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Beamte und Wirtschaftskrise. Große sozialdemokratische Beamtenkundgebung. Der Bezirksverband Berlin der Sozialdemokratie hotte am Freitag zu einer Beamtenkundgebung in den Kommersälen aufgerufen. Reichstogsabgeordneter Kurt H ei n i g sprach in dem überfüllten Saal über das ThemaDie Beamten, die Staats- einnahmen und die Wirtfchaftskrife". Er führte aus: Die Schwierigkeiten der deutschen Wirtschaft und des deutschen Staates werden von vielen immer wieder auf dieselbe Ursache zurückgeführt: die Sozialdemokratie sei schuld. Berschlimmern sich die Zustände, so kommen meistens die Beamten noch als Schuldige hinzu. Durch Beamtenabbau, Beamten- gehaltskllrzung wollen die politischen Propheten der Neuzeit viele, wenn nicht alle Probleme lösen. Solchen Propheten laufen sogar große Beamtenschichten nach. Es ist allerdings schwer, bei dem komplizierten Aufbau der heutigen Wirtschaft und des Staatslebens und bei der schnellen Veränderung der Lage immer den Ueberblick über die Ge- samtzusammenhänge zu behalten. Aber nur aus den Ge- samtzusammenhängen können die heutigen Erscheinungen erklärt werden. Die allgemeine Ursache für die heutige Wirtschastsnot, für alle Etatschwierigkeiten ist heute immer noch der Weltkrieg mit seinen Folgen. Durch den Weltkrieg hat Europa seine Stellung als industrielle Werkstatt für die ganze Welt verloren, und eine Welt- industrie, doppelt so groß wie die Industrie der Vorkriegszeit, ringt auf dem Weltmarkt um die Absatzmöglichkesten. Das ist die Ursache der ungeheuren Verschärfung der Wirtschaftskrisen in der Nach- kriegszeit. Aber auch die Staatshaushalte aller kriegführenden Länder, nicht bloß der besiegten, sind durch die Kriegsfolgen un- geheuer stark belastet. Nicht nur Deutschland zahlt Milliarden für die Kriegsopfcrversorgung, sondern England. Amerika , Frankreich und Italien zahlen dafür ähnliche und größere Summen. Deutschland trägt auch nicht allein Kriegsschulden. 51 Proz. der englischen Staats­ausgaben werden nur für den K r i e g s s ch u l d e n d i e n st ver- wandt, und die Vereinigten Staaten müssen Tilgungsraten für die Kriegsschulden bis 1945 zahlen. Dazu kommen bei den auherdeutschen Staaten noch die ständig wachsenden Rüstungsausgaben. Das Kriegsschuldenfeierjahr, das von choover vor­geschlagen wurde, war eine Notwendigkeit nicht nur für Deutschland , sondern für die ganze Welt. Die Sozialisten aller Länder haben schon vor zehn Iahren nicht nur den Ausschub der Zahlungen, sondern die Streichung aller Kriegsschulden gefordert. Kapitalistisch« Maßnahmen zur Wirtschaftsrettung bleiben eben immer halbe Maß- nahmen und kommen noch dazu fünf Minuten nach Zwölf. Die Frage, warum die Sozialisten, zumindest in Deutschland , nicht ihre Vorschläge verwirklicht haben, taucht immer wieder aufs neue auf. Aber es wird dabei immer wieder vergessen, daß weder in Deutschland noch in irgendeinem anderen Lande die Sozialisten die Mehrheit und damst die Macht jemals in chänden gehabt haben. Die Beamten selbst waren es ja zum Teil selbst, die der Sozialdemokratie in der Ausübung der Verwaltungs- macht die Hände gefesselt haben. Die Volksfremdheit brester Be- amtenschichten hat den Haß gegen sie erzeugt, und aus derselben Duelle bezieht die jetzt wiederauflebende Beamtenhetze ihre Argumente. Trotz der in Deutschland verschärften Krisennot ist im deutschen Etat das Gebiet der Sozialpolitik und der Be- amtenrechte gegenüber ollen anderen Ländern am weitesten ausgebaut. Gegen diesen Sozialetat, gegen die Beamtenrechte rennt die Reaktion an, und sie wird dabei von einem Teil der Beamten unterstützt. Keine der reaktionären Richtungen weiß ober, wie sie die Konjunkturgebundenheit des deutschen Reichsetats. die nicht nur auf der Ausoobenseite besteht, anders meistern soll, als es durch die Sozialdemokratie vorgeschlagen wird. Die Sozialdemokratie will in diesem Kampfe klar« Fronten schaffen, und sie appelliert dabei an die Hilfe der Beamten, die politisch und gesellschaftlich in die gemeinsame Front aller Werk- tätigen gehören. Diese gemeinsame Front aller Arbeiter, Angestellten und Beamten unter Führung der Sozialdemokratie zu schaffen, ist die Aufgabe jedes denkenden Beamten! Besondere Zustimmung fand der Redner bei seiner witzigen Abfertigung einiger gegnerischer Zwischenrufer. Die Kundgebung wurde mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie geschlossen.

Dieharmlosen" Naziheime.

Oer Kall Kenner Brockway. Eine berechtigte Maßnahme. In der Frcitagmorgenausgabe desVorwärts" haben wir über die Herrcnhausversammlung der Deutschen Liga für Menschenrechte, in der der engliche Abgeordnete Fenncr- Brockway über die englische Regierungskrise sprach, berichtet und dabei erwähnt, daß der Versammlungsleiter Ernst Toller sich eine unglaubliche Beschimpfung gegen den Bezirksvorstand der Berliner Sozial- demokratie geleistet hat. Er verlas nämlich einen Brief, den der 2. Vorsitzende der Berliner SAI.. Krcßmann, an Fenner-Brock- way gerichtet hatte, um ihm mitzuteilen, daß der Berliner Bezirks- vorstand der SPD. gegen die Absicht der SAI., Fenner-Brockwey als Redner auf einer Berliner Jugcndkundgebung auftreten zu lassen, Einspruch erhoben habe. Da nun Fenncr-Brockway kürz- lich in Polen gesprochen hatte, bezeichnete Toller den Berliner Be- zirksoorstand alsp i l s u d s k i s ch e r denn P i l s u d s k i". Es fällt uns nicht ein, mit dem Dichter Ernst Toller über politische Dinge zu diskutieren. Seine politischen Werturteile intcr- essieren uns nicht. Notwendig erscheint uns lediglich, die Gründe klarzustellen, die den Berliner Bezirksvorstand zu seiner Stellung- nähme veranlaßt haben. Fenner-Brockwoy ist einer der Führer jener Unabhängigen Arbeiterpartei Englands, die in schärfster Opposition zur Labour-Party steht und vor wieder- holten Disziplin brächen gegen sie nicht zurückgeschrc-tt ist. Die Unabhängige Arbeiterpartei hat übrigens, seitdem sie diesen links- radikalen Kurs eingeschlagen hat und«ine Art Ersatz für die in England fast fehlende kommunistische Bewegung bildet, an politischer Bedeutung stark verloren. Gerade Fenner-Brockway hat in den letzten Jahren trotz eindringlicher Warnungen des Sekretariats und der Exekutive der Sozialistischen Arbeitcrinter- nationale an verschiedenen Kongressen teilgenommen, die unter Münzenbergs Regie von Deckorganisarionen der K o in- m u n i st i s ch e n Internationale veranstaltet wurden. Die 'Redner seiner Partei haben sich erst vor wenigen Wochen auf dem Wiener Kongreß der Sozialistischen Arbeiterinternationalc über die deutsche Sozialdemokratie in einer Weise geäußert, die bei der erdrückenden Mehrheit des Kongresses helle Empörung aus- gelöst und ihnen eine vernichtende Abfuhr durch Otto Bauer in feinem Schlußwort eingebracht hat Nach alledem hatte die Berliner Sozialdemokratie alle Ver- anlassung, gegen dos Auftreten Fenner-Brockways in einer Der- jamlung der Berliner Arbeiterjugend Einspruch zu erheben. Vor allem aber gebieten es die Regeln der internatio» Sal«» 3 as a mrne a a ob e l t, daß die Partei sich nicht aus-

Oer eir�achü

-- und wenn die Polizei kommt, singen wir ein frommes Oed." Kundgebung der Freidenker. Kür die Kreiheii des Geistes.

Der Internationale Freidenker- Kongreß, der von Sonnabend bis Dienstag in Berlin tagt, fand«ine großartige Ein- leitung durch die öffentliche Kundgebung, die unter dem Zeichen internationalen Kampfes gegen Kulturfaschismus gestern in derNeuen Welt" stattfand. Da der große Saal die Massen nicht faßte, mußte eine Porallelversammlung veranstaltet werden, die gleichfalls überfüllt war. Der Grundton aller Reden ging dahin, ein« Vereinigung der sogenannten Brüsseler International« und der Internationale proletarischer Freidenker nach besten Krästen herbeiführen zu wollen. Ein wuchtiger, von Leidenschaft getragener und in volkstüm- lichem Tone gehaltener Sprechchor von Bruno Schönlank , Die Jugend grüßt den Weltkongreß", bei dem Arbeitersportler, Arbeiterjugend, Kinderfreunde, Sprech- und Bewegungschor, Ar- beitersanger, die Jugerchgruppe im Deutschen Freidenteroerbond. der freie Körperkukturkreiz Kreuzberg und das Doppelquattett der Frei- denker in prächtiger Zusämmenarbeit mitwirkten, bildeten den wohl- gelungenen Auftakt. Dann rezitierte, beseelt durch sein mitreißendes Temperament, Alfred Beierle Verse der Frecheit. Ein Wald von roten Fahnen umrahmte die Bühne, rotes Tuch schmückte den Saal. Als erster Redner sprach Fritz Schmidt-Berlin : Zwei Inter­nationalen tagen, beide streben nach einer Einigung. Aber wenn wir hier alle die Sportler, die Jugend, die Sänger die Künstler zusammenwirken sehen, dann wissen wir, daß der freie Gedanke im Vormarsch ist und jeden Kampf siegreich bestehen wird. Beten gibt kein Brot, und der Himmel hilft nicht. Wir müssen uns selber helfen, damit wir siegreich sind. Vereinigen wir uns zum Kampfe gegen die Reaktion jeder Art, schaffen wir die Einheit aller vom Gedanken der Freiheit getragenen Elemente. Der Präsident der Freidenker-Jnternationale, Teroagnc-Velgicn. betonte, welche Stärkung im Kampfe für die ausländischen Genossen das wundervolle Schauspiel gewesen sei, das sie eben mit künstleri- schem und proletarischem Empfinden genossen hätten. Er fuhr fort: Unsere beiden Völker haben sich zerfleischt, sie müssen sich vereinigen. Der freie Geist bereitet diese Zukunft vor im Kampf gegen Kapital und Kirche. Unser Kampf muß positiv sein, unsere beiden Jnter- nationalen müssen sich verbrüdern." Prof. Hartw'g-Tschechoslowatei sprach von dem Ausnahmegesetz, das in Deutschland gegen die Freidenker bestände. Er wolle den Reichsinnenminister Wirth beruhigen, kein Freidenker denke daran. die Gläubigen aus der Kirche herauszuholen, nein, man wolle nur

die gewinnen, die nicht mehr glauben, aber doch noch in der Kirchs sind. Könne die Kirche nicht froh sein, wenn man ihr diese un- gläubigen Glieder entzöge?(Heitere Zustimmung.) Ich grüße euch mit dem Worte: Freiheit! Ronzaal-Oesterreich beleuchtete den schweren Kampf, den gerade sein Heimatland gegen die kulturell« Reaktion durchzukämpfen habe. Bei der Frage der Abänderung des völlig veralteten Ehegesetzes habe sich die Regierung an den päpstlichen Stuhl gewandt, ob es ja auch erlaubt sei, das Gesetz zu ändern. Alle, in deren Hirne die Sonne hineingeleuchtet hat und deren Hirnkasten einmal ausgekehrt wurde, müssen sich vereinigen. Brot ist Freiheit, Freiheit Brot, und Freiheit ist auch geistiges Brot! Roel-Frankreich betonte die Notwendigkeit der Durchsetzung des Laienunterrichtes in allen Ländern. Es muß dem freien Gedanken zum Siege verHolsen werden, damit die Menschen aller MÄien und aller Nationen die neuen großen Ziele der Zukunft ver- wirklichen können. Chapman- England legte dar, es sei falsch, den Kampf der Engländer sür Freidenkertum als leicht anzusehen. Die Klerikalen sind hier nicht die offenen Feinde wie in anderen Ländern, aber sie kontrollieren unter der Hand die Press« und beeinflussen die ökonomische Lage der einzelnen. Kampf der Freidenker muh auch Kampf für Sozialreform und Besserung der Lebenshaltung fein. (Anhaltender Beifall.) Die Vergangenheit des Freidenkertums weift auf Ström« vergossenen Blutes. Sorgen wir in zäher Kleinarbeit dafür, daß Haus und Familie und damit die Zukunft uns gehört. hoving- Holland verglich die christliche Liebe der Kirche, die nichts kostet, mit sozialistischer Solidarität. Der freie Gedanke allein, der auf wahrer Sittlichkeit gegründet ist, weist in die Zu- kunft. Das Wort des großen holländischen Freidenkers Spi- n o z a, daß wir nichts für uns wünschen dürfen, was wir nicht auch den anderen wünschen, muß uns Leitstern sein. Wir Hol- länder, die wir gleichzeitig Weltbürger sind, erstreben den Einheits» gcdanken der Freidenkerbewegung. Fräulein Parodon-Belgien , die Sekretärin der Freidenker-Inter - nationale, überbrachte besondere Grüße der freidenkenden Frauen undappellierte in wirkungsvollen Worten an den Geist des Friedens und der Freiheit. Mit dem gemeinsamen Gesang der Internationale schloß die imposante Kundgebung.

ländische Referenten einlädt, von denen zu befürchten ist. daß sie eine Bruderpartei, nämlich die englische Arbeiterpartei, herunterreihen werden. Nach seinen eigenen Bekundungen hatte der Verfasser des Briese» an Fenner-Brockway sein Schreiben ausdrücklich als persön- lich und vertraulich bezeichnet. Das hat Fenner-Brockway nicht daran gehindert, den Brief einerseits dem Versammlungsleiter Ernst Toller , andererseits der bürgerlichen englischen Reuter- Agentur zwecks Weiteroerbreitung zu übergeben. Allein dieses Vorgehen beweist, wie recht die Berliner Bezirksleitung mit ihrem Einspruch hatte. Im übrigen hat am Freitagabend eine Sitzung der Berliner Kreisleiier stattgefunden, die das Verhalten des Bezirksvor- standcs und besonders des Genossen Franz Künstler in dieser Angelegenheit rückhaltlos gebilligt, dagegen das eigen- mächtige Vorgehen des Briefschreibcrs Krcßmann entschieden oer> urteilt hat._ Mairosenfleg in Chile . Regierung muß nachgeben. Uew Bort. 4. September. Es scheint, daß es der Regierung gelungen ist,«ine grundsätz- liche Einigung mit den aufständischen Matrosen zu erzielen. Der die Verhandlungen führende Admiral hat die Beditigungen der Rebellen der Regierung unterbreitet. Die Regierung soll erklärt hoben, daß sie den bisherigen Sold weiterzahlen und von Bestrafungen wegen der Meuterei absehen wird. Das Ende der Meuterei ist in greis- bare Nähe gerückt, falls nicht die Regierung in letzter Stunde sich daraus versteift� von den Rebelle» bedingungslose Unterwerfung

zu fordern. Die Lage der Regierung ist jedoch nicht gerade günstig. Das Fliegerkorps hatte sich geweigert, die Schiffe der Rebellen mit Bomben zu belegen. Gestern ist über das ganz« Land der Be- lagerunzszustand verhängt. LlSA.-Kapiialinteresse. New Bort. 4. September. Ungeachtet der Erklärungen der chilenischen Regierung, daß die baldige Beendigung der Flottenmeuterei und der sonstigen Un» ruhen bevorstehe, beschäftigen sich die Morgenblätter weiter sehr eingehend mit der Möglichkeit der Ausbreitung der revolu- tionären Bewegung. Die Zeitungen weisen dabei auf die großen Investierungen amerikanischen Kapitals in Chile hin. Nach einem Bericht derNew Park Times" hat die Armee bisher jede Aufforderung, sich dem Ausstande der Flotte anzu- schließen, abgelehnt. Die Ausländer haben Selbstschutzmaß- nahmen getroffen. llnruhen auch in Ecuador . New Bork. 4. September. Associated Preß " meldet aus Guayaquil , dem Hafen von Ecuador , daß dort fortgesetzt kommunistische Unruhen vor sich gehen. Die Unruhen begannen unmittelbar nach Demonstra- tionen gegen das ausländische Zündholz-Monopol.

IVafsenfunde bei Kommunisten. Aus Grund verschiedener Ver­dachtsmomente unternahmen am Freitag in dem Bergarbeiter- städtchen Sandersleben Schutzpolizisten aus Bernburg eine Durch- suchung zahlreicher von Konnministen bewohnter Häuser. Es wurden rund Ä Militär- und Jagdgewehre, zahlreiche Revolver und Pistolen sowie mchrer« 100 Schuß Munition und verschiedene Hieb» und Stich- wass«n gefunden und beschlagnahmt,