Nr. 429 48. Jahrgang
1. Beilage des Vorwärts
Sonntag, 13. Geptember 1931
Jugend auf grosser Fahrt
Da haben die Jungens nun Bäcker gelernt, aber wo sollen sie backen gehen? Höchstens auf dem Arbeitsnachweis Schach spielen, aber dazu brauchen sie nicht Bäcker zu lernen. Andere haben Tischler gelernt, aber wenn der Baumarkt still liegt, wer kauft dann Möbel? Schweigen roir von der Metallindustrie. Trostlos ist das, den ganzen Tag in der Küche sitzen, gesunde Hände zu haben und trotzdem keine Aussicht auf Lohn und Brot. Und dazu noch keine zwanzig Jahre alt sein, niemals einen Groschen Geld in der Tasche und alle vierzehn Tage schreibt die Zeitung: Arbeitslosigkeit erneut um 100 000 Mann gestiegen! Da sind in diesem Sommer viele Jugendliche zum Vorsteher ihres Arbeitsamtes gegangen und haben gesagt: Wissen Sie, wir halten das hier nicht mehr aus. Wir roerden einmal sehen, ob wir draußen nicht etras finden, ganz gleich, mas für Arbeit. Wenn draußen auch nichts los ist, kommen wir in fünf, sechs Wochen wieder. Lassen Sie unsere Unterstützung solange ruhen." Dann haben die Vorsteher die Zahlbogen zu unterst gepackt, die Jungens ölten noch einmal ihr Fahrrad, steckten sich ein Stück Seife ein und in die Rocktasche das Ver
bandsbudi. Dann sagten ten sich ein Stück Seife ein und in die Rocktasche das Ver
begann; die einen ins Sächsische hinein, die anderen ins Mecklenburgische. Einer von jeder Gruppe hatte noch immer das Herbergsverzeichnis vom Verband Deutscher Jugendherbergen bei sich. Das ist auch wichtig, megen des Schlafens.
jeder deutsche Wandersmann in eine Filiale des Herrn Bata gehen fann, um sich für drei Mart und sechzig Pfennig ein Paar Stiefel zu faufen. An diesen Stiefeln erkennt man die Deutschen schon eine Meile im voraus. In Prag wird es etwas mindiger. Da ist der tschechische Transportarbeiterverband, der gibt nichts. Aber die Angestelltengewerkschaft, die hatte ein Erbarmen und gab fünf Kronen und einen Tipp. Nämlich zur Kantine der Prager Konsumgenossenschaft zu gehen, um sich Mittag zu holen. Diese Kantine hat im Sommer so einen Freitisch für fünf oder sechs durchreisende Organifierte, an jenem Tage gab es Nudelsuppe, Kaßler mit Knödel und Nachtisch, erinnern sich die Jungens. Und wer hernach im großen Bogen über Kladno nach Saaz in die Hopfengegend tommt, der fann wieder zum Deutschen Transportarbeiterverband gehen, der Mann da gibt sogar fünfzehn Kronen
Im Hafen von Kopenhagen Scheine für ein Paar Stiefelfohlen. Wie eng der Schmachtriemen auf solchen Fahrten anzuziehen ist, hängt von dem Kassenbestand auf den einzelnen Gewerkschaftsbüros ab. ,, Au, die Kollegen in Meißen waren fnorte," berichten die jungen Mitglieder des Gesamtverbandes ,,, die haben uns pro Tag und Mann einen Taler Reiseunterstüßung gegeben." In Pirna hat es auch einen Taler gegeben, alle war ganz nobel und gab neben den drei Mart noch das Schlafen dazu, Dresden gibt eine Mart und fünfzige Pfennige zuzüglich Schlafen und Frühstud. In Leipzig fonnte man zwei Mark erwischen, davon ging das Schlafgeld mit achtzig Pfennigen wieder ab, aber eine piffeine Herberge im Boltshaus ist das mit frischbezogenen, meißen Betten. Bor Medlenburg jedoch wird gewarnt, da sind so viele unterwegs, daß die Büros fein Geld mehr haben, höchstens gibt das Ortsfartell einen Fünfziger oder eine Mart. Dann ist Schmalhans Küchenmeifter. Man fann in Sachsen noch bei der Wohlfahrtspolizei vorsprechen, die hat ein Lebensmittelgeld; Gutscheine über zwanzig oder 30 Pfennige. Immer alles mitgenommen, für dreißig Pfennige gibt es schon wieder einen Liter Milch. Und in Stettin , da tann man auf dem Rathaus einmal ,, Guten Tag" sagen und um einen Schein für das Stiefelbesohlen bitten. Gemiß, sagt der Mann auf dem Rathaus und gibt den Wandersleuten den erbetenen Schein, aber der Schuster, zu dem dann die Wandersleut' gehen, der zuckt leider die Achsel und meint: Wenn ihr eine Woche in Stettin bleibt, fömmt ihr die Stiefel besohlt friegen, achi Tage dauert es fchon, ehe ihr rantommt." Das ist die Kehrseite der Medaille.
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„ Und wie steht es mit dem Schlafen?" ,, Darum haben wir uns nie Sorgen gemacht," erzählten die jungen Männer ,,, mir haben doch alle unseren grünen Ausweis, den holen wir uns Dom Berliner Büro des Verbandes Deutscher Jugendherbergen, an der Jannowigbrüde ist das, und damit haben wir die Berechtigung in jeder Jugendherberge für 20 Pfennige zu übernachten. Am nächsten Morgen fommt noch ein Groschen hinzu, der ist für den Kaffee, davon gibt es einen ganzen Bottich voll. Und in den Feldbettstellen der Jugendherbergen schläft es sich so einigermaßen." Außerdem haben ja die Jungens ihre Fahrräder. In einem Ort, da wollten zwei in die Herberge zur Heimat gehen. Irgendwo in Sachsen war das. Da sagte der Serbergsvater: ,, Wenn Sie durchaus hier bleiben wollen, schön, aber ich kann Ihnen das nicht empfehlen, dort unter den alten Bettlern zu nächtigen." Das war ein Wort und so ging es eben weiter, noch schnell zur nächsten Jugendherberge.
Kommt das Essen an die Reihe. Nur selten wird das Essen selbst zubereitet. Natürlich fommt es billiger, sagen die jungen Wanderer, aber mas muß man denn da alles mitschleppen. Mit dem Kochtopf allein ist es doch nicht getan. Da gehören Teller zu und Tassen und Gewürz und alles mögliche und schließlich wird das doch nur ein eintöniger Küchenzettel, immer abwechselnd: Spec mit Erbsen oder Erbfer mit Sped oder richtiger Erbswurst. Da ist es heffer, in einer Stadt so lange herumzusuchen, bis man einen Mittagstisch für fechzig oder 80 Bfennig gefunden hat. Brot und eine Büchse Butter und Sped als Belag hält man sich für das Abendbrot oder falls ein zweites Frühstüd eingeschoben wird; das erste Frühstück besteht aus einem halben Liter Milch und vier Schnecken. Das ist immerhin im ganzen gesehen eine etwas dürftige Speisekarte, aber das Entscheidende ist folgendes: dieje jungen Menschen melden sich abends weder obdachlos und noch betteln fie irgendwo. Von den Lotal geschenken ihrer Gemertschaftsfollegen fönnen fie alles bezahlen. Bon einem alten Spedjäger unterscheiden sie sich also wie der Tag von der Nacht. Das ist stimmungsmäßig von ungeheurer Wichtig keit: Dresden sieht anders aus, wenn man erst fechten gehen muß. Zwischen Prag und Kopenhagen .
Nun loct doch die Grenze. Also geht es hinüber. Dann schmedt die Fremde erst richtig. Aber da drüben in Aussig, da gibt es feinen Deutschen Metallarbeiterverband mehr, feinen Verband der Buchdruder Deutschlands und feinen Gesamtverband, da gibt es nur noch das Unterstützungsabkommen des Internationalen Gewerkschafts bundes , und das soll so eine Sache sein, sagen die Jungens. Jeden falls meinte der Sekretär auf dem Büro des Transportarbeiter verbandes in Aussig , er tönne kein Geld verschenken und es dauerte eine Beile, bis er sich erweichen ließ und zehn Kronen, das ist ein bißchen menig, in deutschem Geld ungefähr 1,25 M. Aber auf der Arbeiterfürsorge in Deutschböhmen sißen freundliche Männer, die geben Schlafen und Frühstück. Schließlich fällt so viel ab, daß
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Die Mecklenburger waren in Kopenhagen gelandet. Das mar nun erstmal ein Kunststück, das Gewerkschaftshaus in Kopen hagen zu finden. Denn im allgemeinen pflegen Deutsche nicht dänisch zu sprechen. Doch das Fräulein im Gewerkschaftshaus sprach deutsch , die schrieb einen Zettel aus mit der Adresse des Danst Arbedsman Formand. Ach du lieber Himmel, war das ein Drama bei diesem Formand", feiner verstand den anderen, es blieb nichts anderes übrig, als mit Händen und Füßen zu reden. Dann gab der Kollege fünf Kronen. Das ist ein schönes Stüd Geld, wo die Krone 1,25 Mr. steht. Und für fünfzig Dere gibt es ein Patet Stullen. Auf der Straße, am Wagen. Immer eine Lage Brot, eine Lage Butter, die ist aber dider als das Brot, eine Lage Belag, Pergamentpapier, dann von frischem: Brot, Butter, Belag usm. In Bateten zu je fünf oder zehn oder zwanzig Baar Stullen. Mann," erzählen die Dänemartfahrer, die Leute sind auf der Straße stehen geblieben und haben zugesehen, wie wir die fünf Baar Stullen verschlungen haben. Dann stehen überall die Automaten auf der Straße, da fann man fich alles ziehen, was man den Tag über braucht, wir haben uns immer Obsttüten herausgezogen. Wir möchten schon in Kopen hagen sein."
Wir hatten uns mal verlaufen..."
Das ist in dürren Worten der Bericht über das Essen, Trinten und Schlafen eines arbeitslosen Wandermannes von Anno 1931. Manche fommen schon nach Wochen zurüd, manche erst nach Monaten, und dann bleibt den Jungens nichts meiter übrig, als fich wieder in die Küche zu setzen und zuzusehen, wie die Mutter waschen geht oder reinemachen, um das Brot zu verdienen, denn die Maschinen haben die Hände der Männer überflüssig gemacht. Aber irgendwie ist das jetzt doch alles anders, da verschwindet in einer stillen
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Stunde die Küche, der Herd, das Spind und der Tisch und aus der Erinnerung taucht der Hradschin zu Prag auf, wird der Gang durch das alte Prager Ghetto noch einmal lebendig und jener fühle Abend auf dem Judenfriedhof, mo Stein an Stein gestanden hat. Und Karlsbad ist wieder da, wo unsere Arbeiterjugend in ihren blauen Kitteln über die Kurpromenade stolziert sind und unter jede
Rast in fremder Landschaft
Quelle hielten sie ihren Trinkbecher und der Herrgott gab's ihnen umsonst, nur manchmal, da war das Wasser zu heiß, da haben sie fich den Mund verbrannt. Schön war das in Karlsbad . Dann war toieder Deutschland da, das arme Vogtland und die dunklen Schluchten des Erzgebirges und Dresden , ach ja, Dresden . Der Zwinger , das Schloß, und abends saßen sie an der Brühlschen Terrasse und vergaßen ein wenig das Leid des Tages. Am nächsten Morgen ging es nach Meißen zur Albrechtsburg , und als sie oben in dem Turm herumfletterten, schien die Sonne und segnete das Land, die Stadt und die Elbe . Leipzig , nein, da war nur ein Hauptbahnhof mit 26 Gleifen und jener Steinbaukasten bei Probstheida, aber hernach tam Halle und das Saaletal und der Giebichen stein , wo sie diskutieren um das Wehe der Welt. Und schließlich mar
Todesflug nach Tokio
Französisches Flugzeug ,, Bindestrich" abgestürzt Zwei Tote
Mostau, 12. September. 1
Lant Meldungen aus Ufa ist in der Nähe der Mündung des Flusses Tanyp, eines Nebenflusses der Bjelaja , das Flugzeug ,, Bindest rich" mit den Fliegern Lebrig und Doret und dem Mechaniker Nes min, das sich auf dem Wege von Paris nach Tokio befand, verunglückt. Zwei Insassen des Flugzeugs sind tot. Die baschkirischen Behörden haben dringliche Hilfsmaßnahmen getroffen. Aus Moskau sind Weisungen zur sofortigen Identifizierung der Verunglückten ergangen.
Die Gesellschaft Ossoaviachim hat sofort nach Bekannt. werden der Unglücksnachricht eine Abordnung nach dem Unglücksort entsandt, wo festgestellt wurde, daß die Katastrophe auf den Bruch des Propellers und das Versagen des Motors zurückzuführen ist. Die Ofsoaviachim hat durch Vermittlung des Außenkommissars der Sowjet union die französische Botschaft von dem Unglück unter richtet. Der französische Geschäftsträger teilte mit, daß zwei Mitglieder der französischen Botschaft sich unverzüglich an die Unglücksstelle begeben würden.
Ufa liegt ungefähr auf halbem Wege zwischen Samara und Omst. Der Ural , der in dieser Gegend Wald- Ural genannt wird, hat Berge von 1200 bis 2000 Meter Höhe und es scheint, daß es den Fliegern nicht möglich war, eine ausreichende Höhe zu gewinnen, um diese zu überfliegen. Damit hat der französische Versuch, den jetzt von den Amerikanern gehaltenen Distanzflugreford zu brechen, ein schnelles Ende gefunden. Das andere fran30 fische Flugzeug, das gestern morgen zusammen mit dem Bindestrich" aufgestiegen war, das Fragezeichen", hat an der deutsch - holländischen Grenze bei Geldern wegen eines Schadens am Benzintant am Freitag notlanden müssen.
Die verunglückten französischen Flieger Doret und Lebrig gehörten zu den erfolgreichsten Piloten Frankreichs . Lebrix flog mit Costes nach Amerika und war später sein Begleiter auf einem Weltfiug. Der„ Bindestrich" mar am Freitag in Paris ge startet und seine Führer beabsichtigten, möglichtst ohne Zwischenlandungen Tokio zu erreichen. Diese Ueberspannung der flugtechnischen Möglichkeiten hat den kühnen Piloten jedenfalls das Leben gekostet.
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