ZKarl Wlöller: ffiei der„Iflew york Firnes"
Wisftn Sie, was ein„counterman" ist? Sicher nicht. Aber die„New Jork Times" kennen Sie, es ist die NngeseheNste und bedeutendste Zeitung in New Vörk, und der„couniermsn" steht im Keller des riesigen Verwaltungsgebäudes am Büfett des kleinen, rauchigen LuNchrooms für die Arbeiter und gibt Kaffes und Speisen aus. Ich hatte mir bei meiner Ankunft in Manhattan als armer,
dafür gerne Ihre hohen Beiträge. Aber sonst dreht sich ihr Interesse viel mehr Um das eigene Häuschen, die Weeksndfahrt mit dem kleinen Ford-Auto des Mittelständlers und um die Frage, wer im letzten Boxkampf gesiegt hat. Viel weiter geht ihr geistiger Horizont außer den beruflichen Kenntnissen nicht. Die Ansichten, die dort über Deutschland und Europa vorhanden waren, hätte auch ein Austral- neger haben können. Die Aussichten Schmelings und die Einzelheiten
verlumpter TräMp nicht träumen iassen, einst in die vielstöckigen.! des Zeppelinfluges waen so ziemlich das einzige, worüber sie Bescheid
Paläste um den Times Square blicken zu dürfen. Hier, wo Broad way und siebente Avenue sich schneiden, der größte, unterirdische Bahnhof der Welt täglich Hunderttausende verschluckt, jeder Quadrat- m.eter Boden Millionen von Dollars wert ist, und wo die eleganten Theater, Nachtklubs und Hotels stehen, da ist eigentlich nur Platz für solide Geschäftsleute, Nachtbummler, Alkoholschmugglcr und Berufsspieler. Aber dann war ich doch in den Marmorbau der 42. Straße gekommen: Mit den letzten paar lumpigen Dollars hatte ich wie so viele Arbeitslose in der schlimmsten Bedrängnis zu? den gewerblichen Stellenagenturen in der sechsten Avenue Zuflucht ge- nommen. Immer wieder rannte ich die bröckeligen Häuserfronten entlang und betrachtete die wenigen Schilder, die eine offene Arbeits- stelle angabem Immer wieder hieß es: Gcschirrputzer, Autowäschcr, Pförtner. 12 bis 14 Stunden Arbeitszeit und 16 bis IS Dollar Lohn die Woche Und selbst diese Gelegenheiten waren ain Morgen schnell vergriffen, wenn sich der Stroni der Heimat- und Schutzlosen: Neger, frisch Eingewanderte und ein paar verkommene Amerikaner durch die schmutzig' Straße wälzte. Zufällig las ich dann eines Nachmittags:„Counterman von großem Berlagsunternchman gesucht für Kantine. Neun Stunden ruhige.Nachtarbeit, 22 Dollar die Woche. Nur für gut englisch sprechenden, gesunden, weihen Mann." Ich bildete mir alle diese Eigenschaften ein, bezahlte deNi knurrenden Polen die hohe Vermittlungsgebühr und stellte mich bei dem Personalchef in der Küchenabteilung vor. Nach Papieren und Zeugnissen wird nicht gefragt, es genügt meine Bestätigung, daß ich schon früher die verlangte Tätigkeit ausgeübt habe. ..Allerdings müssen Sie sich erst vom Hausarzt untersuchen lassen und sich dann in unserer Personalabteilung eintragen. In drei Tagen können Sie dann ansangen", antwortet mir der freund- lich lächelnde Mann auf meine Frage. Der Arzt fand nach den vielen Wochen des freien Umherftreifens in der Prärie keine Bedenken' an meiner Gesundheit, und die süßliche Stenotypistin im obersten Stockwerk des Hochhauses überließ mir nur«inen Riesenfragebogen, den ich auszufüllen hatte, da sämtliche Angestellten der„Times" von der Gesellschaft versichert werden. Außerdem wurde mir noch ein Büchlein übergeben, in dem ein Loblied über die Einrichtungen der Firma gesungen wird, und das die Auforderung enthält, in die oerschtsdenen Sportklub» und Bildung?- kreise einzutreten. Mir waren all diese Umstände ärgerlich, ich hätte lieber gleich angefangen. Aber die kurze Zeit konnte ich mich auch noch durch- halten, und dann bekam ich ja eine relativ sicher« Stell«, was für Amerika sehr viel wert ist. Und dann begann di« Arbeit. In einem besondiren Raum mit großen Metallspinden ziehen sich alle um, vom schwarzen Liftboy bis'zuiN alten italienischen Küchenchef. Ich schlüpfe in«ine viel zu große, weiße Kochgarrptur und komme In den kleinen Erfrischung?- räum tief unten bei den Setzern und Druckern. Um 9 Uhr abends fange ich an, hole die fertigen Speis«« äus der großen Küche im elften Stockwerk mit dem Aufzug herunter und warte nun zwischen dem dampfenden Büfett, der zischenden Kaffeemaschine und dem leise surrenden elektrischen Eisschrank auf Kundschaft. Gegen 10 Uhr kommen die ersten langsam herangeschlürft, die meisten in Hemd und Hose, manche auch im Overall(Ueberanzug), doch alle sind voller Druckerschwärze: an den Händen, im Gesicht, überall. Milch und Kaffee. Fleisch- oder Wurstbrote werden ver- langt, einige essen auch jetzt schon die selbst im Winter unentbehrliche Eiscrema. Dann, in einer Stunde, kommt der erste große An- stürm. Zunächst wieder die Drucker in großen Scharen, die mit der ersten Ausgabe fertig sind, und wenig später kommen auch schon die Packer, das heißt, die erste Auflage ist bereits unterwegs. Ich kann gar nicht schnell genug Eier und Schinken backen, die Portionen fertige Essen ausgeben und alle möglichen Sonderwünsche erfüllen. Trotzdem wir jetzt zu zweit sind, wartet schon eine lange Reihe, und nicht gerade fromme Anreden prasseln auf uns nieder. Ich war zunächst entsetzt über dieses Benehmen, auch wie sie ihre Portionen kaum gekaut herunterschlucken und wieder raus rennen, später aber habe ich diese Hast und Unruhe verstanden. Alle im Zeitungsbetriebe beschäftigten Berufe sind in Amerika sehr gut organisiert. Selbst die Ungelernten, die Packer, erhalten hohe Spitzen- löhne, und die Drucker und Setzer gar zählen zu den bestbezahlten Arbeiterschichten. Run ist aber die amerikanische Zeitung noch viel stärker aus Aktualität, Sensation und Tempo eingestellt als unsere deutschen Blätter. In jeder der neuen Auflagen, die in kurzen Abständen hintereinander folgen, müssen noch die letzten Nachrichten herein- gebracht werden, und dann muh sie Mit Auto, Expreßzug und Flug- zeug hinaus in die Oeffentlichkelt. Für den hohen Gewerkschaftslohn verlangt der Unternehmer eine entsprochende Arbeitsleistung, und so bleibt meist kaum Zeit zum Esten, viel weniger zum Ausruhen. Oft genug holt« der Vormann feine Leute wieder heraus, wenn sie sich gerade zum Esten hingesetzt hatten. Es wurde dann zwar auch gemurrt, aber dagegen auf- gelehnt hat sich niemand. Am schlimmsten ist es Freitags und Sonn- abends, wenn die riesige Sonntogsausgabe fertig gemacht wird, die oft mehrere hundert Seiten stark ist. Dabei zeigte sich aber auch wieder die Macht der Gewerkschaften: zu den Sondereinstellun- gen am Sonnabend meldeten sich bei der großen Arbeitslosigkeit immer eine Menge Anwärter. Der Vormann wählte daraus bs> liebig, soviel er brauchte. Bevor sie aber anfangen tonnten, mußten sie ihre Gewerkschaftskarte vorzeigen. Außerdem gibt es zum Wochenende Dauerüberstunden. Ich habe viele gesprochen, die dann dreimal hintereinander acht Stunden arbeiteten und dazwischen immer mir irgendwo im Betrieb vier Stunden auf einer Holzbank schliefen. Das war dann ihre ganze Arbeitsleistung für die Woche, denn in der ersten Hälft« werden nur die dauernd Angestellten beschäftigt. Di« Leute waren dann noch besonders stolz auf ihre Leistung und zeigten ihren Scheck, der für die 24 Stunden Arbeitszeit oft bis zu 40 Dollar ausmachte. „Da kannst du lernen, wie man Dollars macht", sagten sie dann zu mir. Gegen diese fast unüberwindliche Einstellung der Arbeiter- schaft wird ein kommender Sozialismus in Amerika am stärksten zu kämpfen haben. Diese durch ihre Gewerkschastezugehörigkett bevorzugten Arbeiter sind überhaupt alles anderp, als sozial ein- Wstellt. Sie wissen ihre Monopolstellung zu schätzen und zahlen
wußten. Nach zwei Uhr nachts geht der Betrieb langsamer. Die Schlacht ist geschlagen. Die Maschinen ruhen bis zum Morgen, das laufend« Transportband im Packersaal ist abgestellt, und nur noch einige Leute, die aufräumen, huschen herum.
Jetzt finde auch ich Zeit, mal in die fertige letzte Ausgabe Zu schauen. Auf der ersten Seit« stehe« die neuen Meldungen mit dicken Ueberschrifte«, ohne sede Anordnungchunt durcheinander gc- würfelt. Um recht viel auf di« Titelseite zu bringen und den Leser zu zwingen, auch die späteren, mit Annoncen gefüllten Seiten zu lesen, steht die Fortsetzung auf Seite 12, 26 oder SV. Ein ganz abscheulicher Zustand, der einem Europäer das Zeil imglesen gründlich verderben kann. Der Rest ist dann gesüllt mit Sportnachrichten, Neuigkeiten au» der„SOciet�', der hohen Gesellschaft New Ports, Aktienkursen und Reklame.. Die politischen Artikel der Re- daktion, die irgendwo weit hinten erscheinen, liest kaum jemand. Wenn ich dann unter der Rubrik„Foreign Asfairs" mir die spärlichen Nachrichten aus Deutichland zusammensucht« und ganz vertieft war, tönte die tiefe Stimme eines Negers, der noch mit Saubermachen beschäftigt war:„Hallo bc>H ich will was zu essen. Apfeltorte mit Eiscreme. Was brauchst du Kerl eigentlich Zeitung zu lesen." Und so verging Tag für Tag, von 9 Uhr abends bis 6 Uhr früh, für 22 Dollar die Woche, gerade genug zum Leben.
Schwer bepackte Männer, schweißtriefend, halbnackt, aus deren Schultern sich immer neue Lasten aufschichten, verstauen das Ge- kreide, das rumänische Bauern auf den weiten Feldern ihrer Heimat geckntet haben. Unablässig rattert die Dampfwinde, unablässig heben und senken sich die schweren Ladcbalken. Spielend schweben die Säcke empor, senken sich in die Luke über dem Laderaum und wer- den hier von Packern und Stauern ergriffen und kunstgerecht ver- staut. Denn das Beladen des Schiffes ist wirklich eine Kunst. Eine schlechte Ladung, die sich bei heftigem Sturm oerschiebt, hat schon manches brav« Schiff zum Kentern gebracht. Sorglich wird die Arbeit überwacht. Endlich ist der letzte Sack verstaut, die Ladeluken schließen sich, und die Hydranten werden angesetzt, die mit dicken Wasserströmen das Deck überspülen und den Schmutz beseitigen, den die Ladearbeit verursachte. Dann! äst sich der Dampfer vom Kai, die kleinen Dampswinden arbeiten und ziehen das Schiff vom Lande ab, bis es freie Fah-t gewinnt und die Maschine die Schraube zu drehen beginnt. Immer ferner rückt der Hafen von Konstantza. Leise senkt sich Nacht auf Meer und Schiff Durch den raschen Zug der Wolke» tritt bisweilen der Mond und zieht einen schimmernden Streifen über das dunkle Wasser, wie clne Geisterbrücke, die in der Unendlichkeit verschwindet. Die ganze Nacht tönt das einschläfernde Stampfen der Schtffsmaschinen und das leise Plätschern der Wellen. In tiefem Dunkel liegt das Deck. Nur oben auf der Kommandobrücke spähen scharfe Augen in die Nacht hinaus und verfolgen jedes Feuer, das di» gefährliche Näh« der Küste anzeigt, und unten im Maschinen» räum wachen Ingenieur, Maschinisten und Heizer in brütender, atemraubender Hitze über den Druck im Kessel, da» Schwingen der Maschine. Morgens laufen wir in den Hafen von Borna am Schwarzen Meer ein. Die Hafenbehörde kommt an Bord, prüft die Papiere. Wer an Land gehen will, muß seinen Paß dem wachthabenden bulgarischen Soldaten abgeben. Ein herrlicher moderner Bade» strand,«in gepflegter Seepark, breite Straßen, geräumige Plätze— da« ist das Borna der Gegenwart. Aber in den Nebenstraßen lebt da« Alt« weiter. Kleine Hütten, schiefe Häuser, aus deren Fenstern buntgekleidste Frausnf ehe», holprige oder ungepflasterte Sassen, in deren Morast die Karren der Ochsen- und Eseltreiber fast versinken, Zigeunerinnen, Türken in langen weiten Hosen und der unvermeid- lichan wollenen Leibbinde All« stehen bereitwillig, lachend dem Fremden Modell, wenn da« Skizzenbuch herausgezogen wird. Ja. es kommt sogar vor, daß In einem der ärmsten Viertel aus einer der ärmlichsten Straßen Stühle herausgetragen und auf di« Straße gestellt werden, daß ein freundlicher Bauer oder ein Schankwirt, der an der Tür seiner Kneipe steht, mit leisem Wort die Kinder ent- fernt, die sich um den fremden Zeichner scharen. Hier findet man mehr Takt und Feinsühligkeit als in mancher europäischen Groß- stadt. Weiterfahrt im Sturm über das Schwarze Meer , llndurch- dringliche Finsternis. Donnernd schlagen di« Wellen über Bord. Dann prasselt Regen auf Deck und vermischt sich mit dem Salzwasser des Meeres. Erst gegen Morgen ebbt der Sturm ab. In der Ferne tauchen Felsen auf. Eine schmal« Meerenge ist in Sicht: der Bosporus . Noch ein letztes Mal brüllt das Schwarze Meer auf.
Dann gleitet das Schiff an alten genuesischen Kastellen und Leucht- türmen vorüber in den Bosporus ein. Bilder von grandioser Wild- hcit. Unzugängliche Felsen und, wie aus ihnen herausgewachsen, Festung auf Festung. Seit Jahrtausenden wird hier Weltgeschichte erkämpft. Ruinen, Treppen, die durch blühende Garten zu weihen Palästen führen. Schlösser, Dörfer, dazwischen der kahle, gelbbraun- Fels, manchmal übersät durch eine Blütcnpracht von Rosen. Gra- naten, Oleander. Das Reich von Tausendundeiner Nacht hat be- gönnen, Konstantinopel ist erreicht. Hochaus streben di« schlanken Minarett» der auf den Hügeln am Goldenen Horn erbauten Moscheen. Der erste Eindruck der Stadt ist bezaubernd, ist märchenhaft schön. Dann aber kommt auch hier der Alltag. Er beginnt mit den Anpreisungen der Fährleute und Hotelportiers, die auf kleinen Barken das Schiff umdrängen, und er setzt sich sort in den engen Gassen des Hafenviertels von Galata . Welch eln Lärmen und Schreien, welch ein Hasten und Jagen, welch ein Durcheinander von Menschen, Tieren, Fahrzeugen aller Art auf der Brücke, die von Galata , über das Goldene Horn hinweg, nach der alten Türkenftadt Stambul führt. Man glaubt in einer euro- päischen Großstadt zu sein— aber der orientalische Einschlag ist immer wieder vorherrschend. In den engen Gassen Stambuls wohnt das Volk heute noch wie einst. Viel« Fenster der alten Häuser zeigen das Gitter, hinter dem der Harem, das Reich der türkischen Frau, lag. Die modsrne Türkin hat den Schleier abgelegt, der sie früher auf der Straße kennzeichnete, und sie gleicht in ihrer Kleidung der Westeuropäerin. Nur das kunstvoll um den Kopf geschlungene Seidentuch, da« sie an Stell« eines Hutes trogt, erinnert noch an die Vergangenheit. Seitdem Keniat Pascha die lateinischen Buchstaben an Stell« der türkischen«ingeführt hat, ist auch di« Schreibmaschine hier ein» gezogen. Auf den Straßen sitzen berufsmäßige Schreiber und lassen ihre kleinen Moschinen lustig klappern, sobald ihnen jemand ein Schriftstück diktiert. Neben den Schreibern bieten Händler ihre Waren fell, und über diesem bunten Leben und Treiben, über Ge- schrei, Klapvern. Rufen und Winken leuchtet die goldene Kuppel der wundersamsten Moschee Konstantinopels , der Aya Sophia . In ihrem Innern, dessen einziger Schmuck die kostbaren Teppiche sind, die den Boden bedecken, knien di« Gläubigen, das Gesicht nach Mekka , der heilig«» Stadt der Mohammedaner, gewendet und oerrichten ihre Gebetsübungen. Monats, vielleicht sogar Jahre müßte man zur Verfügung haben, um diese Stadt wirklich kennenzulernen. Aber das Fracht- schiff hat neu« Ladung an Bord genommen, fieberhaft arbeitet die Mannschaft, um noch am späten Abend den Hafen verlassen zu können. Die Abendsonn« breitet ihren letzten Glanz über Kon- stantinopel. langsam umfängt Dunkelheit den Fuß der Hügel. Rur das Gold der Moscheen leuchtet noch weit über den Bosporus hin- aus. und die trotzigen Mauern des Serai. des ehemaligen Sultan - Palastes, blicken finster hinüber nach der kleinasiatischen Küste. Un- zählige Lichter flammen auf, lassen alle Konturen zerfliehen ins Schattenhafte. Am wolkenlosen Himmel blinkt Stern auf Stern, und als das Schiff langsam aus der Reede von Galata hinausgleitet, da scheint es, als ob hinter chm ein funkelndes, strahlendes Licht- mcer, eine Märchcnftadt, in geheimnisvollem Dunkel versinke.
Qerdl&nd: SEtvifchen Sorljelmmgen Jede Woche, an einem bestimmten Vormittag, wird die neue Lesemappe gebracht. Es sind Zeitschriften darin, illustrierte und bunte Blätter... Das ist eine Lesemappe, wie sie in vielen Friseursalons, in den Wartezimmern vielbeschäftigter Aerzt«, in Kaffeehäusern und Konditoreien ausliegen. Aber hier in dieser kleinen dumpfigen Konditorei, die in der abgelegenen, abseiligen, stucküberladenen Straße liegt, in dieser Kon- ditorei mit ihren zerschlissenen Plüschsofas, den gekitteten Marmor- tischen, den billigen Lenbach-Drucken über der schadhaften Tapete und der gelben, trübseligen Beleuchtung, hier gewinnt die Lesemappe ein« tiefere Bedeutung, als die der Zerstreuung, der Unterhaltung... Es gibt in dieser Mappe, die unter den Händen der Stammgäste zu einem sellsamen Leben erwacht, keine modernen Zeitschriften, feine Magazine oder Revuen.„Wir brauchen Zeilschriften, in denen möglichst viele Fortsetzungsromane enthalten sind", erklärt das ältliche Servierfräulein auf meine Frage. Ja, Fortsetzungsromane! Darum ist di« entlegene, altmodische Konditoret stets so gut besucht von einem panoptikalischen Publikum... Uralt sind die seinen Damen mit den Rüschen und Fransen und Fischbeinstäbchen, mit den kleinen, zerknitterten Gesichtern, sehr unecht wirkt die korrekte, steife Hältung, der elastisch-wippende Gang der Herren mit den martialischen Barten, und die neckischen Ponny- frisuren der Stirnbänder der angesäuerten Mädchen mit den Mut- leeren Lippen sind von einer fast unheimlichen Bizarrerie. Das sind die Gäste der kleinen Konditorei, die da vor ihren längst geleerten Tassen und Tellern sitzen und unter allerlei unsagbar vorsintflutlichen Höflichkestsflosleln die Zeitschristen austauschen und eine Romanfortsetzung nach der anderen lesen. Man glaubt an ihren eckigen Bewegungen und zierlichen Trippelschritten, am Umblättern der Seiten und an den raschen Blicken, die der Uhr gellen, zu spüren, wie dies« Menschen, vom vergangenen Jahrhundert übriggeblieben, hier aus der Streck« liegen und den Anschluß an unsere Zeit, an di« Zeit des Tempos, der Hast, an di« kalte, grausame, herzlose Gegenwart nicht finden... Das da draußen, das Leben in den muffigen, plüfchernen, Nippes übersäten Stuben, da» Quittieren der Rentenbezüg«. diese
gelegentlichen, deprimierenden Nebenverdienste und diese Besuche bei Verwandten, die von Not und Entbehrung nichts merken sollen und wollen, di« Kümmernisse des Alltags, das alles versinkt in den Stunden, da diese alten Leutchen und diese nie jung gewesenen jungen Mädchen ihr Doppelleben über den Fortsetzungsromanen führen. Hier bei den Abenteurer-, Liebes-, Familien- und Burschen- Herrlichkeitsromanen erleben sie die Gegenwart, die neue Zeit, das Tempo, hier erleben sie etappenweise, jede Woche neu, erhebend« Schicksale, sie, deren Leben in immer demselben Geleis gelaufen ist... Zuwellen verirrt sich ein Liedespaar in die kleine abseitige Konditorei,«in Herr im Autodreß, der nur einen Kognak hinunter- stürzt oder ein angestrichene» Mädchen, das seinem Mund ein entgegenkommendes Lächeln aufgeschminkt hat. Die alle aber werden von der Atmosphäre befremdet und gehen bald wieder... Denn hier kennt jeder jeden. Mit Namen, Titeln, Orden und Ehrenzeichen. Hier iveiß jeder um das farblose, eintönige, stillose Leben des anderen, kennt sein« Kümmernisse, seine Sorgen, sein Schicksal. Hier werden fremde, gestaltet«, verborgen«, frisierte, er- sonneno und nachempfundene Schicksole erlebt. Wie all nerdeu die Bäume? Alle Bäum« ohne Ausnahm« können ein Alter erreichen, dem gegenüber das Alter des Menschen fast klein erscheint. Die Ulme z. B. bringt e« durchschnittlich auf 300 Jahre, die Esch« auf 170. die Birk« auf 200, die Espe auf 210, die Buche auf 24S. die Lärche auf L70, die Silbertann« auf 42S, die Kiefer sogar auf 700 Jahr«. Unsere gute deutsche Eiche wird von den Laubhölzern am ältesten. nämlich etwa 500 Jahre. Sie steht zwar manchmal noch einige Jahrhunderte länger, aber mit 500 Jahren beginnt gewöhnlich das Herz zu faulen, und der Baum krankt von da an mehr und mehr. Die Adamiten. eine religiöse Sekt«, die die völlig« Nacktheit propagiert und pflegt, haben ihre Borläufer schon im zweiten und dritten Jahrhundert, damals gab«» in Nordfrankreich eine gnostische Sekts dieses Namen», deren Anhänger sich nackt versammeltei'.. Im 15. Jahrhundert fanden sie dann besonders in Böhmen weite Ber- brsitung, wo ain Bauer, namens Niklae, sie begründete. Dort z>-ichneten sich die Sekten dadurch au«, daß sie den Kommunismus einführten und die Frauen als Allgemeingut erklärten Sie setzten sich auf einer kleinen Insel im Flusse Luschnitz fest und bildeten hier ihren Sonderstaat, bis Ziska die Insel eroberte und viele Mitglieder dieses seltsamen Gemeinwesens tötete.