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Nr. 315 48. Jahrgang

Impesona, nonclazonaD 06/27

1. Beilage des Vorwärts Donnerstag 9. Juli 1931

Dem Wohle Berlins !

Sozialdemokratische Etatrede im Rathaus.

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Damm gegen die Elendswelle.

Die Debatte über die Gestaltung des städtischen| den Kritikern ab, die immer wieder glauben, der Stadt Berlin die Haushaltsplanes im Stadtparlament fand gestern gesteigerten Soziallasten zum Vorwurf machen zu müssen, mit einer großangelegten Rede des sozialdemokratischen und fam zu dem Ergebnis, daß die Aeußerungen prominenter Wirt­Fraktionsführers Flatau ihren Höhepunkt. Flatau schaftsführer die Sinnlosigkeit dieser Kritiken beweisen. legte in seinen überzeugenden, wirkungsvollen Ausfüh Berlin fönnte eben finanziell ganz anders disponieren, wenn die rungen die Gründe dar, die eine Zustimmung der Sozial- Wohlfahrtsausgaben nicht so außerordentlich gestiegen wären. demokraten zu diesem Etat der Not erfordern. Die von hoher Verantwortung getragene größte Fraktion des Rathauses geht unbeirrt des Geschreis von rechts und links ihren Weg, im Interesse der notleidenden schaffenden Berliner Bevölkerung und im Interesse der Reichshauptstadt, die es vor der Katastrophe zu schüßen gilt. Die entscheidende Abstimmung über die Annahme des Etats wird heute in den späten Abend stunden erfolgen.

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Flataus Rede.

Genosse Flatau führte, oft von Beifall unserer Genossen unter­

brochen, aus:

Die Kritiker des vorjährigen Haushalts hatten sich bei seiner äußerlichen Kennzeichnung anscheinend so verausgabt, daß sie für den diesjährigen Etat bisher keine neue Begriffsbestimmung finden konnten. Für den vorliegenden Haushalt, der noch weniger als der lezte ein Idealetat ist, dürfte eine der alten Bezeichnungen zutreffen, nämlich daß er ein Etat der Wahrheit ist, aber in etwas anderer Be­deutung als bisher: er bringt in Wahrheit durch seine Zahlen zum Ausdruck die wirkliche Not, in der sich die Stadt gegenwärtig be­findet. Die Finanzkalamität Berlins ist nicht ein Merkmal der Reichshauptstadt, sondern ein Teil des Gesamtschicksals der deutschen Städte. Genosse Flatau zeigte dann an erschöpfendem Zahlen­material aus der preußischen Verwaltung, wie die Not der Städte infolge der Wirtschaftskrise und der damit verbundenen außerordent­lich hohen Erwerbslosigkeit gestiegen ist. Der Redner zeigte weiter, wie die Finanzfalamität Berlins im besonderen durch die riesen­haften Ausgaben für die Erwerbslojen hervorgerufen ist und wie sie taum noch zu meistern sein wird. Wenn auf solche Weise cin fast gleiches Schicksal aller deutschen Städte festgestellt werden fann, so ist damit wohl flar bewiesen, daß nur Gehässigkeit oder Unwissenheit behaupten können, daß die Berliner Not eben nur eine Berliner Eigentümlichkeit sei, die ihren Ursprung habe in einer ,, Berliner Mißwirtschaft" mit dem unheilvollen Einfluß der maß­geblich beteiligten Sozialdemokraten. In dem Etat find für die Wohlfahrtspflege für 1930 rund 12,5 Millionen Mark ein­gesetzt gewesen, man hat aber 28 Millionen Mart verbraucht. Die gesamten Etatmittel sind in Berlin im Durchschnitt um rund 38 Proz., in einzelnen Teilen um über 40 Proz. gedrosselt worden und das in einer Stadt, der man nicht vorwerfen kann, daß sie, wie der Deutschnationale v. Jecklin bezüglich Berlin behauptet hat, im Tempo ihrer wirtschaftlichen Entwicklung fein Maß halten" fonnte. Es ist die Stadt Duisburg , und ihr Oberbürgermeister ist Dr. Jarres.( Lebhaftes Hört, Hört! bei den Soz.) Das ist ein bündiger Beweis dafür, daß die beklagenswerten finanziellen Ver­hältnisse Berlins nicht in Zusammenhang gebracht werden können mit den Gründen, die die Gegner der Berliner Verwaltung und der Sozialdemokratie anführen und die aus einer Perspektive blicken, die man schon nicht mehr Froschperspektive, sondern höchstens noch Maulwurfperspektive nennen kann. Der Redner rechnete dann mit

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لاجان

2

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ühle

VON

1.ILF UND F. PETROW

,, Ein guter Photograph hätte ihn unbedingt schon er= reicht!" schrie Persizki

,, Also soll man ihn photographieren oder nicht?" " Aber selbstverständlich! Eilen Sie! Sicher fihen dort schon die Photographen aller Zeitungen!"

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Der Photograph lud Apparat und Stativ auf die Schultern. Er befindet sich augenblicklich in der Direktion der staatlichen Maschinenfabrik. Bergessen Sie nicht: Newton Ijak an den Namen des Vaters kann ich mich momentan nicht erinnern. Machen Sie also ein hübsches Bild von ihm zum Jubiläum. Aber bitte nur nicht: Newton an der Arbeit". Auf Ihren Bildern sißen alle am Schreibtisch und lesen Manuskripte. Photographieren Sie ihn im Gehen. Oder vielleicht im Familienkreis."

Wenn man mir ausländische Platten zur Verfügung stellen wird, werde ich auch Menschen im Gehen aufnehmen. Jezt gehe ich aber."

Beeilen Sie sich! Es ist schon bald sechs Uhr!" Der Photograph ging den großen Mathematiker anläßlich feines zweihundertjährigen Jubiläums photographieren, und die Redaktion wälzte sich vor Lachen.

Mitten im schönsten Lachen fam Stepa, Redakteur der Abteilung Wissenschaft und Leben". Hinter ihm teuchte eine dicke Bürgerin.

"

,, Hören Sie, Persizki", sagte Stepa ,,, diese Bürgerin hat ein Ansuchen an Sie. Kommen Sie näher, Bürgerin, der Ge­nosse hier wird Ihnen alles erklären."

Stepa lächelte und lief davon.

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Nun?" fragte Persizki. Was wünschen Sie von mir?" Madame Grizema fie war es hob ihre schwärme­rischen Augen zu dem Reporter empor und drückte ihm schwei­gend einen Zettel in die Hand.

,, So", sagte Persizki,.... unter das Pferd geraten. mit einem leichten Schrecken davongetommen... Worum Bonhelt es fich eigentlich!"

Die Sozialdemokraten haben in den enggezogenen Grenzen, die nun einmal gegeben waren, bestimmte Vorschläge ge= macht, die von der Absicht diftiert waren, Ausgleiche herbeizuführen. Diese Ausgleiche können nicht schematisch vorgenommen werden, man muß vielmehr dabei das Gesamtbild vor Augen haben und suchen, durch Vereinfachungen und Bereinheitlichungen in der Verwaltung die Möglichkeiten zu erfassen, die zu Ersparnissen führen können. Wir haben bei den einzelnen Etattapiteln Anträge gestellt, die die organisatorische Umbildung der Verwaltung verlangen. Nach dem der Magistrat jezt vervollständigt ist, dürfen wir bei seiner von uns Sozialdemokraten bewußt beeinflußten Zusammensetzung er­warten, daß diese Aufgaben in engstem Einvernehmen und nach genügender vorheriger Verständigung mit den Stadtverord­neten vorgenommen und erledigt werden. Genosse Flatau wandte sich dann im besonderen der Handhabung der Richtfäße für die Wohlfahrtspflege zu und verlangte, daß die Willkürlichkeiten in der Behandlung der Personen aufhört, denn es sei nicht zu er­tragen,

daß die proletarischen Bezirke in der Wohlfahrtspflege nicht mehr ein noch aus wissen,

während beispielsweise ein westlicher Bezirk es sich noch leisten kann, eine in einer sehr behaglichen Wohnung hausende Familie jahraus,

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jahrein zu unterstützen, und zwar mit einer Summe, die einem normalen Arbeitseinkommen entspricht. Dieses Beispiel könnte um viele vermehrt werden, und deshalb verlangen wir von der Zen­trale, daß hier mit rauher Hand eingegriffen wird. Einen sehr breiten Raum in den Diskussionen des Haushaltsausschusses haben die Angelegenheiten der städtischen Gesellschaften be= ansprucht. Ich möchte hier noch einmal wiederholen, sagte Flatau, was ich bei meiner vorjährigen Etatsrede gesagt habe, daß nämlich genau geprüft werden muß, welche Gesellschaften zur Zeit ihren Zweck noch erfüllen. Man soll aber auch nicht dauernd an diesen Gesellschaften herumorganisieren, sondern den Gesellschaften, die eine gesunde Entwicklungsgrundlage haben, Zeit lassen, das zu er= füllen, was man von ihnen erwartet. Bezüglich der Lieferung einzel­ner Gesellschaften an Private betonen wir Sozialdemokraten, daß die Gesellschaften es vermeiden sollen, den gegenwärtigen Stand und Umfang dieser Lieferungen zu überschreiten. Mit besonderer Heftig­feit sind natürlich wieder Debatten über die Berliner Verkehrs­gesellschaft geführt worden. Die Grundlagen, die in dem vor­liegenden Etat geschaffen wurden, um die finanziellen Angelegen­heiten der BVG. besonders in den Grundstückstransaktionen zu flären, sind auch von den Sozialdemokraten anzuerkennen. Für die weiter draußen liegenden Siedlungen forderte Genosse Flatau aus­reichende Berkehrsverbindungen. Selbstverständlich hat man es auch

nicht vermieden, in den Debatten all die persönlichen Ge= hässigkeiten wieder hervorzusuchen, die bei der Behandlung des Kapitels BBG. bisher beliebt wurden. Man hat diese Gehässig­feiten bis aufs höchste gesteigert, wenn es sich um Kritiken an Per­sönlichkeiten handelte, die Mitglieder Sozialdemokratischen Partei

find. Soweit hier augenblicklich noch die Möglichkeiten gerichtlicher Klarstellungen gegeben sind, will ich auf diese Dinge nicht eingehen.

Die Mutter des Totgeprügelten.

Aussage der Frau Ledebour im Scheuen- Prozeß.

Lüneburg , 8. Juli.

Das Kernstück der heutigen Verhandlung im Scheue­ner Fürsorgeprozeß bildete die Aussage der Mutter des Zöglings Ledebour , der den nach der Revolte er­littenen Mißhandlungen erlegen ist.

Das Gericht, hatte anfangs auf die Vernehmung verzichten wollen, da es überzeugt ist, daß die Angestellte Knoblauch bei der Abfassung ihres Berichts an das Landesjugendamt über die Revolte und den Besuch der Frau Ledebour in Scheuen bestrebt gewesen sei, den Angeklagten Straube zu schonen. Frau Ledebour wurde dann durch den Nebenkläger geladen. Sie sagte aus, sie sei am 25. Februar auf einen Eilbrief aus Scheuen hin nach dort ge­fahren. Die Verlegungen ihres Jungen waren im Briefe nur kurz erwähnt. Die Zeugin war 1% Stunden in Scheuen und fuhr dann ins Krankenhaus nach Celle . Dort wurde sie aus Scheuen ange­rufen, sie möchte die Nacht in Scheuen zubringen, und man holte sie im Auto ab. Die Schwester im Krankenhaus sagte: Sie scheinen in Scheuen ein schlechtes Gewissen zu haben, weil sie immer anrufen". Bei der Ankunft in Scheuen stand ein Essen bereit; es gab Wein, und Grammophon oder Radio haben gespielt. Noch gegen Mitternacht sangen die Jungen vor den Fenstern, und Straube

,, Die Adresse", sagte die Witwe mit flehender Stimme, ,, könnte ich nicht die Adresse erfahren?" ,, Wessen Adresse?"

,, D. Benders."

,, Woher soll ich die Adresse wissen?" " Der Genosse, der mich zu Ihnen führte, sagte mir, daß Sie sie kennen

Ich weiß nichts. Wenden Sie sich an das Adreßbüro." ,, Vielleicht werden Sie sich erinnern, Genosse. Er trägt gelbe Schuhe.

,, Ich selbst habe auch gelbe Schuhe. Und zweihundert tausend Menschen in Moskau tragen ebenfalls gelbe Schuhe. Wollen Sie vielleicht von all denen die Adressen wissen? In diesem Falle ich bitte sehr. Ich werde meine Arbeit auf­ich bitte sehr. Ich werde meine Arbeit auf­geben und mich mit dieser Angelegenheit beschäftigen. Im Laufe eines halben Jahres werden Sie alles wissen. Ich bin beschäftigt, Bürgerin.

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Die Witwe aber, die zu Persizzki ein gewisses Vertrauen fühlte, folgte ihm in den Korridor, wobei sie mit ihren ge­stärkten Unterröden ein sonderbares Geräusch verursachte, und wiederholte ihre Bitten.

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-Stepa ist ein Schuft dachte Persizki. Das macht aber nichts. Nächstens hehe ich ihm den Erfinder des Berpetuum mobile an den Hals, der wird springen.- ,, Was fann ich denn tun?" fragte er gereizt und blieb vor der Bitwe ftehen. Woher soll ich die Adresse des Bürgers D. Bender kennen?" Bin ich vielleicht das Pferd, das ihn zu Boden ge­

worfen hat?"

Die Witwe antwortete mit einem tonlosen Wortschwall, aus dem man nur immer wieder Genosse" und bitte"

heraushörte.

Es war bereits Büroschluß. Die Kanzleien und Gänge leerten fich. Irgendwo schrieb noch jemand eine Schreib­maschinenseite flappernd zu Ende.

,, Bardon, Madame, Sie sehen, daß ich beschäftigt bin!" Mit diesen Worten verschwand Persizki in der Toilette. Er ging dort zehn Minuten auf und ab und fam dann heiter heraus. Grizewa erwartete ihn geduldig am Ende des Ganges . Als sie Persizki erblickte, belebte fie sich wieder. Der Reporter war wütend. Tante", sagte er, ich will Ihnen also sagen, wo sich Ihr D. Bender befindet. Gehen Sie geradeaus, dann wenden Sie sich nach rechts und dann gehen Sie immer geradeaus. Dort werden Sie eine Tür sehen. Treten Sie ein und verlangen Sie Tscherepenikow zu sprechen. Er wird es wiffen,"

sagte, es sei ein Bierabend, den er mit den Jungen veran­stalte. Am nächsten Tage sagte ihr Sohn, die Revolte sei nicht po­litischer Natur gewesen, Straube habe die Jungen immer geschlagen. Der von Fräulein Knoblauch an das Jugendamt entsandte Bericht sei entstellt. Frau Ledebour berichtete sodann unter Tränen, daß ihr Sohn ihr ausführlich erzählt habe, wie er in der Nacht, als er durch den Schlag mit der Hacke schwerverletzt daniederlag, noch einmal von Straube mit einem Gummifnüppet ge= schlagen worden sei. Der junge Hans Ledebour sollte nämlich einen Bericht unterschreiben, daß er nichts gegen seinen Erzieher einzuwenden und seine Prügel verdient habe. Er habe diesen Be­richt für das Berliner Jugendamt unterschrieben, weil er sonst noch mehr Schläge erhalten hätte. Mit erstickter Stimme sagte Frau Ledebour zum Schluß: Mein Sohn war kein Verbrecher, er hätte gerettet werden können. Es ist unerhört, daß man ihn so lange hat liegen lassen."

Nach den bisherigen Dispositionen sollen am Sonnabend die Sachverständigen gehört werden, so daß am Montag der Staatsanwalt plädieren kann. Die Urteilsverkündi= gung wird voraussichtlich Mittwoch oder Donnerstag nächster Woche erfolgen.

Und sehr zufrieden mit seinem Einfall verschwand Persizki so rasch, daß die Witwe mit den gestärkten Unter­röcken keine Fragen mehr stellen konnte.

Madame Grizewa glättete ihre Röcke zurecht und schritt durch den Gang. Dann wandte sie sich nach rechts und lief weiter. Der Parkettboden krachte.

Da tam ihr mit raschen Schritten ein brünetter Mann entgegen, in blauer Weste und himbeerfarbenen Schuhen. Ostaps Gesichtsausdruck ließ erkennen, daß der Besuch dieser Redaktion zu so später Stunde durch die besonderen Interessen der Konzessionäre begründet war. Augenscheinlich paßte die Begegnung mit der Geliebten gegenwärtig durchaus nicht in die Pläne des technischen Leiters. Als Bender die Witwe er­blickte, machte er kehrt und ging, ohne sich umzusehen, die Wand entlang zurüd.

,, Genosse Bender!" schrie die Witwe entzückt. ,, Wohin eilen Sie denn?"

Der große Kombinator beschleunigte seine Schritte. Auch die Witwe ging rascher.

,, Warten Sie doch, ich habe Ihnen etwas zu sagen, bat sie. Ihre Worte aber drangen nicht in Ostaps Bewußtsein. In seinen Ohren fang und pfiff ein Wind. Er durchlief vier Gänge, sprang über die Stufen der eisernen Nottreppe. Er ließ die Geliebte mit dem Echo ihrer Rufe zurück, das lange im leeren Treppenhaus widerhallte.

Stockwerk anlangte. Die hat sich aber eine passende Zeit für das Rendezvous ausgesucht. Wer hat diese leidenschaft­liche Dame hergeschickt?"

,, Na Servus!" brummte Ostap, als er endlich im sechsten

Madame Grizewa, von Ostap durch drei Stockwerke, tausend Türen und ein Dugend Gänge getrennt, trocknete sich indes ihr heißes Gesicht mit dem Zipfel ihres Unterrocks und nahm dann die Verfolgung von neuem auf. Sie mußte ihren Mann rasch finden, um ihm alles zu erklären. Matte Lichter entzündeten sich in den Gängen. Lampen, Gänge und Türen, alles floß ineinander und war nicht zu unterscheiden. Die Witwe wurde ängstlich. Sie entschloß sich, zu gehen.

Endlich geriet sie an die Innentreppe. Es war sehr dunkel, die Witwe aber überwand ihre Furcht, lief hinunter und zog an der Klinke der Haustür. Die Tür war versperrt. Die Witwe wollte zurück. Aber auch die Glastür, durch die sie eben gekommen war, war bereits von einer sorglichen Hand gefchloffen worden.

( Fortfehung folgt.)