrohen, lebenbejahenden Berje, in denen zum Bei­spiel vor wenigen Jahren sein Festspiel zur proletarischen Jugend meihe gipfelte. Der heiße, leidenschaftliche Wille führt ihn nach Mitglied des Rates der Geistigen in die Kreise der roten Räte­republit. Er geht dann, bestraft von der bayerischen Justiz, auf die Festung von Niederschönefeld. Hier holt er sich durch eine Be­handlung, deren Schilderung jeden ergriff und in 3orn verfekte, den Keim zur tödlichen Erkrankung des Gemütes und des Leibes, der er jetzt, kaum ein Fünfundvierzigjähriger, erlegen ist. Erkenntnis, den falschen Weg gegangen zu sein, führt ihn zur Sozialdemokratie. Seit Jahren trant, arbeitet Franz Rothenfelder mit einer Kraft, mit einer ständig von neuem aufgepeitschten Energie, die zu Achtung und Bewunderung zwingt. Sein Wert, i ob", das erfüllt ist mit Bersen von allergrößter dichterischer Kraft und von der Funfftunde Berlin gebracht wurde, seine Sprechchöre, seine Gedichte, die im ,, Borwärts", dessen Mitarbeiter er bis zuletzt war, in den Bruderblättern der Provinz, in den Organen der Gewerkschaften und als wertvolle Sammlung im Berlage des Bekleidungsarbeiter verbundes erschienen, zeigen von seinem Können und Wollen, dass von Herz und Leidenschaft getragen ist. Das, was dieser an sich leidende, edle. Mensch uns hinterläßt, wird nicht untergehen, und aussc dem letzten so tieftraurigen Bußtagsgedicht sei als Mahnung des Mannes, der jetzt duldende und schauende Augen für immer ge­schlossen hat, und als Gelöbnis der Saz gesprochen:

Boll der Enterbten, Welt der Namenlosen,

Sei Weg, eh' Deines Winters Schrecken tosen.

Stadtrat Stadthagen 25 Jahre im Dienste Berlins . Der Ge­heime und Oberregierungsrat Dr. Stadthagen feierte fürzlich sein Die nächste Stadtverordnetenversammlung findet am fommen­25jähriges Jubiläum als Ehrenbeamter im Dienste der Stadt den Donnerstag, dem 15. Januar 1931, statt. Beginn der Be­Berlin. Das Bezirksamt Charlottenburg hat in seiner Sigung am ratungen um 16% Uhr. Auf der umfangreichen Tagesordnung Montag beschlossen, in Anerkennung seiner hervorragenden Versteht u. a. die Beratung der Magistratsvorlage über die Er. dienste ihn für die Würde eines Stadtältesten in Vorschlag zu höhung der Biersteuer, die der Haushaltsausschuß gestern bringen. bereits einstimmig abgelehnt hat.

die erteilten Bestellungen, gewährte aber einen Nachlaß von fünfzehn Proz. auf die bisherigen Preise. Diesmal lächelte Ludwig nicht, als er von Himmelsbach nach Hause fuhr. Wie begoffen fam er sich vor, durchnäßt bis auf die Haut. Fröstelnd zog er den Kopf in die Schultern und trottete in die Fabrik zurück, Besiegter auf der ganzen Linie.

*

Die ganze Nacht über, die diesem Tage folgte, brannte in den Kontorräumen der Firma Ludwig Eisermann Licht. Ludwig und Sandow faßen sich gegenüber und kalku­lierten.

Doch so viel sie auch rechneten, es stellte sich heraus, daß fie am Material und an den Zutaten nicht sparen konnten. Im Gegenteil, das Material gleich melcher Bedarfsart, erwies fich als fefte Substanz, deren Preis sogar, wie die Erfahrung gelehrt hatte, mit jedem neuen Einkauf stieg.

Aber der andere Teil der Substanz des Fertigprodukts, der darin investierte Arbeitslohn, dieser erwies sich als dehn­bar. Und an dieser dehnbaren Substanz baute Ludwig die Preise ab.

Sandow war anfänglich dagegen: Menschenskind, das geht doch nicht! Was soll diese Lohndrückerei? Es hat doch schließlich jeder das Recht, seine Arbeitskraft so teuer als möglich zu verkaufen!"

,, Richtig. Aber ich habe das Recht, sie so billig als mög­lich zu erstehen, nicht? Außerdem, schau dir doch mal die Löhne meiner Leute an: selbst bei heruntergedrückten Afford fäßen find sie immer noch um ein Beträchtliches höher als die Spizenlöhne anderer Industrien. Die Metallindustrie zum Beispiel, die vor dem Krieg am besten bezahlt hat. Im Ver­gleich zu uns zahlt sie geradezu Hungerlöhne!"

Sandow braufte auf: Das ist ganz was anderes! Die Metallindustrie ist technisch soweit durchgebildet, daß sie feine hochqualifizierten Arbeiter mehr braucht oder doch nur in Aus nahmefällen. Sie kann jeden ungelernten Arbeiter, der ein paar Handgriffe tapiert, an ihre Maschinen stellen!"

,, Gut!" erwiderte Ludwig, dann müssen wir hier, in der Möbelfabrikation, ebensoweit kommen!" Sandom mederte.

,, Gib dich keinen Illusionen hin. Das wird nie möglich fein. Unser Beruf ist so vielseitig und kompliziert, daß er teine ungelernten Arbeiter verträgt."

Ludwig stand auf und ftredte sich: Ich werde bir be

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weisen, daß es doch geht! Ich baue ein neues Arbeitssystem aus, das auf Ungelernte zugeschnitten ist! Jeder seine zehn Handgriffe! Paß auf!"

,, Na, viel Erfolg! Unsere Industrie kommt dann noch mehr auf den Hund, und die gelernten Arbeiter können betteln gehen!" Sandow war aschgrau bis in die Lippen, als er das sagte.

Ludwig schaute ihn verwundert an: Ich verstehe nicht, daß dich das so aufregt. Das Hemd liegt mir doch näher als der Rock. Wenn schon betteln gegangen werden muß, dann beffer die andern als du und ich!"

Schweigen fiel ein.

Irgendwo erwachte gähnend der Tag, schickte das Gebrüll ciner frühen Sirene aus dem Rauchrachen.

Die ersten Frühzüge donnerten über die Stadtbahnbogen, ,, Es wird Zeit zum Heimgehen!" Schwerfällig fielen die eisernen Fabriftüren hinter den beiden ins Schloß.

Einen Augenblick blieben Ludwig und Sandow auf der Straße stehen, erschauernd vor der plötzlichen Frische und Kälte der Morgenluft.

Dann trennten sie sich.

Zum ersten Male seit langen Jahren gingen sie ausein ander ohne Handschlag.

*

Ludwig hielt Wort und führte den angekündigten Beweis. Schon zwei Tage später hatte er das neue technische System in den Grundzügen fertig und demonstrierte es Sandow.

Der mußte, fich geschlagen geben. Als Fachmann sah er ein, daß die neue Methode ein gewaltiges Plus bedeutete. Eine Einsparung von rund zwanzig Prozent im Produktions­gang war so überzeugend, daß sie die paar Bedenken, die auffeimen wollten, sofort niedertrat. Um so mehr, als die bisher bestehenden Akkordsätze nur unwesentlich gekürzt waren.

Ludwig rieb fich vergnügt die Hände, als er Sandows entspannt und heiter werdendes Gesicht fah.

,, Nun aber rangehalten, alter Schwede!" fagte er, schon Montag wollen wir mit dem Kraftsystem anfangen!"

Er tam aber an diesem Montag nicht dazu. Denn als er am Morgen in der Fabrik erschien, hatten alle Gesellen die Arbeit niedergelegt.

Politischer Streit!" ertlärte Sandom.

( Fortsetzung folgt.)