Hegel und
Der 2. Internationale liegel-Kongreh wurde gestern vormittag in der alten Zlula der Universität, der alten Stelle Hegelschen Wirkens, eröffnet. Der Kongreß findet in Berlin statt, wo der große deutsche Philosoph vor nahezu 100 Jahren, am 14. November 1831, sein reiches Leben beschloß. Die Arbeit des Kongresses steht also im Zeichen einer Gedächtnisfeier. Den Vorsitz führt der verdiente Hegelforscher Georg Lassan, der nach einer kurzen Ansprache den Vertretern der Reichs- und Staatsbehörden, der Stadt Berlin und der zahlreichen gelehrten Gesellschaften das Wort erteilte. Als Vertreter des preußischen Staatsministeriums ergrisf der preußische Unterrichtsminister, Genosse Grimme, das Wort zu einer kurzen Rede:„Heute Philosophie, heute ein philosophischer Kongreß? Ja, wenn überhaupt Philosophie, dann gerade in Krisen- Zeiten, wo die Grundlagen des Seins erschüttert sind und so zu neuer Problemschau zwingen. Eine Hegel-Renaissance ist heute nur in ganz begrenztem Sinne notwendig, denn die eigentliche Wirkung Hegels vollzog sich ununterbrochen. In die kritische Soziologie des deutschen Sozialismus— in Marx, Engels und L a s s a l l e— ist die philosophische Substanz des Hegelschen Werkes eingeströmt! diese Bewegung hielt Hegels Ideen selbst in einer Zeit lebendig, in der sich das Bürgertum dem plattesten Materialismus zugewandt hatte und Hegel als Unsinnschmierer brandmarkte. Hegel ist leben- digste Gegenwart; er hat den Primat der Allgemeinheit, des Staates gegenüber dem Individuum betont. Der Staat war für Hegel die höchste sittliche Kraft einer genossenschaftlich organisierten Gemein- schast. Dieser Denker hat nicht um des Denkens willen gedacht; Denken, Wissen ist für Hegel nur dann sinnvoll, wenn es zum prak- tischen Wollen führt. Der Sinn seiner Dialektik ist die bewußte Veränderung der Welt.* Professor K r o n e r- Kiel hielt die Fcstr�e:„Hegel und die Gegenwart". In seinen Ausführungen war allerdings wenig von der konkreten Situation der Gegenwart zu spüren. Der Redner wandte sich gegen die Berendlichung des Menschen. Gewiß habe jede Gegenwart das Recht, nach ihrer Bestimmung zu fragen, aber in der Ferage nach ihrem jeweiligen Sinn dürfe sie die Be-
unsere Zeit
sinnung auf die„Ewigkeit" des menschlichen Seins nicht außer acht lassen. Eine neue Metaphysik als Grundlage alles menschlichen Wissens und Seins sei das Gebot der Stunde. Dte intensive Beschäftigung mit Hegel müsse in diesem Zusammenhang besruchtend und zielgebend wirken. Von den Vorträgen der Nachmittagssitzung verdient wohl der von Professor H a e r i n g, Tübingen , die meiste Beachtung. Der Redner skizzierte mit der Sicherheit des Meisters den werdenden Hegel. In freier Rede stellte er in charakteristischen Zügen den um Systemklarheit ringenden Philosophen vor die gespannt lauschenden Zuhörer hin: schon der Jüngling Hegel bekundet einen starken Drang nach Erfassung eines ausgebreiteten Tatsachenmaterials, schon hier zeigt sich Hegels Tendenz zur Totalität, zu Allheit, zu einer uni, versalen Durchdringung der Natur und dem geschichtlichen Sein des Menschen. In seiner Tübinger Studentenzeit huldigt Hegel keines- wegs dem Kosmopolitismus, der damals von der französischen Rc- volution stark genährt wurde, vielmehr wandelt er diesen Kos- mopolitismus ins Nationale. Die Gleichheitsidee jener stürmischen Jahre ist ihm keine mathematische Gleichheit, sondern er versteht unter Freilfeit die grundsätzlich gleiche Möglichkeit eines jeden im Leben des Volkes. Diese unverkennbar praktisch Tendenz findet der Bortragende auch in den Studien Hegels, die er in den solgenden Jahren in Bern und Frankfurt treibt. Nach Frankfurt ging Hegel , um seinem Freund Hölderlin , dessen Schicksal ihn tief berührte, näher zu sein. Hölderlins einsamer Weg war Hegel Beweis für die innere Vermessenheit, die der einzelne dann auf sich nimmt, wenn er sich von seiner Umwelt trennt und sich über sie einseitig über- heben will. Heget vereinigt schon in diesen Jahren Theorie und Praxis, Denken und Sein. Auch im geistigsten Verhältnis des Menschen, der Lieb«, bedarf es des Körperlichen: Geist und Materie müssen sich durchdringen. In schwerem geistigem Ringen beginnt Hegel die Formung seines Systems, das er bis zu seinem Tode in immer feinerer Angleichung und Durchdringung der Wirklichkeit. in immer neuen Arbeiten entwirft. Prof. Haering spricht von zehn Systementwürfen in Hegels Werk, ein Beweis, wie Hegel bis zu seiner Vollendung ein Werdender geblieben ist. J. P. M.
Die Favag-provisionen. Hunderttausende verschleudert. Am dritten Verhandlungstag des Zavag.prozesses beginnen die Zeugenvernehmungen. Der Angeklagte der Röchlingbank Waßmannsdorf bekundete, daß er zwar bei der Transaktion zwischen seiner Bank und der Favag die Verhandlungen "für seine Firma geführt, aber keine Provision erhallen habe, da er Angestellker war. Als zweiter Zeuge wurde der 64jährige langjährige Aussichts- ratsvorsitzende der Favag, Adolf Hoff. aufgerufen. Der Zeuge war 19 Jahre lang Mitglied des Aufsichtsrates, dessen Vorsitzender er im Jahre 1924 wurde. Er gibt an. daß er die Urkunden über Sie Provisionen in Höhe von 300 000 Mark ausgestellt habe, ohne zu wissen, daß davon 400 000 Mark an die Favag-Direktoren Dumcke, Becker, Schumacher und L i n d n e r gegeben werden sollten. Hoff gibt weiter an, daß ihm sogar einige Namen von angeblichen Berliner Herren, die eine Provision zu bekommen hätten, vom Generaldirektor Dumcke genannt worden seien. Zweite!- los hat der unterdessen verstorbene Generaldirektor Dumcke bei dieser Gelegenheit Betrug verübt. Ob der Angeklagte, Direktor Becker, bei dieser Unterredung dabei war, kann Hoff nicht mehr mit Bestimmt- heit angeben. Durch Fragen des Vorsitzenden und der Beisitzer wird dann im einzelnen festgestellt, daß der damalige Aufsichlsrotsvorsihende hoff, ohne jemals von den Verhandlungen im einzelnen erfahren zu haben, lediglich durch vorlagen von zwei Schriftstücken vor vollzogene Tatsachen gestellt wurde. Hoff beruft sich auf sein durch IOjährige Zusammenarbeit mit Dumcke gegründetes volles Vertrauen. Er hat sich auch über die Einzelheiten, wie die 100 000 Mark an die Favag-Direktoren ver- teilt werden sollten, nicht gekümmert. Vorsitzender:„Was hätten Sie getan, wenn Sie erfahren hätten, daß Sie über die Empfänger der 400 000 Mark getäuscht worden seien?" Zeuge Hoff:„Ich hätte mich mit den anderen Aufsichtsrots- Mitgliedern in Verbindung gesetzt." Auf die Frage, ob er willenlos alles unterzeichnet hätte, was der Generaldirektor Dumcke ihm vorlegte, bekundet der Zeuge, daß er einmal Widerspruch erhoben hätte, als Dumcke für ihn eine jährliche Entschädigung von 20 000 Mark beanspruchte, weil er auf seine ihm vertraglich zustehende Dienstwohnung ver- zichtete. Der Zeuge Hoff hat diese Summe für zu hoch erklärt, zum Schluß aber doch nachgegeben. Unter allgemeinem Lächeln begrün- dct Hoff seine Stellungnahme damit, daß man ihm bei der Ueber- nähme des Aufsichtsratsvorsitzes gesagt habe:„Als Vorsitzender eines Aufsichtsrates darf man nicht kleinlich fein!" Es wird dann noch festgestellt, daß der Aufsichtsrat der Favag zweimal im Jahre zusammentrat, manches Jahr auch nur einmal, — und daß dafür der Vorsitzende etwa 7000 Mark, im letzten Jahr sogar 20 000 Mark erhielt, während die einzelnen Aufsichtsratsmit- glicder im letzten Jahre 10 000 Mark und in den stüheren Jahren etwa 4000 Mark erhielten. Ein Beisitzer wirst hier ein:„Wenn man bei mehreren Ge- sellschaften Aufsichtsrat ist, vervielfältigt sich das?"(Heiterkeit.)
Ltm ein soziales Mieirecht. (Z'ine Aussprache der sozialdemokratischen Mietervertreter Am Montagabend fand eine Versammlung der Zlbteilung Mielervertreter fowle aller sonst für das Miet- und Wohnungswesen interessierter Parteigenossen im Gewerk- fchaskshaus, Engelufer. statt. Genosse Landgerichtsdircktor Ernst Rüben sprach über Miet- senkung und Hauszinssteuerreform. Die Löhne und Gehälter, so führte er aus, sind stark gekürzt worden, aber die Wohnungen sind nicht billiger geworden. Daraus haben sich geradezu lata- ftrophale Zustände ergeben. Die Exmittierungen nehmen in einem erschreckenden Umfange zu. Die Wohlfahrt hat nicht die Mittel, um hier in genügendem Matze helfend einzugreifen. Die schlimmsten Zustände haben sich für die Mieter in Neubauwoh- n u n g e n ergeben. Hier sind Exmissionen nicht mehr Einzelfälle. Dadurch wird Tag um Tag immer größere Unruhe in die Reihen der Arbeiterschaft hineingetragen. Immer stärker wird der Wunsch, daß die Partei sich energisch mit der Frage der Mietsenkung befasse. Leider sind gerade die gesunden, lustigen Wohnungen nicht von denen bewohnt, für die sie gebaut sind. Der Arbeiter hat keinen Anteil an diesen Wohnungen, deren Mietpreise so sind, daß sie nur für eine kleine, gehoben« Schicht in� Frage kommen. Die Aermsten der Armen hausen in den allen Wohnlöchern. Aus diesen Verhältnissen ist«ine immer größere Un- zufriedenhell auch mit der Mieterpolitik der Partei entstanden. Der Redner weist den Vor�ourf der unzulänglichen Arbell entschieden zurück. Die Reingewinne sind für die Hausbesitzer am größten in den Kleinftwohmingen, außerdem werden die 17 Proz. für Reparaturen, die in der Miete stecken, von den Hausbesitzern fast gar nicht veraus- gabt. Es ist unerhört, daß die 130 Millionen, die aus der 20proze!lligen Senkung der Hauszinssteuer durch die Notverordnung den Hausbesitzern zugute kommen. Es wäre besser, wenn sie der notleidenden Mieterschaft zur Verfügung gestellt würden. Die Altbaumieten können nur dann gesenkt werden, wenn die Senkung nicht auf kosten der notleidenden Mielerschast, sondern aus kosten der Hausbesitzer erfolgt. Leider wenden sich notleidende Genossen von uns ab, weil wir ihnen unter dem Zwange der Verhältnisse zu� wenig helfen können, wenn es ihnen nicht möglich' ist, die Miete zu zahlen. Unter allen Umständen müssen Mittel gefunden werden, um die Mieten zu senken. Wir fordern deshalb auch die Reichstagsfraktion auf, auf diese Senkung hinzuwirken Unsere Aufgabe muß eine doppelte sein. Wir müssen den Wohnungsbau schon mit Rücksicht auf die Bauhandwerker fördern, aber andererseits müssen wir ver- hindern, daß die Not der Mieterschaft noch mehr steigt. Eine ausgedehnte Diskussion folgte. Die folgende Ent- s ch l i e ß u n g wurde«instimmig angenommen: „Die heutige Versammlung der Abteilungsmietervertreter Groß- Berlins begrüßt den Antrag der Reichstagsfraktion auf Bereit- stellung stärkerer Wohnungsbaumittel und auf Senkung der Neu- baumieten, verlangt aber ebenso entschieden, daß alles daran gesetzt werde, um der notleidenden Altbaumieterschaft zu helfen und die Senkung der Altbaumieten der Senkung der Löhne und Gehälter anzupassen. Die Zwischengewinne des Altbaubesitzes an der Hauszinssteuer sind im Interesse der Mietsenkung zu erfassen. Ferner ist durch gesetzliche Maßnahmen im Interesse der Linderung der Arbeitslosigkeit und der Erhaltung der Althäuser eine R e- paraturpf licht des Althausbesitzes im Rahmen der ihm für Reparaturen zufließenden Beträge einzuführen. Die geltende Befreiungsgrenze für den Erlaß der Hauszinssteuer für Minder- bemittelte ist aus mindestens 1300 Mark jährlich zu erhöhen."
Golistenkonzerte. Konzertnickblick. Die Solisten leider am meisten unter der ungünstigen Situation unseres Musiklebens. Chor- und Orchesterkonzerte gewähren eine viel größere Anziehungskraft auf das große Publikum, sie sind schattierungsfähiger, abwechslungsreicher, nicht so sehr auf die In- dividualität eines Künstlers, nicht so sehr auf die Freude an tost- barer Vereinzelung gestellt, sie ermöglichen ein ganz anderes, ein ob- jektiveres Verhältnis zur Musik. Von den Solistenkonzerten, die überhaupt noch stattfinden können, widmen sich eine ganze Anzahl der Linderung der Not. Cläre D u x sang in der ausverkauften Philharmonie, von Blumen und Beifall überschüttet, zum Besten der Kllnstleraltershilse. Ihr nicht sehr ausdrucksvoller hochkultivierter Sopran ist keines Forte fähig und fp der Höhe ganz auf ihre Meisterschaft der Kopstön« an- gewiesen: das Piano aber tönt und nuanciert sich vielfällig und ge- schmackvoll, und so gelingen ihr die leisen Lieder am besten. Auch Ludwig Wullner widmet den Reinertrag feines Schubert -Zqklus, der die Müllerlieder, die Winterreise und Schwanengesang umfaßt, der Berliner Winterhllfe. Er ist kein Sänger im üblichen Verstand, kein kostümierter Kehlkopf: ein Rhapsode, endlich einer, der die unzähligemale gesungenen pro- sanierten und zersungenen Lieder von der Patina übler Er- innerung reinigt, der es in fast jugendlicher Leidenschaft zuwege bringt, sie gleichsam neu zu entdecken und in dramatischer Wucht neu aufzubauen. Wladimir Horowitz ist der erfolgreichste der jüngeren Pianisten: seine Konzerte haben immer noch sensationellen Charakter. Er ist ein impressionistisches Genie und verfügt über einen un- erhörten Reichtum an Anschlagstönungen, Farbennüancen und dynamischen Schattierungen. Leider geht er mit seiner nervösen ro- manischen Art Klavier zu spielen, mit seinem an Chopin und den Impressionisten geschulten Stil auch solcher Musik zuleide, die durch all das nur oerfälscht wird, die gemeißelt werden muß und nicht ge- tuscht oder aquarelliert, die einen geistigen Kern besitzt und nicht nur klingende Hülle. Beethoven oder Prahms zu gestalten geht einjach über seine Fähigkeiten— die ihn zu einem ausgezeichneten Jnter- preten der Chopin , Prokofiefs und Strawinfty macht. A.\V.
„Schützenfest in Schilds." Titania. Als Komparse wird Siegsried Arno zum Wüstensohn heraus- geputzt. Da fein Pferd ihn abwirft, wird er von seiner Filmgesell- schast getrennt. Den müden Wanderer nehmen zwei Chauffeure auf, die mit dem Hcrrschastswagen auf Tour sind. Wider Erwarten werden sie in Schilds aufgehalten. Das Städtchen erwartet einen orientalischen Herrscher und da der Filmkomparse dafür gehalten wird, muß er alle Feierlichkeiten über sich ergehen lassen, bis der echte Herrscher kommt. Der spielt nicht etwa den Beleidigten, sondern schreitet gemeinsam mit dem Schwindler die Ehrensront ab. Man schuf für Siegsried Arno eine Bombenrolle. Er Hot recht gute Momente und unnachahmlich trägt er Fes und Krummsäbel. Daß Arno von Fritz K a m p e r s, Eugen R e x, Hans W a ß m a n n und Ida W ü st wacker unterstützt wird, versteht sich von selbst. Doch hat Adolf Trotz den krankhaften Ehrgeiz, ein Regisseur der Massen zu sein. Er packt den ganzen Film voller Aufmärsche. Sie ermüden auf die Dauer. Weniger wäre mehr gewesen. Die ganze Parodie wirkt schwach, schon darum, weil die Menschen sich im Leben noch weit grotesker und lächerlicher gebärden,—g.
Carow spielt und dirigiert. Lachbühne Weinbergsweg. Ein mageres Handlungsgerüst, gezimmert aus ein paar Witzen, aus Situationskomik und etwas Rührseligkeit, erhält, wenn Erich C a r o w die Bühne betritt, plötzlich das Aussehen einer Charakter- komödie. Martin Locwes„Herz und Schnauze", ein Akt, der die Vergrätzung und Erweckung eines kleinen Kolonialwaren- Händlers schildern möchte, wird zum Gestaltungsoorwurf für einen großen Künstler, der ihn weit über das Niveau hebt. Carow schlurft in einem unwahrscheinlich abgetragenen Anzug herum. Alles bietet ihm Anlaß, sich fanatisch zu ärgern, er tobt und
schimpft wie ein Berserker, aber dann bricht für einen Augenblick sein kindliches Herz hindurch. Er gleitet über ausgegossenen Essig aus, schlägt hin, springt wieder auf und entdeckt, daß das Glitschen ein ungetrübtes Vergnügen bedeutet. Das Gesicht strahlt, und er klatscht erfreut in die Hände wie ein kleiner Junge. Stumme, kurze Szenen werden zum Ausdruck eines impulsiven Küstlertums, aus dem die Leistung erwächst. Die Grenzen verwischen sich. Vieles geht bis zur grotesken Clownerie. So wenn Carow mit verknoteten Beinen auf der Trittleiter balanciert. Manches berührt fast das Tragische. Es gelingt Carow, in dem kurzen Ausschnitt die Quintessenz eines Lebens einzufangen. Die Episoden sind nicht ein- malig, man spürt die Verkettung, die ewige Wiederkehr, man sieht das trübselige Dosein dieses Männchens, man ahnt die Ent- täuschungen, die ihn zu dem gemacht haben, was er ist. Und dieser große Gestalter zeigt sich noch von einer anderen Seite. Er dirigiert beim Beginn der Borstellung das ausgezeichnete Hausorchester von der Tell-Ouvertüre über einen Tango und Pas double zu einem Milttärmarsch. Das ist von stärkster Musikakität beseelt und von einer elementaren Freuds an groteskem Gliederspiel. P.Sch. proleiarischer Tanzabend. Die proletarisch« Tanzgruppe Otto Zimmermann. Leipzig veranstallete im Saal des Lehrervereinshauses vor den Mit- gliedern des Arbeiter-Turn- und Sportbundes einen Tanzabend. Otto Zimmermann stellte in einleitenden Worten seine Arbeit als einen Versuch dar, der nur einen Weg, kein erreichtes Ziel zeigen wolle. Es käme ihm daraus an, dem proletarischen Menschen die tänzerische Körperbewegung als Ausdrucksmöglichkeit proletarischen Erlebnis zu erschließen. Leider war es an den Darbietungen nicht nachprüfbar, ob die von Otto Zimmermann erstrebten Ziele auch nur erreichbar scheinen. Denn man sah keine proletarische Masse, sondern in allen Dar- bietungen nur Otto Zimmermann und zwei tänzerisch sehr gut geschulte Frauen. Daß alle drei, wie in den einführenden Worten gesagt wurde, keine Berufstänzer, sondern werktätige Menschen sind, ist nicht so wesentlich. Sie konnten keinen aktiven proletarischen Tanz zeigen, sondern nur Tanz für proletarische Zuschauer. Otto Zimmermann verbindet in einigen Darbietungen den Tanz mit dem gesprochenen oder gesungenen Wort. Daß Tanz und Gesang eine Einheit ergeben kann, leuchtet ohne weiteres ein, bestätigte sich auch in dem„proletarischen Foxtrott" und dem„Tanz der Jnter- nationale". Für die Möglichkeit einer Verschmelzung von Tanz und Wort blieben die Darbietungen allerdings den Beweis schuldig. Weder der„Tanz des Ebenbildes Gottes" noch die von stilisierten Körperwindungen umrankte„Rote Messe" von Arno Nagel wurden Ausdruckserlebnis. Ueberhaupt entgleitet der Tanzstil dieser Gruppe leicht in etwas kitschige Phrasen, wenn er sich in die Gebiete der Sentimentalität und des Pathos begibt. Das wurde am stärksten deutlich in der„Tanzenden Straße", die eine Fülle witzig und wissend gesehener Typen tänzerisch auflöste, aber plötzlich in diese durchleuchtete Wirklichkeit ein Blumenmädchen stellte, das jedem Vertiko zur Zierde gereicht hätte. Auf jeden Fall, trotz mancher unzulänglicher Programm- nummern, wurde der Abend ein starkes Erlebnis; denn er gab in den meisten Darbietungen doch das, was wir sonst in Tanz- gestaltungen meist schmerzlich vermissen: künstlerische Auseinder- setzung mit unserer Welt.— lr.
»Wunder in Amerika." Im Mannheimer Nationaltheater wurde ein neues Drama von Ernst Toller und Hermann Kersten aufgeführt. Unter dem Titel„Wunder in Sl m e r i k a" haben die Autoren— offenbar durch den Lebensabriß Stefan Zweigs „Das Leben und die Lehre der Mary Baker-Eddy " angeregt— den Versuch gemacht, die Gestalt der Gründerin der„Ctiristian Grience" zu dramatisieren. Das Drama ist nicht einheitlich: bald Reportage, bald biologisierender, monologisierender Essay, bald auf Effekten ausgebautes Theater, läßt es di« letzte Geschlossenheit und Größe vermissen. Es bleibt trotz allem ein interessanter Versuch.
TaS Recht des BeschlechtStrankcn mit Rückblick. Ilmblick und Ausblick unter Temonstration von einigen historischen Lichtbildern. Vortrag von Prof. Dr. Julius Heller aus Einladung der Ortsgruvpe Berlin der DGÄG. am Donnerstag, dem 22. Oktober. 20 Vi Uhr, im großen Sitzungssaal des Bolkswohlfahrtsministeriums, Leipziger Str. 3. Ein- tritt frei.