Kr. 395 48. Jahrgang 1. Beilage des Vorwärts
Schulneubau in schwerer Zeit.
Ein Werk des Aufbaues und Fortschritts in Lichtenberg .
Im Bezirk Lichtenberg , in unmittelbarer Nähe des Stadtbahnhofes Neu- Lichtenberg, wird demnächst ein Schulneubau offiziell eingeweiht, dessen Durchführung in schwerer Zeit zu einem weithin leuchtenden Beweis schöpferischen Ausbauwillens geworden ist. Unter Führung des fozialdemokratischen Bürgermeisters hat das Bezirksamt Lichtenberg ein Werk geschaffen, das vielen Generationen, die diese Schule besuchen werden, zum Segen gereichen wird.
Gewiß mögen Nörgler die Ausgaben für den Schulneubau tritic fieren, gewiß mögen sie über„ Lurus" zetern, fest steht aber, daß der Bezirk Lichtenberg noch zur rechten Zeit den Bau geplant, begonnen und durchgeführt hat, denn jeht wäre überhaupt nicht daran zu denken, einen derartigen Bau zu errichten. So mag das Bezirksamt trotz aller unberechtigten Anfeindungen die Gewißheit haben, daß es nicht nur in Lichtenberg , sondern auch in Groß- Berlin unzählige Einwohner gibt, die an dem in der Notzeit errichteten Schulneubau ihre Freude haben.
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Ein Teil des Schulneubaues ist jetzt nach den großen Schulferien bereits belegt worden. Mit besonderer Freude verzeichnen wir, daß auch eine weltliche Schule hier ihr Heim gefunden hat. Da sei gleich vorweggenommen, daß diese 39. weltliche Schule bisher in unwürdigen Räumen untergebracht war, und es bleibt nur zu bedauern, daß diese alten Räume weiter für Schulzwecke benutzt werden müssen. Daß die alten Schulräume noch weiter benutzt werden müssen, ist die Schuld eines Systems, das vor dem Kriege herrschte und für alles Geld hatte nur nicht für anständige Bolksschulgebäude. Bei der ersten Gelegenheit haben Sozialdemofraten wie so oft auch hier für die Jugend des Volkes das Mögliche geschaffen, und wir sind überzeugt, daß es erhalten und ausgebaut wird. Die Fehler und Sünden der alten Zeit lassen sich natürlich nicht in wenigen Jahren ausmerzen, dazu bedarf es vieler Zeit, dazu bedarf es eines harten Willens, all die Widrigkeiten zu überwinden. Und in der jetzigen Wirtschaftskrise wird es gar zu einem vorübergehenden Stillstand konumen, aber es muß mit Mut und Entschlossenheit daran festgehalten werden, in Zeiten des Aufstiegs wieder Neues und Gutes zu schaffen.
Gang durch den Schulneubau.
Bei einem Gang durch den Schulneubau ist festzustellen, daß er zweckmäßig und modern, aber ohne jeden Luxus, ohne jeden unnötigen Aufwand durchgeführt wurde. Selbstverständlich ist alles da, was zu einer modernen Schule gehört. Die unzähligen Klassenzimmer sind hell und luftig, sie sind mit Tischen und Stühlen ausgestattet, wie sie nach den Erfahrungen der Erzieher gefordert werden. Die Wände sind mit freundlichen Farben gestrichen und die Beleuchtung ist zweckmäßig angebracht. Das Problem der Schülergarderobe, das in vielen Schulen Kopfschmerzen bereitet, ist gut gelöst: Für jeden Klassenraum gibt es einen ver schließbaren Garderobenschrank auf dem Korridor, Der Schrant, der ein Symbol dafür fein fann, mit welcher Fürsorge man bei dem Schulneubau an die Kinder gedacht hat, hat zusammentlappbare Türen, und es ist durch sinnreiche Konstruktion dafür ge= sorgt, daß sich die Kinder nicht ihre Finger einklemmen können. Vorgesorgt ist besser wie nachbedacht haben sich die Erbauer der Schule gesagt, und so haben sie im Kleinen wie im Großen das 3weckmäßigste und Beste geschaffen. Wie vieles wäre uns erspart geblieben, wenn das frühere System auf dem Gebiete des Schulwesens und auf all den anderen Gebieten ebenso gehandelt hätte! Selbstverständlich fehlt es in dem Schulneubau auch nicht an den erforderlichen Nebenräumen, die in den alten Schulen meist nicht vorhanden sind. Weltliche Schule, Mittel- und Berufsschule, die in dem Schulneubau untergebracht sind, be
WENN DERK
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DERKURS FALT
ROMAN
VON
Folly Scherret
,, Dürfte ich, verehrter Herr Kammerfänger, mir erlauben, Ihnen einen Geburtstagstognat anzubieten?"
Herr Ziege gewinnt sichtbar an Menschenwürde. Gern!" Manfred strahlt Liebenswürdigkeit aus. Marie Caspari macht sich so klein wie möglich. Wenn er mich nur nicht sieht! Dieser Wunsch zermartert ihr Hirn. Er darf nicht wissen, wie wir leben. Mar würde mich um bringen. Die 3oppoter Kurterrasse taucht in der Erinnerung auf. Wie lange ist das schon her? Marie hat in den letzten Jahren des Leidens jedes Zeitbewußtsein verloren. Damals sangen Mag und Manfred in Danzig zusammen. Jeder trug den Marschallstab im Tornister, nur hat ihn Mag verloren. Für immer verloren?
,, Hier ist eine saubere Tasse", schmeichelt Fräulein Hinzelmann. Allerdings fehlt dem Prachtstück keramischer Kunst der Henkel.
Herr Ziege gießt die Tasse und sein Glas gestrichen voll. Ihr Wohl, Herr Ziege! Weitere hundert Jahre!" Manfred trinkt die Tasse ohne abzusetzen leer. Herr Biege folgt heroisch diesem Beispiel, wenn ihm auch die Augen
tränen.
Für immer verloren? Die Stimme ist doch da. Sie wird sogar noch schöner, voller, runder. Mein Gott, vielleicht kann Manfred helfen. Waren sie damals nicht befreundet? Warum soll Manfred nicht helfen? Das Wort des großen Tenors vermag verschlossene Türen spielend leicht zu öffnen, vermag Agenten und Intendanten plötzlich zu interessieren. Hier liegt eine Chance, vielleicht die Chance des Lebens.
Besten Dank, Herr Ziege. Viel Vergnügen, meine Herrschaften. Grüß Gott !"
Manfred ist verschwunden.
Marie springt auf. Sie drängt sich zwischen die fich zuprostenden Herren Ziege und Christians hindurch, wirft beinahe Fräulein Hinzelmann um, die ihr im Wege steht. ,, Lassen Sie mich!" tobt sie.
Fräulein Hinzelmann schüttelt fassungslos den Kopf. Ist
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nutzen gemeinsam die Physik- und Chemiezimmer. Hier hat man in ausgezeichneter Weise gezeigt, wie gespart werden kann, ohne den in ausgezeichneter Weise gezeigt, wie gespart werden kann, ohne den 3wed zu beeinträchtigen. 3wed zu beeinträchtigen. Das Pult des Chemielehrers zeigt so recht deutlich, wie sich auch der Unterricht gewandelt hat: Am Plazz des Lehrers findet man so viele Schalter und Anschlüsse für Gas und Elektrizität, so daß der Laie viel fragen muß, wenn er hinter die Geheimnisse dieses Pultes tommen will. Ja, wir leben in der Zeit der Technik, und die Technik ist in die Schule unserer Zeit eingedrungen.
Auch in den Werkräumen der weltlichen Schule ist zu sehen, wie sich der Unterricht entwickelt hat. Maschinen und Werkzeuge aller Art stehen den Schülern und Schülerinen zur Verfügung, und es fommt oft vor, daß die Handwerksmeister gern einen Jungen, der durch den Handfertigkeitsunterricht dieser Schule gegangen ist, für die Lehre vorziehen. Wie das Physitzimmer mit Modellen und Lautsprecher- Anschluß, so findet man auch eine Dunkelfammer und Projektionsapparate vor, Büchereien, Lehrmittel- und Handarbeitszimmer sind für jede Schule in der erforderlichen Zahl vorhanden; auch Elternzimmer, Lehrer- und Rektorzimmer in einfacher aber zweckmäßiger Einrichtung.
Ausdruck einer neuen Zeit.
Einen Kernpunkt der Schule stellt die Aula dar, die etwa 2000 Menschen faßt. Für eine Schule dieses Umfanges ist sie nicht zu groß. Hier wird die Schule ihre Feste und Feiern abhalten, und die Aula wird auch sonst der Deffentlichkeit zur Verfügung stehen. Eine modern eingerichtete Bühne und die freitragende Decke sind Beweise dafür, daß man mit den neuesten Errungenschaften der
Dienstag, 25. August 1931
Technik das Beste geschaffen hat. Ein Blick in die Abteilungen der Berufsschule lehrt, daß man gut eingerichtete Schmiede, Schlosser und Tischlerwertstätten hat, in denen die Ausbildung der Qualitätsarbeiter bestens vervollkommnet werden wird. Mit Transmissionen und Automaten, mit Drehbänken und Werkzeugen sind diese Werkstätten ausgestattet, so daß die Berufsschüler alles fennen lernen werden, was nötig ist.
Beim Abschied aus der Schule wirft man noch einen Blick in den großen geräumigen Hof, der den Schülerinen und Schülern Gelegenheit gibt, sich in den Pausen zu ergehen und zu erholen. Die in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts errichtete alte Schule, von der wir oben berichteten, steht eingepferd; t in einer engen und lärmvollen Straße, mitten unter anderen Häusern, die Schulräume sind dumpf und niedrig und auch die sorgsamste Pflege vermag da nicht viel zu helfen. Diese alte Schule ist eben der Ausdruck einer alten Zeit, die nie mehr wieder kommen wird.
Wie frei und offen dagegen steht die neue Schule- der Ausdruck einer neuen Zeit. Und daß der Geist immer neu und jung sein wird, dafür bürgt nicht zuletzt die Tatsache, daß in dem Schulneubau auch eine weltliche Schule mit einem modern denkenden und handelnden Rektor und Kollegium ihr Heim hat. Möge der freie und menschliche Geist dieser Schule in dem ganzen Schulgebäude wohnen. Das herrliche Gebäude hat es voll und ganz verdient!
50 000 besuchen die Funkstadt.
Die Große Deutsche Funtausstellung und Phonoschau Berli 1931 scheint die Besuchsrekorde aller Veranstaltungen der früheren Jahre schlagen zu wollen. Nach dem glänzenden Auftakt des Eröffnungstages wies auch der Sonnabend gegenüber dem Vorjahre eine 20 prozentige Besuchssteigerung auf, und der Sonntag brachte der Funkstadt mit über 50 000 Besuchern den bisher größten Tag aller Funtausstellun= gen seit 1924.
Weltstadt oder Dorf?
die verrückt geworden? Oder steigt ihr der Curacao in den Hals? Sie weiß nicht, was sie von der sanften Marie Caspari halten soll. Manfred ist nicht mehr auf dem Korridor. Marie reißt die Tür zum Treppenhaus auf und schreit verzweifelt: ,, Manfred! Manfred!"
Der Ruf gellt durch das Haus. Mit ein paar Säßen ist Manfred die Treppe heraufgestürmt. Er fühlt sich um= schlungen und gefüßt. Er hält eine halb Ohnmächtige in den Armen, die immer wieder stammelt:„ Gott , ich danke dir, Gott, ich danke dir!"
Manfred versteht nichts.
,, Was ist Ihnen?" Dramatische Szenen schäßt er daneben. Er schiebt das kleine Persönchen von sich. Das Gesicht sollte Aber dieser herbe, schmerzlich gekrümmte er fennen. .? Zwei graue Augen, in denen Tränen stehen, Mund saugen sich an ihm fest. Die Lippen brabbeln Unverständliches. ,, Manfred", würgt es sich schließlich heraus. Und nach einer Pause: Marie Caspari."
Manfred schlägt sich heftig vor die Stirn, daß ihm der Hut ins Genid rutscht. ,, Marie... du?! Was machst du hier? Wo ist Mar?" In seinem Kopf summt ein Bienenschwarm. Manfred sieht in diesem Augenblick wenig geistreich aus. Marie lehnt sich an Manfred und streichelt sein Gesicht mit einer scheuen, liebevollen Gebärde.
,, Ich arbeite bei deinem Schwager als Kontoristin." Und dann schüttelt es sie in unterdrücktem Weinen. Mit uns ist es aus!" Sie läßt die Hände sinken, die unkontrolliert hin und her baumeln. Es ist aus." Ein hilfloses Lächeln sitzt um ihren Mund. Manfred drängt sie in den Korridor zurück. Schritte nähern sich auf der Treppe.
,, Was ist aus? Rede doch schon!" Mar findet tein Engagement."
Der eingeschrumpfte Stadtsäckel zwingt zu Einschränkungen auf allen Gebieten, auch auf dem des Straßenbaus. Immerhin mutet es sonderbar an, wenn man auf unserem Bilde die Neuanlage einer Straße sieht, die nur halb und stückweise fertiggestellt wird. Es handelt sich um das Ende der Kreuznacher Straße in einer Länge Done etroa 200 m zum Breitenbachplatz. Diese kurze Strecke wird nur in der Hälfte des Fahrdammes asphaltiert. Immerhin merden die Anwohner dem Magistrat dankbar sein, daß sie nunmehr trockenen Fußes zum gelangen
Untergrundbahnhof
können.
| such. Mit Gas. Ich war mit dem Kind ausgegangen, Gott sei Dank kamen wir rechtzeitig nach Haus. Jetzt ist die Gasrechnung noch viel höher als sonst. Warum hast du dich nie um uns gekümmert? Warum nicht? Wir waren doch Freunde, weißt du noch damals in Danzig ?" Aber sofort fühlt sie die Unsinnigkeit ihres Vorwurfs, sie ergreift Manfrieds Hand und will sie füssen. ,, Verzeih mir", schluchzt sie auf.
,, Marie, sei doch vernünftig. Ich bitte dich! Pardon, mein Fräulein, wir haben noch etwas zu besprechen." Damit dreht er Fräulein Hinzelmann, die sich angelegentlich auf dem Korridor beschäftigen möchte, den Rücken zu. Aber wie seid ihr in diese Stadt gekommen? War Mar hier engagiert?"
,, Nein. Als wir nicht mehr aus und ein mußten, wandten wir uns an meine Tante, und die nahm uns auf. Wenigstens haben wir jetzt nach ihrem Tod die Wohnung."
Beide schweigen eine Weile. Marie sieht zu ihm auf, als ob von ihm die Erlösung kommt. Sie flüstert kaum hörbar: ,, Hilf uns, Manfred!"
Nach kurzer Ueberlegung fragt er: Wo wohnt ihr?" Marie nennt eine alte Straße in der City, nicht weit vom Büro. Manfred kennt die Straße noch von seiner Schulzeit her. Dort war ein Freund in einer trübsinnigen Pension untergebracht, in der es immer aufdringlich nach Kazen stant, und Manfred liebte diese Tiere nie.
,, Gut, mach dich sofort frei. Ich gehe voraus." In einem Delikatessengeschäft fauft er zwei Flaschen Sekt. Gegen Melancholie hilft vorerst nur Alkohol. Er ist unsicher, wie er Mar begrüßen soll. Auf den ersten Auftritt kommt es an. Mar hat also den Anschluß verpaßt. Kein Wunder, schon in Danzig gefiel er sich als Eigenbrötler, der sehr schwer und mit vielen Vorbehalten Freundschaften schloß. Und auf die Freundschaften allein kommt es an, auf Diplomatie, überhaupt auf Schmiegsamkeit des Charakters. Begabung muß man haben, das ist die Voraussetzung, aber ohne Beziehungen nüßt auch die größte Begabung nichts.
In Herrn Zieges Zimmer wird ein dreifaches Hoch aus fpurios vorübergegangen zu sein. Allerdings sind zwei eingebracht.
,, Hat er die Stimme verloren?"
,, Nein, aber er findet keinen Anschluß mehr." Und jetzt bricht es ungehemmt aus ihr. Es stört sie nicht, daß Paul neugierig in den Korridor schnüffelt. Du sitzt oben, du hast es geschafft, du weißt nicht, wie die Dinge liegen. Mag ist menschenschen geworden. Er will niemand sehen. Als er von deinem Gastspiel hörte, machte er einen Selbstmordver
Die Straße hat sich nicht verändert. Die Zeit scheint stödige Häuschen verschwunden und haben Mietskasernen im modernen Sachlichkeitsstil Platz gemacht. Sonst träumt alles so weltentrückt wie früher. Dort, in jenem Haus mit den abgestoßenen Karyatiden wohnte Endrukat. So hieß doch der brave Knabe mit dem roten Schopf und der Sammlung von Sommersprossen über der Nase? Sein Vater hatte bei Insterburg ein Gut, das ständig unter einer Last von Hypotheken ( Fortsetzung folgt.) ächzte.