Großkampftag in der Schweiz . Lim die Sozialversichervng— um die Mehrheit in Vern. A. S. Zürich , S. Dezember.(Eigenbericht.) Knopp einiinl)olb Monat« trennen uns von den jüngsten V Nationalratsnxrhlen und schon mobilisiert ein neuer Groß- 5 a m p f t a g der Demokratie di« Wähler der Schweiz . Am ü. und 6. Dezember findet die Abstimmung über die Einführung der Alters- und chinterlafsenenverficherung statt. Die Vorloge, über die die Wähler zu entscheiden haben werden, ist eine Arucht der revolutionären Bewegung. die am Ende des Weltkriegs die Schweiz mitzuerfasfen schien: im Aooember 1918 versprach der Bundesrat(die eidgenössische Regie- rung) unter zahlreichen anderen Reformen die Einführung einer Alters-, Invaliden, und chinterbliebenenversicherung. Di« weitere Entwicklung zeigt sehr deutlich di« Wirkungen der konterrevolutio- nären Well«, die seither über Europa zieht. Im Jahre 19W wurde durch eine Volksabstimmung die verfassungsmäßige Grundlage für die Einführung einer Alters- und Hinterlafsenenverficherung ge- schaffen— die Jnvaliditätsoersicherung wurde nur mehr„aus einen späteren Zeitpunkt" versprochen. Von den ursprünglich vorgesehenen fvinanzierungsquellen: Tabaksteuer, Bier- und Schnapssteucr, Erb- schaftssteuer, sind heute nur noch die Tabak- und die Schnapssteuer übrig geblieben, denen die Sozialdemokratie mangels besserer ftinanzierungsmäglichkeiten notgedrungen zustimmt; dazugekommen sind als kleine Ergänzung Beiträge der Arbeitgeber. Die Versicherung ist als allgemeine Volksoersicherung gc- dacht, der also jedermann beizutreten verpflichtet ist. Die Leistungen der Versicherungspflichtigen gehen vom neunzehnten bis zun, fünfundfechzigsten Lebensjahr und betragen achtzehn Franken jährlich für Männer, zwölf Franken jährlich für Frauen. Der Unternehmer hat pro Versicherungspflichtigen fünfzehn Franken jährlich zu bezahlen. Die Leistungep der Versicherung bestehen in einer Alters- renke von jährlich 290 Franken vom fünfundfechzigsten Lebens- johr an; in einer Witwenrente von ISO Franken jährlich vom fünfzigsten Lebensjahr an; in einer Waisenrente von SO Fron- rcn jährlich bis zum achtzehnten Lebensjahr. Dazu kommen tan- tonole Zusatzoersicherungen, die in einigen Kantonen bereits bestehen. Während einer Uebergangszeit von eineinhalb Jahrzehnten sind die Leistungen im allgemeinen auf die chälste berabgefetzt. Di« Hälfte der Kesomtaufwendungen tragen Bund und Kantone, die andere Hälft« Versicherte und Arbeitgeber. So bescheiden diese Beträge auch anmuten mögen, sä ist das Versicherungswerk dennoch Gegenstand eines sehr e r b i t t e r- ren Kampfes geworden. Zwar hat das Gesetz im Nationalrat eine Mehrheit von 163 gegen 14, im Ständerat eine Mehrheit von gegen 5 Stimmen gefunden. Aber sofort bildete sich«ine widerliche Koalition von Großkopitalisten und Konmmniflen zur Bekämpfung des Gesetzes heraus, die die Volksabstimmung erzwang. Offiziell hat neben den Kommunisten und der kleinen großkapitalistischen Gruppe der Liberal-Konservatioen lein« einzig« Partei gegen das Gesetz Stellung genommen. Aber im dunkeln und daher um so schwerer faßbar hat auch di« Katholisch- � Konservative Partei in einigen Kantonen der Vorlage den Kampf engesagt. Es wird der ganzen Kampfkraft der Sozialdemokratie bedürfen, wenn dieses Gesetz, das so weit hinter den Erwartungen zurückbleibt, in der Volksabstimmung nicht in der Minderheit bleiben soll. An den gleichen Abstimmungstagen fällt in der Bundeshaupt- Oedt Bern«in« wichtige politisch« Entscheidung. Sowohl der S t a d t r o t als auch die Gemaindeaxekutiv«. in Lern Gemeinde- r« t genannt, stehen zur Dolkswahl. Im Stadtrat besitzen die Sozialdemokraten gegenwärtig die Mehrheit, nämlich 41 gegen Ig bürgerlich« Mandate. Im Gemeinberat sind fi« dagegen nur durch drei von sieben Mitgliedern vertreten. Di« Sozialdemokratisch« Pgrtei versucht nun diesmal, durch di« Aufstellung eines vierten Kandidaten die Mehrheit auch in der Exekutiv « zu erobern. Ob die ausgezeichnete Organisation und Propaganda der Sozialdemo- lrytie in Bern dieses Ziel heute schon zu erreichen vermag, kann nur der Wahltag selbst lehren. Kommunist gewesen! llebcrtritt zur Sozialdemokratie. Araaaschweig. 5. Dezember.(Eigenbericht.) Der frühere KPD.-Sekretär und Redakteur Willi Bauer erklärt ist, heutigen„Aolksfreund" seinen Uebortritt zur SPD . Dauer alias Buch war ein Jahrzehnt in leitenden Funktionen der KPD . und weiltc u. a. länger« Zeit in Ruhland. In einem längeren Ar- i!k«l schildert der ehemalige KPD. -Führer die Zustände in der Koni- munistischen Partei. Nachdem er die Atchängigkeit der T h ä l- ma nn, Neumann, Remmele. Pieck, Stöcker usw. von Moskau an einigen Beifpiclsn dargelegt hat. fährt er fort: „Sie olle sind traditionell« Ilmsaller, die wegen der damit verbunöeneu finanziellen Einbuße nicht den Mut haben, di« im stillen Kämmerlein eingestanden« Politik bis zur Konsequenz durchzuftjhrqn. Das ist Gesinnungskorruption schlimmster Sorte. Bon einem KPD.-Arbeiter im Betriebe jedoch verlangt diese selbe Parteileitung, haß-r die Politik seiner Partei auch-uf d'« Gefahr de« Cristenzveriu stes vertritt. Di« KPD. hat �wiederholt die Pa« rpl« herausgegeben, daß auch di« kleinste Schwäche der sozialdemo- kratilchen Führer ans Licht der Oeffentlichkeft gezerrt werden muß. um den Arbeitern„das wahre Gesicht ihrer Führer" aufzu- zeigen. Niemals aber hat es die Kominunist, sche Partei gewogt, da« Privatleben ihrer„Größen" den kommunistischen Arbeitern vor Augen zu führen." Bauer Wüßt seinen Artikel mit der Aufforderung, daß es an- pesicht» der Zuspitzung in Deutschland Pflicht eines jeden einzelnen sein muß, sich an di« Seite der Sozialdemokratischen Partei zum Kampf gegen den Faschismus zu stellen.
Nazi«Agenten bei der Post. Tkazibeomftn verletzt dob Telephoageheimnis— ein Ttozi sabotiert die Unters lichuag Di« Reichsdifziplinarkammer Berlin hat nach mehrstündiger Ver- Handlung den Til»graph«ns«kr«tär König mit Dienst- ontlossung und di« Telephonbeamtin W»hnelt mit ein«r Geldstrafe b»strast. weil sie sich schwere disziplinarische Bersthlungtn haben zuschulden kommen lasten. Dt« nationalsozialistisch, Telephonbeamtin Wehnelt hat auf Grund»in«, Ueberfallanrufs. den st« unter Verletzung des Dienst- qeheimnistes weitergab, SA.-Trupps zu einer Schlägerei in Marsch gefttzt. König sollte den ungeheuerlichen Vorganz untersuchen. Cr bat statt dessen der Wehnelt erklärt, wie sie sich herauslügen könne und damit sein« Pflicht als Untersuchungsführer auf» schwerste verletzt.
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Freie Sozialistische Hochschule. Kunst- und Weltanschauuug. Im Rahmen der Vorträge der Freien Sozialistischen Hochschule sprach Genosse Profestor Leo Kestenberg über das Thema: Kunst und Weltanschauung. All die Fragen, die sich hier erheben, — Fragen, deren Beantwortung für die Gegenwart und die lebendige Kunst von allerhöchster Bedeutung ist.— können nur auf dem Boden der materialistischen Geschichtsauffassung, des Erbes der Meister Marx und Engels beantwortet werden, einer Geschichts- auffassung, die von dem platten Materialismus, den ihr übelwollende und unwissende Gegner zu unterstellen pflegen, himmelweit ent- fernt ist. Mag man die Möglichkeit eines geschlossenen Weltbildes noch so sehr bestreiten, wenn wir„die Gesamtheit der Gedanken eines Menschen über die Welt, seine Stellung und seine Ausgabe in ihr"'als Weltanschauung bezeichnen, müssen wir zugeben, daß jeder Mensch über eine solche verfügt, mag sie nun umfassender oder weniger umfassend sein. Die Kunst nun— es kann gar nicht anders sein— ist der höchste, freieste Ausdruck einer Weltanschauung: wenn auch ihr« vollkommene Freihett eine Täuschung ist. Letzten Endes ist ja alles, was Menschen denken, wollen und tun, von der wirtschaftlichen Lage abhängig. Weltanschauung also eine Funktion der ökonomischen Faktoren einer Zeit und die Kunst als Exponent dieser Weltanschauung cbcnfalls durch diese Faktoren bestimmt. Sie ist ein— wenn auch unendlich wichtiger— Bestandteil des Ueber- baues: diesen Zusammenhang zwischen Oetonomie und Uebcrbau nun gilt es zu erkennen, es gill bewußt werden zu lasten, wie sich die wirtschaftliche Sttuktur in der Kunst selbst charakterisiert, Auch di« bürgerliche Wistenschaft ist längst dazu übergegangen, Soziologie zu betreiben— d. h. die unhaltbare These einer voll- kommen freien Kunst, die Fiktion des„I'art pour I'art" fallen zu lasten, da di« Zusanuneichänge im sozialistischen Sinn immer deutlicher, Beweismöglichkeiten der Behauptungen der materialistischen Geschichtsauffassung immer unwiderleglicher werden. Bei aller klar zu erkennenden Abhängigkeit aber ist doch Freihett der Phan- taste, des Wollens und Handelns nicht vollkommen geschwunden. Kein Künstler will(wie man es sich vor einigen Jahrzehnten noch vorzustellen beliebte) gleichsam im luftleeren Raum allein und isoliert sein: er bedarf des Publikums; Nehmen und Geben, Schaffen und Empfangen sind gleich wichtige Faktoren im künst- lerischen Prozeß. Der Künstler braucht die Menschen. Gewiß, er hat die Fähigkett der„Dollstreckung der Phantasiebilder", die Fähig- keit aber, diese Phantasiebilder zu haben, steckt in sedem, muß ja in jedem stecken, sonst wäre Kunst sinnlos. Das ist eine grundlegende und unendlich wichtige Erkcmttnis, von höchster Bedeutung gleicher- weise für Kunst und Kunstpädagogik. Jeder hat nicht nur di« Sehnsucht, sondern auch die ffähigkett sich auszudrücken; der Künstler
Woche.
in ganz besonderem Maße— so werden seine Phantasiebilder als die stärkeren von den anderen Übernommen. So kommt es, daß nicht nur das Publikum den Künstler, daß auch der Künstler dos Publikum braucht, daß also Weltanschauung des Künstlers wie Welt- anschauung des Publikums Faktoren der Kunst einer Zeit sein müssen. Es war besonders zu begrüßen, daß der Vortragende in der glücklichen Lage war, seine Gedankengänge durch musikalische Bei- spiele zu illustrieren, die hier gleichsam die Stelle von Lichtbildern vertraten, nur stärker waren als solche: dank der im Menschlichen so tief oerwurzelten Macht der Musik. Die christlich« Atmosphäre mittelalterlicher Mystik wurde in Orgelchoralvorspielen Bachs leben- dig, Beethoven , der größte Meister der Zett des bürgerlichen Idealismus, kam mit seinen L-Woll-Bariationen zu Wort, der äußerliche, virtuosische Glanz einer(mit famosem Elan gespielt«») Liszt -Rhapsodie führte in die von der guten Gesellschaft beherrscht« Konzertwelt des neunzehnten Jahrhunderts. Der Schluß des Vortrages war eins mit dem Beginn: die Nutz- anwendung all dieser Erkenntnisse auf unser« Zeit ist das Wichtige; unser« Zett, in der der M a s s« n w i l l e der ausschlaggebende Faktor ist. Zu ihrer Charakterisierung diente ein Stück des Brecht- Hindemtth'schen Lehrstücks, das durch einen Chor der Aolksmusik. schule Charlottenburg unter Reichenbach zur Aufführung kam. In unserer Zett nun, in der auf das Proletariat alles ankommt, muß dieses lernen, gebend und empfangend sich ihren Ideen nicht zu verschließen, muß es auch im Künstlerischen all« inneren Wider- stände überwinden und die Führung an sich reißen, di« ihm gebührt: und so jenseits kleinbürgerlicher Tradition und kleinbürgerlicher Ideale an all dem mitarbeite», was in unserer Zeit zur Gestallung drängt. Es war eine Veranstaltung von seltener Eiicheitfichkeit und Geschlossenheit, die bei den zahlreich Erschienenen größten Beifall fand. Die Verbindung von Rede und Beispiel, vom Gedanken über Kunst und Erläuterungen durch die klingenden Werke selbst(eine Verbindung, die allerdings eine sellen vielseitige und stark« Person- lichtett zur Voraussetzung hat) ist so glucklich, daß ihr« Wiederholung nur wünschenswert sein kann. Den harmonischen, prachtvollen Schluß bildete die gemeinsam gesungen« Internationale.
Die posener Hinrichtung. Oer angebliche Spion war Tiatwaalpole. Warschau , 8. Dezember. In den Meldungen über die Hinrichtung des Soldaten K l a m k« wegen Spionage hatten die polnischen Blätter hervorgehoben, daß Klamke sich zur d e u t s ch e n N a t i o n a l i t ä t bekannt hätte. Diese Meldung ist unzutreffend, denn Klamk« hat sich selbst als einen Polen bezeichnet, wie auch sei« Lerwandten.
Polizeimajor Lewii:„Zlach Gleinnh verfehl! Und da soll man nicht rasend werden, wenn die Leute den Minister hochleben lassen."
hange-? enke, ZN. d. R.:..Die schön ist doch der deutsche Wald im Winter! Man sieht so klar die Beste, an denen man Tauseade aufhängen kann."
--was. mit Ihren drei Neinea Vorstrafen, wo noch nicht mal Ehrverlust bei ist, wollen Sie von uns gleich einen teilenden Posten in heften haben?"
Der Ewigblinde:„Und wenn sie mich aufhängen, ich bleibe dabei: Der Hauptfeind ist die Sozialdemokratie!"
Sze bietet seinen Rücktritt an. Llnter dem Druck der pariser Chinesenkolonie.
Paris , S.Dezember.(Eigenbericht.) Der chinesisch-japanische Konflikt ist heute noch dadurch weiter kompliziert worden, daß der chinesische Delegierte Sze auf die Auf- forderung der chinesischen Kolonie in Paris der Regierung seine Demission angeboten hat. Die chinesische Kolonie hat am Frei- tag«in« Versammlung abgehalten, in der die Unzufrieden- h e i t der Chinesen über die nachgiebige Haltung Szes und die Ohnmacht des Völkerbundsrats zum Ausdruck kam und in der eine Entschließung angenommen wurde, die folgendes verlangt: 1. Festsetzung eines Termins für die Räumung der Mandschurei vor Beginn jeder Verhandlung: 2. die nach China zu entsendende Kommisston soll die Räumung überwachen und die durch die Besetzung verursachten Schäden feststellen: 3. Ablehnung der Schaffung einer neutralen Zone: 4. Anrufung des Artikels 10 und im Notsolle des Artikels 16 des Völkcrbundspaktes an Stell«
des Artikels 11: 8. Fernbleiben Chinas vom Rot, wenn dessen Beschlüsse nicht befriedigend sind, evtl. Austritt Chinas aus dem Völkerbund. Durch ein Telegramm wurden dem Gesandten Sze diese For- derungen überbracht. Daraufhin hat Sze an seine Regierung sol- gendes Telegramm gesandt:„Eine Delegation der chinesischen Ko- lonie verlangt von' mir die Annahme folgender Vorschläge: Fern- bleiben von den Ratssitzungen und Austritt aus dem Völkerbund Ich habe geantwortet, daß ich diesen Vorschlägen folgen«erde. s o b a l d ich den Befehl der Regierung hierzu bekommen habe. In- zwischen bitte ich. meine Demission wegen Unfähigkeit anzunehmen und einen besseren Nachfolger zu ernennen."