Morgenausgabe
Kr. 453
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48.Jahrgang
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Sonntag
27. September 1931 Groß- Berlin 15 Pf.
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Die außenpolitischen Gelehrten sind sich am Borabend der Ankunft der französischen Minister Laval und Briand in Berlin noch immer nicht darüber einig, ob dieser Staatsbesuch eine hoch politische Angelegenheit oder nur ein Att der Höflichkeit sein soll. Man gewinnt den Eindruck, als ob auf französischer Seite die Neigung bestände, die Ber liner Besprechungen zu einem Ereignis von geradezu welt geschichtlicher Bedeutung zu stempeln, was vielleicht übertrieben ist, während auf deutscher Seite eine Tendenz zu beobachten ist, die Berliner Zusammenkunft gewissermaßen zu bagatellifieren.
Die Wahrheit dürfte zwischen diesen beiden extremen Auffassungen liegen. Wenn aus der Tatsache, daß zum ersten Male in der Geschichte ein Ministerpräsident und ein Außenminister Frankreichs die Reichshauptstadt offiziell besuchen, die öffentliche Meinung in beiden Ländern die Ueberzeugung gewinnt, daß das Schlagwort vom ,, Erbfeind" überholt ist, dann ist selbst ein solcher Att der diplomatischen Höflichkeit schon ein großer politischer Gewinn.
Die deutschen und die französischen Sozialisten befinden sich gegenüber diesem Ereignis und vor allem gegen über den Männern, auf die heute alle Blide gerichtet sind, in einer recht eigenartigen Lage. Sie sind seit jeher die Partei der deutsch - französischen Verständigung schlechthin. Sie sind schon vor Jahrzehnten für dieses Ziel eingetreten und haben dafür unzählige und maßlose Beschimpfungen und Berleumdungen geerntet. So ist die Tatsache des französischen Staatsbesuches in Berlin allein schon ein außenpolitischer Erfolg der internationalen, vor allem der deutschen und der französischen Sozialdemokratie. Man stelle sich nur einen Augenblick vor, was aus den Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich nach dem Kriege geworden wäre, wenn es nicht in beiden Ländern starte sozialistische Parteien gegeben hätte, die selbst in den trübsten Stunden der letzten Jahre immer wieder zur Vernunft, zur Mäßigung, zur Verständigung gemahnt hätten! Wenn das Bürgertum beider Länder, unbekümmert um den Friedenswillen der sozialistischen Arbeiterklasse, die Außenpolitik allein zu bestimmen gehabt hätte, dann hätte es weder Locarno , noch Genf , noch die gegenseitigen Staatsbesuche in Paris und in Berlin gegeben, sondern die beiden Böller und ihre Regierungen stünden sich noch immer mit abgrundtiefem Haß und Mißtrauen gegenüber und rüsteten, die einen offen, die anderen heimlich, für den unvermeidlichen kommenden Krieg.
Die Regierungen, die heute diesen symbolischen Aft vollziehen, find, wenigstens ursprünglich, zu dem ausgesprochenen 3wed gebildet worden, die Sozialdemokratie von der Macht fernzuhalten und gegen die organisierte Arbeiterklasse zu regieren. In beiden Ländern stehen die Sozialisten diesen Regierungen fritisch gegenüber.
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Lager zu treten, doch stellte sich eines Tages heraus, daß er nicht links, sondern rechts von seinen bisherigen Freunden gelandet war, und seitdem hat er sich parlamentarisch nicht gerade nach links zurückentwickelt. Und doch muß man fest stellen, daß, im Gegensatz zu dem ausgesprochen gehässigen Renegaten Millerand , sowohl Laval wie Briand im allgemeinen bestrebt gewesen sind, das persönliche Ber hältnis zu ihren früheren Parteifreunden in menschlich sympathischen Formen zu gestalten. Es gab zwar eine 3eit vor dem Krieg, in der die Beziehungen Briands zur Partei von Jaurès die denkbar schlechtesten waren. Seither hat er durch sein oft mutiges Auftreten für die Versöhnung mit Deutschland in den Augen unserer französischen Genossen vieles wieder gut gemacht. Bei der letzten Präsidentenwahl wurde die Kandidatur Briands am eifrigsten durch die Sozialisten unterstützt, und vielleicht wurde ihm gerade diefer Umstand zum Verhängnis. Auch Laval genießt auf der Linten bis in die Reihen der Sozialistischen Partei noch immer manche Sympathien, obwohl er der Chef einer rechtsgerichteten Mehrheit geworden ist. In seinem Kabinett bildet er, zusammen mit Briand , gewissermaßen den linken Flügel. Er foll auch der einzige Minister gewesen sein, der für Briands Präsidentschaftskandidatur offen eintrat und feine Stimme für ihn abgab. Nebenbei bemerkt: es dürfte in Deutschland bisher wohl ganz unbekannt sein, daß Pierre Laval , der noch 1919 sozialistischer Abgeordneter war, in dieser Eigen schaft mit der großen Mehrheit seiner Frattion gegen den Versailler Friedensvertrag stimmte.
Bor seiner Abreise nach Berlin hat der Ministerpräsident erklärt, daß es gewisse Probleme geben dürfte, die man unter den gegenwärtigen Umständen nicht würde befprechen fönnen, während sich dagegen andere Probleme im Geifte gegenseitigen Verstehens lösen ließen. Das sind, wie er selbst unterstrich, die Fragen wirtschaftlicher Art. Wir sind weit davon entfernt, die Bedeutung der wirtschaft lichen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich zu unterschätzen.
Aber wir wollen fein Hehl daraus machen, daß eine rein wirtschaftliche Annäherung feine genügende Garantie für eine wirklich dauerhafte und aufrichtige Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich
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bildet. Es gibt eine ganze Reihe von politischen Problemen, deren Bereinigung für einen wirklichen Frieden in Europa unerläßlich ist. Das sind aber gerade jene Probleme, auf die Ministerpräsident Laval vor seiner Abreise anspielte, als er betonte, daß sie gegenwärtig in Berlin nicht besprochen werden könnten. Es ist durchaus richtig, daß in einem zweitägigen Besuch diese politischen Probleme nicht gelöst werden können. Aber sie sind da, und sie dürfen nicht ignoriert werden. Gerade wir Sozialdemokraten, die nicht im Verdacht stehen, die Berliner Besprechungen unnötig zu belasten und zu erschweren, halten es für unsere Pflicht, darauf hinzuweisen, daß die Staatsmänner der beiden Länder sich insbesondere über das Abrüstungsproblem offen aussprechen sollen. Denn was nüßen alle Freundschaftsbeteuerungen und alle wirtschaftlichen Vereinbarungen, wenn in einigen Monaten die Kluft zwischen den beiden Bölkern durch den Streit um die Abrüftung tiefer denn je aufgeriffen wird?
In ihrem zweitägigen offiziellen Bendelverkehr zwischen dem Hotel Adlon , der Botschaft am Pariser Play und den verschiedenen Amtsgebäuden in der Wilhelmstraße werden die französischen Herren teine Gelegenheit haben, das wah: e Gesicht Deutschlands kennenzulernen. Und das ist zu bedauern, denn, was am meisten not tut, das ist die gegenseitige Kenntnis der Menschen und der Verhältnisse, die man weder durch das Studium der, diplomatischen Aktenstücke, noch durch offizielle Staatsgespräche mit zugeknöpften Ministerkollegen und Berufsdiplomaten erwirbt.
So müssen wir an dieser Stelle nachhelfen und den französischen Gästen sagen: In Deutschland gibt es zur Zeit 4 millionen Arbeitslose; wieviel es davon im Februar und März 1932 geben wird, läßt sich noch gar nicht ermessen. Das sind insgesamt 15 oder 20 oder noch mehr Millionen Eristenzen, die ein gedrücktes Dasein führen, wobei die seelischen Nöte vielleicht noch schlimmer sind als die materiellen. Diese Millionen neigen zur Verzweiflung, und je länger die Krise mährt, desto leichter werden sie zur Beute der radikalen Dema gogen. Diese Menschen wollen nichts anderes als arbeiten, dazu fehlt es aber in diesem durch Krieg, Niederlage und an Rapita 1. Diese Inflation ausgepowerten Land Menschen sehen aber, daß Frankreich durch eine Reihe
Der japanische Raubzug.
afien betrifft, so teift die Sowjetpreise mit, daß der Kriegsfomniffar an den Manövern im Wehrkreis Moskau teilnimmt.
Es ist einftmeilen unklar, ob der japanische Raubzug in der Mandschurei fortgesetzt wird oder nicht. Chinesische Meldungen, Aber gleichviel wie die Sozialdemokraten zu den gegen- daß japanische Truppen auch Rüstenpunkte in Mittel- und sogar wärtigen Regierungen stehen, am heutigen Tage wird ein Süd china besetzt hätten, find bisher nicht bestätigt, wohl auch wichtiges Stüd ihrer eigenen Friedens faum richtig. Allerdings fürchtet man in China , daß dieses Moskau ( über Kowno ), 26. September. politik durch diese Regierungen vollbracht. Hier tommt japanische Vorgehen nicht nur dem direkten Raub diene, sondern Der Oberbefehlshaber Wafulian ist aus Nanking wieder es nicht so sehr auf die Personen an, sondern nur auf die dem ganzen Wiederaufstieg Chinas zur Einigkeit gegen die Gelüfte eingetroffen, wo er eine längere Besprechung mit Tschiangkaischer Gache: die Sache der deutsch - französischen Ber - imperialistischer Eroberer hindern, den Staat schwächen und zer- hatte. Der General erklärte, daß er Weisung erhalten habe, für den ständigung. Wir erblicken deshalb am heutigen Tage in ftückeln solle. Auf einem Preſſeempfang der Liga für Baterlands- Schuß der Japaner zu sorgen. Antijapanische Kundden französischen Ministern Laval und Briand die Reprä= verteidigung der Chinesen am gestrigen Freitagabend konnte man gebungen werden strengstens untersagt. Auf die fentanten der französischen Nation, mit der den schweren Seelenbrud erkennen, unter den der japanische Uebers Frage eines Berichterstatters, was er im Falle der Fortsetzung des das arbeitende Volt Deutschlands in Frieden und Freundschaft fall und diese Sorge auch die Chinesen in der Ferne gefeßt hat; Marsches der Japaner nach Peking und Tientsin tun werde, erklärte leben will. Und deshalb heißen gerade wir deutschen Sozial- fie fonnten übrigens bei dieser Gelegenheit die volle Sym der General, daß die Chinesen, ohne einen Schuß ab der Presse die sie in ihrer demokraten die französischen Gäste besonders herzlich will Haltung zu dieser traurigen Affäre von Anfang an bewiesen hat. Für die große 3urüdhaltung Rußlands ist es bezeichnend, daß die Sowjetdepeschenagentur in der Sowjetpresse unter der Ueberschrift Nichtswürdige Provokation der Londoner und Pariser Zeitungen" folgendes verbreitet:„ Englische Blätter veröffentlichen aus Pariser Quellen stammende Meldungen, monach die Sowjetregierung die Entsendung von zehn Bataillonen Infanterie, Kavallerie, Tant- und Fliegerfruppen mit 100 Flugzeugen an die Grenze der Mandschurei vorbereitet." Die Blätter fügen dieser Erklärung nichts hinzu und beschränken sich auf eine Stellungnahme durch die scharfe Fassung der Ueberschrift. Bas die angebliche Reise des Kriegstommiffars Borofchilom nach Oft
fommen!
Ein eigenartiger Zufall will es, daß fowohl Pierre Laval wie Aristide Briand aus der sozialistischen Bewe gung hervorgegangen sind. Bei Briand ist es schon recht lange her, etwa 27 Jahre- daß wir ihn als Parteidaß wir ihn als Parteigenossen bezeichnen konnten. Lavals Abkehr vom Sozialismus ist erheblich jüngeren Datums: Vor etwa zehn Jahren nerließ er unfere französische Bruderpartei anläßlich der bolfchemistischen Spaltung, um anscheinend ins tommunistische
Rückzug angeordnet.
Der Kriegsminister erklärte, nach Rücksprache mit dem Großen
Generalstab jei beschlossen worden, Truppen zum Schuße der Japaner außerhalb der mandschurischen Eisenbahnzone nicht mehr zu entsenden und die Truppen, die fich gegenwärtig außerhalb dieser one befinden, zurück zuziehen. Diese Operation werde wahrscheinlich innerhalb von zwei Tagen beendet werden, worauf die aus Korea tommenden Kräfte dorthin zurüdfehren werden, jobald die Lage dies erlaube.