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Die letzte Versammlung.

Hermann Müller in Herzogenaurach , 28. Februar 1931.

Von M. Poeschke, Erlangen .

Die Rastenburger Kopfjäger

Hermann Müller war am 27. Februar nachmittags in Bersicherungsmörder Saffran bittet die Frau des Ermordeten um Verzeihung

Nürnberg angekommen. Er begab sich in die Sigung des Bezirksvor­standes der Fränkischen Parteiorganisation, um mit ihm die schweben­den politischen Fragen zu erörtern. Am gleichen Abend sprach er noch in dem Industriestädtchen Zirndorf bei Fürth . Für den 28. Februar war eine zweite Bersammlung in Herzogenaurach bei Erlangen festgesetzt. Sie wurde die letzte, in der er sprach.

Noch am Vormittag redeten wir ihm zu, sich doch Beschränkun­gen in der Parteiarbeit aufzuerlegen. Mit der Durchficht eines Bündels Zeitungen beschäftigt, meinte er: Solange man schnaufen fann, muß man kämpfen."

Tauwetter hatte die Straße überschwemmt, die wir am Abend zur Fahrt nach Herzogenaurach benüßen mußten. In einem Miet­wagen fuhren Hermann Müller , der Nürnberger Parteisekretär und ich auf schlechten Wegen zum Versammlungsort. Es ging über Schlaglöcher, durch Wasserpfützen und Straßenschlamm. Wir hatten Eorge, denn wir wußten, daß diese Fahrt einem Mann mit einem schweren Gallenleiden nicht zuträglich sein konnte. Hermann Müller selbst blieb unverdrossen. In der Wagenede sigend, war er nur darauf bedacht, nicht mit dem Kopf an die Wagendecke zu stoßen. Massen waren erschienen; sie begrüßten mit stürmischem Bei­fell den Führer. Seif Jahren sind die Herzogenauracher Arbeiter in der Schuhindustrie beschäftigt gewesen, nun sind sie erwerbslos oder Kurzarbeiter. Die Not in dem 4000 Einwohner zählenden Städtchen ist groß.

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Hermann Müller setzte auseinander, daß wir Sozialdemokraten, der durch die Septemberwahlen neu geschaffenen politischen Situation Rechnung zu tragen haben, wenn uns überhaupt daran gelegen ist, die Demokratie, die Republik zu retten. Wir haben zu überlegen, was angesichts der furchtbaren Wirtschafts­frise zu tun ist. Maßgebend für unser Wirken muß der Wille sein, stabile Verhältnisse in Politik und Wirtschaft zu schaffen, weil jede Unruhe weiteren Wirtschaftsschaden bringt. Hermann Müller kam dann was er sonst eigentlich in Ver­Sammlungen nur selten tat auf den Unterzeichnungsaft von Versailles zu sprechen. Mit sichtbarer innerer Erregung setzte er die Gründe auseinander, die ihn veranlaßt hatten, den schweren Gang nach Versailles zu tun, um das Friedensdiktat zu unterzeichnen. Es war für uns wahrlich keine Vergnügungstour nach Bersailles zu fahren, um das Friedensdiktat zu unterschreiben," fagte er ,,, worauf es damals aber antam, war die Einheit Deutschlands zu retten. In jener Zeit sind auch in Weimar die Frauen unserer noch gefangen gehaltenen Goldaten zu uns ge­tommen und haben uns beschworen, fest zu bleiben und nach Bersailles zu fahren, damit die Männer befreit werden. Nicht nur die Blockade wurde durch die Unterzeichnung beseitigt, sondern auch die Gefangenen tehrten heim." Was ich damals getan habe," so rief Hermann Müller ,,, habe ich fraft Mandats der vom Bolt gewählten Nationalversammlung getan." Er wandte sich gegen seine nationalsozialistischen Kritifer und sagte: Wahrhaft national ist und handelt derjenige, der alle Kräfte seiner Nation zur Besserung der Verhältnisse zusammenfaßt." Ein Kommunist leierte in der Diskussion die bekannten Redens­

arten her. Hermann Müller antwortete:

hat

Solange die Kommunisten und Nationalsozialisten sich be­mühen, die Arbeiterschaft durcheinander zu bringen, solange wirft das wie eine Lebensversicherung für den Kapitalismus. Karl Mar uns verkündet: Proletarier aller Länder vereinigt euch", aber nicht ,,, schlagt euch gegenseitig die Schädel ein". Die Sozialdemokratie ist da, um den politischen Kampf zurückzuführen auf die Ebene geistiger Auseinandersetzungen. Sie hat unter den zwölfjährigen Bedrückungen des Sozialistengesezes, unter der Führung von Bebel, den Boden der Gefeßlichkeit nicht verlassen. Wir haben uns in jener Zeit auf unsere guten geistigen Waffen verlassen. Auch jetzt lassen wir uns in dem Willen, dem arbeitenden Volk zu dienen, micht durch die 3ersplitterungsarbeit der Kommunisten hindern. Wir setzen unseren Vormarsch fort, ohne dabei mit dem Rüstzeug der Barbaren zu fämpfen."

Das war Hermann Müllers Abschied von seinen fränkischen Wählern. Eine glänzend verlaufene Versammlung. Keiner von uns ahnte, daß es seine letzte gewesen sein sollte!

Hat die Volkspartei genug?

Sie erklärt die Hafenkreuzler für foalitionsunfähig.

Weimar , 24. März.( Eigenbericht.) Bon volksparteilicher Seite wird mitgeteilt, daß die Abgeordneten diejer Partei im Thüringischen Landtag für die sozialdemokratischen Mißtrauensvoten gegen Frid und den Nationalsozialisten Marschler stimmen werden. Die Regierungsherrlichkeit der Nazis in Thüringen dürfte also aller Wahrscheinlichkeit nach bald besiegelt sein.

Die ganze Hoffnungslosigkeit..

Die Nationalliberale Korrespondenz" schreibt:

"

Die grundsäßlich antiparlamentarische Hal tung der NSDAP . läßtim Grunde eine Regierungs­beteiligung gar nicht zu. Wenn es troßdem möglich war. in Thüringen dieses Experiment bereits über ein Jahr durchzuführen, so ist das der außerordentlichen Loyalität der übrigen Regierungs­parteien zu verdanken, die sich von der Hoffnung haben leiten lassen, daß sich die Nationalsozialisten in der Verantwortung allmählich ab= schleifen würden. Heute muß man freilich feststellen, daß die National­sozialisten die Loyalität der anderen Regierungsparteien dauernd miß­braucht haben, daß sie eine Krise nach der anderen heraufbeschworen haben, so daß am Ende die Erkenntnis steht, wie sie Abg. Dr. Geier formuliert hat: daß in Zukunft schwerlich eine Partei mit der NSDAP . arbeiten könne.

Das ist der tiefere Kern dieser Krise: im Berlauf einer mehr als einjährigen Regierungsbeteiligung haben die Nationalsozialisten be­wiesen, daß sie eine antiparlamentarische Partei ge= blieben sind, daß sie sich nicht einmal zu dem ersten Erfordernis parlamentarischer und foalitionsmäßiger Zusammenarbeit durch. gefunden haben: der Fähigkeit, eine andere Ansicht gelten zu lassen. ,, Bir allein dienen dem Wohle des Landes, alle anderen sind Landes­verräter." Das sind nicht nur Worte, das ist eine Geistes­haltung, die sich in jeder Handbewegung auswirkt. Und in dieser Erkenntnis liegt die ganze Hoffnungslosigkeit einer weiteren Zusammenarbeit in Thüringen ."

Londoner Verkehrsgesellschaft beschlossen. Die vom Verkehrs. minister Morrison eingebrachte Londoner Verkehrsbill, die eine Ber­schmelzung der Londoner Untergrundbahnen, Autobus und Straßen. schmelzung der Londoner Untergrundbahnen, Autobus und Straßen bahngesellschaften zu einer einzigen Berkehrsgesellschaft vorfieht, murde vom Unterhaus mit 271 gegen 224 Stimmen angenommen. Der Gesezentwurf ist von den Konservativen als ein ausgesprochen fozialistischer Plan lebhaft angegriffen worden.

Bartenstein , 24. 2ärz.

Der heutige zweite Tag der Berhandlung begann mit dem Auf­marich der Zeugen, die im Laufe des Tages vernommen werden follen. Besonders interessierten diejenigen Personen, die von den als ,, Raffenburger Kopfjäger" bekannten Angeklagten überfallen worden find. Es haben sich nämlich bei der Staatsanwaltschaft im Laufe der letzten Wochen ungefähr noch 10 oder 15 Personen gemeldet, die von Saffran und Kipnik auf ihren nächtlichen Autofahrten angefallen fein wollen. Heute morgen wurde vor allen Dingen der Hilfsmonteur Friedrifcik aus Nikolaiten ver­nommen, der um ein Haar den drei Angeklagten zum Opfer gefallen wäre. Nach ihm wird Frau Elifabeth Seth und ihr Ehe­mann aus Röffel und der Poftfchaffner Gustav Grintsch aus mann aus Röffel und der Poffschaffner Gustav Grintsch aus Röffel vernommen werden, von denen feststeht, daß fie wirklich von Saffran und Kipnit tätlich angegriffen worden sind.

die ihren Mann erst sechs Monate vor seiner Ermordung geheiratet hatte. Beim Eintritt der Witwe, die in tiefer Trauer erschien, brac die Angeklagte Augustin in Tränen aus, während der Angeklagte Saffran zu Boden sah und der dritte Angeklagte Ripnik sich derartig zu sehen bemühte, daß er die junge, schwarz gefleidete Frau nicht anzusehen brauchte. Frau Dahl schildert in tiefer Bewegung, daß ihr Mann, mit dem sie in Königsberg wohnte, stellungslos ge mesen sei und am 11. September ein Inserat gelesen habe, daß in Lögen eine landwirtschaftliche Stellung frei sei. Daraufhin habe ihr Mann beschlossen, mit seinem Fahrrad dorthin zu fahren und sich vorzustellen. Am 12. September sei Dahl dann mit dem Fahrrad der Zeugin, einer Damenmaschine, losgefahren. Er hatte eine braune, fast neue Aktentasche bei sich, in der sich Lebensmittel befanden. Nach der Verabredung der Eheleute sollte Dahl in Lözen übernachten und am nächsten Tag zu seiner Frau nach Königsberg zurückkehren. Dahl kam von dieser Fahrt nie wieder.

Bei Eröffnung der Verhandlung erhob sich R.-A. Bötticher, der Anwalt der Angeklagten Augustin, und gab folgende Erklärung ab: Die Angeflagte Augustin macht mir die Mitteilung, daß der An- Die junge Frau stellte mit Hilfe der Polizei alle möglichen Nach­geflagte Kipnit gestern in der großen Pause versucht hat, fie forschungen an, aber erst als man das Damenfahrrad im Walde bei wiederum zu beeinflussen. In einem unbewachten Augenblick habe Queben sand, ergab sich der erste Fingerzeit, daß der Melter einem Kipnit sich zu ihr herübergebeugt und ihr zugeflüstert: Verbrechen zum Opfer gefallen war. Der Vorsitzende läßt durch einen Justizwachtmeister dann auf dem Gerichtstisch die Re steder Kleidungsstücke ausbreiten, die man bei der Leiche in dem Die Sachen Speicher des Saffranschen Geschäfts gefunden hat. strömen noch heute einen intensiven Brandgeruch aus. Frau Dahl be­trachtet sich alle diese Stücke sehr eingehend und sagt: Ich kennedie Sachen als die meines Mannes wieder. Das hier war seine Jade. Unter tiefem Schluchzen erklärt sie: Dieses Hemd war sein Hochzeitshemd, das er an dem Tag, als er mich verließ, angehabt hat.

Ella, rette mich, dann rette ich Dich auch!" ( Große Bewegung.) Der Angeklagte Kip nit. der bei dieser Mit­teilung sehr blaß geworden war und längere Zeit brauchte, ehe er sprechen konnte, bestritt energisch, sich derart geäußert zu haben. Dann wurde der 29jährige Hilfsmonteur Baul Friedriscit aus Nikolaiten aufgerufen, ein mittelgroßer, schlanker Mann, der in sehr flarer und präziser Weise seine Angaben über den Ueberfall macht, der an ihm in der Nacht vom 15. Juni 1930 am Ausgang der Stadt Sensburg verübt worden ist. Ich stand zwischen 12 und und 1 Uhr am Ende der Stadt in der Nähe des Landgerichts, wo weit und breit fein Haus ist. Plöglich kam ein Wagen, hielt bei mir an und der Angeklagte Kipnit stieg aus. Er bot mir eine Zigarette an und fragte, wo denn der Weg nach Sorkitten gehe und lud mich schließlich ein, mitzufahren und den Weg zu zeigen. Ich stieg in das Auto, einen Adlerwagen, und Kipnit fragte mich in aufdringlicher Weise aus, wer ich sei, wo ich wohne usw. Ich bekam es nun mit der Angst zu tun und in dem Dorf Sortitten bat ich Saffran, zu halten, da ich aussteigen wollte. Saffran bremste, ich öffnete die halten, da ich aussteigen wollte. Tür des Wagens und in diesem Augenblick bekam ich von hinten einen Schlag über den Kopf, daß das Blut meinen ganzen Anzug bis zu den Stiefeln bespritzte. Ich war eine Sefunde besinnungslos, raffte mich dann aber auf und stürzte aus dem Wagen, da mein Berdacht sich so bestätigt hatte. Als ich raus wollte, hielt Saffran mich an der Jade fest und versuchte, mich wieder in den Wagen hineinzuziehen. Ich riß mich mit aller Kraft los, so daß ein Teil meiner Joppe in Saffrans Hand blieb, und in diesem Augenblick bekam ich wiederum zwei Schläge auf den Hinter­topf. Mit legter Kraft stürzte ich auf die Straße, schrie laut um Hilfe und brach nach etwa fünf Schritten zusammen. Das letzte, was ich hörte, war ein Ausruf von Saffran: halt ihn doch fest!" Ich sah noch, wie Kipnit bei meinen Hilferufen in den Wagen sprang und schrie: Los doch, los!" Dann vergingen mir täubung. Nachdem ich zu einem Arzt gegangen war, lief ich noch die Sinne und ich erwachte erst nach geraumer Zeit aus der Be­mals zu der Ueberfallstelle, und dort fand ich ein Zigarettenetui und einen Herrenhut am Boden liegen, der offenbar Kipnit gehörte. R.-A. Dr. Pröll: Sie haben doch öfter in Rastenburg zu tun gehabt, haben Sie da nicht die Leute wiedererkannt, die Sie überfallen hatten?" 3euge: Ich habe Kipnit wiedererkannt, da er aber in Raffenburg einen glänzenden Ruf hatte, glaubte ich an eine Sinnestäuschung und getraute mich nicht, gegen ihn vorzugehen. Saffran hatte ich wohl erkannt, war meiner Sache aber nicht ganz sicher. Fräulein Augustin, die hinten im Wagen saß, fonnte ich nicht erkennen, da sie eine Decke vor das Geficht gezogen hatte. Saffran( aufftehend und weinend): Herr Friedriscit, ich bin in dieser Nacht wohl mit bösen Gedanken durch das Land gefahren, aber ich wollte nicht, daß Ihnen etwas passieren sollte. Ich bitte Sie hiermit um Verzeihung für das, was Ihnen angetan worden ist.

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Die Frau des Ermordeten.

Nach Vernehmung einiger weiterer Zeugen, die ebenfalls von dem Angeklagten überfallen worden sind, wurde unter allgemeiner Spannung die Ehefrau des ermordeten Melters Dahl aufgerufen, Frau Anna Dahl aus Königsberg , eine 24jährige Frau,

Der vierspaltige Dr. Goebbels .

Die Bilanz einer Woche.

Daß der Berliner Bizekönig der NSDAP. , Herr Dr. Josef Goebbels , Prätendent auf den Thron Hitlers , kein Mann der Bescheidenheit, Zurückhaltung und unaufdringlichkeit ist, dürfte be­fannt sein. Wie groß seine geradezu pfychopathische Eitelteit aber ist, erhellt aus einer kurzen Aufstellung, die auf einer Durchsicht der legten sieben Nummern des von Herrn Goebbels herausgegebenen Angriff" beruht.

In diesen Nummern erscheint die Person des Herrn Dr. Goebbels wie folgt: Nr. 59, 21. März. Vierspaltiger Hauptbalten: Gummifnüppel­Leitartikel Dr. G. Bloch 1. Seite: überfall auf Dr. Goebbels . Dreispaltig: Dr. Goebbels von der Heute spricht Dr. Goebbels . Polizei niedergeschlagen. Nr. 58, 20. März. Bierspaltiger Hauptbalken: Dr. Goebbels aber nur vor fünf Männern. Leitartikel Dr. G. darf sprechen Nr. 57, 19. März. Block 1. Seite: Dr. Goebbels spricht. Leit­

artikel Dr. G.

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Nr. 56, 18. März. Zweispaltig: Briefwechsel mit dem Polizei­präsidium. Nr. 55, 17. März. Leitartikel Dr. G. Blod 1. Seite: Dr. Goebbels spricht.

Nr. 54, 16. März. Vierspaltiger Hauptballen: Bolizeiliches Redeverbot gegen Dr. Goebbels . Block 1. Seite: Dr. Goebbels spricht. Leitartikel: Dr. G.

Nr. 53, 14. März. Vierspaltiger Hauptbalten: Attentat auf Gr. Goebbels . Leitartikel: Dr. G. Vierspaltig: Wie das Attentat auf Dr. Goebbels ausgeführt werden sollte.

Bilanz von sieben hintereinanderlaufenden Nummern: Bier Dierspaltige Hauptbalfen auf der 1. Seite mit Dr. Goebbels , sechs ge zeichnete Leitartitel Dr. G., ein vierspaltiger, ein breispaltiger, ein zweispaltiger Balfen innerhalb des Blattes über Dr. Goebbels , vier Blodankündigungen auf der 1. Seite Dr. Goebbels spricht", in Summa: 17mal Goebbels in einer Woche!

Damit war die Vernehmung der Zeugin beendet. In dem Augenblid, als sie den Saal verlassen will, bittet Rechtsanwalt Dr. Pröll den Vorsitzenden, dem Angeklagten Saffran das Wort zu einer Erklärung zu gestatten. Saffran erhebt sich und erklärt meinend und schluchzend, so daß man kaum die einzelnen Worte verstehen fann: olgendes:

" Frau Dahl, ich bin mitfchuldig. Ich habe mit Schuld an dem Tode Ihres amen Mannes. Ich bitte Jch flehe Sie an, verzeihen Sie mir das, was wir getan haben, und wenn Sie mir heute noch nicht Ihre Berzeihung gewähren können, dann fun Sie es später. Niemand fann mir nachfühlen, was ich seit dieser Zeit lelde. Jch flehe Sie an, verzeihen Sie mir." Während dieser Erklärung, die der Angeklagte mit erstidter Stimme macht, wird seine Mitangeklagte August in von einem Bein­trampf gejdjüttelt, während Kipnit den Kopf tief fenkt und zu Boden sieht. Frau Dahl, die sich vor Schluchzen an dem Gerichts­tisch festhalten muß, schüttelt bei der Bitte Saffrans, ihm zu ver­zeihen, nur leise den Kopf, ohne ein Wort sagen zu fönnen. Nach dem Saffran, das Taschentuch vor den Augen, sich wieder gesetzt hat, erhebt sich ipnit und erklärt stockend, aber ohne zu meinen oder sonst eine tiefere Erregung zu zeigen, folgendes: Ich bitte Sie ebenfalls um Berzeihung, Frau Dahl. Ich kann es heute noch nicht ist mir heute unverständlich, wenn ich an meine arme Frau und an begreifen, daß ich meine Hand zu dieser Tat mitgeboten habe. Es meinen Jungen dente und mir überlege, wie die wohl empfinden würden, wenn es ihnen so gegangen wäre." Darauf setzt sich Rip­sicht, das er während der ganzen Berhandlung bisher gehabt hat. nit wieder auf seinen Blag und zeigt das unberührte, steinerne Ge­

Diese Aeußerungen der beiden Angeklagten haben im Gaal Beugenbant schluchzen die Frauen und selbst die Männer sind von tiefe Erregung hervorgerufen. Im Zuhörerraum und auf der dieser Szene start ergriffen worden. Mitten in diese Rührung hin­ein erhebt sich der Oberstaatsanwalt und erklärt mit schneidender Stimme: Herr Vorsitzender, ich bitte, den beiden Angeklagten vor­zuhalten, daß einer von ihnen trotz der rührenden Erklärungen hier eben Theater gespielt hat". R.-A. Dr. Pröll( aufspringend): Herr Staatsanwalt, der Angeklagte Saffran hat bestimmt tein Theater gespielt. Er hat bei seiner Erklärung durchaus die Frage offengelassen, ob er sich als Täter oder als Mittäter gefühlt hat. Jedenfalls fann von einem Theater hier teine Rede sein. Ober­staatsanwalt: Wer Reue hat, der legt ein offenes Geständnis ab." Bori: ,, Angeklagter Kipnit, Sie haben die Worte des Herrn Oberstaatsanwalts gehört. Haben Sie uns etwas zu sagen?" Kip­nit( mit fefter Stimme): Ich bleibe bei meinen bisherigen Erklä rungen".

Goebbels fennt das alte Scherzwort: Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter tommt man ohne ihr! Doch erinnert der fleine Josef nicht an den Knaben, der allzuviel Torte mit Schlagsahne futtert und sich den Magen verdirbt? Wie sehr aber wird sich erst S. M. Adolf I. über den Berliner Trommler freuen, der nicht für IHN, sondern für sich selbst die Bauke schlägt!

Die Lage der Reichsfinanzen.

Eine Erflärung der Reichsregierung.

Die in einem Berliner Vormittagsblatt von heute enthaltene Meldung über ein neues Milliardendefizit des Reiches und den Plan einer Spardiktatur entspricht in teiner Weise ten Tatsachen. Vom Reichskanzler sind Erklärungen der behaupteten Form nicht abgegeben. Insbesondere sind von feiner Stelle die Steuerausfälle des Reiches im Jahre 1931 auf mehr als 600 Mil­lionen gegenüber den Schätzungen des Reichsfinanzministers be 3iffert worden.

Im Haushaltsausschuß hat der Reichsfinanzminister lediglich auf die Gefahrenquellen hingewiesen, die auf der Einnahmeseite vorliegen, deren Höhe aber von der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland abhängt. Richtig ist an der Meldung nur, daß die Re­gierung entschlossen ist, etwaige Fehlbeträge 1931 durch Ersparniffe im Etat zu beden. Eine Ermächtigung hierzu wird ihr in dem Haushaltsgesetz erteilt werden.

Bom Stadtbahnzug zerstückelt.

Auf den Stadtbahngleisen turz hinter der Station Wannsee machten Bahnbeamte heute früh einen grausigen Fund. Im Kilo­meter 20 lag die schwer verstümmelte Leiche einer Frau, der Kopf war vom Rumpf getrennt. Wie die polizeilichen Ermitte­lungen ergeben haben, hat sich die Frau, eine 29jährige Giesela Rehler aus der Sudetenstraße 33 in Nikolassee , wahrscheinlich schon in den Abendstunden vor die Räder eines Zuges geworfen.