Nr. 561• 48. Jahrgang
2. Beilage des Vorwärts
Oienstag, 1. Dezember 1931
Herrn Karl Langes Begriffsfälschung vom Lohnanteil Es gibi auch wissenschastliche Legenden, die zerstört werden müssen
Der Relch-finanzm'mister Dietrich sagte kürzlich in einer Rede, in Deutschland betrage der L o h n a n t e i l an den Pro- duktionskosten über 7l) Proz. Der gewöhnliche Staatsbürger mußte sich wundern. Bisher wußte man nur. daß der Lohn- anteil in allen Industrien außerordentlich verschieden ist und daß er von etwa 7 Proz. im Hochofenbetrieb bis auf etwa 53 Proz. iin Steinkohlenbergbau steige. 70 Proz. als Durchschnitt für die deutsche Industrie, auch wenn man Angestelltengehälter und soziale Lasten mitrechnet— was freilich bisher nicht üblich war—, mußte als ein Irrtum des Redners oder des Berichterstatters erscheinen. Aber man muß sich noch mehr wundern: Herr Dietrich hat es nämlich ernst gemein�, und der Berichterstatter hat sich n i ch t g e i r r t. Es gibt"Reichsminister, die jetzt, kurz vor dem Erlaß der neuen Notoerordnungen„zur Anpassung von Löhnen und Preisen an die weltwirtschaftliche Entwicklung" mit dieser Ziffer ernsthaft operieren und, noch geiährlicher, es gibt eine wissenschaftlich aufgemachte Theorie, auf der sich diese Be- yauptung aufbaut. Herrn Karl Lange „Theorie" vom LohaanteN. Diese Theorie lernen wir jetzt kennen, und zwar in einer Per- öffentlichung der„Kölnischen Zeitung " vom 25. November. Dort schreibt Karl Lange , der geschäftsführende Direktor des Per- eins deutscher Maschinenbauan st alten lVDMA.) folgendes: „Eine ausschlaggebende Bedeutung des Lohnproblems wird häufig bezweifelt und dabei gewöhnlich darauf hingewiesen, daß die Löhne doch bei manchen Industrien nur einen relativ ge» ringen Teil des-Gesamtwerts der Erzeugnisse der betreffenden Industrie ausmachen. Ganz abgesehen davon, daß'schon der Anteil der von einer Industrie selbst gezahlten Personalkosten(auch llöhns, Gehälter und soziale Leistungen) im größten Teil der deutschen Industrie sehr erhebliche Hundertsätze des Gesamt- Herstellungswerts ausmacht— im Maschinenbau zum Beispiel nach der amtlichen Herstellungserhebung von 1928 im Gesamtdurchschnitt 56,6 Proz.—, tst eine solche Gegenüberstellung nur der von einer Industrie an ihre eigenen Angestellten und Arbeiter selbst- gezahlten Löhne, Gehälter usw. und des Gesamtherstellungswerts einer Industrie nicht beweiskräftig, sondern im Gegenteil irre- > ü h r e n d, da ungleiche Größen verglichen werden. Es wird da- bei übersehen, daß fast alle Teile, aus denen der Gesamtherstellungs- wert außer den Personalkosten besteht, auch wieder Lohn- und Ge- Haltsanteile enthalten, welche die Preishöhe des betreffenden Selbstkostenfaktors entscheidend mitbestimmen. Also muß man ent- weder alle diese Personalkostenanteile mit den eigenen Personal- kosten der betreffenden Industrie zusammennehmen und dem Gesamt herstellungswert gegenüberstellen, oder aber die ? i g e n e n Personalkosten einer Industrie nur mit dem Rein- herstellungswert(Veredlungswert) dieser Industrie .-egleichen, der sich ergibt, wenn man von dem Gesamtherstellungs- wert alle Vorkosten abzieht. Nur bei dieser Berechnungs- Methode wird man die Bedeutung des Lohnes als Selbstkostenfaktor für eine einzelne Industrie sich richtig klarmachen können." Herr Direktor Lange errechnet dann für die deutsche Maschinen- ndustrie auf diese Weise einen Personalkostenanteil von ?!.? Proz. an der Nettoproduktion(Veredlungswert). und zwar Löhne 43,5, Gehälter 21,7 und soziale Leistungen 6,5 Proz. Für vier weitere nicht genannte Industrien wird ein noch höherer durch- schnittlicher Personalkostenanteil von 73,9 Proz. genannt. Herr Lange sagt dann weiter:„Bei solchem Ausmaß der Personal- kosten ist es ohne weiteres einleuchtend, von welch entscheidender Bedeutung für die E x i st e n z f ä h i g k e i t jedes Unternehmens und der Industrie im ganzen die Entwicklung und Höhe der Per- ionalkosten sein müssen": er sagt ferner, daß es ein Lohn- optimum geben muffe, das nicht überschritten werden dürfe und Sem jener Lohnstand entspreche, bei dem— abgesehen von Saisonschwankungen— noch sämtliche verfügbaren Arbeitskräfte Beschäfti- gung finden können. Herr Lange schließt mit der Feststellung, daß zwischen der künstlichen Ueberhöhung der deutschen Löhne und der wachsenden Arbeitslosigkeit ein Kausalzusammen- hang bestehe und daß die wirksame Bekämpfung der Arbeits- losigkeit die Revision der Lohnüberhöhung über das wirtschaftlich Tragbare hinaus zur Voraussetzung habe. Nur in Parenthesen(Klammer) und in Nebensätzen wird gelegentlich an- gedeutet, daß neben dem Lohnanteil auch andere Faktoren zu be- rücksichtigen sind. Hier hätten wir also nicht nur die Quelle,-aus der unsere Reichsminister ihre neuen, so überraschenden Weisheiten vom Lahnanteil in Deutschland schöpfen, sondern auch die Theorie, mit Vr diese Weisheiten begründet werden. Eine wissenschasilichc Banalität.— Unlautere politische Bcgrisssfälschung. Die ungeheure politische Tragweite solcher Behauptungen und Theorien, wenn sie von der Oeffentlichkcit und der Siaaksbürokratle akzeptiert werden, liegt auf der Hand. Blit ihnen läßt sich, soweit und solange e» noch Arbeitslose in Deutschland gibt, jede weitere s.ahn- und Gehaltssenkung rechtfertigen. Wir erklären. daL Herrn Langes Theorie vom Stand- punkt der nationalökonomischen Wissenschast eine Banalität dar- stellt, über die kaum ein Wort zu verlieren wäre, daß aber ihre prak- tische Anwendung, wie sie hier geschehen ist, eine politische Vegrifssverfälschung zu unlauteren wirtschafts- und sozialpolitischen Zwecken des Klassenkampfs von oben darstellt.
Es ist selbstverständlich erlaubt, die Personalkosten einer einzelnen Industrie jenem Wert gegenüberzustellen, den diese ein- zelne Industrie durch Bearbeitung den Vorprodukten hinzufügt(Per- sonalkostenantell am V e r e d e l u n g s w e r t). Es ist ebenso e r- l a u b t, alle Personalkostenanteil« sämtlicher Vorprodukte(auch Frachten und sonstiger Spesen) den eigenen Verarbeitungs- und Verteilungskosten der einzelnen Industrien hinzu zurechnen und diese Summe aller Personalkosten dem Gesamt produktions- wert der betreffenden Industrie gegenüberzustellen(Verhältnis sämt- licher Personalkosten zum Gesamtwert der Produktion). Hier handelt es sich um o o l k s wirtschaftliche Ueberlegungen, Verhältnisse und Begriffe. Es ist auch erlaubt, in solchen Zusammenhängen von einem volks wirtschaftlichen, dann aber freilich in Ziffern und für Einzelunternehmungen und-industrien niemals zu bestimmenden Lohnoptimum zu sprechen. Was aber in aller Welt haben dann diese volks Wirtschaft- lichen Ueberlegungen mit der p r i v a t wirtschaftlichen Ren- tabilität eines einzelnen Unternehmens und einer ein- zelnen Industrie zu tun? Erhält denn etwa ein Einzelunter- nehmen in dem für seine Waren erzielten Preis nur den hin- zugefügtes Veredelungs wert? Zahlt denn etwa eine ein- zelne Industrie ihren Arbeitern und Angestellten auch die in den Vorprodukten enthaltenen Löhne aus? Liegt es denn in der Will- kür des Personals und ihrer Gewerkschaften, Konjunkturen zu machen und Krisen zu verhüten? In Krisen sinken aber doch die- selben Preise(Fertigprodukte und Vorprodukte) und sinken auch die Nominallöhne, die in der Konjunktur gestiegen sind. Hat denn der einzelne Unternehmer und haben sämtliche Unternehmer einer Industrie im privatkapitalistischen System, in dem wir noch leben, nicht die Verantwortung für das investierte Ka- pital und damit das Risiko für jene Ueberproduktion zu tragen, die anerkanntermaßen die Ursache der jetzigen Weltwirtschaftskrise und des Hauptteils der deutschen Arbeitslosigkeit sind? Wie kann «s hier ein anderes Lohnoptimum deben als jenes, das im Gewerk- schafts- und Unternehmerkampf ausgehandelt und nach öffentlichem Meinungskampf politisch geschlichtet wird? Das Lohnoplimum, von dem Herr Lange sprichi. wird in der volkswirtschaftlichen Theorie von keinem Menschen bestritten. in der privatkapitalistischen Praxis aber ist es von keinem Menschen bestimmbar. Herr Lange erschleicht sich einfach die praktische Anwendbarkeit aus die Rentabilität einzelner Unter- nehmungen und Industriezweige durch die Vegriffsumsälschung seines volkswirtschaftlichen Lohnanteils in einen privatwirt- schaftlichen Lohnanteil. Und er macht das noch nicht einmal ehrlich.
Wenn es nämlich ein Lohuoptimum für eine einzelne Unter. uehmuug oder einen einzelnen Industriezweig wirklich gäbe. dann müßte es auch ein Opt'mum für die fixen kosten und die laufen- den Sreditkosten, ferner ein Optimum für die Malerialkosten und die Leitungskosten der Einzelunternehmung und der betreffenden Industrie geben. Freilich müßte Herr Lange und müßten die Reichsminister, die ihm folgen, dann auch saoen, daß die fixen Kosten in Deutsclz- land heute durch Milliarden deutsche Fehlinvestierungen, die lau- senden Kreditkosten durch Milliarden eingefrorene und jetzt zinstreibende Kredite, die M a t e r i a l k o st e n durch den Kartell- wucher, oie Leitungskosten durch den übermäßigen Leitungs- aufwand nicht optimal und heute sicher zu hoch sind. Von diesen Mißverhältnissen in den Selbstkosten der Industrie, deren Revision heute allein noch dringlich ist, nachdem die Löhne und Gehälter mit Rücksicht auf die entscheidende Vadeutung des Binnenmarktes für den Export und die deutsche Landwirtschaft anerkanntermaßen nicht mehr gesenkt werden dürfen, schweigt Herr Lange und schweigen auch die Minister, und sie wissen auch, weshalb sie schweigen: weil sie dann zugeben mühten, daß es in Deutschland heute überhaupt kein Lohn- und Gehalts Problem mehr gibt und auch kein eigentliches Lohn- und Preis Problem, sondern nur noch Probleme der Kapitalfehl- leitung, d. h. Kapitalabjchreibung, Probleme des Kartellwuchers, d. h. der Entmachtung der Schwerindustrie, und Probleme der rick- tigen oder falschen Unternehmerpolitik, d. h. der staatliche,, Wirt- schafts- und Finanzierungskontrolle. Es mühte also zugegeben werden, daß die Haltung der Unternehmer und der Reichsregierung in der ganzen Lohn- und Preisfrage nicht mehr zu rechtfertigen ist und daß das kommende wirtschaftepolitische Notverordnungswerk die Krise verschärfen muß, wenn nicht endlich das Lohn- und Gehalts- Niveau stabilisiert wird und durch Abbau des Kartellwuchers, Eiche- rung der Verlustbereinigung und Abbau der Leitungskosten eine Selbstkostenverringerung am richtigen Ort erfolgt. Von diesen allein vordringenden Notwendigkeiten aber abzu- lenken, mit pseudowissenschaftlichen Methoden den Klassenkampf von oben mit der Wirkung der Krisenverschärfung zu oersteifen, das ist das Ziel und die allein mögliche Wirkung der neuen Langcschcn Theorie vom Lohnanteil in Deutschland . Sie soll das heute allge- mein gewordene Erkenntnisgut der absolut ruinösen Wirkung wei- terer Lohn- und GchaltssenkungeN für die öffentliche Meinungs- bildung verfälschen. Herr Lange hat weder sich noch der Reichsregierung mit seiner„Theorie" einen Dienst getan.
Das Pfund-- 14,25 Mark. Anhaltend scharfes Angebot. Das englische Pfund, das in der ganzen letzten Woche eme anhallende Abwärtsbewegung durchmachte, hat bei Wochenbeginn einen neuen außerordentlich starken Sturz erfahren. So sank in New Bork das Pfund gegenüber dem Dollar gestern vormillag auf 3,47 gegen 3,52H Dollar am Sonnabend. An der Nachbörse erreichte das Pfund sodann einen bish->-„uch nicht festzustellenden Tiefstand von 3,43 Dollar. Der Pfundsturz gegenüber der Mark in der letzten Woche wird durch folgende Ziffern gekennzeichnet: 23. November....... 15,62 W. 28, November....... 14,92„ 30. November(Anfangskurs) 14,75„ 30. November(Schlußkurs). 14,25.(Goldparität 20,42 21t.) Also allein im Verlaus der letzten Woche hat das englische Pfund fast 9 Proz. seines Wertes eingebüßt. Die letzten scharfen Kurs- stürze hängen mit dem anhaltenden Angebot kontinentaler Länder, in erster Linie Frankreichs und Hollands , sowie der Vereinigten Staaten zusammen. Der auffallend tiefe Sturz bei Wochenbeginn dürfte im wesentlichen darauf zurückzuführen sein, daß die Verhand- lungen der Niederländischen Staatsbank mit der Bank von England wegen gewisser Kursgarantien für die Pfundbestände der holländischen Bank ergebnislos verlaufen sind. Die schwere Enttäuschung in holländischen Finanzkreisen hat das Ange- bot von Pfunden stark gefördert. Oesterreichs WährungSzerrüttung. Die Entwicklung des Lsterreichsichen Schilling hat in letzter Zeit eine bedrohliche Form angenommen. So wird in der Schweiz , wo noch ein offizieller Handel in Schillingnoten stattfindet, der öfter- reichische Schilling unter 49 Centimes gehandelt. Die deutsch « Reichsbank notiert zwar noch österreichische Schilling-Devisen mit 59 Pfennig, also der Parität entsprechend, aber seit Tagen schon nicht mehr Schilling-Noten.— Der Run auf den Schilling ist durch die hoffnungslose Deoisenlage und die völlige Zerrüttung des öfter- reichischen Außenhandels hervorgerufen. Es ist ganz aussichtslos, vom Export her eine Ausfüllung der Devisenbestände zu erwarten. So ist der Export nach Deutschland im vergangenen Monat aus 17,4 gegen 50,5 Mill. Schilling im Oktober 1930 gesunken. Bei dem Export' nach der Tschechoslowakei beträgt das Verhältnis des Exports 15 gegen 42,3 Millionen. Die Abneigung gegen die An- nähme von Schilling-Noten ist im Ausland dadurch so verschärft worden, weil die österreichische Natwnalbank sich weigert, Schilling-
Noten aus dem Auslande anzunehmen. Die Pakete Schillingnoten. die besonders in der letzten Woche aus Oesterreich ins Ausland 2 geschmuggelt wurden, konnten im Hinblick auf die Nichteinlösung� durch die Nationalbank nur zu Schleuderpreisen abgestoßen werden. Halbieris Dividende beim RWE. .Hat man Nebenabsichten? In der Aufsichtsratssitzung des Rheinisch-Westfälischen Elek- trizitätswerks wurde beschlossen, der Generalversammlung eine Dividcndenoerteilung von nur 5 statt bisher immer 19 Proz. vorzuschlagen. Der Stromabsatz weist erst- malig seit dem Kriege und der Ruhrbesetzung einen Rückgang von rund 12 Proz auf(2447 Millionen Kilowattstunden gegen 2782 Millionen Kilowattstunden des Vorjahres). Die Sttomabgabc einschließlich der Konzcrnunternehmungen betrug mehr als 3M Milliarden Kilowattstunden gegen 3H Milliarden Kilowattstunden im Vorjahre. Aus dem Gewinn wird ein Betrag von 6,86 Millionen zu besonderen Abschreibungen verwandt: was mit der Schwere der Zeit begründet wird. Wäre nicht vielleicht auch als Grund mitanzu- sehen, daß den Aktien besitzenden öffentlichen Stellen eine Dividende von 8 Proz. bei der jetzigen Finanznot willkommener wäre als eine von 5 Proz. und daß man dafür in der RWE.-Ver- waltung ein„zu sachverständiges" Interesse hat? Das RWE. hat doch bei der bisherigen Dioidendenpolitik immer das Ziel der� Dividendenstabilität betont und in den hohen stillen Reserven dafür' auch die Voraussetzungen geschaffen!
Das deutsch -poinlsche Austvertuugsabkommeu. Im Oktober und November haben zwischen der deutschen und polnische» Regierung Verhandlungen über die Durchführung des deutsch -pol- nischen Aufwertunasabkommens stattgefunden. Außerdem wurden noch verschiedene finanzielle Fragen, die bei Abschluß dieses Vertrages für eine spätere Regelung zurückgestellt wurden. geklärt. In dem am Sonnabend unterzeichneten Protokoll sind ein« Anzahl wichtiger Einzclfragen endgültig geregelt worden. In erster Linie gilt dies für den Umtausch der im Besitz deut- scher Staatsangehöriger befindlichen polnischen Anleihen. Endgül- tige Bestimmungen für das Umtauschverfahren werden demnächst bekanntgegeben. Landesbank für die Provinz Westfalen . Di« Verhandlungen der Landesbank für die Provinz Westfalen mit der preußischen Regie- rung sind jetzt so weit gediehen, daß mit der Gewährung eines Ueberbrückungskredits in einer 5zöhe bis zu 59 Millionen Mark gerechnet werden kann. Der endgültige Abschluß ist jedoch, wie von beteiligter Seite erklärt wird, noch nicht erfolgt.
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Konkurs-Ausverkauf
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Günther Schmidt-Lorenzen
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