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Beilage Freitag, 6. November 1931

golano? ma oloiqen Der Abend

Shalausgabe des Vorward

Wie gehen die Geschäfte?

Eine kitzlige Umfrage/ Von Heinrich Hemmer

Jeremias im Schlafrod.

,, Man hört nur von Abbau, Konkurs und Selbstmord," sagte der kleine, dicke Herr, sich so gemütlich in einen Klubsessel sinken lassend, wie ich es bei feiner noch so guten Konjunktur imstande wäre ,,, und kein Mensch weiß, was der nächste Tag bringen wird." Es ist eine prima- prima Firma( someit heute, mo man überall ron Pleite spricht, so etwas existiert), bei der mein Freund kürzlich fein 25. Jubiläum feierte; und er hat sich bei dieser Gelegenheit( die Firma staunte über soviel Idealismus) ein Delgemälde, eine Dase con Drlit, gewünscht, die nebst anderen neuerworbenen Kunst­werken die Wand des ebenfalls prima Speisezimmers ziert, in dem nichts an schlechte Zeiten gemahnte: nichts, außer der von mir heraufbeschmorenen Konversation.

Die Firma meines Freundes, erfuhr ich als Aus- und Umfrage ( ,, Wie gehen die Geschäfte, Herr Nachbar?") unterwegs, ist nicht von jenen mir bekannten eine, die ihre älteren Angestellten, um dem Kündigungsschutz zu entgehen, fnapp vor dem zehnten Dienstjahre entläßt

fie zahlt im angenehmen Gegenfaß den Abgebautwerden müssenden sechs Monate ohne Arbeit eine Bauschale aus, damit sie etwas unternehmen können dann gehen aber meistens diese fleinen Unternehmen pleite. Die mühsam ergatterte Kneipe der Bersorgung schmeißt um... auf dem Zigarrenlädchen der Sehn fucht verliert man so regelmäßig seine kleine Abfindung, daß die Behörde ihn oft gar nicht erst genehmigt und selbst die Lizenz für das so sicher scheinende Milchgeschäftchen mag vorenthalten werden.

,, Trinken Sie doch Ihren Chartreuse, mein Lieber, und ver­fuchen Sie mal diese Zigarre. Tja, also haben sich( wollen Sie noch etwas missen?) nebst den die Straßen in zunehmendem Maße balfanisierenden fliegenden Läden( schlechte Zeichen!) allerhand zeit­gemäße furiose Berufe herausgebildet... abgebaute Bant beamte versuchen 3. B. als Sachverwalter für Infassobüros faule Forderungen einzutreiben: aber die Forderungen sind meist so ober faul( gut, die Zigarre, wie?), daß sich die Leutchen für nichts die Stiefelsohlen ablaufen. Kennen Sie die modernen Sanitäts­räte"? Die verschreiben( guter Rat ist wirklich teuer") als Satrapen von Sanierungsbüros franfenden Wirtschaftstörpern mehr oder weniger mirtsame Heilmittel, und wenn nichts hilft, sucht man die Krankheitsherde, die Gläubiger auf und legt ihnen ans herz, fich mit 30 Proz. oder so zu begnügen, sonst tommt der Tod herbei und sie fönnen über alles das Kreuz machen. Wie gefällt Ihnen die Velasquez - Kopie da oben?

Sie wollen noch etwas hören? Aus dem Asyl der Crorelofen"( der Fondsmafler der Börse) refrutiert sich die Schar der Privatdiskonteure. Die 21 oder 28 Monate laufenden Ruffenwechsel, womit man drüben zahlt, werden( weil sie nicht mehr garantiert, nicht mehr durch Banten disfontierbar sind denn der Fünfjahresplan des außerfapitalistischen Reiches hatte die normal funktionierende Kapitalwirtschaft der übrigen Welt zur Voraus­fegung) merden mur mehr von privaten Geldgebern( die diese Herren an der Hand" haben) akzeptiert.. allerdings zu einem jährlichen Zinsfag von etwa: 35(!) Prozent. Ja, ja: die Industrie macht schlechte Geschäfte auch die Engländer merten nicht auf, für jede 20 triegen wir nur 16 Marf! Sehen Sie mal an: man hat mir ohne jede Bestellung ein Originallos mit einem blanten Glüdspfennig zugeschickt... nehmen wir's zusammen. Greifen Sie rasch zu, mein Lieber, die Geschäfte sind schlecht!"

...

Das ist der Unterschied( dachte ich): der eine fauft sich ein Lotterielos, weil die Geschäfte schlecht gehen und der andere fann sich aus eben diesem Grunde feines taufen. Welch eine Welt von Unterschied, ob man mit vollem oder leerem Magen über die schlechten Geschäfte spricht( beredt ist man auf alle Fälle nur mit pollent Magen). Die empörtesten Proteste, die prägnantesten Formulierungen vernahm ich sie nicht aus dem Munde von Herrschaften, die mit unverminderter Selbstverständlichkeit in ihr Luxusauto steigen: und hart die Türen gegen die Welt zu­flappen? Wenn die Geschäfte schlecht gehen, muß es wohl des wegen nicht notwendigerweise auch dem Geschäftsmann schlecht gehen! Die schon mehr als schlechte Geschäftslage ist das Objektive; unberührt davon ißt, raucht, trinkt man in alt­gewohnter Weise und schwärmt von Malern, die( wenn auch nicht der Orlik) vor lauter subjektivem Elend zu gar keiner Objektivität fommen.

,, Adjüs," sagte ich gerührt zu dem mir voll mitleidiger Güte die Hand hinstredenden Freunde, als im boudoirgleichen Schlaf­zimmer, wo eine Diva- Atmosphäre von Lia- de- Tutti- Fruttis mir entgegenschlug, das Telephon bimmelte ,,, ich wünsche Ihnen einen prima- prima Abschluß, mein Lieber."

Ein Sechstagerennen mit 12.000 Eidechsenfellen. ..... einen prima Abschluß, mein Lieber" und begab mich um­fragenderweise wieder zu E. S.

E. S., der, wie wir alle, zu wenig verdient, und an einen neuen gestreiften Anzug ebenso wenig hätte denken können wie an einen getupften Wintermantel( von einem Motorrad gar nicht zu sprechen), besitzt jetzt alle diese Herrlichkeiten Warum? Nur weil sich der bleiche, junge Verkäufer eine Woche krant gemeldet und während dieser Zeit wie ein rasender Vertreter am Rhein her umgesaust ist: einen Posten abstoßend, wie man sagt; einen Bosten Ware natürlich( von anderen Posten wird man von felber abgestoßen). Es traf fich nämlich, daß ein auswärtiger Freund des wirklich sehr blassen, aber ftrebsamen jungen Mannes, ein arabischer Franzose mit einer Geschäftskarte zu ihm ans Lager gestürzt tam, darauf zu lesen stand Maison R. Cuirs et Peaur des Reptiles" Er ist Bertreter, jener. von einer Bariser Reptilienfellfirma( die Reptilien sind jetzt modern: drum wird ihnen die Haut abgezogen), aber eine Sendung taltutta": d. h. indischer Eidechse, die er nach Deutschland hatte kommen lassen, mar nicht mustergetreu gegerbt, nicht negerfopfbraun, wie es die elegante Berlinerin verlangt, sondern eine Schattierung heller, lo pie es die elegante Berlinerin nicht verlangt... mas tun? Der

Zoll nach Frankreich rein, zum ,, Maison", beträgt 28 Proz., die Berliner Provisionäre setten nur geringe Eidechsenmengen ab was fun, nom de Dieu!

Eine leise Röte überzog E. S.'s bleiches Antlik: er dachte daran, wie er um gestreiften Anzug und mit dem karierten Mantei zwischen sehnsüchtigen Berlinerinnen mit leerem Soziussiz herum­motoren würde und sprach: Wir fahren nach der Rhein­Pfalz." Dort stammt er nämlich her, E. S., und ich und die meisten deutschen Schuhe stammen auch dort her und E. S. packte die Eidechsen aus großen Koffern in fleine, und mit Pinkeln und Paketen fuhren die beiden über Frankfurt nach Pirmasens , direkt in das Zentrum der deutschen Schuhwarenfabrikation.

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Pirmasens war schon in meinen jungen Jahren von Kopf bis Fuß auf Schusterei eingestellt, aber es waren flobige, harte Stiebel, die man in fleinen Werkstätten so solide fabrizierte, daß man drin nicht umfallen konnte. heute aber, an allen Eden und Enden der buckeligen, nach Leder riechenden Stadt stehen ungeheure Fabrif anlagen, 40, 50, alle erdenklichen Arten von Schuhen werden aus allen erdenklichen Arten von Leder, jedoch der Geschäftslage ent­sprechend billig, billig und nochmal billig" hergestellt. Hinter Glastüren, die den Blick in Maschinensäle öffnen, erscheint der Einkaufs-, wenn nicht gar Generaldirektor, beschaut die indischen Eidechsen, runzelt die Stirne, weil sie immerhin etwas teurer als Imitationen sind, die man heute zum gangbaren Schuh­preis von 6, 7 Mart verarbeitet fauft wenig, zahlt wenig. E. S. und der Herr vom Maison sausen mit ihren Eidechsen von früh morgens bis spät abends herum, hügelauf, hügelab, Direttor ja, Direktor nein, bis draußen in der großen L n Fabrit vor der Stadt, wo 8000 Händepaare beschäftigt waren, und jetzt, nach einer Stillegeperiode find's wiederum 2500... aber Eidechsen, aus Indien , wenn sie auch nicht mal ne Mart foften, man traut fich nicht ran, also gehts weiter, im Schneegestöber, mit den sonn­

gewohnten Häuten: nadh Kaiserslautern , nach 3 wei. brücken, nach( im kleinen Grenzverkehr rutscht man durch) Saarbrüden.

Es war nichts Erbauliches, was ich da von der Stimmung im Saargebiet zu hören bekam... von drüben wird man hofiert und von hüben: wie wird man bei Grenzabsperrung und Kundschafts verlust die Lasten tragen können?

Die indischen Eidechsen aber wurden bis Ende jener Woche in der allerdings gar nicht mehr fröhlichen Pfalz "( wo man nach 11 Uhr faum noch jemand auf der Straße sieht), abgestoßen" und allerhand zarte Zehen werden diesen Winter in Eidechsenhäuten stecken und sie noch auf andere Weise abstoßen.

Den genauen Preis verschweigt allerdings Herr E. S., dafür erzählte er gerne noch einiges von dem für diese Zeiten ganz unges möhnlich lebendigen Frankfurt und dessen ersten Hotel, das sich schr vernünftigerweise auf ,, billig, billig und nochmals billig" ein­gestellt hat und Komfortzimmer mit fließendem Wasser und Früh stück zum Einheitspreis von 3,50 M. anbietet und ständig besetzt hat die anderen Häuser find leer.

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Nach allem, was mir aber eine Dame aus der Berliner Lurus lederbranche erzählt, hätte es den indischen Eidechsen passieren tönnen, daß sie zu Damenhandtaschen verarbeitet worden wären, denn diese Firma, vor der alle Reptilien und sogar Haifische und Strauße und Lamas erzittern müssen denn fie zieht fast jedem( Tier natürlich) die Haut ab jedem( Tier natürlich) die Haut ab vergrößert, gerade augen blicklich, schier ins Ungemessene Damenhandtaschen sind denn

auch eines der allerunentbehrlichsten Dinge der Welt.

Meine Umfrage erstredte sich aber auf noch viele bedeutende Bersönlichkeiten, wie Auktionäre, Wanzenvertilger und Baud) schnellenfabrikanten, und... wie heißt es in alten Romanen: Der Graf legte feine Hand auf die Friedhofsmauer und sprach: Fortsegung folgt."

Chriftus am Kreuz

George Grosz und der Staatsanwalt

Der II. Straffenat des Reichsgerichts beschäftigte fich gestern zum zweitenmal mit der Schweit- Mappe des Malers George Groß , dessen Zeichnung Christus mit der Gas­maste" nach Ansicht des Staatsanmalts den Tatbestand der Gotteslästerung erfüllen soll. Im Gegensatz zum ersten Spruch des Reichsgerichts, der der Berufung des Staatsanwalts stattgab, wurde diesmal die Revision der Staatsanwaltschaft verworfen, der Freispruch Grosz ' nud seines Verlegers Bieland Herz. felde durch das Straffammerurteil von 1930 also bestätigt und

man- Sprich- Deuth

werts auf der anderen Seite. Das Reichsgericht sieht in der Zeich­nung an sich eine erregende Darstellung, erkennt aber an, daß Großz eine Gotteslästerung ferngelegen hat.

Man kann deshalb, mag der zweite Spruch des Reichsgerichts auch einen großen Fortschritt bedeuten, das Urteil nicht ohne Widers spruch hinnehmen. Wenn man George Grosz als ernſten Künstler anerkennt, wenn man den sittlichen Ernst seines ,, Christus mit der Gasmaste" bejaht, darf der Einspruch einzelner Dunkelmänner nicht genügen, um ein Kunstwert wie dieses, dessen Anklage gegen die

( gerade im Sinne Christi) Unfittlichkeit des Krieges jeden ernsten. Menschen erschüttern muß, der Vernichtung preiszugeben.

Ein unwürdiger Kampf, ein Kampf, der drei Jahre gedauert hat, nimmt damit ein Ende. Nachdem Grosz und Herzfelde vor dem Charlottenburger Schöffengericht verurteilt worden waren, endete der Prozeß in der Berufung vor der Straffammer des Landgerichts III unter Vorfiz des Landgerichtsdirektors Dr. Siegert mit einem Freispruch, der den Staatsanwalt zu einem Appell an das Reichsgericht veranlaßte. Als das Reichsgericht der Berufung statt­gab und die Sache an die Straffammer zurückverwies, erklärte sich Langerichtsdirektor Dr. Siegert zunächst für befangen, um dann in zweiter Verhandlung auf Grund der Gutachten eine Reihe von Sach verständigen, deren Sachkenntnis und sittlicher Ernst nicht ange zweifelt werden konnte, zu einer nochmaligen Freisprechung zu ge­langen. Die Staatsanwaltschaft gab nicht nach. Sie appellierte ein zweites Mal an das Reichsgericht und mußte sich nunmehr be­stätigen lassen, daß ein ernster Künstler auch dann nicht Freimild ist, wenn er gewissen Kreisen auf die Nerven fällt.

Der Reichsanwalt als Vertreter der Revision fordernden Staatsanwaltschaft gebrauchte in seinem Plädoyer die bezeichnende Wendung, der Großzsche Christus sei deshalb für den flüchtigen Be­schauer verletzend, weil er von der traditionellen Darstellung ab­weiche. Ein Mensch, dessen Geficht mit einer Gasmaste bedeckt sei, sehe abstoßend aus. Wir wollen dem Reichsanwalt nicht unterstellen, daß er das Urteil flüchtiger Beschauer für maßgebend hält. Auch er ist sich wohl bewußt, daß es das Wesen jeder großen Kunst ist, daß sie von der Tradition abweicht und sich ihre eigenen Gesetze schafft, und die sittliche Schuld von George Grosz ist es sicherlich nicht, wenn der moderne Krieg in Giftgas und Gasmaste sich selbst ein Symbol geschaffen hat, wie es grauenhafter und abschreckender nicht gedacht werden kann.

Im übrigen steht die Darstellung von George Grosz so ver einzelt nicht da, wie unsere heutige Staatsanwaltschaft es anzu­nehmen scheint. Der Christus am Kreuz, den wir hier veröffent­lichen, und der sich in gleicher Weise gegen den Krieg wie gegen den

,, Bilden Sie sich ein, Christus in Ihrem Sinne um- preußischen Militarismus wendet, stammt aus der 70er Jahren. gekrempelt zu haben?"

Ja, Ja, Ja!"

die Kosten der preußischen Staatskasse auferlegt. Allerdings wurde andererseits auf Einziehung und Unbrauchbarmachung des Christusbildes erkannt.

In der Urteilsbegründung wird ausgeführt, daß George Groß bei Konzeption feiner Zeichnung weder den Willen noch das Bewußtsein gehabt habe, Angehörige der chriftlichen Kirche durch die rohe Form der Darstellung verlegt zu haben. Zum ob­jeftinen Bestand der Gotteslästerung gehöre aber dieses Bewußt sein. Dieser Saß der Begründung erklärt den 3wiespalt im Urteil: Anerkennung des Freispruchs auf der einen, Bernichtung des Kunst

Der bekannte französische Karikaturist Faustin hat ihn gezeichnet. Die Darstellung war in Deutschland nicht unbekannt. Damals aller­dings hat man nichts davon gehört, daß die Staatsanwaltschaft wegen Gotteslästerung und wegen Berhöhnung des Preußentums eingeschritten ist.

Anton Wildgans amfsmüde. Die Generalintendanz der öster­reichischen Bundestheater teilt mit: Infolge der erneuten Angriffe gegen seine Direktionsführung hat Anton Wildgans sein früheres des ersten Angebots ausgesprochene Absicht tundgetan, seinen Ber­Rücktrittsangebot erneuert und abermals die schon nach Ablehnung des ersten Angebots ausgesprochene Absicht tundgetan, seinen Ver­Spielzeit zu fündigen. Er erflärte hierbei weiter seine Bereitwillig. trag als Direktor des Burgtheaters für das Ende der laufenden feit, schon vor diesem Zeitpunkt von seiner Stelle zu scheiden, sobald ein geeigneter Nachfolger gefunden sei.