10 Pf. Nr. 225 B 113 48. Jahrgang
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Genf , 16. Mai. (Eigenbericht.) Die Sitzung der Europakommission heute morgen begann mit einer Einleitungsrede Briands, in der er die Nichtmitgliedsr des Völkerbundes, die zum ersten Male an den Beratungen teil- nahmen, in der choffnung guter gemeinsamer Zusammenarbeit be- grüßte. Es erfolgte ohne Debatte der Eintritt in die General- dcbatte über die europäische Wirtschaftskrise, die von Reichsaußenminister Dr. Curtius eröffnet wurde. Er be- grüßte die Möglichkeit zu einer allgemeinen Aussprache. Die Rot erfordere neben eigenen Maßnahmen die Mitwirkung am ge- meinsamen chilsswerk. Kein Land sei so an der Sanierung des gesamteuropäischen Körpers interessiert wie Deutschland , das in der Mitte Europas allen Erschütterungen und Störungen am stärksten ausgesetzt sei. Curtius verwies auf die Verhandlungen der Jntcr- nationalen Handelskammer in Washington und die Feststellungen des Internationalen Arbeitsamtes, die ihm ersparten, die Ursachen der Weltkrise zu erläutern. Speziell europäisch sei als Krisenursache das Zerfallen Europas in eine Unzahl kleiner Wirtschasts- gebiete. Es komme nicht darauf an, über den deutsch - österreichischen Plan im besonderen zu sprechen. Er wolle nur Ge- danken allgemeiner Art anregen, in welchem Maße der Gedanke von Zollunionen zwischen einzelnen Ländern oder Gruppen von einzelnen Ländern geeignet sei, den unhaltbaren wirtschaftlichen Verhältnissen Europas abzu- helfen. Aus dieser unhaltbaren Lage Europas führt nur ein Weg heraus: Die ständige Vergrößerung des Wirtschasts- gebietes. Zwei Methoden müßten dabei nebeneinander lausen: einmal die multilateralen Verhandlungen als gesamt- europäische Lösung, dann ober müsse es den einzelnen Staaten über- lassen bleiben, den Aufbau von unten her, also Ver- einbarungen zu zweien zu schaffen, welche die Tendenz zur Der- ollgemeinerung haben, ohne sich darum abzuschließen. Diese regio- nolen Verständigungen würden zunächst an die Stelle vieler kleinerer Wirtschaften weniger größere setzen. Diese Entwicklung führe zwangsläufig zur Zollunion. Eurtius erläuterte dann die Geschichte von europäischen Zollunionen. Mit erhobener Stimme erklärte er, daß der Gedanke einer Zollunion zwischen Frank- reich und Deutschland ernsthaft verfolgt worden sei. Gerade er habe sich schon als Wirtschaftsminister besonders mit dieser Frage besaßt. So erklärte er sich sür Deutschland hier feierlich bereit, Zollunionen mit jedem Lande abzusckzließea. ohne Unterschied der Größe und der Richtung. Er bitte, diese Auf- sorderung sehr ernst zu nehmen. Daneben sei Deutschland bereit, gemeinsam mit allen Staaten in diesem Ausschuß alle ernsthaften Wege gemeinsam zu gehen, die eine Lösung oder Erleichterung der Krise mit sich bringen könnten. Briands voreilige Festlegung. V. Sab. Gens, 16. Mai.(Eigenbericht.) Briands Erwiderung war kurz, aber auffallend scharf. Einmal schien er die Frage der Zollunionen zu b a g a t e l l i s i e r e n: sie bilde ja nur einen Teil der großen Wirtschaftsprobleme, die zur Debatte stünden und außerdem seien die Schutzzölle weit eher eine Folge als eine Ursache der Wirtschaftskrise— eine überaus anfechtbare These. Bor allem aber erklärt« Briand , daß man nicht das tun dürfe, was„durch die Verträge nicht erlaubt, sei. Zwar hatte Briand ausdrücklich betont, daß er nur in seiner Eigennschaft als Vertreter der französischen Regierung das Wort ergriffen habe und nicht als Vorsitzender. Aver sowohl der scharfe Ton seiner Erklärung wie auch vor allem ihr Inhalt haben in deutschen Delegationskreisen erhebliche Mißstimmung hervorgerufen. Man empfand sofort, daß Briand nicht das Recht hatte, schon jetzt Sie These der französischen Kammer, wonach die deutsch -österreichische Zollunion im Widerspruch zu den Friedensverträgen stehe, auf dieser Tagung der Europatommission offiziell zu oerkünden, be- sonders dann nicht, wo jeder weiß, daß die Mächte sich darüber «inigen wollen, ein Rechtsgutachten des Internationalen Gerichtshofes im Haag darüber einzufordern. Durch feine Behaup- tung, daß die deutsch -österreichische Zollunion„durch die Verträge nicht erlaubt" sei, mußte Briand den Eindruck erwecken, als lege er sich schon jetzt aus diese Auffasiung f e st, e h e noch der Internationale Gerichtshof das Urteil gesprochen. Curtius hat dann kurz, höflich, aber bestimmt erwidert, daß man die Rechtsfrage in diesem Stadium der Dinge noch nicht erörtern ftillt«, sondern das vereinbart worden fei, sie erst im Bölkerbundsrat j.______
Toscanini statt Goethe. Ein Symbol des faschistischen Italiens . Am 1. Dezember 1936 wurde hier ein Zeitbild zurechtphanta- siert:„Goethe kriegt Maulschellen." Der etwas fernliegende Fall war angenommen, daß der alte Geheimrat in unseren Tagen noch einmal Lust bekäme, im besseren Berlin spazieren zu gehen. Er gerät dabei in einen Trupp junger Faschisten und wird, da er deren Treiben verständnislos gegenübersteht, schmachvoll maul- schelliert, wobei Publikum und Presse natürlich für die Raufbolde vom Hakenkreuz Partei ergreifen. Heinrich Mann ist es, der irgendwo bemerkt, daß die Wirt- lichtest immer höchst unwahrscheinlich sei. Iedensalls ist es noch keiner dichterischen Phantasie gelungen, Fälle wie den Hauptmann von Köpenick oder Harry Domela durch erdichtete Situationen zu übertreffen. Im vorliegenden Fall hat die Wirklichkeit sich beeilt, den Satiriker als Stümper zu entlarven. Sie hat bewiesen, daß seine auf das Extrem zugespitzte Phantasie nichts anderes ist— als die WirNichkeit in sechs Monaten. Statt Goethe— Toscanini. Statt des Dichterfürsten der geniale Musiker. Sonst kein Unterschied Ein Mensch von höchster Geistigkeit muß von den Anbetern der rohen Gewalt die schwach- wollste Erniedrigung der Menschenwürde einstecken, weil er sich weigert, im Chor der Wölfe mitzuheulen, weil er seine Kunst durch den Ritus plumper Acußerlichkeiten nicht hinabziehen lassen will. Und niemand, der ihn schützt... Jedes System schafft sich die Symbole, die ihm angemessen sind. Wir gaben einem angenommenen faschistischen Deutschland
das Symbol des geohrfeigten Goethe. Das wirklich faschistische Italien hat sich den geohrfeigten Toscanini zum Ausdruck seines geistigen Habitus erkoren. Wenn wir den einheimischen Stand unserer Rekord- und Muskelprotzerei betrachten, so sehen wir uns den italienischen Idealen bereits bedenklich nahe. Daß ein geistiger Vortrag eines Dichters niedergebrüllt wird, wundert schon keinen Menschen mehr. Und wenn irgendein aufgeregter Neurastheniker einen sozialdenrokratischen Gewerkschaftsführer im Gerichtssaal ins Gesicht schlägt, so bejubelt nicht nur die offizielle Moskaupresse, sondern mit ebenso großem Behagen die kulturell angesch!ninkte Münzenberg -Presse diese Heldentat. Die Stuttgarter Sekundaner, die in ihren Schulaussätzen sich den Wiederaufstieg Deutschlands nur als neues Blutbad, als Nieder- metzelung des äußeren und inneren Feindes vorstellen konnten— sie haben gewiß kein Verständnis mehr für die Dichterfreundschoft zwischen Schiller und Goethe. Ihrer Mentalität würde es viel mehr entsprechen, wenn Schiller und Goethe die Frage, wer von ihnen der größere Dichter sei, durch einen Boxkampf über zehn Runden und mit 6-Unzen-Handschuhen ausgetragen hätten. Ein französischer Marquis hat Frankreich einmal die größte Schmach angetan, als er Voltaire von Lakaien überfallen und verprügeln ließ. Die Französische Revolution von 1789, die dos Geschlecht dieses Marquis aus dem Land« trieb und sein Schloß ein- äscherte, hat mit mancher anderen auch diese Schmach gelöscht. Die Röte auf den Wangen des brutalisierten Genies brennt weiter als Schamröte, als Flammenröte. Der Geist geht wundersame, oft erst sehr viel später erkennbare Wege, um sich gegen die miß- handelnde Faust Genugtuung zu verschaffen. Aber er schafft sich Genugtuung...)onatbsn.
Oer Schrecken des Oderbruchs Manschnower Mord aufgeklärt- Täter geständig
In der Rächt zum Sonnabend vor Ostern, dem 4. April d. X. wurde, wie wiederholt berichtet, in Manschnow bei Küstrin der Amtsvorsteher Schiewe von Einbreckzern erschossen. Der INörder ist jetzt in der Person des 27 Zahre allen WillyRewers festgestellt, der in der vergangenen Rächt ein umfassendes Geständnis abgelegt hat. Rewers, ein früherer Fürsorgezöglmg, ist wegen Einbruches. Körperverletzung usw. dreizehnmal vorbestrast, das letzte» mal zu 214 Jahren Gefängnis. Als am Ostersonnabend das Der- brechen an dem Amtsvorsteher Schiewe geschah, tauchte zunächst die Vermutung aus. daß die Tat von Berliner Einbrechern ausgeführt sein müßte. Das stellte sich bald als falsch heraus. Systematisch wurden nun alle Wanderburschen gesucht, die zur Zeit der Bluttat in Manschnow gesehen worden waren. Verdacht richtete sich auch gegen eine Anzahl Personen, die in den Nachbarorten wohnen, weil man ihnen Einbrüche zutraute. Unter diesen Leuten befand sich auch der vorbestrafte Willy Rewers. Seine Eltern wohnten in Das Eonniagswetter! Sehr warm, Gewitter und Regen wahrscheinlich. Die Welleraussichlen für den morgigen Sonntag lauten nicht sehr verheißungsvoll. Bei hohen Temperaturen und Wolkenbildung ist bei südlichen Winden aller Voraussicht nach mit lokalen Gewittern und Regen zu rechnen. Die Wetterkundigen bezeichnen den zu erwartenden Witterungs- charakter mit„T r e i b h a u s w e t t e r". Das heißt, das sehr warme aber ziemlich feuchte Lust ein tropenähnliches Klima schaffen wird. Ein nordwestliches Tiefdrucksystem breitet sich zur Zeit immer mehr nach Mitteleuropa aus und das Reich gelangt ollmäh- lich in sein Wirkungsbereich. Da sich unser Gebiet innerhalb eines feuchten und warmen Luftkörpers befindet, wird starke Neigung zu Gewittern bestehen. Im großen und ganzen sieht es so aus, als ob zu Beginn der kommenden Woche ein Uebergang zu kühlem und unbeständigem Wetter zu verzeichnen sein wird. In Berlin herrschten heute früh um 8 Uhr 26 Grad und mittags annähernd 26 Grad Wärme.
Kienitz. Der junge Rewers hielt sich bald zu Hause auf, bald streifte er in der Gegend umher, ball» wieder machte er einen Abstecher nach Berlin . Einer regelmäßigen Arbeit ging er nicht nach. Am Tatort, im Dienstzimmer in Manschnow , waren ein Rucksack und andere Sachen gefunden worden. Als Besitzer der Gegenstände konnte schließlich vor einigen Tagen Rewers ermittelt werden. Jetzt wurde nach ihm besonders eifrig gefahndet. Am Donnerstagabend konnte er, der sich in der letzten Zeit zu Hause nicht mehr sehen ließ, in einem Kino am Gesundbrunnen festgenommen werden. Beim Verhör auf dem Polizeipräsidium leugnete er hartnäckig. Ms ihm aber nachgewiesen wurde, daß er verschiedene Einbrüche in der Umgebung ausgeführt und in Manschnow auch gearbeitet hatte, legte er ein G e st ä n d n i s ab. In der Aprilnacht bohrt« er das Schloß an der Haustür des Amtsvorstehers an, griff durch die Oeffnung und schloß auf. Ebenso beseitigte er eine schwere Eisenstange und die Riegel. Im Amtszimmer schloß er die Tür hinter sich zu, um nicht gestört zu werden. Planmäßig machte er sich an das Suchen nach einer Kassette. Der Amtsvorsteher muß Geräusch gehört haben, denn er rüttelte an der verschlossenen Tür. Da er richtig Einbrecher vermutete, so rief er„Aufmachen oder ich schieße!" Rewers. der sich in der Falle sah, holte feine Waffe heraus und machte sie schuhfertig. Leise schlich er zur Tür. riß sie plötzlich aus und feuerte auf den draußen stehenden Amtsvorsteher. Der erwiderte zwar die Schüsse, traf aber nicht. Ihn selbst dagegen hatten die Kugeln des Rewers so schwer getroffen, daß er wenig« Minuten darauf starb. Durch das Dazwischentreten ,t>es Amtsvorstehers will Rewers, wie er behauptet, nichts erbeutet haben.
Eine halbe Milliarde! Die Fehlbeträge der Gemeinden. Aus einer kommuvalpolittschen Tagung in Münster in West- salen schätzte der Leiter der kommuuolabteiluug im preußischen Zaneuministcrium Dr. von Leyden die gesamten Fehlbeträge der Kommunen für das Jahr 1931 auf rund eine halbe Milliarde Mark, hinzu kämen noch die kurzfristigen Kredite der Kommunen.