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Morgenausgabe

Nr. 103

A 52

48.Jahrgang

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Vorwärts

Berliner Boltsblatt

Dienstag

3. März 1931 Groß- Berlin 10 Pf.

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Die einspalt. Nonpareillezeile 80 Pf Reflamezeile 5,- RM. ,, Kleine An zeigen" das jettgedruckte Wort 25 Pf. ( zulässig zwei fettgedruckte Worte), jedes weitere Bort 12 Pf. Rabatt It. Tarif. Stellengesuche das erste Wort 15 Pf., jedes weitere Wort 10 Pf. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Borte. Arbeitsmarkt Beile 60 Pf. Familien anzeigen Zeile 40 Pf. Anzeigenannahme im Hauptgeschäft Lindenstraße 3, wochen­täglich von 81/2 bis 17 Uhr. Der Berlag behält sich das Recht der Ablehnung nicht genehmer Anzeigen vor!

Bentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

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Gegen Gewalt und Justizmord!

Machtvolle Kundgebung der Berliner Sozialdemokratie.

Grenzen nicht die Bajonette, sondern die roten Fahnen des Sizialis­mus stehen werden.( Stürmischer Beifall.)

Nachdem noch Genosse Reventlow ( Breslau ) die Rede unseres Freundes Nenni übersetzt hatte, spricht Genosse

Abramowitsch- Rußland:

Die gestrige Rundgebung der Berliner Sozialdemokratie| Sozialisten durch sein Buch Todestampf der Freiheit" fennen. In| und wir werden den Tag erblicken, da diesseits und jenseits der im Sportpalast zählt nach dem übereinstimmenden Urteil auch der erfahrensten Genossen zu der eindrucksvollsten, die unsere Partei in der Reichshauptstadt jemals veranstaltet hat. Daß sie wegen Ueberfüllung polizeilich ge­sperrt werden mußte, war feine leberraschung, da die Ein­trittskarten durch die Funktionäre bereits seit mehreren Tagen restlos abgesezt waren. Aber die Kampfes stimmung, die Begeisterung der Massen beim Fahneneinmarsch der Delegationen von Arbeitersportlern und Arbeiterjugend, bei den Reden der drei Referenten, bei den prachtvollen Darbietungen der Arbeiterfänger und endlich bei gemeinsamem Schlußgefang der Internationale, legten ein beredtes Zeugnis ab von dem glänzenden Schmung der gerade jetzt angesichts der faschistischen Drohung bei jung und alt in der Berliner wie in der gesamten deutschen Sozial­demokratie herrscht.

Nenni erblicken wir den Vertreter des von Mussolini gefnechteten und gemarterten italienischen Proletariats. Im Winter 1926 mußte unser Freund über die Berge in die Schweiz fliehen, um das nackte Leben vor blutgierigen Schwarzhemden zu retten. Gerade jetzt, da bei uns Goebbels und Hitler der deutschen Arbeiterbewegung den Garaus machen wollen, fühlen die Berliner Proletarier sich den italienischen Genossen verbunden. Wir sagen Nenni : das deutsche Proletariat ist zum Kampf bereit und wird alle Opfer auf sich nehmen, nicht nur um sich selbst zu schützen, sondern um der Internationale zu dienen. Zu Abramowitsch gewendet, sagte Künstler: In diesen Tagen haben wir internationalen Sozialdemokraten die ernste Pflicht, der schwergeprüften und verfolgten russischen Sozialdemo­fratie Treue und Solidarität zu verkünden. Der Bolschemismus hat unzählige Menschen auf dem Gewissen. Aber ihr russischen Sozial­demokraten, die ihr unter Führung von Dan und Abramowitsch unter uns weilt, mögt euch

nicht als Gäste, sondern als Brüder

Ich danke für die Möglichkeit, die man mir gab, hier von Ihnen über den Moskauer Prozeß zu sprechen und eine verbrecherische Politik zu brandmarken. In dem Augenblick, wo die internationale Arbeiterklasse im Entscheidungsfampf gegen den Faschismus steht, springt der Bolschewismus diesem seinem Ver­bündeten bei. In Moskau fizzen auf der Anklagebank vierzehn gewesene Sozialdemokraten", von denen zwölf 1920 die Partei verlassen und zwei niemals der Partei angehört haben. Man verhaftete fie, man erpreßte Geständnisse, man legte ihnen fertig­geschriebene Geständnisse zur Unterschrift vor! Die Prawda"( Ge­nosse Wels ruft; Die Wahrheit", Genosse A bramowitsch: ,, Ja, leider heißt Prawda" Wahrheit") hat behauptet, daß ich 1928 in Sie nannte den Bahnhof, auf dem ich ankam, den Wagen, mit dem ich fuhr, das Hotel, wo ich die Koffer abstellte, die Reden und die Konferenzen, die ich abhielt. Ich bin seit 1920 nie 480 000 Rubel zur Verfügung gestellt. Verginge einem nicht der in Rußland gewesen. Man schrieb, die deutsche Partei hätte mir Humor bei all dieser Tragit, so möchte ich den Genossen Wels bitten, es nachträglich zu tun. Das sowjetrussische Staatssystem läßt

bei uns fühlen.( Stürmische Zustimmung.) Nach dieser Begrüßungs- Moskau war. ansprache nahm das Wort Genosse

Pietro Nenni- 3talien:

Mögen auch die Worte der italienischen Rede des Ge­nossen Pietro Nenni nur von den wenigsten vor der Uebersehung verstanden worden sein, allein schon die wunder bar flangvolle Sprache hielt die Zuhörer in ihren Bann. Die nachträgliche Verdeutschung gab ihnen ein treffendes Bild von dem Werden des italienischen Faschismus, der sich in seinen Anfängen radikal gebärdete, um Arbeiterstimmen zu fangen, den aber die reaktionäre Bourgeoisie unterſtüßte, weil sie diese Demagogie sehr wohl durchschaute, dafür aber erkannte, daß sich der Faschismus fehr gut als Sturm bod gegen das sozialistische Proletariat benußen läßt. Ganz wie bei uns" hat jeder Berliner Arbeiter sofort empfunden, zugleich aber die mahnende Warnung des Italieners beherzigt, aus den Fehlern der italienischen Sozialisten zu lernen und die Demokratie und den Parla- lichen Gewalt verfügt. In den ersten Jahren nach dem Kriege erlebte mentarismus als Rampfinittel nicht zu unterschätzen.

Die bolichemistische Form der Diktatur wurde sodann durch die Rede des russischen Genossen Abramo witsch nicht weniger verurteilt als die faschistische in der Rede des Genossen Nenni . Helle Empörung, manchmal auch zorniges Gelächter löste die Aufdeckung der Sowjetlügen über die Menschewifi bei dem neuen schwindelhaften Sabo­tage- Prozeß, sowie die Schilderung der infamen Methoden, mit denen jene ,, Geständnisse" erpreßt werden, auf denen dann diese Lügen aufgebaut werden.

Mit Recht fonnte Genoffe Otto Wels feststellen, daß an diesem Abend die faschistische und die bolſchemistische Dif­tatur, die so viel Berührungspunkte haben, gemeinsam auf der Antlagebant des internationalen Proletariats ſtehen. Starken Eindruck und stürmischen Beifall rief seine Erklärung hervor, daß der Vor stand der deutschen Sozialdemokratie durch eidliche Aussagen vor deutschen Gerichten die Lügenhaftig feit der auf sie Bezug nehmenden Stellen der Mostauer Antlagefchrift beweisen und diese Bereitmilligfeit durch das Auswärtige Amt in Mostau offiziell mitteilen lassen werde. Die großindustriellen Geldgeber des deut­ schen Faschismus weilen als Ehrengäste der Sowjet­regierung in Moskau . Mussolini hat als Geldgeber der österreichischen Heimwehrbewegung 2,5 Millionen Lire hergegeben wieviel muß er sich erst die Unterstützung der Goebbels- Bewegung fosten lassen! So brachte unser Partei­varsigender den Massen deutlich zum Bewußtsein, wie sich Faschismus und Bolschewismus gegenseitig unterstützen, um gemeinsam gegen die Sozialdemokratie anzurennen. Aber die Sozialdemokratie ist unerschüttert und un­erschütterlich. Sie marschiert, sie greift jezt an das hat die imposante Kundgebung im Sportpalast überzeugend bewiesen!

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Die Kameraden vom Reichsbanner Schwarz- Rot- Gold umjäumen das weite Rund, unsere Turner und unsere Jugend, stürmisch begrüßt von den Tausenden, die sich von ihren Plätzen erhoben haben, mar­schieren ein mit den roten Bannern der Freiheit. Die Freie Sport­und Musikvereinigung spielt. Unsere trefflichen Arbeiterfänger bringen Sampflieder zu Gehör, von rotem Grunde aus aber mahnt das Bild eines Ermordeten, des Opfers italienischer Faschisten: Gia­ como Matteotti

Der Vorsitzende des Bezirksverbandes Groß- Berlin Franz Künstler

begrüßt die Bersammlung. Er heißt besonders willkommen den Rampfgefährten Matteottis Pietro Renni, den die Berliner

Was ich in Deutschland erlebe, hat mir gezeigt, daß der deutsche Faschismus gegen Jihre Arbeiterschaft nicht ankommen wird. Sie find start genug, um den Feind aller Freiheit und Demokratie ab­zuwehren. Führende Kraft der europäischen Gegenrevolution ist der italienische Faschismus. Er führt den Klassentampf des Be­fißes und will die Arbeiterschaft hindern, sich aus ihrer Unter­brückung zu befreien. Es ist deshalb notwendig, daß man in ganz Europa die Methoden des Faschismus fennenlernt, der bald zehn Jahre Italien beherrscht und über alle Mittel der staat­

Berhöre am laufenden Band

pornehmen, 24 bis 48 Stunden lang. Die Untersuchungsrichter lösen sich ab, der Beschuldigte steht zwischendurch auf dem Korridor und darf sich nicht hinsehen. Monatelang erhält er feine Nachricht, feine Bücher, feinen Besuch, leugnet er, sperrt man ihn in den falten Sterfer, ohne Decke, ohne Matraße( Bfui- Rufe) oder den dunklen Kerker, ohne Licht, ohne Nahrung( erneute Pfui- Rufe). Ge­fälschte Geständnisse legt man ihnen vor. Spitzel setzt man zu ihnen in die Zelle. Man sagt ihnen: Deine Frau, dein kleines Kind ist gestorben.( Anhaltende Bewegung.) Bis der gemarterte Mensch endlich gesteht, was man von ihm verlangt. Sie, Genossen, werden sagen: Emigranten übertreiben! Nein, das ist keine Ueber­treibung, das ist leider bezeugte Wahrheit. Vor einem Jahre sagte ich dem Genossen Künstler, daß in den Konzentrationslagern 166 000 Menschen säßen. Das war nicht ganz richtig. Nach dem Zeugnis eines sowjetfreundlichen Journalisten der New York Times " be­finden sich von 2 Millionen Eingekerkerten

die italienische Sozialdemokratie einen riesigen Aufschwung. Man glaubte an die erlösende Macht des Sozialismus und wollte ihn realisieren. Vielleicht hat man auch in Kreisen der Partei gewisse Dinge wie die russische Revolution romantisch überschätzt und so Fehler begangen. Gleichwohl aber vollbrachte der italienische So­zialismus it arte positive Leistungen. Wir eroberten da­mals den 2 ch t stund entag, die Betriebsräte und den fol­lettiven Arbeitsvertrag. Unsere Lohnkämpfe waren von Erfolg. Die Bartei zählte 200 000 eingetragene Mitglieder, die Ge­werkschaften über zwei Millionen. Wir waren im Barlament mit 156 Mandaten die stärkste Gruppe, in 2000 Kommunen hatten wir die Mehrheit. Unser Genossenschaftswesen hatte tief in die kapita­heute noch 1 million in den Konzentrationslagern. liftische Ordnung eingegriffen. Aber es fehlte uns die flare 3iel Man beschuldigt uns in dem Moskauer Prozeß, Aufstand und Inter­ehung, und die Fabritbesetzung erwies sich als ein Fehler. Jähvention gefördert zu haben. Ausgerechnet unsere Partei hat sich fings erkannte die bedrohte Bourgeoisie, welche Macht ihr gegen- Interventionsgedanten entgegengesetzt. Wir haben jeden Plan überstand, und da erschien ihr als Retter die faschistische Bewegung. Dieser Art verworfen und bekämpft. Wir haben die Es war bei uns genau so, wie in Deutschland jetzt. Unlogischer sozialdemokratische Partei Rußlands mobiliffert, um mit der Sozialismus, der radikaler schien als der wissenschaftlich begründete Roten Armee gegen die weiße Intervention au Nationalismus mischten sich ineinander. Für das Dhr des Unge- um ohne Konterrevolution die Demofratie zu verwirklichen. Die Margismus, revolutionäres Phrasentum und angriffsluftiger fämpfen. Der Sozialismus hat Rußland die Hand entgegengestredt, schulten war Mussolini am wirkungsvollsten, weil er der lauteste Antwort ist dieser Fauftschlag des Moskauer Prozesses. Leider muß Schreier war.

Die Bourgeoisie aber nahm die Phrafen nicht ernst, genau fo wenig wie eure Kohlenherren an der Ruhr die antikapitalistischen

Deflamationen Hitlers für bare Münze nehmen. Das fapitalistische Bürgertum wußte, daß Mussolini der Träger ihres Klaffenbewußtseins fein würde. Liberaler als die Liberalen, repu blikanischer als die Republikaner , sozialistischer als die Sozialisten und nur die altgewordenen Nachläufer von Karl Marg" beschimpfend,

das war Mussolini vor der Machtergreifung. Und so sammelte er denn Bürgersöhnchen und junge Bauern, De­Und so sammelte er denn Bürgersöhnchen und junge Bauern, De­lassierte und Abenteurer, Landsknechte des zwanzigsten Jahrhunderts, die unter der Fahne des Nationalismus Weißgardisten des Rapitalismus wurden. Als dann der König sich für den um it ur 3 entschied und Mussolini im Staatswagen von Mailand nach Rom fuhr, hatte die Gewalt gesiegt.

Heute halten 300 000 Mann faschistischer Miliz Wacht am Grabe der italienischen Freiheit.

Die Gegner find vogelfrei und der faschistischen Tscheta preisgegeben. Der Faschismus hat wie ein Heer fremder Eroberer sein Lager in Italien aufgeschlagen. Rorruption und Entrechtung, Schieberherrschaft und bitterste Not der Arbeitet herrschen. Es ist notwendig, daß die Arbeiterklasse der ganzen Welt die Fahne der Freiheit und Demokratie in sozialistischem Geiste hochhält und die demokratische Selbstverwaltung verwirklicht. Gerade bei Ihnen, deutsche Genossen, habe ich die Gewißheit, Freiheit und Recht werden Sieger bleiben. Wir werden den Faschismus überall zerschlagen,

ich es sagen:

Der alte Zarismus war nicht so schlimm als der kommunistische 3arismus. Wir wurden verfolgt, in die Gefängnisse gesetzt und mit Hinrichtung bedroht. Aber man hat uns nicht verleumdet. Sie wissen, was Berleumdung iſt. Ebert hat es erfahren. Die Schrift Gefesselte Justiz" beweist es, und der Umstand zeugt dafür, daß deutsche Sozial­demokraten auf die Schreibereien eines französischen Spions hin niedrigster Handlungen beschuldigt werden. Die fommunistische In­quisition will uns moralisch und physisch vernichten. Aber es gibt ein höheres Gericht als das Oberste Gericht der Sowjet­republik. Das ist das Gericht des internationalen Proletariats. Hier gewinnen wir den Prozeß, wenn auch die vierzehn armen Menschen in Moskau verurteilt werden. Das internationale Proletariat tapi­tuliert nicht vor einer ehrlosen Diktatur und weiß, daß Menschlichkeit triumphieren und das Ziel der Befreiung trotz aller Widerstände erreicht wird."( Stürmischer Beifall.)

Sodann nimmt das Wort der Vorsitzende der deutschen Sozial­demokratie

Otto Wels .

Wir alle sind aufs tiefste erschüttert durch das, was Nenni und Abramowitsch uns berichteten. Unsere Ohren wurden weit und unsere Augen hell. Gleichen sich nicht Faschismus und Nationalsozialismus? Ja, man stellt Forderungen sozialen Inhalts auf, um sie nachher preiszugeben und die Arbeiterschaft zu verraten. Faschismus und Bolschewismus werfen die Arbeiterschaft zurück. Diese Versammlung ist mehr als eine Rundgebung. Hier ist ein Forum der