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Morgenausgabe

Nr. 87

A 44

48.Jahrgang

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Vorwärts

Berliner Boltsblatt

Sonnabend 21. Februar 1931

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Jarres hat es nicht geschafft!

Die Stahlwerke müssen auf Lohndruck verzichten.

=

Duisburg Hamborn , 20. Februar. Die Direktion der Vereinigten Stahlwerke Ruhrort Meiderich macht durch Anschlag bekannt, dass die Sütte morgen geschlossen wird. Trotz des Ergebnisses der Belegschaftsbefragung durch Oberbürgermeier Dr. Jarres sehe sie sich bei dem einmütigen Widerstand der Gewerkschaften gegen die Fortführung zu ver­minderten Löhnen außerstande, die Stillegung

zu vermeiden.

Düsseldorf , 20. Februar( Eigenbericht.)

Durch die Breffe ging gestern die Nachricht, daß der DMB. eine Klage gen den Arbeitgeberverband Nordwest plane.. Wohl veranlaßt durch diese Mitteilung, hat das geschäfts. plane.. Wohl veranlaßt durch diese Mitteilung, hat das geschäfts­führende Vorstandsmitglied des Arbeitgeberverbandes Nordwest Grauert den Bezirksleiter des Deutschen Metallarbeiter- Ber­bandes Karl Wolff zum heutigen Morgen zu einer Besprechung nach Düsseldorf gebeten. Im Verlaufe dieser Besprechung stellte Grauert und Wolff die klare Frage, ob der DMV. als Tarif= fontrahent mit einer Abänderung des Tarifvertrages zum Nachteile der Arbeitnehmer einverstanden sei. Wolff ver= neinte diese Frage sofort kategorisch.

Nach Rücksprache mit dem Gewerfverein Deutscher Metall­arbeiter( Hirsch- Dunder) sandten beide Organisationen folgenden Brief an den Arbeitgeberverband Nordwest :

,, Wir nehmen Bezug auf die heute morgen zwischen Ihrem Herrn Grauert und Herrn Wolff gepflogene Unterredung, die Gegen stand eingehender Beratungen zwischen dem DMV . und dem Ge­werkverein Deutscher Metallarbeiter( Hirsch- Duncker) war.

Beide lehnen es ab, irgendwelche Verhandlungen zu führen, geschweige denn Bereinbarungen zu treffen, die auf eine Ab­änderung des geltenden Tarifvertrages zuungunsten der Arbeit­nehmer der Vereinigten Stahlwerke A.-G., Abteilung Hütte Ruhrort- Meiderich, hinauslaufen.

Wie Ihnen bekannt, hat das Werk Hütte Ruhrort- Meiderich ver: sucht, die im Betrieb beschäftigten und beschäftigt gewesenen Arbeiter zu veranlassen, zu un tertariflichem Lohn die Arbeit fortzusetzen bzw. aufzunehmen. Wir fordern Sie auf, mit allen verbandlichen Mitteln auf Ihr Verbandsmitglied einzuwirken, es zu unterlassen, ſei es direkt, sei es durch Vermittlung irgendwelcher dritter Ber: Arbeiter aufzufordern, zu untertariflichen Sägen die Arbeit bei Ihrem Verbandsmitglied fortzusetzen bzw. aufzunehmen. bitten, uns umgehend Kenntnis zu geben, welche Maßnahmen Sie getroffen haben, daß Ihre Mitgliedsfirma nicht weiterhin Ber­suche anstellt, die darauf hinauslaufen, tarifwidrige Arbeitsbedingen bei sich einzuführen."

Mir

Schon nach wenigen Stunden erhielten die genannten Organi­sationen das folgende Antwortschreiben:

Ihre Aufforderung, auf unser Verbandsmitglied Bereinigte Stahlwerke A.-G., Abteilung Hütte Ruhrort- Meiderich, zu wirken, den Versuch zu unterlassen, Arbeit zu untertariflichem Lohn fortzu setzen oder aufzunehmen, ist gegen stands los, da bis heute für uns als Verband und Tarifvertragskontrahenten dieser Bersuch in feiner Weise feststeht. Die Vereinigten Stahlwerke, Abteilung Hütte Ruhrort- Meiderich, hat vielmehr durch ihren Verhandlungsleiter

dauernd erklärt,

daß sie nur mit Zustimmung der Gewerkschaften ihre der Beleg­schaft gemachten Vorschläge zur Durchführung bringen würde. Einer Abstimmung im Betriebe, die überdies noch dazu unter Zu stimmung des Betriebsrats erfolgte, stehen tarifrechtliche Bedenken von uns als Tarifvertragspartei nicht im Wege. Ebenso haben wir teinen Einfluß(?!) auf die zweite Abstimmung, die durch Herrn Oberbürgermeister Dr. Jarres außerhalb des Werkes statt gefunden hat, nehmen können, und haben uns dazu darüber hinaus auch aus tarifrechtlichen Gründen nicht veranlaßt gesehen. Im übrigen entnahmen wir aus dem zweiten Absatz Ihres Schreibens, daß Sie trotz des Abstimmungsergebnisses Ihre Zustimmung zur Durchführung des Werksvorschlages nicht zu geben ge­willt sind. Wir haben daraufhin der Vereinigten Stahlwerke 2.-G. mitgeteilt,

daß unter diesen Umständen die Durchführung des Werks­vorschlages aus tarifrechtlichen Gründen unterbleiben müsse." Das Schreiben ist ein klägliches Rückzugsgefecht des Arbeitgeberverbandes Nordwest . Sein Inhalt entspricht auch nicht den Tatsachen. Die Gewerkschaften haben Beweismaterial in der Hand, daß die Werksleitung im engsten Einver nehmen mit Oberbürgermeister Jarres den Versuch unternommen hat, Arbeiter zur Aufnahme der Arbeit zu untertariflichen Be­dingungen zu veranlassen. Die Gewerkschaften wissen auch, daß Be­strebungen in dem Werk vorhanden gewesen sind, ohne Mitwirkung Der Gewerkschaften eine Durchbrechung des Tarifvertrages zu er­reichen. Dieser Bersuch ist gescheitert.

Jarres hat sein Aufforderungsschreiben nicht nur an Arbeiter des Werkes gesandt, die noch in Arbeit stehen oder die sie vor kurzem verloren haben, vielmehr fann nachgewiesen werden, daß Auf forderungsschreiben auch an solche Arbeiter ergangen sind, die seit annähernd sechs Jahren invalide find, ja, in einem Falle ist sogar das Schreiben an einen Arbeiter gesandt worden, der seit mehreren Jahren in Brasilien lebt! wertschaften und das Tarifrecht waren stärker als der stärkste Trotzdem hat es Jarres nicht geschafft. Der Widerstand der Ge­Drud, den Schwerindustrielle im Verein mit dem Apparat der Stadt Duisburg ausgeübt haben. Nach dieser eklatanten Nieder­lage der vereinigten wirtschaftlichen und politischen Reaktion erhebt sich aber die Frage, ob es ertragen werden fann, daß der Stahlwerksverband 54 bis 60 Stunden arbeiten läßt und gleichzeitig ein anderes rentierendes Werk stillegt.

Jarres verteidigt sich.

Oberbürgermeister Dr. Jarres hat an den Deutschen Metallarbeiterverband in einem Schreiben seine Aktion in dem Lohndruckversuch der Hütte Ruhrort- Meiderich zu verteidigen versucht. Dr. Jarres betont darin, er stehe zu lange im Wirtschaftsleben, um nicht würdigen zu können, daß vom gemert­schaftlichen Standpunkt aus Bedenken gegen die Art seines Ein greifens in den Stillegungsprozeß bestehen könnten. Er habe deshalb von Anfang an bis zuletzt den größten Wert darauf gelegt, mit den Gewerkschaften und dem Betriebsrat gemeinsam die verhängnisvolle Stillegung der Hütte zu verhindern. Das sei von Arbeitnehmer­seite, insbesondere auch von der Bezirks- und Ortsverwaltung des DMV., durchaus anerkannt(?) worden. Er habe sich jedoch über­zeugen müssen, daß der von ihm vorgeschlagene Weg der Lohnsenkung mit gleichzeitiger Sicherung des Arbeits­platzes und einer Höchstfestsetzung der Feierschichten der einzig ver. bleibende weg gewesen sei, um das Elend der Hüttenstillegung von der Belegschaft habe insofern ein falsches Bild gegeben, als damals Stadt und Arbeiterschaft abzuwenden.(?) Die erste Abstimmung Lage geglaubt habe. Er habe jedenfalls sich unter allen Umständen die überwiegende Mehrzahl der Leute noch nicht an den Ernst der für verpflichtet gehalten, alles zu tun, um das Unheil aufzuhalten. man möge vom gewerkschaftlichen Standpunkt über das Vorgehen der Stadtverwaltung denken, wie man wolle: der Weg der Umfrage habe beschritten werden müssen; denn es handele sich um Sein oder Nichtsein der Stadt oder großer Stadtteile.

Attentat in Wien .

Revolverschüsse auf König 3ogu vor der Staatsoper. Ein Begleiter getötet.

Wien , 20. Februar. König 3ogu von Albanien , der gegenwärtig in Wien zur Erholung weilt, hatte heute mit einigen Herren feines Ge­folges der Aufführung von Bajazzo" in der Wiener Staatsoper beigewohnt. Als er nach Schluß der Aufführung das Operngebäude verließ, feuerten zwei junge Leute, anscheinend Studenten, die dem König vor dem Gebäude aufgelauert hatten, mehrere Schüsse gegen den König Jogu ab.

König Jogu blieb unverlegt, dagegen wurde einer feiner Begleiter durch einen Schuß getötet.

Die beiden Attentäter wurden verhaftet. Die Polizei hat noch feine Angaben über Namen und Nationalität der Täter ge­macht. Das in Wien verbreitete Gerücht, daß Kammerjänger Rode, der den Tonio im ,, Baja330" gespielt hatte, durch einen Schuß der Attentäter schwer verletzt worden sei, ist unrichtig.

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Einem eigenen Bericht aus Wien zufolge soll der getötete Be­gleiter der Hofmarschall" des Königs 3ogu sein, ein zweiter Begleiter soll schwer verletzt sein. Die Zahl der Attentäter wird in unserer Meldung mit drei angegeben.

In Wien lebt der durch Zogu im Dezember 1924 verdrängte frühere Herrscher Albaniens Fan Noli , der noch immer über einen starten Anhang verfügt, während Zogu sich vor allem durch die Gunst Italiens , dessen Werkzeug er ist, am Ruder hält.

Todesstrafe für Beruntreuungen. Der Rat der Volkskommissare der Sowjetunion hat eine Verordnung erlassen, in der allen Kassierern, Buchhaltern und den für die ordnungsmäßige Durdy führung der Kaffenführung verantwortlichen Personen wegen Unter­schlagungen und Beruntreuungen die Todesstrafe angedroht wird. Die Verordnung tritt sofort in Kreft. Die Beruntreuungen haben dem russischen Staat im legten Jahre über 11 Millionen Rubel ge­

Loftet.

Vierzehn und ein Diftator!

Merkwürdige Vorgänge in der Staatspartei.

Bei der Reichstagsfraktion der Staatspartei gehen mert­würdige Dinge vor. Ganz unerwartet und in striktem Wider­spruch mit ihrer bisherigen wirtschaftspolitischen Haltung hat die Staatspartei im Reichstag agrarpolitische An­träge geſtellt, die nicht nur in den bürgerlichen Lagern Deutschlands helles Erstaunen hervorgerufen haben, sondern auch im Ausland als gefährliches Symptom der gesamten bis­herigen deutschen Wirtschaftspolitik angesehen werden können. Die demokratischen Anträge verlangen die sofortige Wieder­infraftsetzung der Einfuhrscheine für Rindvieh und Rindfleisch, verlangen ferner, zur Revision der Zölle für Butter und Schweine und Schweinefleisch, Schafe und Schaffleisch. Sie Molkereierzeugnisse, für Eier, Geflügel, Obst und Gemüse Ver­handlungen mit den in Frage kommenden Ländern, wobei das Biel selbstverständlich die Erhung der Zölle ist. Ferner sollen die Zölle für Schweine und Schweinefleisch so gestaltet, also auch erhöht werden, damit jeder Schweineeinfuhr nach Deutsch­ land vorgebeugt wird. Gegenüber diesen ausgesprochenen protektionistischen Forderungen spielt das Feigenblatt der übrigen Anträge zur Förderung der Selbst­hilfe in der Landwirtschaft, die Reichsregierung zur An­wendung der Bestimmungen des Reichsmilchgesezes im ganzen Reich zu ermächtigen, und einige früher auch vom Reichs­ verband der deutschen Industrie gemachte Staatshilfevorschläge zur Verbesserung der Milchwirtschaft durchzuführen, kaum eine Rolle. Der Antrag ist unterzeichnet von 15 Mitgliedern der Staatsparteien, darunter natürlich auch von dem staatspartei­lichen Landwirt Hillebrand- Schlesien und Dr. Stolper.

Es ist bekannt, daß das Reichstabinett in dieser Woche über die Agrarforderungen des Reichsernährungs­ministers nicht zu einer Einigung gekommen ist. Das dem Rabinett vorliegende Programm ist bisher auch der Deffent­lichkeit in seinen Einzelheiten nicht mitgeteilt worden. Es ist fterium in einer Denkschrift die allerschwersten Bedenken aber ebenso bekannt, daß das Reichswirtschafts mini­gebracht, daß eine Reihe von Staaten in den letzten Wochen gegen die dem Kabinett vorliegenden Anträge zum Ausdruck gegen mögliche Zollerhöhungen bereits Einspruch erhoben haben und daß mit Sicherheit die wirtschaftlichen Beziehungen zu den wichtigsten Käuferstaaten deutscher Produkte mit der Durchführung des dem Kabinett vorliegenden Agrarprogramms auf das schwerste gefährdet werden. Der Reichsverband der deutschen Industrie hat erst gestern in einer Ent­schließung die für den deutschen Export drohenden Gefahren unter Hinweis darauf, daß vom Export drei Millionen deutsche Arbeiter und Angestellte leben müssen, mit allem Nachdruck unterstrichen. Er hat gesagt, daß eine Verteuerung der Ver­elendungsprodukte auch die inländische Kaufkraft sehr schwer treffen und in ihrer endgültigen Wirkung der Landwirtschaft dauernden großen Schaden zufügen müsse.

fratischen Anträge von den demokratischen Blättern selbst Ganz überraschend aber ist, mit welcher Schärfe die demo­preisgegeben Courier" protestiert mit der Ueberschrift ,, Ein unbegreif­werden. Der Berliner Börsen= licher Antrag"," Handelspolitischer Umfall in der Staats­partei?" Das Berliner Tageblatt" erklärt, daß der Antrag in auffälligem Gegensatz zur Haltung der Partei und speziell zu den Ausführungen des staatsparteilichen Redners gelegentlich der Etatberatungen im Haushaltausschuß steht und daß man in den Anträgen wahrscheinlich die Rücksicht­nahme der Fraktion auf den Bauernvertreter Hillebrand­Schlesien zu sehen habe. Dieser Hinweis ist außerordentlich aufschlußreich, denn Hillebrand- Schlesien gibt der Staatspartei erst die Fraktionsstärke. Einfach undiskutabel" werden die 3ollwünsche des staatsparteilichen Antrags genannt. Geradezu klassisch aber ist die Verurteilung, die der staatspartei­liche Abgeordnete Dr. Stolper an dem gleichen Tage, an dem die Anträge gestellt worden sind, in seiner Zeitschrift ,, Der deutsche Volkswirt" diesen Anträgen angedeihen läßt. Dr. Stolper schreibt:.

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,, Die Erweiterung des Einfuhrscheinsystems, die Zollerhöhungen für Hülsenfrüchte, die Zollermächtigungen für die landwirtschaft­lichen Veredelungsprodukte worunter wohl vor allem die Ver­doppelung des Futtterzolls zu verstehen ist läßt sich nicht mehr vertreten, da so das deutsche Preisniveau allzuweit vom Niveau des Weltmarktes entfernt und die sozialen Schwierigkeiten allzusehr verschärft würden. Wenn der Kleinhandelspreis für Butter durch den Zoll um weitere 25 Pf. pro Pfund verteuert wird, so mag der Betrag unerheblich erscheinen. Aber für einen Arbeitslosen mit Kindern, der 20 Reichsmart in der Woche als Unterstützung be